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Migros - Ein M besser

Häusliche Gewalt

Warum misshandeln Männer ihre Frauen?

Jede fünfte Frau erlebt häusliche Gewalt. Pia Allemann berät seit Jahren ­misshandelte Frauen und erklärt, was schief läuft und was im Umgang mit dem Thema zu ändern ist.

Text Anne-Sophie Keller
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Gewalt an Frauen ist eine traurige Alltagsrealität. Eine Frau macht mit roter Hand auf dem Gesicht am Internationalen Frauentag 2020 in Madrid auf Thema aufmerksam. (Photo Getty Images)

Alle zwei Wochen tötet ein Mann in der Schweiz seine aktuelle oder frühere Partnerin. Was macht diese Zahl mit Ihnen?
Einerseits macht mich das immer wieder fassungslos, wenn jemand sich das Recht herausnahm, über ein Leben zu entscheiden. Andererseits ist es auch immer wieder ein Ansporn für meine Arbeit. Wie können wir diese Frauen besser erreichen? Wie können wir sie besser unterstützen? Und ich frage mich: War das vielleicht eine unserer Klientinnen? Haben wir alles gemacht? Ich bin auch nach vielen Jahren nicht abgebrüht oder zynisch, sondern immer noch tief betroffen. Diese Traumata, die die Opfer erleben, kriegt man zu einem gewissen Grad auch ab.

Frauen wollen in einem neu lancierten Projekt Morde an Frauen, sogenannte Femizide, zählen. Ist denn die Dunkelziffer so hoch?
Femizide meistens nicht, da Morde genau untersucht werden. Aber die Dunkelziffer der Frauen, die häusliche Gewalt erleben und sich keine Hilfe holen, ist riesig. Nur etwa 15 Prozent der Betroffenen machen eine Anzeige, die zu einem Strafverfahren führt. Bei Sexualdelikten ist die Zahl noch kleiner, da Beweise schwieriger zu erbringen sind. Verschiedene Studien belegen, dass weltweit jede fünfte Frau irgendwann in ihrem Leben häusliche Gewalt erlebt. Es ist also auch eine Pandemie.

Warum ermorden Männer die Frauen, die sie einst liebten? Aus Eifersucht? Besitzanspruch?
Gewisse Männer suchen sich Frauen, die sich in ein Abhängigkeitsverhältnis begeben. Wenn die Frau sich daraus lösen will, wird das für den Mann problematisch. Denn die Abhängigkeit besteht auch gegenseitig: Die Männer können bei den Frauen zum Beispiel ihre Aggressionen ablassen. Diesen Verlust wollen sie nicht ertragen.

Oft werden auch kulturelle Motive genannt.
Die Zahl derer, die häusliche Gewalt ausüben, ist bei Männern mit Migrationshintergrund potenziell tatsächlich höher. Dazu kommen aber Faktoren, die häusliche Gewalt begünstigen. Etwa enge Wohnverhältnisse oder finanzielle Probleme. Oder diese Männer sind damit aufgewachsen, dass Gewalt gegen Frauen nicht geahndet wurde.

Amnesty International warnt in einem Bericht, dass etwa Gewalt gegen Frauen in der albanischen Gesellschaft auch von Frauen selbst akzeptiert wird. Können Sie das einordnen?
Wenn man in diesen Strukturen lebt, ist es schwierig, sich davon zu lösen. Und viele Mütter stellen sich auch gegen ihre Töchter, damit die Familie nicht ganz auseinanderbricht. Aber das ist keine Rechtfertigung.

Tritt Gewalt gegen Frauen in allen Gesellschaftsschichten auf?
Ja. Eine geschlagene Professorin hat einfach andere Ressourcen und kommt daher seltener zu einer Beratungsstelle. Sie kann in eine Ferienwohnung oder in ein Hotel flüchten, anstatt ins Frauenhaus. Und sie kann sich Anwälte holen, weil sie finanziell unabhängiger ist.

Inwiefern unterscheiden sich männliche und weibliche Gewalt voneinander?
Von der Forschung her kann man sagen: Frauen töten, um sich aus einer Beziehung zu befreien. Männer töten, um das Ende der Beziehung zu verhindern. Im Sinne von: Wenn ich sie nicht haben kann, soll sie niemand anderes haben. Weibliche Gewalt ist psychischer Natur und führt seltener zu körperlichen Verletzungen.

Über die Person

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Pia Allemann (53) leitet zusammen mit Justyna Gospodinov die «BIF Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft» in Zürich. Sie hat Sozialpädagogik studiert und ein Nachdiplomstudium in Gender Management absolviert.

Diesen Herbst machten drei aktuelle Frauenmorde Schlagzeilen. Beobachten Sie in den kalten Monaten eine Häufung der Fälle?
Natürlich kann das Wetter mitspielen. Aber jemand, der häusliche Gewalt ausübt, ist unberechenbar. Viele Frauen sehen es ihren Männern an, wenn sie «geladen» sind und es nur eine Kleinigkeit braucht, damit sie ausrasten. Es gibt jedoch eine These, dass unsensible Medienberichterstattung Sympathien auf der Täterseite fördert. Zum Beispiel, wenn man schreibt, dass die Frau einem Mann die Kinder wegnehmen wollte. Das kann zu Nachahmungstaten führen.

Was muss bei der medialen Berichterstattung verbessert werden?
Die Medien gehen zunehmend bewusster mit dem Thema um und erarbeiten etwa Sprachleitfäden. Nichtsdestotrotz arbeiten auch heute viele Publikationen noch mit problematischen Formulierungen. Zudem werden die Ursachen oder Hintergründe nicht thematisiert. Oder keine Informationen zu Hilfestellungen gegeben.

Was ist daran problematisch, Morde an Frauen als Beziehungsdrama oder Familientragödie zu bezeichnen?
Es ist extrem verharmlosend. Man benennt nicht, dass es ein Mord war. Ein Mord aufgrund der Tatsache, dass das Opfer eine Frau war. Und es trivialisiert die Sache: Tragödie klingt aufregend und unterhaltsam. Das trägt dazu bei, dass die Emotionen oder die Empathie eher beim Täter als beim Opfer ist.

Welche Rolle spielt Corona in Bezug auf häusliche Gewalt?
Der Stresspegel steigt während einer Pandemie definitiv. Man sitzt aufeinander, fürchtet um den Job, die Kinder lärmen vielleicht noch, das ist belastend. Während des Lockdowns war unser Telefon ruhiger. Mit den Lockerungen haben sich viele Frauen gemeldet. Sie konnten uns vorher nicht anrufen, da ihre Partner ja immer zu Hause waren.

Die Polizeiverbandspräsidentin Johanna Bundi Ryser nimmt die Polizei nach den jüngsten Frauenmorden in Schutz. Es fehle an Mitteln und am Datenaustausch zwischen Ämtern. Was muss geschehen?
Mittlerweile hat fast jeder Kanton ein sogenanntes Gefährdungsmanagement. Dort gibt es einen Austausch mit den grösseren Verwaltungen und der Kesb. Aber die Polizei hat oft nicht ausreichend Ressourcen für ihre vielen Aufgaben.

Was halten Sie davon, Hochrisikotäter mit GPS-Sendern überwachen zu lassen?
Ich bin zwiegespalten. Auch im Zivilrecht gibt es ab 2022 die Fussfessel für Stalker. Aber die Polizei sagt, so kann keine einzige Gewalttat verhindert werden. Vielleicht hält die Fessel gewisse Täter davon ab, das Opfer aufzusuchen. Aber man kann die Fessel auch beschädigen. Sie bietet also nur eine Scheinsicherheit.

Im Sommer stand der Netflix-Erfolg «365 Days» in der Kritik. Der unter Jugendlichen beliebte Film verherrliche sexuelle Gewalt gegen Frauen. Hätte man ihn verbieten sollen?
Mit Verboten erreicht man oft nicht viel. Viel wichtiger ist es, solche Filme zu thematisieren. Was passiert genau? Warum wird die Frau hier degradiert? Warum lässt sie sich das gefallen? Warum finden viele es spannend, wenn jemand erniedrigt wird? Jugendliche sind am Ausloten von Grenzen, und es braucht ein Gegenüber, das klarstellt, dass solche Filme nicht die Realität darstellen.

Auch Märchen sind nicht unproblematisch. Dornröschen wird bewusstlos von einem Fremden geküsst.
Ja. In dieser Geschichte gibt es keinen Konsens und die Rollenbilder sind klar: Er rettet, und sie ist passiv. Aber auch das würde ich nicht verbieten. Besser, man redet mit den Mädchen darüber. Würden sie von einem Fremden geküsst werden wollen? Möchten sie denn immer gerettet werden? Glücklicherweise gibt es auch viele Erzählungen über starke Mädchen und Frauen.

Was müsste in der Sensibilisierung oder auch Aufklärung geschehen?
Das Thema Gewalt gegen Frauen müsste auch in Schulen präsent sein. Mädchen sollten wissen, welche Rechte sie haben und wo sie Hilfe holen können. Aber auch in verschiedenen Berufen, zum Beispiel im medizinischen Bereich, müssten Übergriffe Pflichtstoff in der Ausbildung sein.

Sie leiten eine Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft. Wie viele Frauen melden sich pro Woche bei Ihnen?
Wir machen täglich bis zu 15 Beratungen vor Ort und haben bis zu 30 Anrufe. Dazu melden sich noch bis zu sechs Opfer in unserem Online-Chat. Pro Jahr beraten wir über 2500 Klientinnen.

Wie können Sie diese Frauen unterstützen?
Unser oberstes Ziel ist der Schutz vor weiterer Gewalt. Wie wir das erreichen, bestimmt die Frau selber. Wir fragen sie, ob sie bereit ist für eine Trennung. Oder ob sie sich in der Beziehung besser schützen kann. Wir beraten sie strafrechtlich und leiten sie an Anwältinnen weiter. Manchmal endet es in einer Anzeige. Manchmal einfach, dass sie einen Schlüssel für ein Zimmer haben, in dem sie sich einschliessen können. Wichtig ist, die Frau zu stärken, damit sie Schritte unternehmen kann zu einem gewaltfreien Leben.

Was sind die ersten Warnsignale?
Oft beginnt es mit Beschimpfungen oder Abwertungen – oder die Frauen werden isoliert. Danach werden Gegenstände beschädigt, zum Beispiel Kleider oder Handys. Es folgen erste Schubser. Und dann die Schläge. Das kann sich über Jahre weiterdrehen. Die Gewalt wird dabei immer heftiger, und die ruhigen Phasen dazwischen werden kürzer.

Gewalt an Frauen

Zahlen und Hilfsangebote

2019 wurden schweizweit 19 669 Straftaten im Bereich häusliche Gewalt registriert, darunter 79 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte.  Jeweils rund die Hälfte der polizeilich registrierten Straftaten im häuslichen Bereich ereignet sich in bestehenden Partnerschaften. Frauen sind dabei in rund 72 Prozent der Fälle Opfer, Männer in 75 Prozent der Fälle Täter. (Quelle: Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann) 

Aktionstage

Zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember engagieren sich diverse Organisationen in der internationalen Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». In der Schweiz wird sie u.a. von Amnesty International gestützt. Die diesjährige Kampagne widmet sich dem Thema Mutterschaft und Gewalt. Infos: 16tage.ch 

Angebote für Hilfe 

Gewaltbetroffene Frauen finden Rat bei der Opferhilfe Schweiz: opferhilfe.ch

Laut der polizeilichen Kriminalstatistik 2019 erlebt hierzulande fast im Stundentakt eine Frau häusliche Gewalt. Warum holen sich nur wenige Hilfe?
Scham ist ein grosses Thema. Sie ist bei gut ausgebildeten Frauen noch höher. Sie schämen sich, dass sie sich das gefallen lassen, den falschen Mann ausgesucht zu haben, sie es doch hätten merken sollen. Andere finden den Zugang zu einer Beratungsstelle nicht. Oder sie sind von ihrer gewaltbelasteten Kindheit so geprägt, dass sie ohnmächtig sind. Migrantinnen kennen indes das Angebot oft nicht. Oder sie befürchten, die Schweiz verlassen zu müssen, wenn sie sich trennen.

Einige Frauen erleben mehrere gewalttätige Beziehungen. Können sie dieses Muster durchbrechen?
Wir haben tatsächlich Klientinnen, die mit dem zweiten gewalttätigen Mann bei uns in Beratung sind. Sie sagen, dass sie hätten stutzig werden sollen, als die ersten Warnzeichen kamen. Es sind oft Frauen, die nicht lernen konnten, auf ihre Grenzen zu achten. Sich aus einer Abhängigkeit zu lösen, ist ein längerer Prozess. Wir sind eine Kriseninterventionsstelle und stabilisieren in der ersten Phase. Danach empfehlen wir eine therapeutische Begleitung, in der die Klientin Strategien für einen nächsten Fall erarbeiten kann.

Sie erleben jeden Tag traumatische Geschichten. Wie gehen Sie damit um?
Wir Beraterinnen brauchen Erholungsphasen und arbeiten alle Teilzeit. Und wir haben offene Bürotüren, um jederzeit miteinander reden können. Unsere Klientinnen sind zudem äusserst dankbar. Viele berichten, dass unsere Arbeit eine positive Wendung in ihr Leben gebracht hat. Das ist ein wahnsinnig starker Antrieb.

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