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Trendsetter auf dem Arbeitsmarkt

Den Strand zum Büro machen. Gleich viel verdienen wie die Chefin. Mitbestimmen können. Die Trends auf dem Arbeitsmarkt locken mit Eigenverantwortung und flachen Hierarchien. Das gibt zu tun.

Text Dinah Leuenberger
Fotos Michael Sieber
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Carlo Badini, CEO von Cleverclip, hat ein Büro in Bern und Mitarbeitende in aller Welt.

Wo verbringen Sie Ihren Arbeitstag? Auf einem etwas aus der Mode geratenen Bürostuhl? Auf dem Pult liegen Locher und Bostitch griffbereit, der Telefonbeantworter blinkt? Dann gehören Sie zur grossen Mehrheit der Schweizer Bevölkerung. Über 2,8 Millionen Menschen waren im Jahr 2017 im Dienstleistungssektor tätig, der Grossteil von ihnen im Büro.

Obwohl sich die Tätigkeiten stark unterscheiden, sieht der Büroalltag bei den meisten erschreckend ähnlich aus. Berichte über Unternehmen, die ganz anders funktionieren, stammen vor allem aus den USA, selten aus Deutschland.

Google fördert weltweit das Arbeiten an eigenen, privaten Projekten, hat Pingpongtische und eine Rutschbahn. Amazon zahlt Mitarbeitenden, die die Firma verlassen, 5000 Dollar Abfindung – so bleiben nur die motiviertesten. Und beim Surfbretthersteller Tower Paddle Boards wird statt acht nur noch fünf Stunden gearbeitet – bei gleichbleibendem Lohn.

Etwas wagen dürfen, scheitern dürfen

Die Trends auf dem Arbeitsmarkt werden von den grossen Firmen gemacht. Trotzdem gibt es auch in der Schweiz einige Vorreiter, die nach einer anderen Idee funktionieren, und dies zum Teil bereits seit über 30 Jahren.

Ein Beispiel ist die Architektur-Zeitschrift «Hochparterre». Die junge Verlagsfrau verdient dort mit Grundlohn und Gewinnbeteiligung etwa 100 000 Franken im Jahr. Genauso viel wie ihr Chef. Denn bei «Hochparterre» wird nach dem Leitbild der Französischen Revolution gearbeitet: Liberté, Égalité, Solidarité.

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Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 15. Oktober 2018 (Nr. 42).

Liberté, weil alle gefordert sind, ihre Kreativität nutzen und mitdenken sollen. «Man soll etwas wagen, darf aber auch scheitern, ohne dass es grossen Tadel gibt», sagt Gründer und Chefredaktor Köbi Gantenbein (62). Égalité, weil die Hierarchien flach sind und alle gleich viel verdienen. Die Firma pflegt eine starke Diskurskultur. «Man muss reden miteinander!» Und Solidarité, weil gleich viele Frauen wie Männer bei «Hochparterre» arbeiten. Und weil man zueinander schaut, in guten wie in schlechten Zeiten. Gantenbein sagt es so: «Wir ‹Hochparterris› sind eine Familie. Am Anfang waren wir vier Menschen, jetzt 22. Mit ihren Familien kommen wir auf 80 Menschen, die wir alle solidarisch tragen.»

Wenn es jemandem schlecht gehe, sei er halt einmal eine Woche weg. Und auch die Kinder haben Platz: «Selbstverständlich gehen sie auch in die Krippe. Aber es braucht mehr, auch vom Arbeitgeber, damit es funktioniert.» Logisch, dass es bei «Hochparterre» einen kleinen Vaterschaftsurlaub gibt.
Und: Alle drei Jahre hat jede und jeder «Hochparterri» das Recht auf zwei Monate bezahlten Bildungsurlaub. Die einen machen eine lange Reise, die anderen malen. Gantenbein wanderte durch Spanien.

Bei «Hochparterre» werde viel gearbeitet. Trotzdem legt man Wert auf die Gesundheit, indem die Vierzigstundenwoche und die Ferien eingehalten und Überstunden minimiert werden. «Unsere Versicherung hat uns kürzlich einen Bonus ausbezahlt, weil bei uns niemand krank ist.»
Warum funktioniert dieses Modell bei «Hochparterre», aber in vielen anderen Firmen nicht? «Man muss es einfach machen», sagt der Chefredaktor. Und man müsse sich als Besitzer einer Firma bewusst dafür entscheiden, so wie er und Benedikt Loderer es seinerzeit taten.

«Das heisst auch, dass man als Chef auf Privilegien und Sonderrechte verzichtet.» Er sei, sagt Gantenbein, in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen und habe nie verstanden, warum ein Chef mehr verdienen solle als ein Angestellter und ein Direktor mehr als eine Gärtnerin.

Doch alle in der Firma müssen die Égalité wollen und mittragen. Das geht nicht von alleine: «Es braucht jahrelange ideologische Arbeit», sagt Gantenbein, «es gibt kein Paradies auf Erden. Man muss es sich einrichten, wenn auch nur im Kleinen, umtost von der Welt.»

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Hochparterre

Zeitschrift und Verlag im Bereich Planung, Architektur und Design.

Branche Medien

Besondere Konditionen Seit der Gründung 1988 gleicher Lohn für alle, zwei Monate bezahlter Bildungsurlaub alle drei Jahre. Familiäre Firmenkultur

Leitbild Liberté, Égalité, Solidarité

Geschlechterverhältnis 50 : 50. 11 Frauen und 11 Männer arbeiten bei «Hochparterre»

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Cleverclip: Arbeiten von überall her

Mit Videos, Infografiken und E-Learnings helfen die Mitarbeitenden von Cleverclip anderen Firmen beim Erklären schwieriger Dinge. Carlo Badini (27) gründete sein Unternehmen direkt nach dem Gymnasium. «Ich begann mit einem weissen Blatt, hatte noch keine Managementprinzipien eingetrichtert bekommen, was vermutlich ein Vorteil war.»

Speziell an seiner Firma: Es gibt in Bern einen Standort, aber alle Mitarbeitenden arbeiten andernorts. Niemand muss ins Büro kommen. Das ginge auch gar nicht: Die 30 Mitarbeitenden wohnen in zwölf verschiedenen Ländern.

Aus der Not sei dieses Modell entstanden, sagt Badini. «Ich begann mit 500 Franken und konnte mir nur einen grausigen Keller ausserhalb von Bern leisten. Meiner ersten Angestellten wollte ich den nicht zumuten. Also sagten wir, es spiele keine Rolle, wo und wann wir arbeiten. Hauptsache, die Arbeit wird gut erledigt.» Voraussetzung dafür sei, dass sämtliche Prozesse digitalisiert sind. Viel Freiheit bedingt viel Verantwortung: «Wir erwarten, dass Kundentelefone auch um 20 Uhr noch beantwortet werden.» Und wer Kundenkontakt hat, muss in Bern im Büro sein.

Ortsunabhängiges Arbeiten führe auch nicht zu einer E-Mail-Flut. «Interne E-Mails haben wir nicht, wir arbeiten mit einem Messenger-System.» Aber natürlich erfordere es einige Koordination, wenn über Zeitzonen hinweg kommuniziert werde.

Für den persönlichen Kontakt lädt Cleverclip jedes Jahr zu einem Teamausflug. Letztes Jahr auf Bali, dieses Jahr nach Barcelona. «Da hocke mer de ufenang obe», sagt Badini – mehr Freunde als Kollegen. Kulturunterschiede sind selten: «Wir wurden alle mit Netflix und Youtube gross, egal ob aus Südamerika, Asien oder Europa.»
Die Freiheiten, die Cleverclip den Mitarbeitenden gewährt, ziehen die besten Talente an und bescherten der Firma bereits mehrere Auszeichnungen.

Branche Visuelle Kommunikation, Beratung

Besondere Konditionen Seit der Gründung 2014 ortsunabhängiges Arbeiten, Teamausflug

Leitbild Arbeiten von überallher, Hauptsache, gut

Geschlechterverhältnis 50 : 50, 30 Personen arbeiten bei Cleverclip

Ergon Informatik: Transparenz und Eigenverantwortung

Ergon Informatik stellt Sicherheitsprodukte und massgeschneiderte Software her. Die Mitarbeitenden stehen im Zentrum, für diese Unternehmenskultur hat Ergon bereits einige Auszeichnungen erhalten. Die Firma setzt auf hohe Kollegialität, Transparenz und Eigenverantwortung.

Seit der Gründung herrscht Lohntransparenz, die Höhe des Lohnes bestimmt ein Modell. «Keiner muss bei der Einstellung den Lohn verhandeln», sagt CEO Gabriela Keller (49). Dank dieser Kultur gelinge es, hochqualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen.

Auch interne Prozesse sind grösstmöglich transparent. «Bei uns kann man nicht mauscheln», sagt Keller. Die Mitarbeitenden haben zudem eine Art Vetorecht. Bei jedem Entscheid kann die Mehrheit der Betroffenen bei der nächsthöheren Instanz Einspruch erheben. Das passiere aber selten.

Der Gewinn der Firma kommt in einen Topf und wird Ende Jahr verteilt. «Unsere Teams unterstützen sich gegenseitig.» Unter dem Jahr werden 80 Prozent des Lohns ausbezahlt, der Rest Ende Jahr, wenn das Ergebnis genug gut war. Ist es besonders gut, erhalten alle einen Bonus – einen Teil davon können sie innerhalb der Firma verschenken. «Letztes Jahr sind so 83 000 Franken umverteilt worden», sagt Keller. Mit einer derart offenen Kultur «gibt die Geschäftsleitung Autorität ab, profitiert aber vom unternehmerischen Denken aller», sagt sie und ist überzeugt, dass die IT-Branche Vorreiterin für einen fairen Arbeitsmarkt ist.

Branche Informatik, Softwareentwicklung, IT-Dienstleister

Besondere Konditionen Hohe Transparenz, auch beim Lohn. Offene Kultur

Leitbild Mitwirkung, Transparenz

Geschlechterverhältnis 15 Prozent Frauen, total 280 Mitarbeitende

Gehörlosenbund Schweiz: Rückmeldungen sind erwünscht

Als Non-Profit-Organisation engagiert sich der Gehörlosenbund Schweiz (SGB-FSS) dafür, dass den Gehörlosen Gehör verschafft wird. Nicht nur die Sprachsituation ist beim SGB speziell – neben Deutsch, Französisch und Italienisch gibts jeweils auch die Gebärdensprache – seit rund einem Jahr herrscht eine neue Feedbackkultur.

Zwar gibt es am Jahresende nach wie vor ein Mitarbeitergespräch, doch unter dem Jahr sind alle aufgefordert, laufend via Quercus-App Feedbacks abzugeben. Über alle Hierarchiestufen und Abteilungen hinweg und in beide Richtungen.

«Das Feedback fördert den Umgang mit Kritik, die Mitarbeitenden werden offener», sagt Geschäftsführer Harry Witzthum (49). Nach einem Meeting fordert er die Teilnehmenden auf, ihm zu seiner Präsentation Rückmeldungen zu geben. Das sorge dafür, dass er bereits bei der Sitzungsvorbereitung aufmerksamer sei. Die Feedbacks sind lohnrelevant, wie auch das Jahresendgespräch.

Die Quercus-App wurde von einer Schweizer Firma entwickelt und hat zum Ziel, die Feedbackkultur in Unternehmen zu digitalisieren und sie flexibler zu machen. Statt nur einmal  im Jahr über Ziele zu diskutieren, findet dank der App ein ständiger Austausch statt. Der Mitarbeitende weiss jederzeit, wo er steht, und die Vorgesetzte erkennt rechtzeitig wo es Handlungsbedarf gibt.

Am Anfang seien nicht alle begeistert gewesen, sagt Witzthum. «Wir müssen die offene Feedbackkultur ständig vorleben und den Prozess begleiten. Ein Kulturwandel passiert nicht einfach so.» Trotzdem bemerkt er positive Veränderungen: Die Menschen seien offener und empfänglicher für Kritik und gleichzeitig besser im Formulieren von konstruktiver Kritik. «Gemeine oder unnötige Kritik kommt nur selten vor. Mobbing schon gar nicht.»

Der spielerische Umgang mit der App helfe dabei: Zu Beginn sei gewitzelt worden, man verteile dann nur drei statt fünf Sterne. Mittlerweile trägt die App auch zur Motivation bei: «Man kann seine Entwicklungen laufend anschauen, positives Feedback motiviert zusätzlich.»

Branche Non-Profit-Organisation

Besondere Konditionen Seit etwa einem Jahr Feedbackkultur via Quercus-App

Leitbild Offene, transparente Feedbackkultur

Geschlechterverhältnis 39 Frauen, 13 Männer; 50 Prozent der Angestellten sind gehörlos.

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