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Migros - Ein M besser

Flüchtlingscamp auf Samos

«Freiwillig kommt hier niemand hin»

Auf der griechischen Insel Lesbos ist ein Flüchtlingscamp niedergebrannt. Auch auf dem etwas südlicher gelegenen Samos ist die Lage prekär. Die Schweizerin Liska Bernet hilft dort den Geflüchteten – sie erzählt. 

Text Lisa Stutz
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Das Flüchtlingscamp von ­Samos liegt gleich neben der Stadt Vathy. Seit vergangener Woche ­befin­det es sich im Lockdown – die Situation ist schwierig.

Angst habe ich keine, wenn ich durchs Camp gehe. Als Hilfswerkmitarbei­terin fühle ich mich sicher. Trotzdem tue ich es nur, wenn ich muss. Frei­willig kommt hier niemand hin: zu viele Menschen, zu viel Dreck. Das Camp liegt an einem steilen Hang gleich neben der Stadt Vathy. Der ­offi­zielle Teil bietet 650 Menschen Platz. Er ist durch einen Zaun vom «Jungle» abgegrenzt. So nennt man den inoffiziellen Teil, der sich rund­herum gebildet hat. 4000 Menschen leben dort. Oft in Hütten, die sie aus Blachen und Holz gebaut haben. Oder in Campingzelten.

Wenn neue Leute ankommen, werden sie registriert, und dann müssen sie für sich selbst schauen. Es wird sogar mit Unterkünften gehandelt – man beobachtet durchaus auch Innovatives. Neulich habe ich gesehen, dass jemand eine kleine Bäckerei aufgebaut hat. 

Sonst herrscht viel Elend. Es gibt praktisch keinen Strom und keine ­sanitären Anlagen. Die Leute bauen selber Toiletten. Die sind jedoch nicht an die Abwassersysteme angeschlossen. Und für Frauen ist es gefährlich, in der Nacht auf diese Toiletten zu ­gehen. Es gibt viele Vergewaltigungen. Die Frauen behelfen sich mit Flaschen oder Becken.

Auch Müll ist ein Pro­blem, es hat deswegen viele Ratten im Camp. Diese schleppen Krankheiten ein, Krätze oder Tuberkulose. Im ­Jahr 2019 haben wir 1400 Liter Anti-­Läuse-Shampoo verteilt. Die ­Zustände im Camp sind nicht menschenwürdig. Manchmal erdrückt mich das. Doch dann weiss ich umso mehr, weshalb wir machen, was wir machen. 

Die Schweizerin Liska Bernet (31) lebt auf ­Samos.

Die Schweizerin Liska Bernet (31) lebt auf ­Samos. Mit dem von ihr gegründeten ­Unternehmen «Glocal Roots» setzt sie sich vor Ort für Flüchtlinge ein. Das Hilfswerk hat verschiedene Projekte im Migrationsbereich in Griechenland und in der Schweiz.

Ich bin in Ebertswil ZH aufgewachsen. An der Uni Zürich habe ich Politik­wissenschaften studiert, dann Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Nothilfe an der London School of Economics. Als Helferin war ich in Serbien, auf Lesbos und in Athen. Zuerst habe ich für grössere NGOs gearbeitet – doch das war nichts für mich. Mir sagen kleinere Organisationen mehr zu, denn ich will schnell und agil sein. Seit eineinhalb Jahren lebe ich hier in einer Zwei­zimmerwohnung, zu Fuss sind es fünf ­Minuten zum Camp.

Mein Hilfswerk heisst «Glocal Roots». Wir betreiben ein Frauencenter in der Stadt Vathy, das ­täglich 300 Flüchtlingsfrauen und 150 Babys besuchen können. Auch in meinem Team arbeiten teilweise Frauen, die im Camp wohnen. Sie ­heissen Fatima, Ronghaie, Seline und Nahid. Wir verteilen den Besucherinnen Früchte und Tee, und sie können sich austauschen oder auch etwas ­lernen: Täglich gibts Griechisch- und Englisch­unterricht sowie Computerkurse.

Auch Bewegungskurse bieten wir an, eine Mischung aus Yoga und Tanz. Zudem gibt es Workshops, etwa zum Rechtssystem im Asylverfahren oder zur Familien­planung. Am Ende geht es darum, den Frauen eine Beschäftigung zu geben, einen Sinn, um morgens aufzustehen. Sie kommen aus vielen Ländern: Af­ghanistan, Iran, Irak, Kongo … Eine Frau im Team hat ihr Land verlassen, weil sie lesbisch ist. Als sie allein in Samos ­ankam, wurde sie mit drei Männern in ein Zelt gesteckt. Sie wurde vergewaltigt. Am Anfang besuchte sie das Frauencenter selten, war schüchtern. In ihrer neuen Funktion blüht sie auf. 

Vergangene Woche wurden erste Leute im Camp positiv auf Corona getestet. Es wurde sofort ein Lockdown angeordnet. Die Polizei hat alles ab­gesperrt. Das bedeutet, dass die Menschen keine Ausweichmöglich­keiten mehr haben. Das verschlimmert die schlechte Lage nochmals. Die ­Gewalt nimmt zu. In der Nähe des Camps kam es am ersten Tag des Lockdowns bereits zu einem Brand. Die Leute können sich davor nicht schützen. 

Das Problem ist die Politik

Ich bin enttäuscht von den griechischen Behörden und von Europa. Es fehlt nicht an Geld oder Know-how, das Problem ist die nationale und ­internationale Politik. Seit Jahren hätte man die Zustände verbessern können. Seit vergangenem März hätte man sich auf Corona-Fälle in Lagern vorbereiten können. Und seit Moria weiss man, wie es eben nicht geht.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Situation im Lager auf Samos noch mehr eskaliert. Die Menschen leben hier Zelt an Zelt, ein hochan­steckendes Virus geht um, und sie werden eingesperrt. Eine Eskalation ist die logische Konsequenz. Ich bin ehrlich: Ich habe Angst davor, was jetzt passiert.» 

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