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Wirtschaft und Klima

Abschied vom ständigen Wachstum

Die Menschheit wird Klima und Umwelt nur retten können, wenn sie sich vom Dogma des Wirtschaftswachstums verabschiedet, sagt die Ökonomin Irmi Seidl. Die Coronakrise habe zudem gezeigt, wie verletzlich unser derzeitiges System sei. Seidl erklärt, was sich ändern müsste und weshalb dies für uns alle Vorteile hätte.

Text Ralf Kaminski
Fotos Roger Hofstetter
Die Ökonomin und Wachstumskritikerin Irmi Seidl beschäftigt sich schon seit Jahren mit Alternativen zu unserem aktuellen Wirtschaftssystem – und lebt ihre Reformideen teils schon selbst.

Die Ökonomin und Wachstumskritikerin Irmi Seidl beschäftigt sich schon seit Jahren mit Alternativen zu unserem aktuellen Wirtschaftssystem – und lebt ihre Reformideen teils schon selbst.

Sie fordern eine Abkehr vom ständigen Wachstum, doch Wirtschaft und Politik fürchten, dies würde eine massive Krise auslösen. Genau dies hat das Coronavirus nun getan – ganz ohne Reformen.

Ja, das Virus hat offenbart, wie anfällig und verletzlich unser heutiges System ist. Und tatsächlich sollten wir solche abrupten Wirtschaftseinbrüche fürchten und möglichst verhindern. Gleichzeitig hat die Coronakrise aber auch gezeigt, dass ein enormes Potenzial an Kreativität, Solidarität und Hilfsbereitschaft in unseren Gesellschaften vorhanden ist. Und dass Warnungen aus der Wissenschaft ernst zu nehmen sind.

Etwa die vor dem Klimawandel?

Nicht nur. Forschende und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnen seit Jahren vor einer globalen Pandemie. Zur Krise von Klima und Biodiversität haben wir noch deutlich bessere wissenschaftliche Erkenntnisse und Daten, die auf grosse Gefährdungen der Menschheit hinweisen. Doch die Warnungen werden vielerorts ignoriert. Noch immer hoffen viele Menschen, sie kämen schon irgendwie glimpflich davon.

Denken Sie, der Corona-Ausnahmezustand könnte zu einem Umdenken führen? 

Aktuell operiert die Welt im Krisenmodus. In der jetzigen Situation von Angst und Druck gilt es, zu stabilisieren und keine weitreichenden Entscheidungen zu treffen. Bei politischen Stützungsmassnahmen muss das Wissen zur Klimakrise aber unbedingt berücksichtigt werden. Und in ein paar Monaten sollten wir auf dieser Basis die Lösung anderer Krisen angehen. Zentral ist sicherlich, die Anfälligkeit des Systems künftig zu verringern.

Screenshot MM 18.5.2020

Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 18. Mai 2020 (Nr. 21)

Mehr Menschen, mehr Konsum, wachsender Wohlstand, aber auch zunehmend Umweltzerstörung und Klimaerwärmung: Das ist alles miteinander verknüpft, nicht?

Teilweise. Immer mehr Konsum verschärft die Umweltzerstörung und die Klimakrise. Beim Bevölkerungswachstum ist die Lage komplexer: Heute wächst die Bevölkerung nur noch in afrikanischen und einigen vorderasiatischen Ländern. Gerade die afrikanischen Staaten sind jedoch so arm, dass ein Mehrkonsum ökologisch kaum ins Gewicht fällt. Anders als beim Konsumwachstum der reichen Länder Europas, Nordamerikas und Ostasiens, deren Bevölkerungen schon länger stagnieren. Dabei nimmt das Wohlergehen in reichen Ländern trotz Wachstums nicht mehr zu – in ärmeren Ländern oft auch nicht, wegen zunehmender ökologischer und sozialer Probleme.

Tatsächlich?

Das Bruttoinlandprodukt mag zwar weiter steigen, aber fragt man die Menschen in den reichen Ländern, wie es ihnen psychisch und physisch geht, zeigt sich eine Stagnation oder ein Rückgang des Wohlergehens. Was verständlich ist: Viele sind im Alltag gestresst, über ein Drittel der Arbeitnehmer in England und Deutschland hält den eigenen Job für sinnlos. Oft fehlt es an Freizeit, sozialen Beziehungen und guter Gesundheit – das würde das Wohlergehen steigern, und nicht noch mehr Konsumgüter oder Geld.

Irmi Seidl (57) ist Leiterin der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL)

Ökonomin und Autorin

Irmi Seidl (57) ist Leiterin der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) . Die Ökonomin ist Titularprofessorin an der Universität Zürich und lehrt dort und an der ETH Zürich. Sie lebt in Zürich.

Buchtipps: Irmi Seidl und Angelika Zahrnt (Hrsg.): Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Metropolis, Marburg 2019; Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft. Metropolis, Marburg 2010; beide bei exlibris.ch

Wann hat der Wohlstand aufgehört zu steigen?

In den USA kam die Zeitenwende Mitte der 1970er-Jahre, in Europa Mitte der 1980er-Jahre. Die Abschaffung des Goldstandards Anfang der 1970er veränderte die Geldpolitik fundamental, die Ölkrisen zeigten erstmals die Verletzlichkeit des Wachstumsmodells, und erste Phasen von Massenarbeitslosigkeit setzten ein. Wachstum durch mehr Produktivität schien weitgehend ausgereizt. Seither gehen die Raten des Wirtschaftswachstums zurück.

Das Bauchgefühl vieler Menschen, sie kämen nicht mehr voran und ihren Kindern könnte es später mal schlechter gehen als ihnen, ist also berechtigt?

Ja, es wird nicht mehr alles automatisch immer besser. Manchmal spüren Menschen dies direkt im Alltag, etwa wenn sich die soziale Infrastruktur oder Verkehrsanbindung am ländlichen Wohnort verschlechtert, während die Städte boomen. Oder wenn Familienbetriebe permanent unter Existenzdruck stehen, während die Aktienkurse globaler Unternehmen und die Löhne ihrer Chefs in die Höhe schiessen. 

Weshalb sind die Widerstände gegenüber Reformen so gross?

Weil die direkt Betroffenen ihre Interessen beharrlich verteidigen. Derweil jene schweigen, die von Reformen profitieren würden, weil ihnen gar nicht klar ist, wie viel sie gewinnen könnten.

Wie könnte man das angehen?

Man muss sich genau ansehen, wer bei welchen Veränderungen was befürchtet – und dies auffangen. Ein Beispiel: Erhöht man den Preis fürs Autofahren oder Fliegen, trifft dies zunächst die sozial Schwächeren. Dafür gibt es eine einfache Lösung: Die Einnahmen werden pro Kopf 
an die Bevölkerung zurückverteilt. Wer kein Auto hat, kaum fliegt und wenig Fläche heizen muss, profitiert. Helfen würde auch, die Interessen transparent zu machen, die hinter dem Widerstand stecken – etwa bei Erdölindustrie oder Autoimporteuren. Zudem reduzieren sich Widerstände, wenn die Menschen selbst erleben, dass andere Praktiken funktionieren, gar erfüllend sein können. 

Gibt es dafür konkrete Beispiele?

Oh ja – viele Menschen leben, konsumieren und produzieren heute schon anders: Es gibt solidarische Landwirtschaft, Repair-Cafés, Zeittauschbörsen und andere Tauschplattformen. Viele kleine Unternehmen setzen auf Produkte mit hohen Qualitätsstandards und soziale Verantwortung. Es gibt neue Wohnformen sowie Unternehmen, die gut mit reduzierter Arbeitszeit funktionieren. Diverse nordische Länder haben höhere Umweltabgaben als die Schweiz. Deutschland hat die Preise erneuerbarer Energien mit der Einspeisevergütung global so purzeln lassen, dass heute mit Photovoltaik am günstigsten Strom produziert wird.

Es gibt also durchaus Bereitschaft zum Wandel.

Genau. Und die Veränderung müssen gar nicht alle vorantreiben. Wenn 30 Prozent der Bevölkerung etwas anders machen, können sich dominante Praktiken ändern. Bei Wahlen reicht oft schon eine kleine Veränderung, um Mehrheiten zu kippen.

«Die Schweizer Wirtschaft wächst heute vor allem dank Zuwanderung von Arbeitskräften», sagt Irmi Seidl.

«Die Schweizer Wirtschaft wächst heute vor allem dank Zuwanderung von Arbeitskräften», sagt Irmi Seidl.

Aber Sie fordern nichts Geringeres als einen Abschied vom Wachstum. Funktioniert unser System nicht letztlich nur dank des Wachstums?

Bisher schon, aber dies hat viele der heutigen Probleme hervorgebracht. Und das Wachstumssystem funktioniert immer weniger, weil es in den Ländern, die jahrzehntelang stark gewachsen sind, immer schwieriger wird, weiteres Wachstum zu generieren. In den 1950er- und 60er-Jahren war das anders, da gab es nach dem Zweiten Weltkrieg grossen Nachholbedarf. Das ist vorbei. Zudem wächst die Schweizer Wirtschaft heute vor allem dank Zuwanderung von Arbeitskräften. Dabei zieht die Politik alle Register, um irgendwie Wirtschaftswachstum zu schaffen. Dazu gehören der innerkantonale Steuerwettbewerb sowie niedrige Unternehmensbesteuerung, um Firmen anzulocken. Auch die Geldschwemme vieler Notenbanken soll das Wachstum ankurbeln.

Geschähe all das nicht, würden wir kaum mehr wachsen?

Richtig. Und vieles, was da gemacht wird, ist ökologisch schädlich. Nicht nur das: Weil wir uns so abhängig vom Wirtschaftswachstum machen, ergreifen wir nicht die nötigen umweltpolitischen Massnahmen. Denn immer steht die Befürchtung im Raum, dies könnte das Wachstum bremsen.

Weshalb muss denn die Wirtschaft überhaupt wachsen?

Ein zentrales wirtschaftspolitisches und gesellschaftliches Ziel ist Wachstum erst seit den 1950er-Jahren. Bis zur Industrialisierung im 18. Jahrhundert kam die Menschheit ganz ohne Wirtschaftswachstum aus. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg war es für Ökonomen schlicht kein Thema, es gab auch kein Mass dafür. Das Bruttoinlandprodukt wurde erst in den 1930er-Jahren entwickelt und nach dem Krieg international eingeführt. Dabei war es nie als Mass für Wohlstand und Wohlergehen gedacht, auch wenn sich beides gemeinsam mit dem Wachstum zunächst in die gleiche Richtung entwickelte. 

Aber die Unternehmen müssen doch wachsen?

Sie müssen einen Gewinn erwirtschaften, weil sie für die Produktion Kapital benötigen, auf das sie Zinsen zahlen; und weil sie Risiken und Wettbewerb ausgesetzt sind. Dafür ist begrenzt Wachstum nötig. Es gibt aber kleine und mittelständische Betriebe, für die das nicht gilt.

Gibt es noch weitere Abhängigkeiten vom Wachstum?

Ja. Unser Sozial- und Krankenversicherungssystem baut auf der Vorstellung auf, es gäbe immer Wachstum. Auch börsenkotierte Aktiengesellschaften sind auf Wachstum angewiesen, um eine Dividende zu bezahlen – und damit der Börsenkurs steigt. Banken liefern das Geld für Wachstum und leben weitgehend davon. Und auch der Staat möchte Wachstum, denn wachsen die Einkommen, wachsen auch die Steuereinnahmen. Weil die Unternehmen steuerlich fortwährend entlastet werden, steigen die Abgabesätze auf Erwerbseinkommen und Konsum. Also fordern die Menschen höhere Löhne, was die Automatisierung vorantreibt, weshalb es mehr Wachstum braucht, damit die Leute dennoch Arbeit haben. Es ist ein Teufelskreis, den wir uns selbst gebaut haben.

Das heutige System funktioniert also tatsächlich nur mit Wirtschaftswachstum?

Ja. Aber diesem System liegen gesellschaftliche Entscheidungen zugrunde, und die lassen sich ändern.

Schritte zur klimafreundlichen Postwachstumsgesellschaft

Illustration: Daria Rychkova

Schritte zur klimafreundlichen Postwachstumsgesellschaft

Das Bruttoinlandprodukt mit weiteren Indikatoren ergänzen, an denen wir uns ebenfalls ausrichten: etwa Erwerbstätigkeit, soziale Gerechtigkeit, Staatsverschuldung, ökologischer Fussabdruck. Das Ziel ist, überall möglichst gut dazustehen – das würde die politischen und wirtschaftlichen Prioritäten verschieben. Es wäre dann für den Staat Schweiz genauso wichtig, einen kleinen ökologischen Fussabdruck und hohe soziale Gerechtigkeit zu erreichen wie ein hohes Bruttoinlandprodukt.

Den Staatshaushalt anders finanzieren: Statt Einkommen besser den Verbrauch natürlicher Ressourcen besteuern, die Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen, hohe Erbschaften und Vermögen, Werbung und Luxuskonsum. Auch die Sozialwerke weniger stark über Abgaben auf Einkommen finanzieren, damit die Abgabenlast auf Arbeit kleiner wird.

Grössere soziale Gerechtigkeit herstellen, etwa durch Mindest- und Höchstlöhne. Treffen würde eine solche Begrenzung nach oben weniger als 0,5 Prozent der Beschäftigten. Die Forschung zeigt, dass mit sozialer Einkommensungleichheit Gesundheitsprobleme und Kriminalität zunehmen, Bildung und Vertrauen hingegen abnehmen.

Weniger erwerbstätig sein: Insbesondere weniger Dinge produzieren und konsumieren, die schnell wieder weggeworfen oder kaum gebraucht werden. Dies schont Ressourcen und erhöht unsere freie Zeit.

Umweltkosten in die Preise einrechnen: Verursacht der Einsatz fossiler Energien oder von Pestiziden Umwelt- und Gesundheitsschäden, müssen die Produkte mehr kosten. Wird Autofahren und Fliegen teurer, so könnten die Zusatzeinnahmen pro Kopf zurück verteilt werden – laut einer ETH-Studie würden zwei Drittel der Bevölkerung davon profitieren, ein Drittel würde mehr zahlen. Ein Retourflug Zürich-Bangkok müsste 550 Franken mehr kosten als heute.

Verkehrssystem umbauen: Die Fehlanreize des Privatverkehrs reduzieren und den Langsam- sowie den öffentlichen Verkehr stärken. Und: Die 80 Prozent der Flüge, die ab der Schweiz in europäische Städte gehen, durch (Nacht-)Züge ersetzen.

Erneuerbare Energie zügig ausbauen: So kann die Schweiz die 14 Milliarden Franken sinnvoller verwenden, die sie jährlich für fossile Energie ausgibt. 

Kreislaufwirtschaft entwickeln, damit möglichst wenig Abfälle anfallen. Die bisherigen, umweltbelastenden Produkte auslaufen lassen.

Verantwortlich konsumieren und leben: Etwa 70 Prozent des hohen Schweizer Bruttoinlandsprodukts entsteht aus dem Konsum. Gleichzeitig produzieren wir über 700 kg Siedlungsabfälle pro Einwohner und Jahr – ein Spitzenwert in Europa. Dauerhaftere Produkte und wohlüberlegter Konsum entlasten die Umwelt und steigern das Wohlbefinden.

Strukturen für ressourcenschonendes Leben ausbauen, etwa durch Sharing, Reparieren und hohe Produktqualität. Oder durch andere Wohnkonzepte: Mehrfamilienhäuser mit gemeinsam genutzten Räumen und separaten Gästezimmern fürs ganze Haus würden kleinere Privatwohnungen ermöglichen. Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich macht dies bereits erfolgreich.

Umweltschädigende Subventionen abschaffen, etwa die Verbilligung von natürlichen Ressourcen wie Öl oder von Verkehrsinfrastruktur. Subventionen zur Produktion von Fleisch auf Gemüse und Getreide umlenken – dies würde auch den Schweizer Selbstversorgungsgrad erhöhen. Und Subventionen nur gewähren, wenn sie die Umwelt nicht beeinträchtigen; das fordert die OECD schon seit Jahren.

Den Bank- und Finanzmarkt stärker regulieren: Bei den Hedgefunds anfangen und stark risikoreiche Finanzprodukte verbieten. Eigenkapitalquoten deutlich erhöhen, damit Banken nicht weiter ein Systemrisiko sind; Geldschöpfung der Banken begrenzen, Hochfrequenzhandel besteuern.

Wachstumsunabhängigere Unternehmensformen fördern,etwa Stiftungen und Genossenschaften, mit denen kaum spekuliert wird. AGs könnten ihre Aktien nach 20 Jahren zum Nennwert zurückkaufen müssen, auch das würde die Spekulation begrenzen. 

Ineffiziente Strukturen reduzieren, etwa den Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen.

Geht das letztlich nur mit dem, was niemand will: Verzicht?

Wir verzichten schon heute – etwa wegen des motorisierten Privatverkehrs auf gute Luft, Ruhe und Gesundheit; wegen der staatlich geförderten intensiven Landwirtschaft auf pestizidfreies Essen und Wasser und die verlässliche Wirkung von Antibiotika. Letztlich geht es um Preise, die gesellschaftliche und ökologische Kosten abbilden. Durch einen Umbau entstünde automatisch ein anderes Konsumverhalten, das sich nicht wie Verzicht anfühlen würde.

Was ist mit den vielen Jobs, die durch den Umbau verschwinden?

Es gibt verschiedene Sektoren, in denen mehr Arbeitskräfte gebraucht werden: Bildung, Reparatur, Gesundheit, Landwirtschaft und im Ausbau der erneuerbaren Energien.

Und was ist mit den Leuten in der Auto- und Kohleindustrie?

Es gibt etwa in Deutschland nur noch 20’000 Arbeitskräfte im Kohlebereich, viele sind gut ausgebildete Ingenieure, die problemlos woanders unterkommen dürften. Kniffliger sieht es in der Autoindustrie aus – ein Elektromotor ist viel einfacher zu bauen als ein Verbrennungsmotor, und Service braucht es kaum mehr. Dort fallen mehr Jobs weg, und es wird Umschulungsmassnahmen brauchen. Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Gewerkschaften und Politik müssen sich zusammensetzen und Konzepte entwickeln. Für die ältere Generation braucht es soziale Übergangslösungen. Wenn man diesen Umbau über einen Zeitraum von zehn Jahren plant, lassen sich die Folgen abfedern. 

Jobs in Pflege und Landwirtschaft sind hart und schlecht bezahlt.

Das hat die Coronakrise gezeigt – und dies, obwohl es systemrelevante Arbeiten sind. Zweifellos muss unsere Gesellschaft bei den Löhnen über die Bücher gehen. Die solidarische Landwirtschaft zeigt aber schon heute, dass die Mitarbeit für beide Seiten attraktiv sein kann. Ich erlebe dies selbst, weil ich einige Tage im Jahr in einem solchen Betrieb mitarbeite. 

Was machen Sie dort?

Ich arbeite auf dem Feld und fahre Gemüsetaschen aus – ein bereichernder Ausgleich zu meiner Büroarbeit. Möglicherweise ist dies ein Zukunftsmodell: weniger Erwerbsarbeit, dafür daneben andere Tätigkeiten. Ich sehe darin auch eine Chance auf mehr Lebensqualität, Menschen können so ihre verschiedenen Vorlieben und Neigungen besser entfalten. Und sie können zu ihrer eigenen Versorgung beitragen.

Leben Sie selbst nach Prinzipien der Postwachstumsgesellschaft?

Ich war immer nur zu 80 Prozent erwerbstätig, so dass ich daneben Zeit für anderes habe. Ich achte darauf, langlebige Produkte zu kaufen, und gehe ab und zu in Repair-Cafés, um etwas unter Anleitung zu reparieren, kürzlich eine schöne alte Lampe aus Marseille. Ich bewege mich im ÖV fort, bin Mitglied mehrerer Genossenschaften und bemühe mich, einen kleinen ökologischen Fussabdruck zu hinterlassen. Zum Beispiel fliege ich seit ein paar Jahren nicht mehr und ernähre mich seit langem vegetarisch und möglichst biologisch.

Wie kann man die Menschen für einen solchen Systemwechsel motivieren?

Mir scheint, dass sich durch den Wertewandel bei der jüngeren Generation bereits mehr Menschen in diese Richtung bewegen und sich dies auch in der Politik niederschlägt.

Dafür müsste die Lage aber wohl noch deutlich stärker eskalieren.

Im Grunde leben wir doch schon in apokalyptischen Zeiten. Furchtbare Feuer in Australien, Brasilien, Kalifornien, Sibirien, Skandinavien, jährlich mehr und stärkere Hurrikane, ständig neue Temperaturrekorde und nun der Virus, der weite Teile der westlichen Welt stillgelegt hat. Unsere Gesellschaft unterliegt dem Trugschluss, es würde weiter gehen wie bisher. Aber das wird es nicht. Die Krisen spitzen sich zu. Noch haben wir die Chance, zu gestalten und zu lenken. Doch die Spielräume schrumpfen. 

Was würden wir gewinnen durch Ihre Umstellungen?

Wir hätten eine viel geringere Umweltbelastung, weniger Druck und Stress und würden dadurch gesünder leben. Die sozialen Unterschiede würden sich verringern, die Qualität der sozialen Beziehungen verbessern. Die Wertschöpfung im eigenen Land würde gestärkt, die Arbeitszeit verringert. Unsere Gesellschaften wären widerstandsfähiger und globalen Schocks weniger ausgesetzt.

Allein würde die Schweiz damit jedoch wenig bewirken.

Wir unterschätzen, dass die Schweiz als eines der reichsten Länder global als Vorbild gilt. Und vieles kann man durchaus im Alleingang machen, es gibt dafür auch schon weit gediehene Konzepte, die in Schubläden und auf Festplatten liegen.

Aber was ist mit den vielen Entwicklungsländern, deren Bewohner auch gerne so behaglich leben wollen wie viele hier – das soll ohne Wachstum gehen?

Leider hat sich gezeigt, dass Wachstumsphasen der breiten Bevölkerung in diesen Ländern oft kaum nutzen. Indien hatte zwischen 1990 und 2010 enorm hohe Wachstumsraten, aber es fand keine Entwicklung statt, die der breiten Masse zugutegekommen wäre. Vom hohen Wachstum in Südamerika zwischen 2002 und 2013 ist kaum etwas übrig geblieben. Für ausreichend Nahrung, Unterkunft, Bildung, Gesundheit, Absicherung gegen Unglück, Meinungs- und Pressefreiheit sowie gesellschaftliche Teilhabe braucht es nur bedingt Wachstum, aber eine gute Regierungsführung, eine aktive Zivilgesellschaft und gerechte internationale Wirtschaftsbeziehungen.

Reformideen wie Ihre kommen eher nicht aus der Ökonomenzunft, sondern von anderen Wissenschaftszweigen. Was braucht es, um auch die Wirtschaftsexperten an Bord zu holen?

Professorinnen und Professoren, die ökologische, sozioökonomische und politische Fragen zu ihrem Thema machen – zudem Steuerzahler, die das von der Ökonomenzunft einfordern. Stattdessen lässt man sie im Elfenbeinturm an weit von der Realität entfernten Modellen arbeiten. Während in den Naturwissenschaften klar ist, dass die Erde ein geschlossenes System ist und es folglich kein unbegrenztes Wachstum geben kann, wollen dies viele in der Ökonomie schlicht nicht wahrhaben.

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