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«Where We Belong»

Leben ohne die Eltern

Scheiden tut weh – und die Kinder leiden oft jahrelang unter dem Trauma der elterlichen Trennung. Die Regisseurin Jacqueline Zünd hat in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm «Where We Belong» fünf Scheidungskinder erzählen lassen – auch die 17-jährige Sherazade.

Text Sabine Lüthi
Fotos Kostas Maros
Sherazade lebt seit der Scheidung ihrer Eltern im Heim.

Sherazade lebt seit der Scheidung ihrer Eltern im Heim.

Die Statistik spricht eine klare Sprache: Zwei von fünf Ehen in der Schweiz werden geschieden – Tendenz steigend: 2018 gab es vier Prozent mehr Scheidungen als im Vorjahr. Zwar sind immer weniger minderjährige Kinder betroffen: Ihr Anteil ist seit Mitte der 90er-Jahre unter die 50-Prozent-Marke gesunken; 1970 zählten bei 60 Prozent der Scheidungen auch Minderjährige zu den Leidtragenden, 2018 nur noch bei 46 Prozent. Doch hinter den nackten Zahlen des Bundesamts für Statistik verstecken sich oft bewegende Geschichten, gerade für die Kinder: Wie ist es, wenn die Eltern sich nicht mehr lieben und sich trennen? Wenn Mutter und Vater sich streiten? Wenn ein Kind ins Heim muss?

Gefühle statt Fakten

Auf diese und weitere Fragen gibt der Dokumentarfilm der Schweizer Regisseurin Jacqueline Zünd (48) Antworten. Der Film hat den «CH-Dokfilm-Wettbewerb» des Migros-Kulturprozents gewonnen (siehe unten). «Where We Belong» gibt fünf Scheidungskindern Raum, über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen. Der Film zeigt, wie zerbrechlich Kinder sind, aber auch, welche Erklärungen und Überlebensstrategien sie sich zurechtlegen, wenn ihre Fragen unbeantwortet bleiben. Die Erwachsenen bleiben im Hintergrund oder unsichtbar. «Mich hat die Perspektive der Kinder interessiert. Mir geht es um ihre Emotionen und nicht um Fakten», sagt die Regisseurin. Auch ihr Sohn hat zwei Zuhause. «In seiner Klasse war er lange das einzige Trennungskind – so sah es zumindest aus. Das Scheitern der Idee von der glücklichen Familie ist offenbar noch immer schambelastet, obwohl 40 Prozent der Ehen geschieden werden. Dieses Paradox hat mich interessiert.»

Kinder im Loyalitätskonflikt

Eine der Protagonistinnen ist die 17-jährige Sherazade aus Basel (siehe unten: Ich habe es verpasst...). Sie erzählt, wie sie mit der Scheidung ihrer Eltern umgeht und warum sie sich im Heim sicherer fühlt als bei Mutter oder Vater. Sherazades Eltern stritten in ihrer Anwesenheit. Was macht das mit einem Kind? Die Berner Psychotherapeutin Liselotte Staub, Autorin des Ratgebers «Trennung mit Kindern – was nun?», sagt: «Es bringt die Kinder in einen Loyalitätskonflikt. Kinder sind das ‹Produkt› beider Eltern und lieben in der Regel beide. Sie fühlen sich ‹beschädigt›, wenn ein Elternteil über den anderen herzieht und somit einen Teil ihrer selbst heruntermacht.» Zudem wüssten die Kinder nicht, auf welche Seite sie sich stellen sollen. Ergreifen sie Partei für die Mutter, enttäuschen sie den Vater und umgekehrt. «Diese Pattsituation ist für Kinder unerträglich.»

Emotionaler Missbrauch

Ein anhaltender Konflikt erhöhe das Risiko eines emotionalen Missbrauchs des Kindes: indem die Eltern versuchten, das Kind auf ihre Seite zu ziehen und in ihm einen Verbündeten gegen den anderen Elternteil sehen. Das ist auch auch bei Sherazade geschehen: Ihr Vater redete schlecht über die Mutter, was dazu führte, dass die Kinder nach der Trennung eigentlich beim Vater hätten leben wollen. Das Sorgerecht hatte jedoch die Mutter. Liselotte Staub sagt dazu: «Lieber stellen sich die Kinder auf die Seite eines Elternteils, als diese Spannungen auszuhalten.» Damit würden Kinder jedoch unbewusst ihre Verbindung zu einer wichtigen Bezugsperson opfern.

Sherazade kann sich nicht daran erinnern, dass es eine Mutter gab, als sie ein Kind war. Ihr Vater dominierte das Familienleben. Liselotte Staub hält es für möglich, dass die Mutter-Tochter-Beziehung im Erwachsenenalter eine neue Qualität erhalten wird. Aber eine beschädigte Beziehung zu reparieren, folge eigenen Gesetzen, die sich nicht verordnen oder einfordern liessen. «Es ist nicht alles reparierbar im Leben», sagt Liselotte Staub.

Sherazade redet im Film «Where We Belong» über die Spannungen in ihrer Familie.

Sherazade redet im Film «Where We Belong» über die Spannungen in ihrer Familie

Sherazade (17)

«Ich habe es verpasst, als Kind eine Beziehung zu meiner Mutter aufzubauen. Das tut mir leid»

Sherazade (17) lebt im Heim. Ihre Eltern sind geschieden und zerstritten.

«Ich hasse das Wort ‹normal›. Ich habe zwei Geschwister und vier Halbgeschwister. Das ist für mich normal. Für andere ist es normal, Einzelkind zu sein. Was die Norm sein soll, ist mir egal. Für mich ist es normal, braune Haut zu haben, für dich nicht. Bin ich deswegen abnormal? Bitte! Den anderen in der Fachmaturitätsschule habe ich offen gesagt, dass ich im Heim lebe. Es gab welche, die mich fragten, ob ich dort Kleider und Essen kriege und ob es mir gutgehe. Mann! Guckt mich an! Mir geht es nicht schlecht! Ich bin dieses Leben gewohnt und kein armes Kind. Mitleid bringt mir nichts.

Seit sechs Jahren lebe ich nicht mehr zu Hause. Ich weiss gar nicht mehr, wie es ist, als Familie zusammenzuwohnen. Mein Vater wurde als Kind zu Hause geschlagen, wuchs im Internat auf und hat auch Halbgeschwister, wie ich. Er war die Respektsperson. Er war immer da, dominant, wusste alles besser. Er war viele Jahre lang Berufsmilitär und als Koch tätig. Aber nach einem Motorradunfall konnte er nicht mehr arbeiten. Nach der Scheidung wollten wir – meine Schwester, mein Bruder und ich – zu ihm. Wir kämpften gegen unsere Mutter. Sie hatte das Sorgerecht erhalten.

Ich kann mich nicht daran erinnern, was meine Mutter in meiner Kindheit gemacht hat. Es ist, als hätte sie nicht existiert. Sie stammt aus Kolumbien, für sie war es bestimmt nicht einfach, in diesem Land Halt zu finden – mit einem Mann, der die Beziehung dominierte. Hätte ich früher gemerkt, wie das Verhalten meines Vaters mich manipulierte, wäre vielleicht alles anders gekommen. Ich habe es verpasst, als Kind eine Beziehung zu meiner Mutter aufzubauen. Das tut mir leid, auch für meine Mutter.

Im Heim teile ich ein Zimmer mit einem anderen Mädchen. Das Heim gibt mir Sicherheit, die mir meine Mutter noch nicht geben kann. Zudem streiten wir uns oft. Diesen Stress will ich mir nicht auch noch geben, die Schule ist für mich schon schwierig genug. Als meine Mutter noch eine eigene Wohnung hatte, ging ich fast jedes Wochenende nach Hause – Mamas Essen schmeckt einfach viel besser als das im Heim. Zurzeit lebt sie bei einer Freundin, mein Vater in einer Einzimmerwohnung. Meine Eltern arbeiten beide nicht. Sie fragen mich regelmässig, ob ich sie besuchen komme. Aber mir fehlt oft die Motivation rauszugehen. Egal, wohin, egal, mit wem. Ich lese sehr oft Mangas, auch auf dem Handy, und game noch viel. Und plötzlich werden aus fünf Minuten fünf Stunden.

Ich finde es gut, dass meine Eltern getrennt sind, zusammen waren sie schrecklich. Die Spannungen waren fast nicht auszuhalten, nach wenigen Minuten stritten sie heftig. Sie hatten immer wieder versucht, auch einfach als Eltern zusammenzuwohnen. Aber als Kind fühlt man jedes Knistern; man will, dass beide Eltern glücklich sind. Ich wollte nie, dass meine Eltern sich um mich streiten und sich gegenseitig vor mir fertigmachen. Ich will mich nicht entscheiden müssen zwischen Mutter und Vater – beide sind meine Eltern. Ich möchte mich mit meiner Mutter verstehen. Aber wir sind beide supertemperamentvoll. Mit meinem Bruder will ich sie nicht mehr besuchen, wir geraten uns ebenfalls schnell in die Haare.

Was mein Vater getan hat, ist traurig, aber er ist kein Monster. Er ist mein Vater, ich liebe ihn. Die Streitereien mit meiner Mutter waren schrecklich. Was passiert ist, ist nicht in Ordnung, aber sie bleibt meine Mutter. Ich liebe sie, egal, was war.»

Migros-Engagement

Das Kulturprozent unterstützt Dokumentarfilme

Der Dokumentarfilm ist eine Kernkompetenz im Schweizer Filmschaffen. Um ihm eine Plattform zu bieten und den Diskurs über gesellschaftlich relevante Themen anzuregen, veranstaltet das Migros-Kulturprozent einen zweistufigen Dokumentarfilm-Wettbewerb. Die Realisierung des Gewinnerprojekts wird mit einem Beitrag in der Höhe von 400 000 Franken sowie mit zusätzlicher Unterstützung durch SRG SSR in der Höhe von 80 000 Franken finanziert. Die Gewinner müssen sich also nicht mit einer langen Finanzierungsphase aufhalten, sondern können direkt loslegen. Eine Ausgangslage, die in dieser Form einzigartig ist in der Schweiz. «CH-Dokfilm-Wettbewerb» wird unterstützt durch Engagement Migros, einen Förderfonds der Migros-Gruppe. Die Regisseurin Jacqueline Zünd ist mit «Where We Belong» die Gewinnerin des fünften «CH-Dokfilm-Wettbewerbs» zum Thema Raum.

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