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Migros - Ein M besser

Grosse Corona-Umfrage

Mehrheit will Maskenpflicht im ganzen Land

Was denkt die Bevölkerung wirklich über den Coronavirus? Wie bewertet sie die Arbeit der Behörden? Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Migros-Magazin liefert nun Antworten.

Text Kian Ramezani
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Seit Monaten hat die Corona-Pandemie die Schweiz fest im Griff. Nach der ­ersten Welle und einem landesweiten Lockdown macht sich nun während der zweiten Welle eine Mischung aus Ermüdung und Gereiztheit breit. Eine lautstarke Minderheit hat genug und demonstriert in den Städten gegen die Schutzmassnahmen, oft unter Missachtung der Sicherheitsregeln. Die schweigende Mehrheit trägt derweil brav ihre Maske im ÖV und in manchen Kantonen auch beim Einkaufen. So der Eindruck, den man ­aktuell im Schweizer Alltag erhält. Aber stimmt er auch? Was denkt die Bevölkerung wirklich über dieses ­unheimliche Virus? Wie bewertet sie die Arbeit der Behörden?

Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Migros-Magazins liefert nun Antworten. Soziologieprofessor Oliver Nachtwey von der Universität Basel hat die Ergebnisse analysiert und erkennt beruhigende Signale, etwa die grosse Akzeptanz von Masken. Aber auch Bedenkliches wie die hohe Skepsis gegenüber dem Impfen. 
«Es gibt einen nicht zu unterschätzenden Teil der Bevölkerung, der stark verunsichert ist und der den offiziellen Erklärungen der Behörden miss­traut», sagt Nachtwey im Interview (siehe unten). 

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Zur Methode
Die Ergebnisse beruhen auf einer repräsentativen Meinungsumfrage, die das Marktforschungsinstitut Innofact aus Zürich im Auftrag des Migros-Magazins durchgeführt hat. Hierzu wurden zwischen dem 15. und 18. September 2020 insgesamt 1031 Personen im Alter von 14 bis 74 Jahren aus der Deutsch-, West- und italienischsprachigen Schweiz online befragt.

Maskenpflicht
68 Prozent der Befragten unterstützen die Maskenpflicht im geschlossenen öffentlichen Raum. Im Tessin und in der Westschweiz, die stärker von der Pandemie betroffen sind, fällt die Zustimmung noch höher aus. Eine überwältigende Mehrheit der Maskenbefürworter unterstützt zudem das Vorgehen der Behörden, nimmt Corona ernst und würde sich impfen lassen.
 
Kantönligeist
67 Prozent verwirren die unterschiedlichen Bestimmungen von Kanton zu Kanton und unterstützen einheitliche Regeln für die ganze Schweiz. In der Deutschschweiz fällt die Zustimmung sogar noch höher aus.
 
Vertrauen
49 Prozent haben Vertrauen in die Behörden, dass sie in der Coronakrise richtig und mit Augenmass handeln. Deutlich höher fällt dieser Befund bei den Personen über 60 aus. 20 Prozent finden hingegen ausdrücklich, die Behörden hätten überreagiert. 
 
Laborvirus?
41 Prozent haben den Verdacht, dass das Coronavirus in einem Labor entstanden ist. 36 Prozent glauben das nicht. 23 Prozent sind unentschlossen. Der Verdacht ist besonders bei Frauen, Menschen im Alter von 30-44 Jahren sowie auf dem Land verbreitet.
 
Impfung
41 Prozent wollen sich gegen Corona impfen lassen, sobald der entsprechende Impfstoff zur Verfügung steht. Fast ebenso viele, nämlich 38 Prozent, wollen das nicht. 21 Prozent sind unentschlossen. Auffallend tief ist die Impfbereitschaft bei 30-45-jährigen Männern.
 
Angst
37 Prozent haben Angst vor einer Ansteckung mit Corona und ihren Folgen. Ebenfalls 37 Prozent haben keine Angst und 26 Prozent sind unentschlossen. Im Tessin und in der Westschweiz ist die Angst grösser. Auch auffallend mehr Frauen als Männer, mehr Personen aus der Stadt als auf dem Land, mehr Nichtberufstätige als Berufstätige und mehr Personen mit tiefem Einkommen als Personen mit hohem Einkommen geben an, Angst vor einer Ansteckung zu haben.
 
Resignation
19 Prozent der Befragten sind zuversichtlich, dass die Krise bald ausgestanden ist. Viel mehr, nämlich 50 Prozent, sind pessimistisch. 31 Prozent sind unentschlossen. Auffallend mehr Personen über 60 Jahre und mehr Personen aus der Stadt als auf dem Land teilen diese Ansicht.
 
Demokratie
28 Prozent finden, dass unsere demokratischen Rechte in Gefahr sind. In dieser Gruppe befinden sich auffallend viele 30-44-Jährige mit tiefer Bildung und tiefem Einkommen. 47 Prozent teilen die Angst um die Demokratie nicht und 25 Prozent sind unentschlossen.

Interview

«Mich erstaunt die hohe Zahl der Impfgegner»

Oliver Nachtwey (1975) ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel.

Zur Person: Oliver Nachtwey (1975) ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg studiert und an der Universität Göttingen promoviert. Aktuell beschäftigt er sich unter anderem mit den Auswirkungen der Coronakrise auf die Gesellschaft.

Herr Nachtwey, was ist für Sie die zentrale Erkenntnis aus dieser Umfrage?
Ganz klar, dass fast zwei Drittel die Maskenpflicht unterstützen. Das spricht sehr für die Schweizer Bevölkerung. Wenn man bedenkt, dass die Behörden zu Beginn der Pandemie von Masken abrieten und ihnen jeglichen Nutzen absprachen, ist das nicht selbstverständlich. Dass eine so grosse Mehrheit diese Kehrtwende mitmacht, zeugt von einem grossen Vertrauen in die Schweizer Politik. Das ist eine starke und beruhigende Botschaft.

Weniger gut kommen die unterschiedlichen kantonalen Bestimmungen an.
Der Föderalismus ist in der Schweiz natürlich sehr wichtig und gehört zur politischen Kultur wie kaum etwas anderes. Während einer Pandemie schafft er aber auch Probleme. Die Schweiz ist eine sehr mobile Gesellschaft, viele Menschen leben und arbeiten in unterschiedlichen Kantonen. Dass grosse Teile der Bevölkerung die unterschiedlichen Regelungen als unvernünftig empfinden, finde ich nachvollziehbar.

Es gibt noch andere Resultate, die Bundesrat und Kantone zu denken geben sollten.
Es gibt tatsächlich einen nicht zu unterschätzenden Teil der Bevölkerung, der stark verunsichert ist und der den offiziellen Erklärungen der Behörden misstraut.

Gemäss unserer Umfrage lehnen dieselben Personen Corona-Impfungen ab, sehen die Demokratie bedroht und glauben, dass Corona in einem Labor entstanden ist. Sind das Verschwörungstheoretiker?
Als Soziologe würde ich davon abraten, alle diese Menschen in diese Ecke zu stellen. Ich würde sie Skeptiker nennen, von denen sicher auch einige für Verschwörungstheorien empfänglich sind. Schon vor der Corona-Pandemie konnten wir feststellen, dass eine wachsende Anzahl Menschen in den westlichen Ländern dem Staat mehr und mehr misstrauen.

41 Prozent glauben an eine Labortheorie. Das ist viel, oder?
Das ist viel, wobei einschränkend zu sagen ist, dass die Umfrage online durchgeführt wurde. Auch wenn heute fast alle Zugang zum Internet haben, glaube ich, dass eine Telefonbefragung ein leicht anderes Resultat geliefert hätte. Ich könnte mir auch vorstellen, dass hier China-feindliche Ressentiments eine Rolle spielen. Da erstaunt mich persönlich die hohe Zahl der Impfgegner mehr. 41 Prozent wollen sich impfen lassen – aber fast ebenso viele nicht.

Teilweise gibt es deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Kann man das erklären?
Das hat mich stellenweise auch verblüfft. Dass zum Beispiel mehr Frauen als Männer an die Labortheorie glauben, widerspricht sämtlichen soziologischen Untersuchungen zum Thema Verschwörungstheorien. Anderes wiederum lässt sich mit dem höheren Gesundheitsbewusstsein der Frauen erklären. So etwa die grössere Angst vor einer Ansteckung als auch die Bereitschaft zum Impfen.

Männer hätten ja aufgrund der höheren Covid-Sterblichkeitsrate durchaus Grund, die Risiken einer Ansteckung ernst zu nehmen.
Sie tun das aber nicht. Soziologisch gesehen hat der Mann eine andere Form von Körperlichkeit. Er muss stark sein und Stärke auch immer wieder darstellen. Angst vor einer Ansteckung käme dem Zugeben von Schwäche gleich. Deshalb gehen Männer auch weniger zum Arzt, und haben letztendlich eine geringere Lebenserwartung als Frauen.

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