Navigation

Migros - Ein M besser

Abstimmung Vaterschaftsurlaub - Alain Berset

«Der Vaterschaftsurlaub ist absolut finanzierbar»

Bundesrat Alain Berset im Interview über die Dringlichkeit des Vaterschaftsurlaubs und seine Rolle als dreifacher Vater.

Text Anne-Sophie Keller
13_vater-bundesrat-alain-berset.jpg

Bundesrat Alain Berset (48) ist Vater von Antoine (16), Achille (14) und Apolline (12).

Am 27. September entscheiden wir über einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub. Die aktuellen Umfragewerte deuten auf ein Ja hin. Wie optimistisch sind Sie?
Es gibt sicher noch eine vertiefte Diskussion und einen gewissen Erklärungsbedarf. Aber die Umfragewerte entsprechen dem Eindruck, den ich seit Jahren habe: Die Leute sind bereit für den Vaterschaftsurlaub. Am Schluss zählt das Resultat am Abstimmungssonntag.

Gegner finden die Vorlage mit geschätzten 230 Mio. Franken pro Jahr zu teuer. Dürfte die aktuelle Rezession diese Argumentation beflügeln?
Ich habe Mühe, dieser Argumentation zu folgen. Die Coronakrise hat gezeigt, was der Staat machen kann, wenn die Bevölkerung und die Wirtschaft Unterstützung brauchen. Wir sprechen von zweistelligen Milliardenbeträgen und nicht von Millionen. Die jetzige Situation verhindert eine langfristig stabile Finanzierung für den Vaterschaftsurlaub nicht. Man darf nicht vergessen: In unserem Land werden jedes Jahr rund 87 000 Kinder geboren. Das ist die Zukunft der Schweiz! Eine Wertschätzung ist da sehr wichtig. Zwei Wochen sind bescheiden, aber ein guter Schritt und absolut finanzierbar. Zudem sind die 230 Millionen Franken eine Maximalschätzung zur seit Jahren recht stabilen Anzahl Geburten.

Was wäre ein Argument für die Wirtschaft?
Es gibt heute schon Unternehmen, die Vätern nach der Geburt eines Kindes mehr Zeit geben als die gesetzlich vorgeschriebenen ein bis zwei Tage. Andere Betriebe können sich das nicht leisten und haben so einen Wettbewerbsnachteil. Die Vorlage schafft hier einen Ausgleich, von dem viele KMUs profitieren.

Die Schweiz ist europaweit das einzige Land ohne Vaterschaftsurlaub. Warum wird die Väterfrage erst jetzt politisch behandelt?
Auch der Mutterschaftsurlaub wurde später als in anderen Ländern eingeführt. Das hat mit dem Schweizer System zu tun: Die direkte Demokratie verlangt Zeit; kleine Schritte und eine stabile Vorbereitung. Jetzt haben wir einen breit abgestützten Kompromiss auf dem Tisch. Bundesrat und Parlament hoffen, dass dieser angenommen wird. Ein Kind ist für die Organisation einer Familie ein fast revolutionärer Umbruch. Das ist nicht einfach. Dass die Väter dafür Ferien beziehen müssen, damit sie mehr als einen oder zwei Tage bei der Familie sein können, ist nicht mehr zeitgemäss.

Die Coronakrise traf Frauen besonders hart, da sie oft in Pflegeberufen arbeiten oder die Betreuung der Kinder zu Hause übernehmen mussten. Wünschen Sie sich mehr Engagement seitens der Väter?
Es ist nicht die Aufgabe des Staates, den Familien vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Wir müssen aber möglichst alles tun, dass verschiedene Möglichkeiten bestehen. Wir arbeiten seit Jahren daran, bessere Voraussetzungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu schaffen. Mithilfe des Bundes wurden Zehntausende von Krippenplätzen geschaffen. Wir machen noch nicht genug, aber viel. Natürlich wünsche ich mir, dass die Väter mehr Platz in der Familie einnehmen. Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung – und der Vaterschaftsurlaub hilft dabei.

Wie haben Sie die Zeit nach der Geburt Ihrer Kinder erlebt?
Damals war ich noch an der Universität Neuenburg angestellt. Mein erster Sohn, Antoine, kam während der Sommerferien zur Welt. Ich habe Ferien bezogen und Überstunden kompensiert. Aber natürlich hätte ich mir mehr Zeit mit der Familie gewünscht.

Während des Lockdowns haben Sie ihre Familie wochenlang nicht gesehen. Was hat Ihnen am meisten gefehlt?
Die persönliche Nähe und der physische Kontakt. Zu Hause hätte ich keine Zeit für die Familie gehabt. Zu dieser Zeit gab es unglaublich viel Arbeit. Die Fallzahlen sind enorm gestiegen, und ich trug eine grosse Verantwortung, mich nicht anzustecken. Also habe ich entschieden, in Bern zu bleiben. Zum Glück hat meine Familie Verständnis gezeigt.

Wie haben Sie Ihren Vater erlebt? Sind Sie ihm ähnlich?
Ich habe als Kind viel Zeit mit ihm verbringen dürfen. Ich versuche als Vater eine Balance zwischen der Arbeit und der Familie zu finden. Das ist nicht immer einfach. Und es gibt Momente, in denen das nicht genügend gelingt. Das habe ich dieses Jahr erlebt.

Was wünschen Sie Ihren Söhnen in Bezug auf die Familienplanung?
Ich wünsche allen meinen Kindern, dass sie frei und glücklich sind. Und keinen Druck seitens der Eltern verspüren. Ich hoffe, dass sie ihren eigenen Weg finden und ihnen die Möglichkeiten dazu offenstehen.

Schon gelesen?