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Migros - Ein M besser

Unterstützung gegen Mobbing

Hilfe, mein Kind wird gemobbt

Viele Eltern fühlen sich hilflos, wenn sie realisieren, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird. Eine neue Fachstelle hilft weiter und begleitet sie auch zu Gesprächen mit Lehrpersonen. Aber nicht alles, was auf den ersten Blick wie Mobbing aussieht, ist es auch. Zwei Beispiele aus der Praxis.

Text Ralf Kaminski
Fotos Stephan Schmitz
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Löst grosses Leid aus: Mobbing in der Schule.

Der Sozialpädagoge M. ist wütend und fühlt sich hilflos: Seine Tochter, eine Sechstklässlerin, wird in der Schule seit Längerem gemobbt. M. plant nun, sich bei den Eltern der mobbenden Kinder zu melden. Doch bevor er das tut, will er sich bei der Fachstelle «Hilfe bei Mobbing» rückversichern, dass dies eine gute Idee ist. «Ich hoffe es, denn ich kann dem Leiden meiner Tochter nicht mehr tatenlos zusehen … das muss einfach aufhören, und zwar schnell!», sagt er am Telefon.

Doch die Fachstelle rät von diesem Vorgehen ab. «Es ist belegt, dass viele
Eltern eine solche Konfrontation als Angriff empfinden und persönlich nehmen», sagt ihm Bettina Dénervaud (44). «Ein Grossteil versucht in aller Regel, ihr eigenes Kind zunächst in Schutz zu nehmen und zumindest einen Teil des Verhaltens irgendwie zu rechtfertigen.» Ausserdem erzählten die Kinder ihren Eltern meist ein bisschen eine andere Geschichte. «Und selbst falls die Eltern ihren Töchtern eine Standpauke halten – was wird die Folge davon sein? Was vermuten Sie?» fragt ihn Dénervaud.

M. versteht, worauf die Mobbing-expertin hinauswill. «Meine Tochter
hat mir auch schon gesagt, ich sollte ja nichts unternehmen, denn das würde
sie dann doppelt zu spüren kriegen. Aber das kann doch nicht sein – ich muss doch etwas tun können!»

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Zuvor hatte M. das Leiden seiner Tochter beschrieben: Die anderen Mädchen schliessen sie von Gruppenarbeiten aus, tuscheln hinter ihrem Rücken, wollen nicht neben ihr sitzen. Sie wird schon lange nicht mehr für Treffen angefragt. Und es kommen Sprüche, wenn andere an ihr vorbeilaufen, wie: «Verpiss dich, du Opfer!» oder «Dich will hier niemand!», «Du bist eh ein Loser!». Seit kurzer Zeit besteht sogar ein Chat, in dem über sie gelästert wird.

Leiden bis zum Zusammenbruch

Die Eltern hatten lange nicht viel bemerkt oder gedacht, es seien wohl die üblichen Mädchenzankereien und Schikanen – bis ihre Tochter zusammenbrach, als sie durch eine Kollegin vom Chat erfuhr. Nun bleibt sie nur noch zu Hause, isoliert sich, klagt über Bauchweh und Schlafstörungen. Sie kann sich auch kaum mehr aufs Lernen konzentrieren; ihre guten Leistungen nehmen ab, was sie zusätzlich belastet. Verzweifelt fragt sie immer wieder: Warum passiert so etwas gerade mir?

Dénervaud rät M., umgehend ein Gespräch mit der Klassenlehrperson einzufordern, in Begleitung des Schulsozialarbeiters oder Schulpsychologen. «Die Schule steht in der Pflicht, konkrete Schritte einzuleiten, um das Mobbing zu stoppen.» Sie rät ihm, das Gespräch gut vorzubereiten und Notizen über alle Vorfälle mitzunehmen. «Versuchen Sie, alles vorzutragen, ohne allzu emotional zu werden.»

Zudem solle er unbedingt einen Folgetermin verabreden, maximal zwei bis drei Wochen später. «Geben Sie der Schule diese Zeitspanne, um zu handeln. Denn von heute auf morgen kann auch sie das Mobbing nicht beenden.» Dénervaud bietet zudem an, ihn bei Bedarf zum Gespräch zu begleiten – als neutrale und vermittelnde Stelle.

Beim folgenden Gespräch an der Schule informiert M. die Leitung, dass er sich von der Fachstelle beraten lässt, worauf die Schule diese für eine fachliche Begleitung des Falls bucht. Denn sie verfügt nur über ein Präventionskonzept für Mobbing, nicht aber über ein Interventionskonzept im Ernstfall.

Schnelle Lösung dank «No Blame Approach»

Mit Hilfe der Fachstelle kann das Mobbing innert 14 Tagen beendet werden. Dies gelingt dank des sogenannten «No Blame Approach». Dabei wird von Sanktionen und Schuldzuweisungen abgesehen, stattdessen arbeitet man an einer Veränderung der Gruppendynamik. Schülerinnen und Schüler aus der Klasse – der Gemobbte, die Mobbenden, Mitläufer, aber auch Unbeteiligte – werden in einen Gruppenprozess einbezogen, bei dem man gemeinsam Ideen sucht, die Situation zu verändern.

Die Folge ist in der Regel eine Entmachtung der Mobbenden, was die Konflikte in kurzer Zeit beendet. Laut Dénervaud gelingt dies in 85 Prozent aller Fälle. Die Fachstelle bietet dazu auch eine Ausbildung für Lehrpersonen und Schulsozialarbeiter an.

So funktionert der «No Blame Approach»

Doch nicht alles, was auf den ersten Blick nach Mobbing aussieht, ist auch eins. Die Eltern K. bitten die Fachstelle um ein persönliches Gespräch bei sich zu Hause, da sie das Gefühl haben, ihr Sohn werde in der 3. Klasse gemobbt. Er werde bei Gruppenarbeiten ausgeschlossen und nach dem Turnen in die Umkleidekabine gesperrt. Auch werde er in der Pause manchmal beim Spielen ausgegrenzt. Sogar im Klassenrat sei er schon als Problemfall geschildert worden, da er bei den Gruppenarbeiten nicht mitkomme, den Kopf aufs Pult lege und nicht mitmache.

«Es wird immer schlimmer», sagt Frau K. «Inzwischen möchte er nicht mehr zur Schule gehen, klagt über Bauchschmerzen. Wenn wir die Thematik ansprechen, reagiert er mit aggressivem Verhalten, möchte nichts erzählen und verschliesst sich. Er hat auch Mühe, abends einzuschlafen.» Darüber hinaus hätten sie versucht, mit dem Lehrer zu sprechen. «Er erwähnte jedoch nur die schulischen Leistungen; ansonsten bemerke er angeblich nichts. Es muss doch etwas los sein, dass sich unser Sohn so zurückzieht?» Umso mehr, als sie von einem Elternteil und von Nachbarsjungen gehört hätten, ihr Sohn werde gemobbt.

Das Ehepaar K. fühlt sich hilflos. «Wir möchten ihm doch bloss helfen, damit er sich in der Schule wieder wohlfühlt … schliesslich hat er noch mindestens sechs Jahre vor sich. Jedes Kind sollte doch frei von Angst zur Schule gehen können!»

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Pascal Kamber (43) von der Fachstelle rät in diesem Fall zu einem behutsamen Herantasten. «Wie leider die meisten Kinder geht auch Ihr Sohn davon aus, dass es Petzen ist, wenn er Ihnen von den Vorfällen erzählt. Versichern Sie ihm, dass das nicht so ist.»

Zudem rät der Experte, nochmals ein klärendes Gespräch mit der Klassenlehrperson und der Schulsozialarbeiterin zu suchen, um herauszufinden, ob es sich tatsächlich um Mobbing handelt. «Falls es neue Vorfälle gibt, notieren Sie sich die Daten. Erwähnen Sie auch, dass sich der Gemütszustand Ihres Sohns verändert hat, und stellen Sie dies möglichst konkret dar.» Das Ehepaar K. bittet Kamber, sie zum Gespräch zu begleiten, da die Fronten mit der Schule bereits etwas verhärtet seien.

Vom Schulstoff überfordert

Das von Kamber vermittelnd begleitete Gespräch führt zur Erkenntnis, dass es sich in diesem Fall nicht um ein eindeutiges Mobbing handelt, sondern primär um eine schulische Überforderung. Der Junge kann die geforderte Leistung in der Klasse nicht abrufen und zieht sich deswegen zurück – bis hin zur Schulverweigerung. Da er bei den Gruppenarbeiten nicht mehr mitmacht, haben die anderen Kinder auch keine Lust mehr, mit ihm zu arbeiten – was tatsächlich zu Ausgrenzung führt, jedoch nicht
in klassischer Form von Mobbing, denn ansonsten ist er gut in den Klassenverbund integriert.

Zwei Wochen später entscheiden sich die Eltern, ihren Sohn in die 2. Klasse rückversetzen zu lassen. Und einen Monat später geht er wieder gerne zur Schule, es tut ihm offensichtlich gut, den Schulstoff zu wiederholen. Die Pausen verbringt er nun mit Kindern der aktuellen 2. Klasse sowie seiner früheren 3. – ein klares Indiz, dass es sich nicht um Mobbing gehandelt hatte. Das hätte sich aber leicht ändern können, wenn Eltern und Schule nichts unternommen hätten.

Tipps für Eltern bei Mobbing

Hilfreich

Nehmen Sie ernst, was Ihr Kind berichtet, ­hören Sie aufmerksam zu und verharmlosen Sie nicht.

Erklären Sie Ihrem Kind, dass Hilfe holen kein Petzen ist!

Raten Sie Ihrem Kind, sich nicht mit Süssig­keiten, Geld oder Gefälligkeiten bei anderen Kindern freizukaufen oder ihnen zu gefallen.

Bestätigen Sie Ihrem Kind, dass nichts falsch an ihm ist, dass es keine Schuld trifft und dies jedem passieren kann. Aber auch, dass es die Mobbingsituation nicht einfach ­er­dulden muss, sondern ein Recht auf Unterstützung und Hilfe hat.

Geben Sie Ihrem Kind nicht das Gefühl, durch sein Verhalten selbst Schuld zu sein.

Beteiligen Sie Ihr Kind an Ihren Überlegungen, wie das weitere Vorgehen aussehen könnte. Versichern Sie ihm, dass Sie nichts unter­nehmen werden, was sich negativ auswirken könnte.

 

Unbedingt vermeiden

Kontaktieren Sie nicht die Eltern der Mobbing-Akteure. Auch wenn dies gut gemeint ist, haben solche Handlungen grosses Potenzial, die Lage zu verschlimmern. Dies hat oft zur Folge, dass die Eltern untereinander
in einen Konflikt geraten, was konstruktive Lösungswege zusätzlich erschwert.

Konfrontieren Sie die Mobbing-Akteure nicht selbst; dies führt in der Regel zu einer Verschlimmerung der Mobbingsituation. Ihr Kind kommt dann umso mehr unter Druck und wird von den Akteuren für Ihre Intervention zusätzlich gestraft.

Machen Sie Ihrem Kind gegenüber keine Aussagen wie «vielleicht müsstest du dich auch ein bisschen anders verhalten». Dies führt beim Kind zu eigenen Schuldzuweisungen.

Entscheiden Sie zudem nichts über den Kopf Ihres Kindes hinweg, sonst fühlt sich Ihr Kind «hintergangen» und erzählt dann gar nichts mehr.

 

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