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Zu Besuch im Hundesalon

Waschen, legen, Pfoten pflegen

Im Zürcher Hundesalon Dolly verwöhnt Jacky Meier die besten Freunde der Menschen. Aufsehen erregen neben den Vierbein-Diven aber auch Frauchen und Herrchen, die sie begleiten.

Text Anne-Sophie Keller
Fotos Michael Sieber
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Dafür gibt Massimo gern Pfötchen: Jacky Meier widmet sich der Pediküre des Lagotto-Hundes.

Schneidet man einem Hund die Krallen, geht es dann um eine Maniküre oder eine Pediküre? Warum wird der Hund Gascho auf der Strasse gleich erkannt? Und wie bequem ist ein Pulli aus Tierhaar? Alles Fragen, die sich ein Mensch erst stellt, wenn er einen Tag in einem Hundesalon verbracht hat. Zum Beispiel bei Jacky Meier im Hundesalon Dolly, dem ältesten seiner Art in Zürich.

Meier ist 54 Jahre alt und führt den Salon seit 1997. Wachsame Emil-Fans haben das Lokal im Film «Kassettenliebe» gesehen. Die Mundartband Dabu Fantastic spielte hier mal ein Konzert. Überhaupt werden hier nicht nur Hunde frisiert, sondern vor allem Geschichten geschrieben.

Begrüsst werden wir an einem regnerischen Oktobermorgen von Horthund Vito. Meier betreibt im Salon nämlich auch eine Hundetagesstätte. Dort geben viel beschäftigte Business-Zweibeiner am Morgen ihren Vierbeiner ab und holen ihn abends wieder.

Wellness für Massimo

Im Hintergrund läuft Radio SRF 3, Vito ist längst eingeschlafen, mit Massimo kommt der erste Kunde. Der zweieinhalbjährige Lagotto gehört Joseph (24) und Lukas (65) Heck. Seine gut gekleideten Herrchen betreiben im Zürcher Niederdorf ein Mode- und Parfümgeschäft. Und da für Lukas schliesslich «zu einem gepflegten Lebensstil auch ein gepflegter Hund gehört», bringen die Hecks Massimo alle sechs bis acht Wochen her. Waschen, schneiden, föhnen. Kostenpunkt: 150 Franken.

Bildergalerie: Hunde Massimo bekommt einen neuen Haarschnitt

 

Heck selbst geht alle drei Wochen zum Coiffeur; Joseph jeden Monat. Am teuersten ist es bei Massimo. Warum? «Durch den klimatischen Wandel und die geheizten Wohnungen haaren Hunde das ganze Jahr über. Ein Lagotto muss beispielsweise mindestens zweimal pro Jahr geschoren werden, weil sonst auf der Haut Entzündungen entstehen können», erklärt Hundecoiffeuse Meier. Joseph Heck ergänzt: «Massimo hat krause Haare. Wenn sie kurz sind, juckt es ihn weniger.»

Lukas Heck mit Massimo

Lukas Heck mit seinem zweieinhalbjährigen Lagotto Massimo.

Massimo läuft ins Behandlungszimmer. Eingerichtet hat es Meiers Partner Jan. Er hat die ausgeklügelte Installation erfunden, die an die Staubsauger der Autowaschanlage erinnern, mit der bei Jacky Meier Hunde geföhnt werden. Massimo hockt geduldig auf dem Tisch, während Meier sich an die Dompteuse macht. Büschelweise Haare fallen herunter – irgendwann sitzt der Hund in einem Meer aus weissen Locken. «Es gibt Besitzer, die die Haare der Hunde behalten und sich daraus einen Pullover herstellen lassen», erklärt Meier ganz selbstverständlich.

Nach der Dompteuse wird Massimo gewaschen, geföhnt. Dann folgt die Pediküre – viermal Krallen schneiden. Zum Schluss ein paar Tropfen Reinigungsmittel ins Ohr, kurz einmassieren, dann mit einem Wattepad putzen. Massimo strahlt, Meier strahlt, Lukas Heck strahlt, das Reportageteam und der Fotograf, sogar die Sonne strahlt jetzt.

Grosse Bühne für Sally

Als Nächstes folgt doppelter Damenbesuch: Malteser Sally (8) und Besitzerin Annemarie Meyer (72). Gefunden haben sich die beiden vor siebeneinhalb Jahren in einem Tierheim. Meyer erzählt: «Ich komme aus einer gut betuchten Hobbyzüchterfamilie, die viele Rassen besass. Aber ich war die Einzige, die Findlinge aufgenommen hat.» In Rom, wo sie unter dem Namen Ofelia Meyer als Schauspielerin arbeitete, hatte sie einen dreibeinigen Labrador; in Zürich einen Hund, der früher misshandelt wurde. Meyer ist eine Dame von Welt, kulturell interessiert, elegant gekleidet. Im Nebenzimmer steht Sally schon unter der Dusche. Jacky Meier erklärt: «Beim Schamponieren kann ich den Hund abtasten und sehen, wenn irgendwo etwas nicht richtig ist. Wenn ich zum Beispiel eine Geschwulst erkenne, empfehle ich den Hund zur Abklärung an den Tierarzt weiter», erklärt sie.

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Schauspielerin Annemarie Meyer mit Sally.

Doch der Salon wird Nebensache, wenn Ofelia Meyer auftaucht. Bei der Kurzrecherche vor Ort findet sich der Plot ihres Films «Le deportate della sezione speciale SS» von 1976: Junge Frauen in nazibesetzten Ländern werden per Zug in ein Kriegsgefangenenlager gefahren, wo der sadistische Kommandant sie als Belohnung für seine lesbischen Wächterinnen und abtrünnigen Truppen benutzt. Meyer empört sich leicht: «Ausgerechnet diesen Film haben Sie gefunden.» Und die Dame rauscht ab. Grosse Auftritte liegen der Schauspielerin noch immer.

«Frauchen» Jacky Meier

Es ist Mittag, und Jacky Meiers Chihuahuas kommen vorbei: Fufi und Alma (beide 4) sind am Morgen bei Meiers Mann und am Nachmittag im Salon. «Wir haben sie von Bekannten adoptiert, die nicht genug Zeit hatten, um sich richtig um sie zu kümmern», sagt die Hundecoiffeuse. Die Chihuahuas haben Probleme mit den Zähnen und Gelenken. «Zwerghunde sind oft überzüchtet und haben viele Beschwerden. Das ist grauenhaft.» Wenn Meier arbeitet, schauen ihre zwei Hunde zum Fenster hinaus. Für sie ist das wie Kino.

Und dann kommt Gascho. Der Mischling ist ein immenses Wesen aus schwarzem Fell, 13 Jahre alt. Seine Besitzerin Kathrin Kümmerli führt in den Räumen neben dem Hunde- einen Coiffeursalon für Menschen. Manchmal kommen Kundinnen zu ihr und geben den Hund nebenan ab. Wellness für beide.

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Hundecoiffeuse Jacky Meier (54) mit ihren eigenen Chihuahuas Fufi und Alma.

Salonbesitzerin Jacky Meier im Interview

«Es geht um die Gesundheit, nicht um Eitelkeit»

Jacky Meier, wie wird man Hundecoiffeuse?
Ursprünglich wollte ich Tierärztin werden, aber meine schulischen Leistungen reichten nicht aus. Also wurde ich Tierpflegerin. Im zweiten Lehrjahr wechselte ich in einen Hundesalon – und so wurde ich Hundecoiffeuse.

Wie viel verdient man dabei?
Als Angestellte um die 3000 bis 3700 Franken. Als Geschäftsleiterin um die 4500 Franken. Wenn man selbständig ist, rechnet man anders. Da gibt es gute und schlechte Monate.

Was ist das Schönste an Ihrem Job?
Der Feinschliff am Schluss und die Kunden, die Freude am Resultat haben. Und natürlich: wenn der Hund zufrieden und entspannt ist.

Was ist das Verrückteste, was Sie je erlebt haben? 
Dabu Fantastic hat im alten Salon mal ein Konzert gegeben, und ich habe dem Sänger David Bucher im Hundebecken die Haare gewaschen. Sonst: Mein eigener Hund hat mal als Werbehund gearbeitet und sich damit sein eigenes Futter verdient.

Wurden Sie schon mal gebissen?
Gebissen nicht, aber geschnappt oder gekrallt. Wie ein Handwerker, der sich mal mit dem Hammer auf den Daumen schlägt. Quasi ein bisschen Berufsrisiko. Aber mit der Zeit kann man die Hunde einschätzen. Und notfalls zieht man dem Hund einen Maulkorb an.

Wird Ihre Arbeit oft belächelt?
Nur bis ich sie erkläre. Wenn die Hundehaare nicht gebürstet werden, verfilzen sie. Das führt zu Entzündungen. Und wenn die Krallen einwachsen, wird Laufen für die Hunde schmerzhaft. Es geht also um die Gesundheit und nicht um Eitelkeit. In anderen Ländern werden Nägel lackiert und Felle gefärbt. Das ist hier zum Glück verboten.

Gratisschnitt für Riesenbären

Und dann kommt Gascho. Der Mischling ist ein immenses Wesen aus schwarzem Fell, 13 Jahre alt. Seine Besitzerin Kathrin Kümmerli führt in den Räumen neben dem Hunde- einen Coiffeursalon für Menschen. Manchmal kommen Kundinnen zu ihr und geben den Hund nebenan ab. Wellness für beide.

Aber zurück zu Gascho. Der war so nicht geplant. Kümmerli erinnert sich: «Ich sagte einer Gassen-Tierärztin, ich sei bereit für ein Hündchen. Gerne kniehoch, helles Fell und kein Junge. Sie meinte, sie hätte einen, der zu mir passt», so die 48-Jährige. Es war Gascho, der liebenswerte Riesenbär. Bevor er zu Kümmerli kam, lebte er mit seiner Besitzerin auf der Strasse. Als diese schwanger wurde und eine Wohnung fand, in der Haustiere nicht erlaubt waren, musste er weg. «Seine alte Besitzerin und ich haben immer noch Kontakt», sagt Kümmerli. Wenn sie mit Gascho auf Zürichs Strassen spazieren geht, wird der Hund von seiner alten Clique begrüsst.

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Kathrin Kümmerli mit Mischling Gascho.

Bei Jacky Meier wird der Senior einmal pro Monat geschärt. Sein Fell und seine Haut haben sich mit der Zeit verändert. Dieses Mal ist die Behandlung gratis, dafür schneidet seine Besitzerin der Hundecoiffeuse die Haare. Warum Kümmerli lieber Menschenhaare schneidet? «Weil man sie färben darf», sagt sie und wischt sich eine violette Strähne aus der Stirn.

Hörbi als Schlusslicht des Tages

Der Tag endet mit Hörbi. Der Terriermischling gehört dem 27-jährigen Barmanager Sandro Lötscher und dessen Lebenspartner Sebastian (35). Hörbi wurde in Ungarn auf der Strasse in einem Plastiksack gefunden. Über die Organisation Happy End kam er nach Zürich. Hier geht er nun einmal pro Monat zu Jacky Meier, um sich seinen weissen Bart stutzen zu lassen; im dreiköpfigen Männerhaushalt ist die Bartpflege Kult.

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Barmanager Sandro Lötscher mit seinem Terriermischling Hörbi.

«Hörbi ist aufgestellt, sehr verspielt und wahnsinnig verkuschelt. Er braucht viel Essen, viel Liebe und viel Aufmerksamkeit», sagt Lötscher. Womöglich werde er schon ein bisschen verwöhnt, meint Lötscher lachend. Hörbi hüpft fröhlich herum, das Barthaar sitzt. Womöglich wird er tatsächlich ein bisschen verwöhnt.

Für ein Verwöhnprogramm Ihres Vierbeiners zu Hause

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