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Migros - Ein M besser

Frederik Maarsen

Jung, frech, ambitioniert

Frederik Maarsen ist gerade mal 22 und hat schon seinen ersten Film beim Streamingdienst Sky untergebracht. Auch dank Star-Hauptdarsteller Anatole Taubman. Nun will der Selfmade-Filmemacher grössere Projekte realisieren – mit Unternehmergeist statt staatlicher Förderung.

Text Ralf Kaminski
Fotos Marco Zanoni
Jungregisseur mit Starschauspieler: Frederik Maarsen (r.) und Anatole Taubman beim Dreh in Solothurn im Herbst 2018

Jungregisseur mit Starschauspieler: Frederik Maarsen (r.) und Anatole Taubman bei den Dreharbeiten zu «Durchschaut» in Solothurn im Herbst 2018.

Dem jungen Mann mangelt es nicht an Selbstbewusstsein, keine Frage. Es sei ihm eine Ehre gewesen, mit Anatole Taubman zu drehen. «Aber am Ende sind für mich alle Menschen gleich, Star hin oder her.» Zudem hatte Frederik Maarsen schon vor Beginn der Dreharbeiten im Herbst 2018 stundenlang mit Taubman via Skype an dessen Figur gefeilt. «Für mich war der Charakter klar, aber Anatole wollte ihn tiefer ergründen, um ihn treffend spielen zu können», sagt der 22-jährige Autor, Regisseur und Produzent von «Durchschaut».

Maarsen war 19, als er das Drehbuch zu dem 30-minütigen Kurzfilm verfasste – und sich dann einen deutschsprachigen Schauspieler suchte, der äusserlich zur Rolle passte. Anatole Taubman (49) ist einer der wenigen Schweizer Darsteller, die es international geschafft haben; sogar einen Bond-Bösewicht hat er schon gemimt. 

Unbeeindruckt von der Frage, ob jemand wie Taubman sich auf einen jungen Erstlingsregisseur einlassen würde, schickte Maarsen das Drehbuch an dessen Agenten. «Schon wenige Tage später kam die Antwort, er sei interessiert.» Und am Ende spielte der Star für einen Bruchteil der Gage, die er normalerweise erhält. 

«Ich las den professionell abgefassten Begleitbrief und das Buch und war auf Anhieb berührt und fasziniert von der Geschichte», sagte Anatole Taubman während der Dreharbeiten gegenüber der «Solothurner Zeitung». Er achte bei seiner Rollenwahl darauf, möglichst verschiedene und herausfordernde Charaktere zu spielen – zudem sei es ihm wichtig, junge Talente zu unterstützen.

Der Trailer zum Kurzfilm

In «Durchschaut» spielt Taubman einen arbeitslosen Erfinder, der mit einem selbstgebauten Roboter Schach spielt, aus der Ferne einer Kellnerin hinterherträumt und sich jeden Tag bei einer Beerdigung einschleicht, um sich dort gratis am Büffet zu verköstigen – bis er eines Tages auffliegt.

Unterstützung durch Migros-Kulturprozent

Maarsen drehte die melancholische Komödie in Solothurn mit einem Budget von 95 000 Franken. Davon stammten 11 000 Franken vom Migros-Kulturprozent; sie flossen in die Postproduktion, vor allem in Spezialeffekte. «Zudem haben viele gratis oder für weniger Geld als üblich mitgearbeitet.»

Die nötigen Mittel aufzutreiben, war allerdings aufwendig. «Ich führte Hunderte von Telefongesprächen mit möglichen Geldgebern aus der Region.» Dabei habe er viel gelernt – vor allem auch, nicht aufzugeben. «Selbst wenn neun Gespräche mit einem Nein enden, lohnt es sich weiterzumachen, denn plötzlich gibts beim zehnten ein Ja.» Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt: Im Januar feierte «Durchschaut» Premiere an den Solothurner Filmtagen.

Frederik Maarsen in der Altstadt von Solothurn

Künstler und Unternehmer: Frederik Maarsen in der Altstadt von Solothurn, wo sein Kurzfilm «Durchschaut» an den Filmtagen im Januar Premiere feierte.

Frederik Maarsen wuchs in Gerlafingen SO auf und begann schon im Alter von sieben Jahren, Filme mit seinen Lego-Figuren zu inszenieren. Gemeinsam mit Freunden realisierte er dann immer aufwendigere Projekte. Dass er sich dieser Leidenschaft so ausführlich widmen konnte, lag auch daran, dass er nie in eine öffentliche Schule ging, sondern gemeinsam mit seinen Geschwistern von den Eltern in einer selbstgegründeten Schule unterrichtet wurde. «Die Idee war, dass wir möglichst selbstbestimmt auf das fokussieren, was uns tatsächlich interessiert.»

Streaming statt staatliche Filmförderung

Als Teenager arbeitete er eine Zeit lang als Landschaftsgärtner, was ihm auch durchaus Spass machte, aber am Ende setzte sich die Filmleidenschaft durch. Maarsen verbrachte zwei Jahre in Berlin, wo er einzelne Kurse an einer Filmschule belegte. «Das war interessant, vor allem aber hilfreich für den Aufbau eines Beziehungsnetzes.»

Eine professionelle Ausbildung interessiert ihn nicht. «Am Ende lernen dort alle das Gleiche, und ich glaube, dass dabei etwas verloren geht.» Diese Haltung hat er auch gegenüber der staatlichen Filmförderung. «Da werden nur noch Drehbücher eingereicht, die Chancen auf Geld haben – alles Ungewöhnlichere, Wildere fällt von Anfang an weg. Das finde ich schade.»

Hinter den Kulissen von «Durchschaut», bei den Dreharbeiten im Herbst 2018 in Solothurn.

Eine grosse Chance sieht Maarsen in den internationalen Streaminganbietern. «Die ermöglichen es, an der nationalen Filmförderung vorbei Stoffe zu entwickeln und zu finanzieren, die ein globales Publikum finden können.»

«Durchschaut» läuft ab 3. Juli im Sky store

Seinen Kurzfilm hat er – nach weiteren langwierigen Telefonaten – beim Anbieter Sky untergebracht. In dessen Sky store kann man ihn ab dem 3. Juli für einen kleinen Beitrag streamen, allerdings nur in der Schweiz. Deshalb hat Maarsen ihn auch noch auf die globale Onlineplattform Vimeo gestellt. Es gibt ihn auch auf DVD und Bluray zu kaufen.

Die Einnahmen sind für ihn jedoch Nebensache. «Durchschaut» soll vor allem eins sein: ein Sprungbrett, das ihm ermöglicht, schon bald grössere Projekte zu realisieren. Diesbezüglich könnte Maarsen kaum zufriedener sein: Das Drehbuch zu einem grossen Spielfilm ist bereits verfasst, ebenso die Grundidee für eine TV-Serie. Beide sind ein Mix aus Drama und Komödie mit viel schwarzem Humor.

Im Hinterkopf hat er dabei Werke, die er selbst gerne sieht, etwa Filme der Coen-Brüder und von Jacques Tati oder die britische Netflix-Serie «Sex Education». Und er sieht sich als Künstler ebenso wie als Unternehmer, will deshalb auch künftig seine Filme selbst schreiben, drehen und produzieren. «Das lässt mir alle kreativen und finanziellen Freiheiten.» Er hat allerdings bei der Arbeit an «Durchschaut» auch realisiert, wie fordernd es ist, so viel selbst zu machen. «Es gab Tage, da kam ich an meine Grenzen – ich muss künftig mehr delegieren und darauf vertrauen, dass auch andere einen guten Job machen.»

Bescheidenes Leben für grosse Pläne

Bis auf Weiteres finanziert er sich mit gelegentlichen Auftrags- und Werbefilmen. «Aber wirklich nur nebenbei, ich will da auf keinen Fall hängen-bleiben.» Das reicht, weil er sehr genügsam lebt, weder eine eigene Wohnung noch ein Auto hat. Zum Treffen in Solothurn ist er mit dem Velo gekommen, und er wohnt abwechslungsweise bei seinen Eltern in Gerlafingen und seiner Freundin in Zürich. Fürs kreative Arbeiten verbringt er zudem regelmässig einige Wochen in Holland in der Ferienwohnung der Familie. 

Einen Plan B für den Fall, dass seine Träume scheitern, hat der junge Filmemacher nicht. «Wer über so was nachdenkt, gesteht ein, dass es das vielleicht tatsächlich braucht.» Frederik Maarsen hingegen ist überzeugt: Sein Plan A wird aufgehen.

Streaming, DVD-Kauf und weitere Infos: durchschaut.com; maarsenfilms.com

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