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Migros - Ein M besser

Anständig bezahlt statt ausgepresst

Text Cristina Maurer
Fotos Maurice Ressel

Pionierarbeit in Brasilien: Die Migros bezieht Orangensaft mit Fairtrade-Gütesiegel von der ersten Frauenkooperative des Landes.

Schmucke Bäume mit glänzend grünen Blättern und runder Krone stehen in Reih und Glied. Ihre Äste sind gespickt mit golden leuchtenden Kugeln wie bei festlich geschmückten Weihnachtsbäumen. Es ist erst elf Uhr vormittags, und bereits herrscht eine drückende Hitze. Ivana Aparecida Biazotto Caleffi führt eine kleine Migros-Delegation über die Orangenplantage nahe der Stadt Mogi Mirim. Die 52-Jährige trägt einen breitkrempigen Panamahut, hat dunkelblondes Haar und einen starken Händedruck.

Ivana ist die Präsidentin der ersten Frauenkooperative von Brasilien. Elf Frauen haben sich dafür zusammengeschlossen und bestimmen seither selbst über ihr Land. Was banal klingt, ist in Brasilien die Ausnahme. Auch wenn eine Frau eine Plantage erbt, geht diese normalerweise bei der Heirat in den Familienbesitz über und wird vom Ehemann bewirtschaftet.

Ivana schreitet durch das knöchelhohe Gras, das zwischen den Orangenbäumen wächst. Die Region rund um Mogi Mirim, rund 130 Kilometer von der 20-Millionen-Metropole São Paulo entfernt, ist berühmt für ihre Orangen. Das ganzjährig warme und sonnige Wetter sorgt dafür, dass die süssen und saftigen Früchte zweimal pro Jahr geerntet werden können.

Bis ihr Saft auf einem Schweizer Frühstückstisch steht, haben sie noch ein Stückchen Weg vor sich. «Wir kennen jede einzelne Station dieser Orangen», erläutert Arnold Graf, Produktverantwortlicher der Migros-Tochter Bina, der von allen nur Noldy genannt wird. Aber nicht nur, dass man das Produkt an seinen Ursprung zurückverfolgen könne, sei entscheidend: «Uns sind die fairen Arbeitsbedingungen sehr wichtig. Darum sind all unsere Kooperativen durch Fairtrade Max Havelaar zertifiziert.» Ihren Weg in die Migros finden die in Brasilien gepflückten Orangen in Form der beliebten M-Classic-, Gold- oder der Anna’s-Best-Orangensäfte.

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Pionierinnen mit gutem Grund: Dass Frauen gemeinschaftlich ihr eigenes Land bewirtschaften, ist in Brasilien neu.

Faire Preise sichern die Zukunft

Seit 2015 bezieht die Migros ihren Orangensaft von drei Bauernkooperativen. Die Gründung einer Frauenkooperative ist allerdings ein totales Novum. «Damit wollen wir die Stellung der Frauen hier in Brasilien stärken», sagt Graf. In der neuen Kooperative entscheiden, verwalten und verhandeln die Frauen eigenständig die Geschicke in ihren Orangenplantagen. «Wir Frauen machen genau die gleiche Arbeit wie die Männer: Wir fahren Traktor, graben um, pflanzen an, ernten und verhandeln», erklärt Ivana. «Und die Umstellung auf Fairtrade ermöglicht uns höhere Einnahmen und bietet neue Zukunftsperspektiven», freut sich die Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Pro Tonne Fairtrade-Orangen gibt es nämlich einen fixen Mindestpreis. Zudem erhalten Bäuerinnen und Bauern eine Fairtrade-Prämie, um eigene Gemeinschaftsprojekte zu verwirklichen. Das kann zum Beispiel der Bau einer Schule oder eines Dorfbrunnens sein. «Wir werden unsere Plantagen aufforsten», sagt Ivana. Nach 25 Jahren ist ein Orangenbaum am Ende seiner produktiven Phase angelangt und muss ersetzt werden. «So sichern wir die Zukunft der Plantagen für unsere Kinder.»

Mit einem kleinen Messerchen schneidet Ivana eine Orange vom Baum und hält sie uns hin: «Das ist eine Pera, das heisst Königin. Man erkennt sie an der kleinen Krone, die sich rund um den Stielansatz windet.» Mit geschickter Hand schneidet sie die Schale ringförmig weg, sodass sie eine Art Spirale bildet. Die Orange schmeckt angenehm süss mit genau dem richtigen Schuss Säure.

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Investition in die Zukunft: Nach 25 Jahren müssen die Orangenbäume ersetzt werden.

Geerntet wird nur von Hand

«Im Gegensatz zu Bananen können Orangen nur am Baum reifen», erklärt Farmerin Ivana. Jede Orange muss bei der Ernte von Hand auf ihren Reifegrad überprüft werden. Geschulte Mitarbeitende pflücken die Zitrusfrüchte Mitte November. «Wer eine Maschine erfindet, die das kann, ist Multimillionärin», sagt Ivana lachend. Auch die Pflückerinnnen und Pflücker profitieren von Fairtrade – dank geregelten Arbeitszeiten und einem Mindestlohn. Kinderarbeit ist strikte verboten.

Gleich nach der Ernte werden die reifen Früchte zum nahegelegenen Verarbeiter Cisol Brasil gebracht. Der Firmenchef Neto Andrade (23) und seine Angestellten reinigen und pressen die Fairtrade-Früchte nur an bestimmten Tagen, damit es nicht zu einer Vermischung mit Saft von Orangen kommt, die nicht aus Fairtrade-Produktion stammen. Mittels Strichcode halten sie fest, welche Ladung von welchen Bäuerinnen oder Bauern kommt. Nur so kann die Rückverfolgbarkeit garantiert werden.

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In der Halle werden die Orangen auf ratternden Fliessbändern befördert. Die starke Zitrusessenz erinnert an ein Aromadampfbad. Die acht Pressen stampfen das orange Gold aus den Schalen. Dann wird der Saft pasteurisiert, um ihn haltbar zu machen. So bleiben die natürlichen Inhaltsstoffe und die gute Qualität erhalten. «Wir verwenden die ganze Frucht. Neben Saft gewinnen wir auch Orangenöl aus den Schalen», erzählt Neto Andrade. «Aus 40 Kilogramm Orangen gibt es 120 Gramm reines Öl.» Dieses liefert er wie auch das Konzentrat oder den Frischsaft zurück an die Bäuerinnen, die es unter anderem an die Parfümindustrie verkaufen.

Dank so viel neuem Wissen über Orangen ist die Lust auf einen Schluck Saft von der Vitaminbombe gross. Noldy Graf holt einen Beutel M-Classic-Orangensaft und eine Flasche Frischsaft von Anna’s Best aus dem Rucksack. Die gepressten Früchte schmecken jetzt besser denn je. Ivana freut sich: «So sehen unsere Säfte also in der Schweiz aus – wie schön!» 

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