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Politik

Radio, das glücklich macht

Jeden Freitag treffen sich beim Kanal K in Aarau Menschen mit Handicap und arbeiten an ihrer eigenen Radiosendung. Nun sind sie besorgt, dass das Integrationsprojekt Happy Radio wegen der «No Billag»-Initiative in Gefahr gerät.

Text Ralf Kaminski
Fotos Beat Schweizer
Glücklich über ihre Arbeit im Redaktionsteam von Happy Radio in den Studios von Kanal K: Kurt Hofer, Dölf Keller und Peter Estermann (von links)

Glücklich über ihre Arbeit im Redaktionsteam von Happy Radio in den Studios von Kanal K: Kurt Hofer, Dölf Keller und Peter Estermann (von links)

Mit kritischem Gesichtsausdruck hört sich Dölf Keller (53) an, was er eben gerade ins Mikrofon ­gesprochen hat – einen Moderationsbeitrag für eine neue Sendung der Redaktion Happy Radio über die Herausforderungen für beeinträchtigte Menschen im öffentlichen Verkehr. «Das müssen wir nochmals machen», sagt er schliesslich, unzufrieden mit mehreren Passagen. 

Keller hat seit Geburt eine Zerebralparese, eine Hirnschädigung, die das Zusammenspiel zwischen Hirn und Muskeln erschwert. Der frühere kaufmännische Angestellte aus Wettingen AG braucht Krücken zum Gehen und spricht ein wenig undeutlich. Sein Aufnahmeleiter Peter Estermann (50), der ihm gegenübersitzt, leidet an derselben Krankheit, allerdings mit anderen Auswirkungen: Er bewegt sich gut, tut sich dafür schwer, seine Gedanken in klare Worte zu fassen.

Screenshot MM 29.1.2018

Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 29. Januar 2018 (Nr. 5)

Estermann bedient den Computer, unterstützt vom Sozialpädagogen Samuel Häberli (33), der die aktuell fünf Redaktorinnen und Redaktoren von Happy Radio seit den Anfängen des Projekts 2015 begleitet. In einem anderen Raum sitzt Kurt Hofer (52), der wegen einer Muskelkrankheit einen Rollstuhl braucht und gerade gemeinsam mit Radioredaktorin Lena Glanzmann (25) sein Interview mit einem Postautochauffeur schneidet: Aus zwölf müssen fünf Minuten werden.

Möglichst selbständig Radio machen

Immer am Freitagnachmittag ist der dritte Stock des Aarauer Alternativsenders Kanal K in fester Hand der Happy-Radio-Redaktion. An jedem letzten Samstag im Monat um 18 Uhr wird ihre einstündige Sendung ausgestrahlt, mal mit einem übergeordneten Thema, mal bunt gemischt. Feste Gefässe sind unter anderem eine Filmkritik von Hofer, ein Literaturquiz von Keller und eine Auswahl von Oldie-Songs von Estermann.

Die Redaktoren mit Handicap konzipieren die Inhalte der Sendung selbst, werden aber von Häberli und Glanzmann bei der Umsetzung unterstützt. «Letztlich sollen sie alles möglichst selbständig machen», sagt die Radiofrau, «aber die Redaktionssitzungen organisieren jeweils wir, ebenso die Kommunikation nach aussen. Bei der IT und der Radiotechnik müssen wir je nach Person mehr oder weniger stark helfen.»

Dass aus diesem Integrationsprojekt der Radioschule Klipp+Klang eine reale Radiosendung für die Öffentlichkeit wurde, ist alles andere als selbstverständlich. Zu verdanken ist sie der Leidenschaft der handicapierten Radiomacher, der grossen Erfahrung der Radioschule, diversen Stiftungen sowie Kanal K, der rund 140 Radioschaffenden aus allen möglichen Bereichen seine Infrastruktur zur Verfügung stellt, um ehrenamtlich zu senden.

Diese Plattform wird verschwinden, falls das Volk am 4. März der «No Billag»-Initia­tive zustimmt. «Zwei Drittel unseres Budgets machen die Gebührengelder aus, die wir vom Bund erhalten», sagt Rolf Schöner (51), Programmleiter von Kanal K. «Ohne dieses Geld sind wir erledigt.» Damit fiele die andere Stimme in der Region Aargau und Solothurn weg, «ein wichtiger Kanal für gesellschaftliche Minderheiten, lokale Musiker und Kulturschaffende, aber auch für die Radio-Nachwuchsförderung». Kommerziell wäre das Angebot von Kanal K nicht zu finanzieren, sagt Schöner. Pro Tag schalten rund 35 000 Hörerinnen und Hörer ein.

Preisgekröntes Integrationsprojekt

Das Alternativradio setzt sich denn auch intensiv für eine Ablehnung der Initiative ein und wird im Februar sogar an Ständen auf der Strasse für ein Nein weibeln. «Wir sind nervös, hoffen aber auf die Vernunft des Stimmvolks», sagt der Programmleiter. Auch Kurt Hofer trägt Nein-Ansteckplaketten am Pullover, und Dölf Keller sagt, es wäre ein schwerer Schlag für ihn, wenn es die Redaktion Happy Radio nicht mehr gäbe. «Ich würde meine Arbeit hier sehr vermissen und werbe auch in meinem Umfeld für ein Nein.» 

Happy Radio heisst so, «weil Radiomachen glücklich macht», sagen die drei Handicapierten. Es gibt ihnen immer wieder die Gelegenheit, spannende Menschen zu treffen und zu interviewen, kürzlich zum Beispiel Franz Hohler für die Talksendung «Der flotte Dreier» . Auch gemeinsame Ausflüge für die Sendung finden statt, etwa zu Chocolat Frey, was die drei sehr schätzen. 

Den Erfolg des Projekts bezeugt nicht zuletzt der 3. Platz des 2016er-­Wettbewerbs von «Mein Gleichgewicht », einem Gesundheitsprojekt des Migros-Kulturprozents . Mit dem Preis werden Organisationen und Projekte ausgezeichnet, die sich der Gesundheitsförderung von beeinträchtigten Menschen widmen. Der riesige, symbolische Check über 3000 Franken hängt nun in der Vitrine im Kanal-K-Eingangsbereich – gleich neben dem Argumentarium, weshalb man am 4. März Nein stimmen sollte. 

Happy-Radio-Sendungen zum Nachhören gibt es hier

Infografik: So nutzen wir Radio und TV

So nutzen wir TV und Radio: Die Infografik  (Gestaltung: Daniel Röttele)

Abstimmung am 4. März

Die Initiative zur Abschaffung der Radio- und TV-Gebührenstammt aus den Reihen der Jungen SVP und der Jungfreisinnigen und stösst insbesondere bei libertär denkenden Menschen auf grosse Resonanz. Sie sind der Ansicht, dass der Staat sich so wenig wie möglich in das Leben der Bürgerinnen und Bürger einmischen sollte. Die Initianten argumentieren, die Billag sei eine Zwangsgebühr, mit der die Menschen bevormundet würden. Schaffe man sie ab, entstünde ein freier, fairer Wettbewerb um die Gunst der Kunden, was zu grösserer Medienvielfalt und zur Ankurbelung der Wirtschaft führen würde. Es gehe auch nicht darum, die SRG abzuschaffen, «diese müsste sich in Zukunft lediglich selbst finanzieren, wie die meisten anderen Unternehmen auch».

Die Parolen

Am 4. März stimmt das Volk über die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren ab, die von der Billag erhoben werden. Zudem wird dem Bund explizit verboten, Radio- oder TV-Sender zu subventionieren.

Für ein Ja: SVP, Junge SVP, Junge FDP sowie vereinzelte Kantonalparteien und der Schweizerische Gewerbeverband

Für ein Nein: Bundesrat und Parlament, SP, Grüne, FDP, CVP, Grünliberale, BDP, EVP, Operation Libero, Economiesuisse, Travail Suisse, Syndicom, Unia und beide Landeskirchen

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