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Corona

Sind wir schon in der zweiten Welle?

Die Zahl der Corona-Infektionen in der Schweiz ist wieder gestiegen. Wie hoch sind die Risiken? Was müssen wir jetzt tun? Nicola Low, Epidemiologin in der Corona-Task-Force des Bundes, hat Antworten.

Text Ralf Kaminski
Eine Gruppe Wanderer wartet auf das Postauto bei der Haltestelle Sagendorf in Emmetten im Kanton Nidwalden am zweiten Tag der Schutzmaskenpflicht im oeffnetlichen Verkehr waehrend der Corona-Pandemie am Dienstag, 7. Juli 2020.

Mit Maske und Abstand: Eine Gruppe Wanderer wartet auf das Postauto bei der Haltestelle Sagendorf in Emmetten NW. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Nicola Low, die Infektionszahlen in der Schweiz sind wieder angestiegen. Wie hoch schätzen Sie das Risiko einer zweite Welle ein? Oder sind wir gar schon mittendrin?

Das ist die Millionenfrage. Wir befinden uns noch nicht mitten in einer zweiten Welle. Aber es ist möglich, dass sich das Coronavirus bereits so weit ausgebreitet hat, dass wir sie ohne zusätzliche Massnahmen nicht mehr aufhalten können.

Die bisher getroffenen Massnahmen reichen also nicht?

Sie sind Teil eines Pakets der «Kombinationsprävention», das die Science-Task-Force des Bundes geschnürt hat (siehe Kasten unten). Würden sich alle konsequent daran halten, dürfte dies die Verbreitung des Virus eindämmen. Wir haben allerdings nicht genügend Daten darüber, wie gut die einzelnen Massnahmen umgesetzt werden. Erst die Zeit wird zeigen, ob es ausreichend war. Wir könnten aber sicher noch mehr tun.

Zum Beispiel?

Die SwissCovid-App sollte von viel mehr Menschen genutzt werden. Auch könnte man noch mehr testen – etwa alle Leute, die in Quarantäne müssen, alle Personen, die in die Schweiz einreisen, und alle, die leichte Symptome zeigen.

Würde nicht auch eine Ausweitung der Maskenpflicht auf Geschäfte, Restaurants und den öffentlichen Raum helfen?

Das könnte wohl schon etwas bringen – aber es ist schwierig zu sagen, wie viel genau. Masken sind generell nur sinnvoll, wenn sie Teil eines grösseren Massnahmenpakets sind.

Was jetzt wichtig ist

Alle können dazu beitragen, dass sich das Virus nicht weiterverbreitet. «Wir sind in der Lage, uns selbst und andere vor einer Ansteckung zu schützen», sagt Nicola Low. Entscheidend dafür ist, diese Massnahmen konsequent zu befolgen:

- Hände waschen

- Abstand halten

- in die Armbeuge niesen und husten

- eine Maske tragen

- die SwissCovid-App aufs Smartphone laden

- enge Innenräume mit vielen Menschen vermeiden

- sich testen lassen, falls Symptome auftauchen

- Quarantäne- und Isolationsregeln einhalten

Weitere Infos: bag-coronavirus.ch

Hat die Schweiz zu rasch zu viel gelockert?

Im Nachhinein sind wir immer klüger. Meines Erachtens wurden in der letzten Lockerungsphase zu viele Massnahmen zu schnell aufgehoben. Es fehlte an der Vorbereitung, um die Folgen der Lockerungen und die Wirksamkeit des Contact Tracing zu überwachen. Der Bund hätte eins nach dem anderen lockern sollen, mit Gegenmassnahmen für jede Lockerung.

Zum Beispiel?

Die Pläne für den Umgang mit Einreisenden aus verschiedenen Ländern hätten bereits vor der Öffnung der Grenzen vorliegen sollen. Die Ausbrüche in Nachtclubs zeigen zudem, dass es sehr riskant ist, eine grosse Zahl von Menschen in geschlossenen Räumen zuzulassen. Möglicherweise müssen die Clubs wieder geschlossen werden.

Wirklich vorbei ist das alles erst, wenn ein Impfstoff gefunden ist, richtig?

Leider wird es auch dann nicht vorbei sein. Denn dieser Impfstoff wird nicht plötzlich für alle verfügbar sein. Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute ihn zuerst bekommen, die ihn am meisten benötigen – etwa Mitarbeitende im Gesundheitswesen und ältere Menschen. Und wir müssen die Situation global betrachten.

Junge und Gesunde sollten also erst geimpft werden, wenn auch international alle Risikogruppen abgedeckt wurden?

So wird es vermutlich nicht laufen. Aber wir dürfen uns nicht nur um uns kümmern, sondern sollten auch die vielen verletzlichen Menschen in ärmeren Ländern nicht vergessen – sie brauchen den Impfstoff tatsächlich dringender als junge gesunde Menschen in der Schweiz. Deshalb braucht es internationale Zusammenarbeit, damit der Impfstoff global fair verteilt werden kann.

Nicola Low ist Epidemiologin am Insititut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern sowie Mitglied in der Corona-Task-Force des Bundes.

Nicola Low ist Epidemiologin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern sowie Mitglied in der Corona-Task-Force des Bundes.

Wie optimistisch sind Sie, dass es überhaupt eine wirksame Impfung geben wird?

Ich glaube, es wird einen Impfstoff geben, aber nicht vor 2021. Und er wird vielleicht nicht alle Infektionen verhindern und muss möglicherweise jedes Jahr verabreicht werden, wie der Grippeimpfstoff.

Braucht es einen Impfzwang?

Nein, das wäre eher kontraproduktiv. Es bringt mehr, zu erklären, weshalb die Impfung wichtig ist, dass man damit sich und andere schützt.

Bis dahin müssen wir die richtige Balance finden, um mit dem Virus zu leben, was braucht es dafür?

Solidarität, Verständnis und viel Forschung. Es ist ein neues Virus, wir müssen noch herausfinden, was die richtige Balance und Kombination von Massnahmen ist. Einerseits müssen wir die Übertragungen im Zaum halten und das Leben von gefährdeten Menschen schützen. Andererseits müssen wir in der Lage sein, zu leben und zu arbeiten, nicht nur zu überleben. Und wir müssen weiter an neuen Impfstoffen und Behandlungsmethoden arbeiten – auch gegen die Langzeitfolgen, unter denen einige Menschen leiden werden.

Wie die SwissCovid-App Infektionsketten stoppt.

International geht man sehr unterschiedlich mit Corona um: Wie schneidet die Schweiz insgesamt ab?

Sie hatte einen schlechten Start, hat dann aber gut reagiert.

Stand heute sind wir also ganz gut unterwegs?

Das ist schwer einzuschätzen. Wir sind derzeit in einer kritischen Phase, es gibt mehr neue Fälle, aber wir wissen noch nicht, ob es wirklich in Richtung zweite Welle geht. Auf einem guten Weg bleiben wir, wenn wir weiterhin gut zusammenarbeiten und als Gesellschaft solidarisch bleiben.

Gibt es ein Land, das Sie als besonders vorbildlich wahrnehmen?

Neuseeland hat wirklich gute Arbeit geleistet, nicht nur, weil es eine Insel ist. Regierung, Wissenschaftler und die gesamte Bevölkerung arbeiten quasi als Team von 5 Millionen Menschen zusammen, wie Premierministerin Jacinda Ardern es formulierte. Die Schweiz könnte das auch, als ein Team von 8,5 Millionen.

Heiss debattiert wird immer noch Schweden: Wie schätzen Sie dessen Vorgehen ein?

Ich glaube nicht, dass der schwedische Ansatz funktioniert hat. Es sind dort etwa drei Mal mehr Menschen gestorben als in der Schweiz. Und der Wirtschaft geht es trotzdem nicht besser.

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