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Abstimmung Jagdgesetz

Was machen wir bloss mit dem Wolf?

Er verbreitet sich in den Bergen und reisst Schafe und Ziegen. So drängt sich die Frage auf: Sollen die Bestimmungen für den Abschuss eines räubernden Wolfs gelockert werden? Zwei Bergbauern, zwei Meinungen zum neuen Jagdgesetz.

Text Rahel Schmucki
Fotos Nicola Pitaro
Wolf steht auf einem Vorsprung am grün bewachsenen Hang eines Berges.

Gismo, Elin und Freya sitzen aufgeregt hinter dem Elektrozaun und warten auf ihr Frühstück. Die drei sind Herdenschutzhunde und haben hier draussen, oberhalb von Obersaxen im Bündnerland, die Nacht verbracht und die Schafe von Michael Alig (43) bewacht. Das ist auch gut so, denn seit vergangenem Jahr bewegt sich das Wolfsrudel «Val Gronda» in der Region Surselva und reisst regelmässig Tiere. 

Bauer Alig füllt drei Näpfe mit Futter und klettert über den Zaun. Seine Hunde wissen genau, welche Schale ihre ist, und warten geduldig auf das Kommando fürs Fressen. «Vor zwölf Jahren gab es einen Wolfsangriff auf der Alp, wo auch meine Schafe waren», erzählt Alig. Der Wolf habe keins seiner Schafe erwischt, aber seitdem sei ihm klar, dass seine zurzeit 34-köpfige Herde geschützt werden müsse. Trotzdem setzt er sich für ein Zusammenleben mit dem Wolf ein und lehnt das neue Jagdgesetz, das am 27. September zur Abstimmung kommt, ab.

Michael Alig zusammen mit seinen drei Herdenschutzhunden oberhalb von Obersaxen im Bündnerland.

Michael Alig zusammen mit seinen drei Herdenschutzhunden oberhalb von Obersaxen im Bündnerland.

Ein Tal weiter, auf der anderen Seite des Hügels, steht Martin Capaul (40) auf einer Weide oberhalb von Lumbrein. Hier verbringen seine 38 Kühe mit ihren Kälbern die Sommermonate.

Was für Wanderer gefährlich ist, kann sich Capaul erlauben: Er steigt über den Elektrozaun, gesellt sich zur Herde und streichelt einem Kälbchen über den Kopf. Auch hier ist der Wolf allgegenwärtig: «Gleich da oben im Wald ist vor vier Tagen einer in eine Fotofalle getappt», berichtet der Bauer. Seine Tiere könne er aber nicht mit Hunden schützen: «Hunde machen meine Mutterkühe nervös, was dann wieder gefährlich ist für die Wanderer, die hier unterwegs sind.» Für Capaul ist der Wolf eine Gefahr. Er hätte gerne mehr Möglichkeiten, die Raubtiere zu erziehen – notfalls mit Waffen. Zum neuen Jagdgesetz sagt er daher klar Ja.

Bergbauer Martin Capaul in Gesellschaft seiner Kühe auf einer Weide oberhalb von Lumbrein.

Bergbauer Martin Capaul in Gesellschaft seiner Kühe auf einer Weide oberhalb von Lumbrein.

Seit der Wolf wieder in der Schweiz sesshaft geworden ist, vermehrt er sich jedes Jahr. Zurzeit sind zehn Rudel registriert, also Wolfsfamilien mit Jungtieren. Sie leben im Wallis, in Graubünden, im Hinterland von Bellinzona und im Waadtländer Jura. Insgesamt, so die offiziellen Erhebungen, sind in der Schweiz rund einhundert Wölfe unterwegs. Sie jagen Rehe, Wildschweine, Hasen und Vögel. In jüngerer Vergangenheit rissen die Raubtiere pro Jahr auch über 300 Schafe und Ziegen. Das neue Jagdgesetz würde es den Kantonen erlauben, den Wolfsbestand zu dezimieren, bevor ein Einzeltier oder ein Rudel Schaden angerichtet hat.

Inzwischen sitzt Michael Alig in Tschappina, Obersaxen, in der Wiese. Seine Hunde schmiegen ihre Köpfe an seinen Rücken, und auch die Schafe suchen seine Nähe. Seine Mutterschafe nennt Alig beim Namen. Asti, Samira, Fawela. Er kann gut nachvollziehen, dass seine Berufskollegen Angst haben, ihre Tiere an den Wolf zu verlieren. Für ihn lautet die Konsequenz, sie bewachen zu lassen.

 

 

Seine Hunde und Schafe sind ein eingespieltes Team. «Meine Hunde kennen die Schafe und umgekehrt und arbeiten sehr gut zusammen», betont Alig. Der Herdenschutz funktioniere aber nur, wenn die vierbeinigen Beschützer als Rudel optimal funktionieren und sich im Verbund einem Wolfsrudel entgegenstellen können. Dann würden die Wölfe fernbleiben, nur so könne man den Wolf erziehen. «Der Wolf ist ein Opportunist. Wenn Schafe einfacher zu reissen sind als das Wild, dann sind diese natürlich in Gefahr», sagt Alig.

Martin Capaul blickt in den Himmel, Regenwolken sind aufgezogen, und er beeilt sich, zurück zu seinem Hof zu kommen. Dort weiden seine zehn Schafe, denn wie viele seiner Berufskollegen bringt auch er sie nicht auf die Alp und schützt sie mit einem Elektrozaun, Schutzhunde seien für ihn zu aufwendig, das lohne sich für zehn Schafe nicht: «Es gibt zurzeit zu wenig Schutzhunde, und darum müssen die Bauern mit grossen Herden zuerst die Hunde bekommen.» Und eine Garantie, dass Schutzhunde die Herde wirklich beschützen, gebe es sowieso nicht. «Nur etwa die Hälfte der gerissenen Schafe war ungeschützt. Die andere Hälfte wurde von Zäunen oder sogar von Hunden bewacht», weiss Capaul, der sich wie viele andere Landwirte im Wolfsgebiet ein schnelleres Handeln wünscht. Es vergingen Wochen, bis man einen Riss einem Wolf zuordnen könne und bis dann etwas passiere. Er hofft, dass das neue Gesetz hier Abhilfe schafft.

Abstimmung

Änderung des Jagdgesetzes

Am 27. September stimmen wir über das neue Jagdgesetz ab. Es enthält neue Regeln für den Schutz von Wildtieren. Beim Wolf etwa würden Abschüsse erlaubt, bevor einzelne Tiere oder ein Rudel eine bestimmte Anzahl Schafe getötet haben. Der Entscheid über einen Abschuss läge neu bei den Kantonen. Der Wolf bliebe aber ein geschütztes Tier. Landwirte sollen nur noch Entschädigungen für gerissene Tiere erhalten, wenn diese geschützt waren. Für die Naturschutzverbände geht das Gesetz zu weit und gefährdet die Artenvielfalt. Sie haben das Referendum ergriffen.

Ja: SVP, FDP, CVP, Jagd Schweiz, Schweizer Bauernverband, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete

Nein: SP, Grüne, GLP, EVP, FDP Aargau und Bern, CVP Genf, praktisch alle Tier- und Naturschutzorganisationen, einzelne Zusammenschlüsse von Jägern und Wildhütern

Neben den bekannten zehn Rudeln sind in der Schweiz auch Einzelwölfe unterwegs. Sie streifen durch die Wälder, bis sie einen geeigneten Partner gefunden haben, und gründen dann ein Rudel. Solange sie aber alleine unterwegs sind, jagen sie auch alleine. Laut der Gruppe «Wolf Schweiz», die sich selbst als «politische Stimme der Grossraubtiere in der Schweiz» definiert, richten Einzelgänger mehr Schaden an Nutztieren an als Rudel. Das liege daran, dass eine Gruppe sich organisieren und so einfacher Wildtiere reissen kann. Einzeltiere hingegen müssen sich auf die leichteste Beute konzentrieren und finden sie in ungenügend geschützten Ziegen und Schafen.

Das wissen auch Capaul und Alig. In einem Punkt sind sich die beiden Landwirte einig: Wenn ein Wolf begriffen hat, wie er einen Zaun überspringen kann, muss man reagieren und ihn erlegen. Dies ist bereits heute erlaubt. Bauer Alig liegen aber vor allem die Rudel am Herzen. Er sagt: «Ich bin froh, haben wir eine Wolfsfamilie hier.» Denn ein Rudel verteidige sein Revier und dulde keine Einzelgänger. «Eingriffe in Rudel müssen grundsätzlich hochprofessionell durchgeführt werden, und ich befürchte, dass die wenigsten Kantone so gut aufgestellt sind wie Graubünden», so Alig weiter. Sonst bestehe die Gefahr, dass Familienstrukturen zerstört würden, was zu mehr gerissenen Schafen und Ziegen führen könne. Alig ist überzeugt, dass sich die Zahl der Wölfe durch intakte Familienstrukturen selber regulieren würden.

Ja zu naturnaher Landwirtschaft, aber …

Michael Alig weiss, dass er als Gegner des neuen Jagdgesetzes unter den Landwirten ein Querdenker ist. Er beschäftigt sich schon lange mit dem Wolf und philosophiert gerne. «Wissen hilft, um besser zu verstehen, und ermöglicht ein besseres Zusammenleben», sagt er. Für ihn gehört die Natur und damit der Wolf zum Leben als Bergbauer dazu. Er habe nicht das Recht zu entscheiden, welche Tierart leben dürfe und welche nicht. «Man kann nicht immer alles kontrollieren. In fünf Jahren gehören alle Alpen zum Wolfsgebiet, und wir Bauern sollten uns darauf vorbereiten und unsere Herden gut schützen.» Daher sei es wichtig, dass alle Seiten gut zusammenarbeiten und so gegenseitig vom Wissen und den Erfahrungen der anderen profitieren können.

Auch Martin Capaul steht für eine naturnahe Landwirtschaft ein. Aber genau diese Landwirtschaft mit Tieren mit Freilauf oder Mutterkuhhaltung funktioniere zusammen mit dem Wolf nicht. Wenn zum Beispiel Kühe auf der Weide abkalbern, ziehe der Geruch von frischem Blut Wölfe an. «Wenn man diese naturnahe Landwirtschaft will, muss man Problemwölfe abschiessen können, die diese bedrohen», sagt Capaul. Für ihn bestehe da ein Konflikt zwischen Landwirtschaft, Tourismus und den Grossraubtieren.

Egal, wie die Abstimmung ausgeht, der Streit zwischen den Lagern werde weitergehen, davon ist Capaul überzeugt: «Für die meisten Bergbauern werden alle Massnahmen gegen den Wolf zu wenig sein, solange ihre Tiere gerissen werden. Und für die Tierschützer wird jeder Wolf, der abgeschossen wird, einer zu viel sein.»

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