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Migros - Ein M besser

«HEKS Neue Gärten»

Integration im Grünen

Wenn der türkische Garten direkt an den afghanischen grenzt und Tomaten aus Eritrea stammen, ist man vermutlich in einem Gemeinschaftsgarten des Heks gelandet.

Text Yvette Hettinger
Fotos Marco Zanoni
Gemeinschaftsgarten des Heks in Biel BE

Wer braucht Petersilie, wer hätte ein wenig Knoblauch? Für einige der Migrantinnen ist die Ernte eine Entlastung für das knappe Haushaltsbudget.

Hier lässt es sich aushalten an diesem heissen Sommernachmittag: Im Schatten eines mächtigen Baums haben sich Sasan Shafii (25) und seine Frau Anna Karimi auf Plastikstühlen niedergelassen. Gerade hat die 35-Jährige den Rasen gemäht. Sie wedelt sich Luft zu und verschnauft einen Moment. Rund um das Paar, das vor einem halben Jahr aus dem Iran in die Schweiz kam, herrscht emsiges, aber gemütliches Treiben. In Beeten von etwa drei mal fünf Metern wird gehackt, gegossen und gejätet. Und viel geschwatzt.

Die Gartenanlage hinter einer reformierten Kirche in Biel BE dient seit zehn Jahren als Gemeinschaftsgarten für Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Hier treffen Afghanen, Sri-Lanker, Eritreerinnen, Iraner oder Türkinnen aufeinander. Möglich machts das Hilfswerk Heks, das erkannt hat: Gärtnern funktioniert nationen- und sprachenübergreifend. Es bringt Menschen zusammen, bietet ihnen Gesprächsstoff und lässt sie ihre Sorgen für ein paar Stunden vergessen. Es gibt 34 solcher Heks-Gärten in der Schweiz, und sie sind sehr begehrt. Viele sind schon im Frühling ausgebucht und müssen dann Wartelisten führen.

So auch in Biel. Hier haben sich an diesem Mittwochnachmittag 15 Männer und Frauen eingefunden und sich an die Arbeit gemacht. Noor Jan Heidari kümmert sich heute um ihr Shahi – ein schnittlauchähnliches Gewächs, das fast ihr ganzes Beet bedeckt. Das Saatgut dafür, erklärt die 46-jährige Afghanin, hat ihr ihre Schwester aus der Heimat geschickt. Heidari arbeitet in einer Küche in Bern und kommt seit zwei Jahren in den Gemeinschaftsgarten. «Das brauche ich für Bolani», erklärt sie auf Deutsch, während sie ein Büschel gepflückten Shahis begutachtet. «Bolani ist …», sie hält inne, sucht nach dem richtigen Wort, «…Teigtaschen.»

Gemeinschaftsgarten des Heks in Biel BE

Beim gemeinsamen Zvieri klärt Gartenleiter Jwan Al Youssef (vorn links) auch organisatorische Anliegen.

Viele Nationen, eine Sprache

Alle versuchen hier Deutsch zu sprechen. Nur wenn es gar nicht anders geht, übersetzt Jwan Al Youssef für die Gärtner. Der gebürtige Syrer leitet das Projekt in Biel und spricht neben Deutsch auch Farsi, Arabisch und ein wenig Tigrinya. Entspannt, aber wachsam steht er den Besuchern des Bieler Gartens zur Seite und ist daneben für Material und Administration verantwortlich. Al Youssef ist vom Konzept des multinationalen Gartens überzeugt. «Es gibt nie Streit. Nie!», sagt er mit Nachdruck. Er wisse aber auch, dass sich unmöglich alle mögen könnten. «Einzelne sprechen einfach nicht miteinander», sagt er achselzuckend. Alle anderen kommen nicht darum herum, sich in Deutsch zu üben.

Und so wissen in Biel alle, was eine Tomate ist, auch wenn das Saatgut dafür aus Georgien kommt, wie jenes von Maryam Makatelshvili (38). Oder aus Afrika, wie das von Yerusalem Andemaryam (54), die vor acht Jahren aus Eritrea nach Langnau BE kam. Auf die Frage, was ihr im Gemeinschaftsgarten gefalle, reagiert sie mit einer ausholenden Geste: «Alles!» Dann präzisiert sie: «Die Menschen.» Auch Andemaryam bewirtschaftet eine Parzelle, und das mit viel Experimentierfreude. Gerade spriesst bei ihr erstmals Spinat. Zwiebeln funktionierten auch gut, sagt sie, und erzählt: Einst brachte sie ein neues Gewächs mitsamt Wurzeln mit, sehr zum Erstaunen der anderen. Sorgsam setzte sie das Grün ein, wässerte und hätschelte es. Bis sich herausstellte, dass es sich um gewöhnliches Gras handelte. Die Eritreerin lacht schallend und wendet sich wieder ihrem Spinat zu.

Die Sorgen bleiben draussen

In einer anderen Ecke des Geländes beugen sich jetzt Sasan Shafii und Anna Karimi über ihre Beete. Auberginen, Salate, Zucchetti und Shahi gedeihen hier, alles fein säuberlich mit laminierten kleinen Tafeln deklariert. Tomaten wachsen aus aufgehängten PET-Flaschen, Minze in Töpfen. Der ganze Stolz des Paares sind aber die Rosen: «Hier in Weiss», sagt Shafii und zeigt auf einen Rosenstock, «hier Rot, hier Gold.» Weniger gern sprechen die beiden über ihre Vergangenheit, es ist keine schöne Geschichte. Sabine Buri kennt das gut. Als Freiwillige ist die 46-Jährige im Garten für die Migranten da. «Die Menschen hier gehen sehr liebevoll miteinander um», sagt Buri, «es herrscht grosse Toleranz.» Die Gespräche – sprachlich manchmal eine Herausforderung – schätzt sie besonders. Dabei gibt es aber auch immer wieder schwere Momente. «Plötzlich kommt ein unerwarteter Satz, und man merkt, da hat jemand ein schlimmes Schicksal zu tragen.» Deshalb ist der Gemeinschaftsgarten einigen der Migranten eine Oase, in der die Welt heil und nichts wichtiger ist als die Gewächse. Und selbst wer damit nichts anfangen kann, ist hier gut aufgehoben. So wie Arkan Çelik, der mit Pflanzen nichts am Hut hat und hier nur Gesellschaft sucht.

Gemeinschaftsgarten des Heks in Biel BE

Die Gemeinschaftsgärten des Hilfwerks Heks sind ein Wohlfühlort. Fast könnte man vergessen, dass es hier ja um Integration geht. Sabine Buri (Bildmitte) gibt hier Deutschlektionen.

Um 16 Uhr ist gemeinsamer Zvieri angesagt. Am langen Tisch im Schatten werden Teller verteilt, und Essen wird herumgereicht. Schokolade, Früchte, Zopf. Al Youssef bittet um Aufmerksamkeit und versucht, das Grillfest, das in ein paar Wochen stattfinden soll, kulinarisch zu organisieren. Alle bringen etwas mit. «Bitte nicht nur Kuchen», mahnt Radi Vasanthanayaki Sinnadurai. Anna Karimi verspricht also Reis mit Fleisch, jemand wird Bier bringen, andere Salat. Alle diskutieren, wann die Grillade beginnen soll.

Nach dem etwas babylonischen Gesprächswirrwarr werden der Tisch abgeräumt und die Schulbücher hervorgeholt. Die letzte Stunde des Nachmittags gehört der Deutschlektion. Damit auch für alle Gurken Gurken heissen. Und Rosen Rosen.

So hilft die Migros

Gemeinsam gärtnern, essen, plaudern

Das Migros-Kulturprozent unterstützt «Heks Neue Gärten» mit Förderbeiträgen. Für diese Gärten sowie für Deutschkurse sucht das Heks immer wieder freiwillige Helfer. Wer finanzielle Unterstützung leisten will, kann das zum Beispiel mit Cumulus-Punkten tun.

Auch mit eigenen Begegnungsprojekten ermöglicht das Migros-Kulturprozent den Dialog und fördert das Miteinander:

Erzählcafé: Hier plaudert man bei Kaffee und in gemütlichem Rahmen und erzählt einander persönliche Lebensgeschichten. Die vorher definierten Themen reichen von «Väter und die Geburt des Kindes» bis zu «Letzte Dinge». Die Gespräche werden moderiert.

Contakt-Kind: Die Plattform vermittelt Begegnungen von Eltern mit Kleinkindern, bei denen sie ihr riesiges Schwarmwissen zu Alltagsthemen auf Augenhöhe austauschen können. Virtuell werden auch Info- und Lernmaterialien angeboten.Infos: contakt-kind.ch

Tavolata: Gemeinsames Kochen und Essen steht bei den Treffen im Vordergrund. Aber natürlich wird zu Tisch auch munter geschwatzt.

Weitere Infos: migros-kulturprozent.ch

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