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Aufstiegsmöglichkeiten

Chancenland Schweiz

Der Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, lässt sich in der Schweiz leichter erfüllen als in den USA – dies zeigt eine Studie der Universität St. Gallen. Fast drei Viertel aller Kinder aus dem untersten Einkommensfünftel schaffen es, sich hochzuarbeiten, jedes achte bis ganz nach oben.

Text Ralf Kaminski
Der Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, lässt sich in der Schweiz leichter erfüllen als etwa in den USA

In der Schweiz hat man bessere Chancen als in anderen Ländern, beruflich und sozial aufzusteigen.

Sie gilt als «amerikanischer Traum» – die Sehnsucht, es aus armen Verhältnissen zu Reichtum zu -bringen. Doch in den USA selbst gelingt es nur 7,5 Prozent der Kinder aus dem untersten Einkommensfünftel in das oberste vorzustossen. In der Schweiz schaffen es 13 Prozent, in Schweden sogar fast 16. Dies zeigt eine neue Studie zur Chancengleichheit der Universität St. Gallen.

Wahrscheinlich förderlich für den Aufstieg seien eine gut funktionierende Wirtschaft und eine gute Schulbildung, sagt Patrick Chuard (34), Ökonom und Co-Autor der Studie. «Hier hilft das Schweizer Berufsbildungssystem, das es erlaubt, nach der Lehre weitere höhere Schulen zu absolvieren und dann mit 25 im Arbeitsmarkt ähnlich gute Chancen zu haben wie ein Uni-Absolvent.» Chuard sieht dies auch als Hauptgrund, weshalb es in der Schweiz knapp drei Viertel aller Kinder aus dem untersten Einkommensfünftel schaffen, sich hochzuarbeiten.

Dennoch sei die akademische Ausbildung noch immer der Königsweg, es bis ganz nach oben zu schaffen. Chuard vermutet, dass die Tellerwäscherkarriere in Schweden noch häufiger gelingt, weil es weniger Hindernisse beim Zugang zum Gymnasium gibt. In der Schweiz gehen nur zwölf Prozent der Kinder aus Familien, deren Einkommen sich in der unteren Hälfte des Spektrums bewegt, ans Gymnasium – weniger als zehn Prozent machen einen Master. Einige könnten deshalb nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen, sagt Chuard. «Je höher das Einkommen der Eltern, desto mehr Kinder machen den Master-Abschluss.»

Er vermutet, dass dabei auch kulturelle Gründe eine Rolle spielen. «Kinder aus unteren Einkommensschichten können sich vielleicht gar nichts anderes vorstellen als eine Lehre, halten Gymnasien und Unis für elitär und streben das deshalb gar nicht an. Vielleicht müsste man sie mehr informieren und ermutigen, diesen Schritt zu wagen.» Umso mehr, als ein Studium in der Schweiz eher günstig sei.

Männer schaffen es häufiger

Laut der Studie ermöglichen Berufe im Bereich der Wissenschaft, Technologie, Mathematik, des Ingenieurwesens, aber auch in der Information, Kommunikation und im Banking den Aufstieg besonders gut. Und schaut man sich die Kantone an, schneiden Genf, Zug und Zürich am besten ab. «Je höher der Wirtschafts-Output in einer Region, desto höher ist auch die soziale Mobilität», sagt Chuard, «denn am Ende braucht es nach der guten Ausbildung immer auch noch die passenden Jobs.»

Zudem zeigt die Studie deutliche Geschlechterunterschiede beim Einkommensfortschritt gegenüber der Elterngeneration: 54 Prozent der 40-jährigen Männer verdienen heute mehr als ihre Väter im gleichen Alter, aber nur 18 Prozent der 40-jährigen Frauen. Immerhin: 72 Prozent von diesen haben ein höheres Einkommen als ihre Mütter im gleichen Alter. «Aber die Idee, dass es den Kindern automatisch finanziell besser geht als den Eltern, müssen wir wohl relativieren», sagt Chuard.

Studie: Veronica Grassi, Patrick Chuard: «Switzer-Land of Opportunity: Inter-generational Income Mobility in the Land of Vocational Education», Universität St. Gallen 2020

Zahlen und Fakten

12 000 Franken mehr pro Jahr verdienen Sprösslinge von Schweizer Vätern aus der höchsten Einkommensklasse als Sprösslinge von Vätern aus der tiefsten. Verglichen wurden hier Saläre von Nachkommen Anfang 30: Die aus der tiefsten Klasse verdienten im Schnitt 56 000 Franken, die aus der höchsten 68 000. In den USA oder in Italien ist die Differenz deutlich höher.

1,4 Prozent höher ist der Lohn der Nachkommen im Schnitt, wenn ihr Vater 10 Prozent mehr verdient. Das ist deutlich weniger als in den USA (4,5%), Schweden (2,9%) und Italien (2,5%). Der Einfluss der väterlichen Einkommenssituation ist in der Schweiz also geringer als in den anderen drei Ländern.

30 Prozent der Nachkommen der Reichsten bleiben in der Schweiz im obersten Einkommensfünftel, während es nur 13 Prozent der Ärmsten gelingt, dorthin vorzustossen.

40 Prozent aller Berufsleute in der Schweiz haben einen höheren Bildungsabschluss, obwohl nur knapp 20 Prozent der Jugendlichen ins Gymnasium gehen und über 70 Prozent eine Lehre machen. Viele von ihnen bilden sich später jedoch noch weiter.

25 Prozent aller Mädchen gehen ans Gymnasium, ihr Anteil in Gymi-Klassen beträgt im Schweizer Durchschnitt fast 57 Prozent. Dennoch verdienen sie im Schnitt am Ende meist weniger und haben weniger Aufstiegschancen als Jungen.

Quellen: Studie «Switzer-Land of Opportunity», NZZ, Avenir Suisse

Einige Menschen, die den Aufstieg geschafft haben

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Guido Fluri (54), Immobilien-Unternehmer aus Cham ZG

Als Sohn einer alleinerziehenden, unmündigen Mutter in Olten geboren, mehrfach fremdplatziert, Lehre als Spengler und Tankwart, mit Ersparnissen und Kredit-erster Kauf von Land und Bau von Wohnungen.

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Miranda Mehmetaj (34), Filialleiterin der Migros Schönthal in Füllinsdorf BL

Im Kosovo geboren, flüchtete 1999 mit zwölf Jahren vor dem Krieg in die Schweiz, wo der Vater als Saisonnier auf dem Bau arbeitete, machte erst eine Verkaufslehre bei der Migros, dann Zusatzausbildungen als Detailhandelsspezialistin und Detailhandelsmanagerin sowie interne Führungskurse und stieg bis zur Filialleiterin auf.

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Beat Zaugg (62), CEO des Veloherstellers Scott aus Freiburg

Als Sohn eines Bäckerpaars in Bern geboren, Lehre als Bauzeichner, Einstieg als Mitarbeiter bei Firma Scott, die er später nach und nach mithilfe von Bankkrediten übernehmen konnte und schliesslich zur Hälfte weiterverkaufte.

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Marianne Wildi (55), Vorsitzende der Geschäfts­leitung der Hypothekarbank Lenzburg AG

Tochter eines Schreiners und einer Französischlehrerin aus Schafisheim AG, Handelsdiplomschule, Ökonomiestudium an der Fachhochschule Zürich; schon 1984 Einstieg bei der Hypo Lenzburg als Programmiererin, Aufstieg bis in die Geschäftsleitung, einzige Frau im 20-köpfigen Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankiervereinigung.

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Varatharajah Niththiyabhavanantham ­alias Varathan (49), preisgekrönter Koch und Unternehmer, Sursee LU

Als Sohn eines Reisbauern in Sri Lanka geboren, mit 20 in die Schweiz geflüchtet, erste Jobs als Tellerwäscher und WC-Putzer, später als Koch, heute Besitzer des Restaurants «Varathans Restaurant & Lounge» in Sursee.

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Ylfete Fanaj (38), Sozialarbeiterin und Luzerner Kantonsratspräsidentin aus Luzern

1982 in Kosovo geboren, 1991 zum Vater in die Schweiz ge-zogen, der hier als Saisonnier arbeitete, Ausbildung als Kauffrau, Berufsmatura, Master in Sozialer Arbeit, 2007 für die SP in den Grossstadtrat Luzern gewählt, 2011 in den Kantonsrat, 2015 SP-Fraktionschefin im Kantonsrat, seit diesem Sommer dessen erste Präsidentin mit Migrationshintergrund.

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Fritz Bösch (86), Gründer von Feintool aus Lyss BE

In eine arme Familie in Zürich-Affoltern geboren, Lehre als Werkzeugmacher, gescheiterte Profiradsportträume, Co-Gründung einer Werkzeugfirma, aus der schliesslich Feintool wurde.

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