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Balkan-Schwiizertüütsch

Gömmer Migros?

Balkan-Slang ist bei Jugendlichen in und weitverbreitet – auch bei Schweizern ohne Migrationshintergrund. Zwei Sprachforscher erklären das Phänomen.

Text Ralf Kaminski
Typischer Balkan-Slang-Ausdruck

Wer Jugendlichen im Zug oder Tram zuhört, kann es kaum überhören: «Voll krass, Mann», «Hey, Alter», «Ich bi Bahnhof» – typische Worte und Floskeln, gekoppelt mit einer bestimmten Aussprache. Jugo-Deutsch oder Balkan-Slang wird von Teenagern rege genutzt, auch von solchen mit Schweizer Wurzeln.

«Merkmale sind das Vereinfachen der Grammatik und der stakkatoartige Sprachrhythmus», sagt Stephan Schmid (61), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Phonetischen Laboratorium der Universität Zürich. «Ausserdem werden die Konsonanten b, g und d stimmhaft-vibrierend gesprochen, das s am Wortanfang zischend und lang gezogen.»

«Gömmer Starbucks», Bänz Friedli über Balkan-Slang, live 2015

Doch es gibt auch Variationen des Balkan-Slangs. «Es ist ein Spiel mit Sprache und Regeln, eine Weiterführung anderer Normbrüche», sagt Christa Dürscheid (60), die sich am Deutschen Seminar der Universität Zürich mit Gegenwartssprache beschäftigt. So habe sich das Wort «geil», das einst als stilistischer Normbruch galt, derart etabliert, dass es quasi etwas Neues brauchte.

Ein Hauch Auflehnung

Auch Schmid betont den «leichten Oppositionscharakter» des Balkan-Schweizerdeutschen. «Da schwingt Abweichung und Auflehnung mit, und das ist im Jugendalter natürlich attraktiv.» Es spiele auch Imagebildung rein, man signalisiere: «Wir
können zwar Schweizerdeutsch, aber reden es etwas anders, denn wir sind nicht so wie die Bünzlischweizer.»

Dass sich die sprachlichen Unzulänglichkeiten einer Minderheit, die lange Zeit nicht sehr geschätzt wurde, derart etablieren können, lässt sich auch in anderen Ländern beobachten. Dürscheid verweist auf das Türken- bzw. Kiez-Deutsch in Deutschland. Doch in der Schweiz gibt es keine andere Einwanderergruppe, die einen so grossen Einfluss auf die Sprache der Einheimischen genommen hat wie die vom Balkan.

Mike Müller alias Herr Berisha: Mit Märli-Tante Trudi Gerster in der Satire-Sendung «punkt.CH»

«Sprachwandel kommt immer von unten und geht oft in Richtung Vereinfachung», sagt Schmid. Am Ende könnte sich auf diese Weise sogar ein neuer Schweizer Dialekt etablieren, das Balkan-Schwiizertüütsch, je nach Region etwas anders gefärbt. Einsprachige, unter wenigen Ausländern aufgewachsene Jugendliche tendierten in der Regel nicht dazu, diesen Slang zu verwenden, hat Schmid in seinen Studien beobachtet. Zudem passten die Teens ihre Sprache der Situation an. «Mit den Kollegen sprechen sie so, nicht aber mit dem Chef oder mit Kunden bei der Arbeit.»

Ausdruck von Spielfreude

Beide Sprachforscher betonen, dass die Nutzung des Slangs nichts mit Sprachkompetenz oder Bildungsgrad zu tun hat. «Es ist kein Ausdruck von Unwissenheit, sondern von Spielfreude», sagt Christa Dürscheid. Und Schmid hört es auch unter Studierenden an der Uni.

Typischer Balkan-Slang-Ausdruck

Typische Beispiele

Hey, Brate! (Hallo, Bruder)

Gömmer Migros? (Gehen wir in die Migros?)

Hajde, hajde (los geht’s, gehen wir)

Ja voll, Mann! (genauso ist es, wobei «…, Mann!» beliebig an alles gehängt werden kann)

Guckst du hier (schau mal hier)

Volim te (ich liebe dich)

Das alles begann vor rund 20 Jahren. Dürscheid glaubt, der Höhepunkt des Phänomens sei bereits überschritten. «Ich sehe es eher als eingefrorene Sprechweise vor allem unter jungen Männern, die mal als cool galt und immer noch genutzt wird.» Es würden dabei auch weniger die Einwanderer selbst imitiert als die Inszenierungen des Balkan-Slangs in den Medien oder der Werbung während der Nullerjahre.

Heutige Sprachtrends verortet sie woanders. Dazu gehört etwa, Zitate aus beliebten Netflix-Serien zu übernehmen. Oder in den sozialen Medien Memes zu basteln, in denen Promis andere Worte in den Mund gelegt werden. «Die Funktion ist aber letztlich dieselbe: Gemeinschaft herstellen, auf gemeinsames Wissen zurückgreifen und Gruppenidentität stiften.» 

Lesetipp: Christa Dürscheid: «Sbeschte wos je hets gits.» Jugendliche im Gespräch, in: Schulinfo Zug – Nr. 2, 2010/11;  Hrsg. von der Direktion für Bildung und Kultur des Kantons Zug, 20-22. 

Din Jugo by Bostic Besic

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