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Hotelplan

Mehr Annullationen als Buchungen

Die Corona-Pandemie ­löste bei der Reisebranche eine tiefe Krise aus. ­Hotelplan-CEO Thomas Stirnimann hofft auf eine Rückkehr zur Normalität bis 2022 – und sieht ­Chancen für ein Ende des «Fast-Food»­-Tourismus.

Text Ralf Kaminski, Kian Ramezani
Fotos Daniel Winkler
Thomas Stirnimann, CEO von Hotelplan Group

Hotelplan-CEO Thomas Stirnimann. 

Thomas Stirnimann, in der Reisebranche herrscht Weltuntergangsstimmung, und Hotelplan geht davon aus, dass es erst 2022 wieder bessert. Wie hält sich das Unternehmen bis dahin über Wasser?

Weltuntergang ist ein bisschen übertrieben, aber es ist schon ziemlich düster im Moment. Insbesondere fehlt eine vernünftige Planungsgrundlage. Die Situation ändert sich nahezu täglich: Flüge werden hochgefahren und wieder annulliert, Einreisebestimmungen kommen und gehen über Nacht. Dass es sich bis 2022 wieder normalisiert ist eine Schätzung – und eine Hoffnung. Schneller könnte es nur gehen, falls rasch eine Impfung oder Medikamente zur Verfügung stünden. Es ist die allgemeine Unberechenbarkeit, die es für uns so schwierig macht. 

Wie gehen Sie damit um?

Wir haben Szenarien für die folgenden vier Halbjahre erarbeitet. Es sind auch nicht alle Reisearten gleichermassen betroffen. Das Geschäft mit Ferienhäusern und -wohnungen entwickelt sich bereits wieder einigermassen, und bei diesem Angebot sind wir europaweit führend. Die Krise hat uns dennoch zu einer Neuausrichtung und Personalabbau gezwungen. Dabei haben wir uns an den Szenarien für 2022 ausgerichtet, sonst hätten wir noch wesentlich stärker reduzieren müssen.  

Und die Migros als Aktionärin steht ganz hinter diesem Kurs?

Ja, da gab es einen intensiven Austausch. Wir sind gemeinsam von der Strategie und den Massnahmen überzeugt und glauben an eine Zukunft in diesem Geschäft. 

Thomas Stirnimann ist seit 2012 CEO bei Hotelplan.

Thomas Stirnimann (58) hat sein Leben lang in der Reisebranche gearbeitet und ist seit 2012 CEO von Hotelplan Group. Er hat die Fluggesellschaft Edelweiss mitgegründet.

Gibts auch in normalen Zeiten viele Annahmen bei der Planung, die manchmal nicht eintreffen?

Oh ja. Die längste Vorausplanung, die wir normalerweise machen, sind 12 Monate, beim Skiferiengeschäft mit Grossbritannien. Und ein Jahr im Voraus zu sagen, wie es in Val d’Isère oder Ischgl sein wird und auf dieser Basis Voreinkäufe für Chalets zu machen und Personal zu rekrutieren, ist natürlich ein Risiko. Annahmen und Unsicherheiten gehören ein Stück weit zum Alltagsgeschäft, denn die Reisebranche leidet unter jeder Krise – seien es nun politische Unruhen oder Naturkatastrophen. Aber normalerweise ist das jeweils auf die betroffene Region beschränkt, die Unsicherheit heute ist umfassend und global. Wer will jetzt schon eine grosse Australien- oder USA-Reise planen? 

Können Sie die Lage anhand einiger Zahlen illustrieren? 

Bis Februar lief es super, seither gibt es vor allem Annullationen. Angesichts geschlossener Grenzen und gegroundeter Flugzeugflotten ging es auch nicht anders – wir haben oft von uns aus annulliert, bis jetzt insgesamt Reisen im Wert von über 800 Millionen Franken. Die wichtige Sommersaison ist nahezu inexistent dieses Jahr, es dürften rund 80 Prozent weniger Buchungen sein als sonst. Und das bei erhöhtem Aufwand, denn Annullieren oder Umbuchen ist immer mit Arbeit verbunden, die nicht vergütet wird. 

Haben die Buchungen seit den Grenzöffnungen ein bisschen angezogen?

Ein wenig. Wenn die Geschäfte gut laufen, machen wir pro Tag ein paar Tausend Buchungen, derzeit sind es deutlich weniger. Das ist besser als nichts, klar. Aber derzeit annullieren wir jede Woche noch immer mehr als wir neu buchen. Und die Lage bleibt kompliziert. Einzelne Kunden haben wir schon sechsmal umgebucht, weil sich die Dinge vor Ort dauernd verändern. Das ist natürlich eine Zumutung. Und bis das ganze Räderwerk des Tourismus wieder richtig in die Gänge kommt, wird es Monate dauern, selbst wenn Corona unter Kontrolle ist.  

Welche Destinationen werden trotz allem wieder gebucht?

Fast nur solche in Europa. Vor allem Ferienhäuser und -wohnungen in Gegenden, die von der Schweiz aus noch mit dem Auto erreichbar sind: Spanien, Frankreich, Italien, Kroatien. Auch für die Schweiz gibt es Buchungen. Eine gewisse Nachfrage spüren wir für Griechenland und Zypern, zwei Länder, die von Corona kaum betroffen waren. Spanien hingegen harzt – vermutlich weil es dort viele Infektionen gab und die Regeln im Alltag teils restriktiv sind. 

Hotelplan gibt den Kunden ihr Geld zurück, wenn Pauschalreisen wegen Corona-Massnahmen vor Ort nicht stattfinden können. Wie einfach ist es für Sie, Ihr Geld zurückzubekommen? Sie hatten sich ja kürzlich über die Swiss beklagt…

Das ist nicht einfach. Zum Glück haben wir Migros als Aktionärin. So können wir unsere Kunden schadlos halten. Bezüglich Swiss hat sich bisher nichts weiter getan. Wir hoffen natürlich, dass wir das Geld irgendwann bekommen. Aber es ist einfach keine Art und Weise, wie man Geschäftspartner und Kunden behandelt. Es kann doch nicht sein, dass wichtige Teile dieser Industrie sich einfach ihren Verpflichtungen entziehen. 

Ist es bei Hotels in Feriendestinationen einfacher?

Nein. Und ein Stück weit ist das auch nachvollziehbar, weil viele Hotels vor Ort noch immer zu sind – und vielleicht nie wieder aufgehen werden. In Mallorca etwa versuchen derzeit 300 von 1200 Hotels, den Betrieb hochzufahren. Einzelne Länder trifft die Tourismuskrise ins Mark. In der Schweiz beträgt der Anteil der Reisebranche am Bruttoinlandprodukt neun Prozent, 2018 waren das 63 Milliarden Franken. In Griechenland beträgt er 35 Prozent. Entsprechend schwierig ist es, von dort Geld zurückzubekommen. Es hat aber auch damit zu tun, wie heute in der Branche mit Geld umgegangen wird.  

Was heisst das?

Eigentlich dürfte ein Anbieter, der bei der Buchung von Kunden Geld bekommen hat, dieses erst wieder ausgeben, wenn der Kunde die Leistung auch bezogen hat. Dann hat er es noch in der Hinterhand, falls etwas schiefgeht und er es zurückzahlen muss. Aber so läuft das nicht. Das Geld wird oft für laufende Kosten verwendet und ist nicht mehr da, wenn plötzlich eine Rückzahlung fällig wird.

Viele klassische Reiseländer im Mittelmeerraum sind auf Touristen angewiesen.

Sie schliessen 12 von 98 Reisebüro- Standorten und entlassen fast jeden fünften Mitarbeitenden – der grösste Abbau in der Geschichte des Unternehmens. Wird das reichen oder kann es noch schlimmer kommen?

Leider kann man auch das nicht ausschliessen, falls sich unsere Annahmen bezüglich einer Normalisierung bis 2022 nicht erfüllen. Auch die gesamtwirtschaftlichen Folgen spielen eine Rolle: Wenn die Arbeitslosigkeit generell steigt – also mehr Leute weniger Geld zur Verfügung haben –, wird auch weniger gereist. Es könnte auch sein, dass die Preise steigen, weil es weniger Hotels und Flüge gibt. Da sind also viele Fragezeichen. Grundsätzlich aber ist Mobilität ein Grundbedürfnis der Menschen, das nicht verschwinden wird. 

Welche Jobs in der Reisebranche leiden am meisten?

Die im Kernbereich, also die Beratung im Reisebüro und in den Call-Centern, die Mitarbeitenden, die mit Destinationen arbeiten, sowie Reiseleitungen.  

Für die Betroffenen wird es schwierig, eine neue Stelle zu finden, weil ja die ganze Branche derzeit abbaut. Aber wenn das Geschäft sich erholt, braucht man sie auch wieder, oder?

Hoffentlich. Eine erhöhte Nachfrage kann in vielen Bereichen jedoch technisch aufgefangen werden. Für teure, lange Reisen sieht es anders aus: Da braucht es Spezialisten, die diese Regionen gut kennen und Kunden beraten können. Das haben wir aber beim aktuellen Abbau berücksichtigt. 

Das heisst, viele der abgebauten Jobs wird es gar nicht mehr geben?

Das ist leider zu befürchten. 

Am besten satteln die Betroffenen also ganz um?

Das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Die Mitarbeitenden in der Reisebranche sind meist jung, bei uns ist das Durchschnittsalter 34. Wir haben viele Berufseinsteiger, die ein paar Jahre bleiben und dann weiterziehen. Die Fluktuation in normalen Jahren beträgt bis zu 20 Prozent der Belegschaft. Aber erfahrene Leute, die den Job mit Herzblut machen, wird es auch in Zukunft brauchen. Auf der anderen Seite sind in den letzten 20 Jahren 1000 Reisebüros in der Schweiz verschwunden. Hotelplan ist die einzig verbliebene Komplettreiseorganisation, die in Schweizer Hand ist. Der Strukturwandel ist also längst im Gang, die Branche konnte dennoch auch immer wieder neue Jobs kreieren. 

Wird sich auch Hotelplan früher oder später mit anderen Anbietern zusammenschliessen müssen?

Wir sind gut aufgestellt, breit diversifiziert und haben die Kraft und das Vertrauen der Aktionärin, um unabhängig zu bleiben. Trotzdem kann ich nicht ausschliessen, dass es zu Partnerschaften oder Allianzen kommen könnte. Sehr viele in der Reiseindustrie befinden sich derzeit im Überlebenskampf. 

Falls es sich 2022 wieder bessert: Wird das Geschäft mehr oder weniger gleich aussehen wie vorher? 

Es gab in letzter Zeit Entwicklungen, die nicht gut waren. Etwa dass Leute mal schnell für ein Wochenende zum Einkaufen oder für eine Party irgendwohin fliegen, nur weil es billig ist. Kreuzfahrten sind etwas Tolles, aber nicht mit 8000 Leuten an Bord, finde ich. Ich habe mich mein Leben lang immer wie ein Kind auf eine Reise gefreut und tue mich schwer damit, dass Reisen in gewissen Bereichen zu einem  Fast-Food-Produkt geworden sind.  

Corona könnte also auch eine Chance sein?

Ich würde mir wünschen, dass wir alle wieder etwas bewusster reisen, uns etwas mehr Zeit geben, Destinationen zu entdecken. Das gäbe auch den Reisebüros wieder mehr Daseinsberechtigung.  

Was erwarten Sie, wie das Reisen in fünf Jahren aussieht? Oder könnte man da genauso gut eine Wahrsagerin fragen? 

Die Trefferwahrscheinlichkeit ist vermutlich vergleichbar. (lacht) Auch ohne Corona wäre eine Fünf-Jahres-Prognose im Tourismus reine Spekulation. Es ändert sich einfach zu vieles. Aber als Unternehmen entscheiden wir selbst, was wir anbieten. Hotelplan hat sich schon immer selektiv verhalten: Gewisse Destinationen und Reisen hatten wir nie im Programm. Und kürzlich haben wir entschieden, dass wir Heli-Skiing als Veranstalter nicht mehr anbieten werden. Das mag ein tolles Erlebnis sein, aber ich verstehe völlig, dass es kontrovers diskutiert wird. Klar, wenn ein Kunde zu uns kommt und das machen möchte, buchen wir es ihm – aber wir bieten es von uns aus nicht mehr aktiv an. Neu gibts dafür Elektroauto-Rundreisen in der Schweiz. So haben wir als Reiseunternehmen durchaus Möglichkeiten, das Reisen ein wenig mitzubeeinflussen. 

Wird der typische Massentourismus künftig weniger gefragt sein?

Ich glaube, dass es auch dieses Bedürfnis weiterhin geben wird. Und das ist auch okay – einfach nicht jedes Wochenende mit dem Billigflieger. Aber man kann den Jungen, die Party machen wollen, nicht einfach sagen, tut uns leid, gibts nicht mehr. Vielleicht verändern sich die Destinationen; gut möglich, dass die eine oder andere Mittelmeerinsel sich neu positionieren und diese Gäste nicht mehr anlocken möchte.

Im Hotelplan-Reisebüro

Thomas Stirnimann hofft, dass die Reisebüros von Hotelplan bald wieder rege genutzt werden. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Wie wird Corona Airbnb treffen? Könnten Hotels profitieren?

Airbnb wird das schon spüren, aber das nützt den Hotels derzeit nichts. Und grundsätzlich ist das Geschäftsmodell eine Bereicherung, deshalb denke ich, dass es sich mittelfristig auch wieder erholt. Unschön ist, dass sich Hotels in der Vergangenheit an Hunderte bis ins Detail geregelte Vorschriften halten mussten, während Airbnb-Wohnungsanbieter machen konnten, was sie wollten. Das muss man fairere Lösungen finden.  

Wird sich das Fliegen verändern? Es kommen ja nun noch mehr Regeln.

Schwer zu sagen. In den letzten Jahren haben sich alle Airlines auf das gleiche Geschäftsmodell ausgerichtet: Von A nach B, möglichst schnell  und möglichst billig. Das hat der Diversität des Angebots insgesamt geschadet, was ich persönlich schade finde. Aber bisher hat die Branche noch jede Krise überstanden, und es finden sich auch immer wieder neue Geldgeber, die in Fluggesellschaften investieren möchten. Es ist eben ein faszinierendes Geschäft, ich selbst habe damals die Edelweiss mitgegründet. Aber wie sich das alles diesmal entwickeln wird? Ich weiss es nicht. Klar ist: Das Fliegen ist zentral für die Reisebranche, wir können nicht zum Dampfschiff zurück. Gleichzeitig müssen wir uns auch der CO2-Diskussion stellen. Flugbenzin ist das Einzige, das nicht besteuert wird. Das Verursacherprinzip sollte auch hier spielen. 

Was halten Sie vom Flugpreisaufschlag, wie er im CO2-Gesetz vorgesehen ist?

Das ist, wie wenn man ein Glas Wasser in einen Vulkan schüttet. Schon heute fahren Leute mit dem Auto zum EuroAirport Basel, um 30 Franken Flugpreis zu sparen. Künftig fahren sie vielleicht bis nach Mailand oder München, denn bei einer vierköpfigen Familie lohnt sich das dann vielleicht finanziell. Die CO2-Bilanz wird das nicht verbessern, es schadet nur dem Flughafen Zürich, einem der besten Europas. Und dass deswegen weniger geflogen wird, ist kaum vorstellbar.  

Was sollte man denn tun?

Eine weltweite Kerosinsteuer einführen. Aber auch nur schon für Europa würde das etwas bewirken, weil man nicht mehr so leicht auf einen anderen Flughafen ausweichen könnte.  

Wie sehen Ihre eigenen Ferienpläne diesen Sommer aus?

Wir reisen Anfang August auf eine kleine griechische Insel – weil meine Töchter studieren, musste es dann sein, sonst würde ich eher eine andere Reisezeit wählen. Das Erstaunliche ist: Wir haben Anfang Jahr gebucht, und bis jetzt scheint immer noch alles zu klappen wie geplant. Ich freue mich sehr darauf und bin natürlich auch neugierig zu sehen, wie nun vor Ort und beim Fliegen alles abläuft.

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