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Die Lewa-Savanne lebt jetzt auch in Zürich

Der Zoo Zürich öffnet seine Tore mit einer neuen Attraktion: der Lewa-Savanne. Die Anlage ist die Frucht einer freundschaftlichen Verbindung zwischen Kenianern und Zürchern und eines umfassenden Hilfsprojekts.

Text Monica Müller
Fotos Martin Bucher
Szenen aus der Lewa-Savanne: Nashornrunde im neuen Aussenbereich des Zoo Zürich.

Szenen aus der Lewa-Savanne: Nashornrunde im neuen Aussenbereich des Zoo Zürich (Bild: Goran Basic/Zoo Zürich)

 

 

Eine Elefantenherde zieht in der Ferne vorbei, Gazellen grasen, in den Akazien zwitschern Webervögel. Doch die Wildhüter haben keinen Blick für die Idylle im Lewa-Naturreservat in Kenia. Seit 24 Tagen fehlt ein Nashorn. Mehrere Ranger-Teams sind auf der Suche nach Subira. Das Weibchen ist fünfeinhalb Jahre alt und trächtig. Im besten Fall hat es sich in die Tiefen des Ngare-Ndare-Walds zurückgezogen, um zu gebären. Im schlimmsten Fall … Nein, in diese Richtung mögen die Ranger gar nicht denken.

Lewa Savanne

Die Wildnis mitten in Zürich

Mit 5,6 Hektar ist die Zürcher Lewa-Savanne die grösste Anlage im Zoo – und doch 500-mal kleiner als das Original: Das Naturreservat Lewa in Kenia ist etwa so gross wie der Kanton Zug. Auch wenn bei der Entwicklung der Anlage viel Wissen aus Kenia eingeflossen ist, stammen die Bewohner allesamt aus anderen Zoos: Die vier Giraffenweibchen beispielsweise kommen aus Amsterdam (NL), Rotterdam (NL), ChorzÓw (PL) und Breslau (PL). Die vier Nashörner entstammen dem Zoo in der israelischen Stadt Tel Aviv.

Buchtipp Simone Bammatter: «Habitat. Der Zoo Zürich unter Alex Rübel», Stämpfli-Verlag, 2020; bei exlibris.ch

Edward Ndiritu ist Chef der Anti-Wilderer-Einheit in Lewa. Er joggt jeden Morgen einen halben Marathon und setzt sich nie hin. Mit Knopf im Ohr und der Stirn in Falten gelegt koordiniert er die Einsätze seiner 150 Ranger von der Zentrale aus. Sie arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr. Werden verletzte Tiere gesichtet oder Schüsse gehört, stecken Fahrzeuge fest, ist ein Zaun beschädigt, reisst ein Löwe ein Rind, wird ein Geschäft überfallen oder bricht ein Feuer aus, ist Edward Ndiritu per Funk dabei, wenn seine Leute helfen. Fünf bis sechs Einsätze leisten sie pro Tag.

Die Anti-Wilderer-Einheit um Edward Ndiritu ist immer mit Spürhund unterwegs.

Gruppenbild mit Vierbeiner: Die Anti-Wilderer-Einheit um Edward Ndiritu ist immer mit Spürhund unterwegs.

Die Rettung der letzten Nashörner

Von 2013 bis 6. Dezember 2019 wurde kein einziges Nashorn in Lewa gewildert. Seit aber Wilderer in jener regnerischen Dezembernacht zwei männliche Breitmaulnashörner getötet haben, sind die Ranger angespannt. Ein Kilo Horn ist auf dem Schwarzmarkt 20 000 Dollar wert; das Horn eines ausgewachsenen Tiers wiegt etwa sechs Kilo. «Wilderer können mit beiden Hörnern rund 240 000 Dollar verdienen», sagt Ndiritu. «Das ist ein Haufen Geld.»

Etwa 80 seiner Leute überwachen in Lewa die über 200 Spitz- und Breitmaulnashörner, mehr als 30 Jungtiere sind dort im vergangenen Jahr zur Welt gekommen. Ein Riesenerfolg. Denn die Tiere wurden zwischenzeitlich fast ausgerottet: Lebten in ganz Kenia in den 1960er-Jahren noch 20 000 Spitzmaulnashörner, waren es in den 1980ern nur noch gut 200.

30 Nashornkälber kamen vergangenes Jahr im Lewa-Naturschutzgebiet zur Welt.

30 Nashornkälber kamen vergangenes Jahr im Lewa-Naturschutzgebiet zur Welt.

Mehr als bloss Naturschutz

Dass die Nashornpopulation sich erholt hat, ist der englischen Tierschützerin Anna Merz zu verdanken. Sie liess in ganz Kenia ein Dutzend Tiere einfangen und auf die ehemalige Rinderfarm von Ian Craig verfrachten, wo sie geschützt waren. Mit den ersten Nashörnern auf seinem Gebiet wurde Ian Craig zum Begründer und zur Seele von Lewa.

Die Beziehung der lokalen Bevölkerung zu den Nashörnern ist eine besondere auch, weil mit ihrem Schutz eine neue Ära in der Region angebrochen ist. «Naturschutz muss mehr sein als Erhaltung der Wildtiere; er muss auch den Menschen helfen», sagt Ian Craig. Und so bindet Lewa die umliegenden Dörfer in die Projekte ein und unterstützt die Menschen, damit sie ein besseres Leben führen können.

Dank der Lewa-Stiftung konnte Purity Kinoti sich nach der obligatorischen Schulzeit weiterbilden.

Dank der Lewa-Stiftung konnte Purity Kinoti sich nach der obligatorischen Schulzeit weiterbilden.

Purity Kinoti

Als Erste vom Dorf an die Uni

«Ich bin mit meinem Vater und meinem Bruder aufgewachsen. Als Erste in meinem Dorf konnte ich die Highschool besuchen. Von Montag bis Freitag ging ich die zwölf Kilometer zu Fuss hin und zurück. Es war anstrengend, aber auch toll. Die Schulkosten übernahm die Lewa-Stiftung. Weil ich Klassenbeste war, motivierte mich meine Lehrerin, mich an der Universität einzuschreiben. Ich war stolz und nervös. Leider starb mein Vater in dieser Zeit an Krebs – ich fiel in ein Loch. Die Lewa-Stifung fing mich auf und fand einen Sponsor, der mir die Uni finanzierte. In den Ferien half ich immer in der Stiftung. Ich hörte mir die Probleme der Jugendlichen an: Manche waren Opfer sexueller Übergriffe, andere Waisenkinder. Heute bin ich Koordinatorin für Stipendien und kann etwas zurückgeben. Weil mein Weg steinig war, nehmen mich die Teenager ernst.»

Eins der wichtigsten und erfolgreichsten Lewa-Projekte ist der Wildtierkorridor, ein 15 Kilometer langer, eingezäunter Geländestreifen. Der Korridor zieht sich entlang eines Bachlaufs und stellt die historische Wanderroute der Elefanten und anderer Wildtiere zwischen dem Mount-Kenya- Nationalpark und den im Norden gelegenen Reservaten – darunter Lewa – wieder her. Seit der Korridor steht, trampen keine Elefanten mehr über die Felder der Bauern in der Region und zerstören deren Existenz.

Eine Vision wird Wirklichkeit

Die Lewa-Stiftung beschäftigt rund 300 Leute. Sie baut auch Schulen, verleiht Stipendien, stattet Spitäler aus, forstet Wälder auf, ermöglicht den Zugang zu sauberem Wasser oder hilft beim Bau von Gaskochern, die mit Kuhmist betrieben werden. Seit über 20 Jahren unterstützt der Zoo Zürich Lewa: 2,5 Millionen Franken aus der Schweiz haben Kenia bislang erreicht.

Die Partnerschaft nahm 1984 ihren Anfang in einem Schweizer Spitalzimmer: Der Mann der Nashornschützerin Anna Merz lag Bett an Bett mit einem Tierpfleger des Zürcher Zoos. Die beiden Männer freundeten sich an. Auf einen Zoobesuch folgte ein weiterer in Lewa – und die Geschichte nahm ihren Lauf.

Zoo-Zürich-Direktor Alex Rübel träumte während vieler Jahre von einer Savanne in Zürich.

Zoo-Zürich-Direktor Alex Rübel träumte während vieler Jahre von einer Savanne in Zürich.

Der Direktor des Zoo Zürich hatte schon lange die Vision, Afrika nach Zürich zu holen. Nun spaziert Alex Rübel durch die neue Savanne – sie ist sozusagen das Schwesterchen von Lewa. Beim Giraffenhaus fliegen ihm Graupapageien um die Ohren. «Hallo Jungs!», begrüsst er sie. Breitmaulnashörner, Netzgiraffen, Grevy-Zebras, Impalas, Säbelantilopen, Strausse und Geierperlhühner teilen sich die Aussenanlage mit den imposanten Baobab-Bäumen aus Kunstfels.

Alex Rübel schaut den Tieren zu und freut sich. «Viele Leute denken, dass irgendwo noch die grosse Wildnis ist», sagt er mit Blick in die Weite. «Doch dem ist nicht so.» Auch die Wildnis werde immer mehr zu einem grossen Zoo. Der Direktor, der Ende Juni in Pension gehen wird, glaubt, dass die Wildtiere, die auf dem Zürichberg leben, Botschafter für die freilebenden Tiere sind. Denn: «Lieben Menschen Tiere, schützen sie sie.»

Dank der Lewa-Stiftung konnte John Pameri eine regelrechte Tellerwäscherkarriere hinlegen.

Dank der Lewa-Stiftung konnte John Pameri eine regelrechte Tellerwäscherkarriere hinlegen.

John Pameri

Vom Schafhirten zum Sicherheitschef

«Für meinen Vater war klar, dass ich mich nach Abschluss der Schule zu Hause um die Ziegen, Schafe und Rinder kümmern würde. Ich aber wollte mehr – und so erzählte mir mein Vater von Ian Craigs Projekt. Ich hatte einen Namen und kannte mein Ziel: Nach einem 100-Kilometer-Marsch fand ich schliesslich zu Ian Craig. Er engagierte mich auf der Stelle als Trainee. Acht Jahre lang lebte ich im Zelt und lernte von den Rangern, wie man Nashörner überwacht, Konflikte mit Menschen verhindert, Lebensraum langfristig schützt.Mit 22 Jahren zog ich für einige Jahre nach Südafrika, bildete mich weiter in Wildtierschutz und Management und absolvierte die Ausbildung zum Piloten. Heute bin ich als Sicherheitschef für 100 Angestellte verantwortlich. Zu den Nashörnern habe ich immer noch eine besondere Beziehung. Viele erkenne ich an ihrer Gestalt, an ihren Hörnern und Ohrkerben.»

Auch das vermisste Nashornweibchen Subira ist wohlauf: Nach 30 Tagen konnten die Ranger es dank Videoaufnahmen orten. Es lebt nun im Ngare-Ndare-Wald. Bald wird sein Junges zur Welt kommen. In der Zürcher Savanne ist im Mai bereits ein Nashorn geboren worden. Es heisst auf Suaheli «Ushindi», was ins Deutsche übersetzt «Sieg», «Erfolg» oder «Triumph» bedeutet. Der Name soll auch ein Omen sein für die wildlebenden Nashörner in Lewa. Denn die Coronakrise hat den Druck auf die Tiere durch Wilderer wieder verschärft.

In Reih und Glied trotten die Elefanten Richtung Wasserloch.

In Reih und Glied trotten die Elefanten Richtung Wasserloch.

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