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Migros - Ein M besser

Intergeschlechtlichkeit

«Ist meine Existenz nichts wert?»

Audrey Aegerter kam mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt. Sie hat zahlreiche Operationen und Behandlungen hinter sich. Heute kämpft sie dafür, dass Intergeschlechtlichkeit nicht mehr als Störung behandelt wird.

Text Lisa Stutz
Fotos Ephraim Bieri
Audrey Aegerter

Audrey Aegerter wünscht sich, dass Intergeschlechtlichkeit von der Gesellschaft als Teil der menschlichen Diversität begriffen wird.

Ich bin Audrey», sagt Audrey Aegerter, eine junge Frau mit kurzen Haaren, gestreiftes Oberteil, Brille, französischer Akzent. «Ich komme aus der Westschweiz, meine Mutter ist Baslerin, darum kann ich Schweizerdeutsch. Ich bin Studentin in Kinderrecht an der Uni Genf. Ich wohne abwechselnd in der Stadt Bern und in La Neuveville. Ich jogge gerne, ich liebe Currys und Bier und ich bin eine intergeschlechtliche Frau – ähm, ja, das wärs.» Sie lächelt und nimmt einen Schluck Hafermilch-Cappuccino. Audrey würde sich wünschen, dass ihr letzter Satz genauso normal wäre wie die anderen. Doch viele Leute wissen noch immer nicht, was «intergeschlechtlich» überhaupt bedeutet.

Die Körper von intergeschlechtlichen Menschen entsprechen nicht der Normvorstellung von den zwei Geschlechtern. Sie sind also nicht eindeutig weiblich oder eindeutig männlich. Intergeschlechtlichkeit ist ein Oberbegriff für viele Variationen: Man nehme Penis, Klitoris, Hormone, Chromosomen, Stimme, Bart und andere primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale, stecke alle in einen Hut, schüttle kräftig, und stelle beliebig zusammen. Etwa 1,7 Prozent der Weltbevölkerung ist intergeschlechtlich. Als Mitbegründerin und Präsidentin des Vereins «InterAction Schweiz» setzt die 28-jährige Audrey sich für intergeschlechtliche Menschen und deren Eltern ein – und damit gegen unfreiwillige, nicht lebensnotwendige medizinische Behandlungen und gegen das grosse Tabu, das das Thema umgibt. Darum erzählt sie heute ihre Geschichte, die schon vor ihrer Geburt beginnt.

«Da stimmt etwas nicht ganz»

Ein X- und ein Y-Chromosom zeigte der Test während der Schwangerschaft an, die Eltern erwarteten also einen Jungen. Doch als das Kind am 29. Juli 1992 auf die Welt kam, war es offensichtlich ein Mädchen. Ein kerngesundes. Die Eltern freuten sich. «Doch die Ärzte befanden, da stimme etwas nicht ganz, da die Amniozentese sich nicht irren kann», erzählt Audrey, die in La Neuveville BE aufgewachsen ist. Sie liebt es zu reisen, andere Milieus und Kulturen kennenzulernen, grossen, kleinen, dicken und dünnen Leuten zu begegnen. «Menschen sind divers», sagt sie. «Es ist empörend, dass man von Geburt an strategisch meine Diversität durch Hormone und Operationen auslöschte.» Lange Zeit wusste sie aber nichts davon. Eine ihrer ersten Erinnerungen ist, wie sie mit ihrer jüngeren Schwester mit Puppen spielte. Im Spiel steckten sie sich die Puppen unter die T-Shirts, als wären sie schwanger. Da sagten ihr die Eltern, dass sie nie Kinder bekommen könne. «Ich fand das voll okay», erinnert sie sich. «Dann haben wir halt einfach Adoption gespielt.» Sie kannte eine Nachbarin, die ein Kind adoptiert hatte. Fortan erzählte sie allen, dass sie mal ein Baby adoptieren will.

Die Scham kam erst später. Etwa zeitgleich mit den Operationen, die man an ihr vornahm. Was genau gemacht wurde, wusste sie damals nicht und will sie heute nicht bis ins Detail darlegen. Sie habe zwar gemerkt, an welchen Stellen am Körper die Operationen durchgeführt wurden – aber der Sinn und Zweck? Keine Ahnung. Sie wusste nur, dass sie eine Missbildung im Bauch habe. «Natürlich habe ich gemerkt, dass meine Eltern und die Ärzte mir nicht die ganze Wahrheit sagten.» Sie dachte, es sei etwas Schlimmes, dass sie vielleicht sterben könnte. Erst viel später hat sie ihre Krankenakten gelesen. Auf ihre Eltern ist sie nicht wütend. Sie sind beide im Gesundheitswesen tätig und glaubten an das korrekte Vorgehen der Ärzte. «Ich habe meine Eltern sehr gern. Sie sind genauso wie ich ein Opfer der Medizin», sagt Audrey. Enttäuscht stellt sie fest: «Ich bin als gesundes Kind geboren, und die Medizin hat mich krank gemacht – psychisch und körperlich.» Noch heute muss sie jeden Tag Hormone einnehmen, um zu funktionieren.

Fachliche Aufklärung: Fehlanzeige

Als Jugendliche hatte Audrey drei Jahre lang einen Freund – ihm hat sie nichts erzählt. Zu gross war die Scham, die Geheimnistuerei, ihr eigenes Unwissen. «Eigentlich bin ich gezwungen worden zu lügen.» Als die anderen Mädchen in der Klasse über ihre Periode sprachen, konnte sie nicht mitreden. Mit 15 Jahren reiste sie für ein Jahr in die USA, nach Missouri, wo sie bei einer evangelischen Gastfamilie lebte. Dort erzählte man ihr viel darüber, was eine gute Frau ausmache. «Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich meine Identität als Frau infrage gestellt.» Wieder in der Schweiz, ging sie zu ihrem Arzt. Sie wollte wissen, wollte googeln, was mit ihr nicht stimmt. Er nannte ihr den Namen eines Syndroms. Das Wort «intergeschlechtlich» fiel nicht ein einziges Mal. Sie musste es selber herausfinden.

Ein paar Jahre später erlebte sie einen Schlüsselmoment. Sie war wieder einmal bei einer Ärztin. Diese sagte, sie wolle einen Test bei Audreys Schwester machen, um auszuschliessen, dass sie einmal Kinder mit derselben «Störung» bekommen würde. Audrey sagte: «Entschuldigung, ist meine Existenz denn nichts wert?» Sie verliess die Praxis und weinte. Zwei Freunde, mit denen sie verabredet war, warteten draussen auf sie. «Ihnen gegenüber hatte ich mein Coming-out, das erste Coming-out von vielen.»

Von da an informierte sie sich intensiver über Intergeschlechtlichkeit. Durch ein Filmprojekt traf sie zum ersten Mal andere Betroffene aus ganz Europa. «Plötzlich war ich nicht mehr alleine», erzählt sie. Zudem stellte sie fest, dass ihre Geschichte kein Einzelfall war, sondern dass viele Ähnliches erlebt hatten. «Es besteht ein strukturelles Problem.»

Eine Ausstellung mit Tiefgang

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Audrey Aegerters Lebensgeschichte ist als Videobeitrag Teil der neuen Ausstellung «Geschlecht» im Stapferhaus in Lenzburg AG, das vom Migros-Kulturprozent unterstützt wird. Wie entsteht Geschlecht? Was macht einen Menschen zur Frau, was zum Mann? Und was führt darüber hinaus? Fragen, die beim Rundgang durch die Ausstellung beantwortet werden.

Die Ausstellung lässt die Besucherinnen und Besucher bei den Chromosomen und Hormonen starten und führt sie in poetisch verspielte Welten: Während sich Kinder in Fabelwesen verkleiden, üben sich Erwachsene im Stöckelschuh-Laufen und erfahren, warum dies früher «Männersache» war. Denn Geschlecht ist weit mehr als nur Biologie.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Oktober 2021. Es wird empfohlen, einen Platz in der Ausstellung zu reservieren auf www.stapferhaus.ch/besuchen.

Willkürliche Operationen verbieten

2017 gründete Audrey Aegerter den Verein InterAction Schweiz mit. Er ist eine Anlaufstelle für intergeschlechtliche Menschen und ihre Eltern. «Ich merkte: Meine Stimme kann etwas verändern.» Und was es zu verändern gilt, ist für sie klar: Sie will ein strafrechtliches Verbot von Operationen, die die Geschlechtsmerkmale von Kindern verändern, die eine Variation von Intergeschlechtlichkeit aufweisen. Zudem will sie die Verjährungsfrist von ungewollten Operationen ausdehnen. Audrey ist es wichtig festzuhalten, dass sie nicht grundsätzlich gegen Operationen und medizinische Behandlungen sei – bei manchen Variationen seien diese sogar nötig. Doch dürften diese ausschliesslich nur mit dem Einverständnis der betroffenen Person oder im Fall drohender Lebensgefahr vorgenommen werden. «Jeder Mensch hat ein Recht auf körperliche Unversehrtheit», sagt die Kinderrechts-Studentin. Zwar seien Ärzte heute deutlich stärker sensibilisiert als noch vor ein paar Jahren, aber weil die Intergeschlechtlichkeit offiziell als Störung gilt, werde sie auch als solche behandelt.

«Mein Leben ist inzwischen schön», sagt Audrey. «Ich habe wundervolle Freunde in ganz Europa, eine tolle Partnerin, Eltern, die mich lieben. Mir geht es gut. Aber manchmal frage ich mich schon: Warum passiert das immer noch?»

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