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Migros - Ein M besser

Innenarchitektin Claudia Silberschmidt

Räume mit Tiefgang und Humor

Richtig gute Inneneinrichtung muss mehr sein als eine schöne Oberfläche, sagt Claudia Silberschmidt. Die Innenarchitektin erklärt, wie sie Räumen einen neuen Look verpasst.

Text Dinah Leuenberger
Fotos Christian Schnur
Der Eingang des Restaurants Bernadette von Claudia Silberschmidt und ihrem Team im rosa Ton eingerichtet.

Fleischkäse durch und durch. Manchmal betritt Claudia Silberschmidt einen Raum und weiss sofort, in welche Richtung sie ihn verändern möchte. So wie im Restaurant Belcanto in Zürich, das jetzt «Bernadette» heisst. Das Gebäude am Sechseläutenplatz wird wegen seiner Form und Fassadenfarbe im Volksmund gern «Fleischkäse» genannt. Innenarchitektin Silberschmidt war überzeugt davon, dass dieser Übername zum Hauptdarsteller werden sollte. Dass also auch das innere Raumkleid rosa wird, angereichert mit Elementen, die an den Kulissenbau im Theater und an die 80er-Jahre erinnern.

Der Essbereich des Restaurants Bernadette von Claudia Silberschmidt und ihrem Team im rosa Ton eingerichtet.

Das Restaurant Bernadette soll nicht nur von aussen, sondern auch von innen an den Fleischkäse erinnern. Claudia Silberschmidt und ihr Team haben darum eine rosa Farbpalette gewählt. Und selbstverständlich steht der Fleischkäse neu auch auf der Speisekarte.

Instagram als Inspiration

Die Entscheidungsträger der Eigentümerin, der Opernhaus AG, waren schnell überzeugt von dieser Idee. Danach ging es – wie bei jedem ihrer Projekte – in die Recherchephase. «Ich bin inspiriert durch Menschen, die etwas anders machen als ich, durch Orte, die ich neu bereise, oder faszinierende Handwerkskunst.» Claudia Silberschmidt nutzt dafür aber auch Instagram, weil sie dort viel Inspiration findet.

Wie Tausende von Menschen rund um den Globus, zückt auch sie hin und wieder das Handy, wenn sie Restaurants betritt. Sie macht Fotos von einem tollen Drink, dem Essen oder auch von der Einrichtung. Alles, was optisch überzeugt, wird fotografiert und auf der Social-Media-Plattform Instagram geteilt.

Instagrammisierung heisst der Trend. Er hat dafür gesorgt, dass die Optik in Restaurants zunehmend wichtiger wurde. Einerseits die des Essens und wie es präsentiert wird; andererseits aber auch, wie die Einrichtung daherkommt. Gerade in Orten, in denen die Zahl neuer Restaurants rasant wächst, ist es wichtig geworden, optisch zu überzeugen. «Ein schönes Restaurant ist sofort sichtbar und wird schneller angenommen, es kann sich von anderen abheben», sagt Silberschmidt. Ein gutes Einrichtungskonzept könne darum vor allem am Anfang als Werbung wirken. Aber damit ein Restaurant überdauert, muss alles stimmen.

Portraitbild von Claudia Silberschmidt

Obwohl sie mit dem Einrichten ihren Lebensunterhalt verdient, ist die Zürcherin davon überzeugt, dass das Dekor in einem Restaurant immer noch zweitrangig ist. Schmeckt das Essen nicht, nützen auch hübsche Möbel wenig. Und umgekehrt kann ein Speiselokal auch mit bescheidenem Interieur bestehen, wenn es kulinarisch top ist.

«Damit ein Raum überdauert, muss man bei der Einrichtung in die Tiefe gehen, graben und seinen Charakter erfassen.» Genau das ist jeweils Claudia Silberschmidts Ziel, wenn sie für ein Projekt angefragt wird. Dem Ort einen neuen Look verpassen, ohne seine Geschichte zu vernachlässigen. Ein Neubau bietet dies natürlich nicht. «Da müssen wir genau definieren, welches Gefühl der Raum zukünftig vermitteln soll. Dafür können wir bis ins Detail alles planen.»

Auf Verschönerungstour

Vor 21 Jahren gründete Silberschmidt in der Limmatstadt «atelier zürich», eine Agentur für modernes und emotionales Interior Design. Seither verschönert sie mit ihrem Team Häuser, Restaurants und Hotels. Sie schätzt den Mix. Bei privaten Projekten wird es schnell intim: «Ich muss wissen, ob die Eheleute gemeinsam im Bad Zähne putzen und darum allenfalls zwei Lavabos benötigen.» Dafür hat sie bei öffentlichen Projekten mehr Narrenfreiheit, weil diese Räume einem breiten Publikum gefallen sollen.

Grosser Auftritt der Migros-Spiegel

Auch bei den Einrichtungsgegenständen setzt Silberschmidt auf eine Mischung: neue Objekte, Textilien und Lichtelemente, die sie auf der Pariser Möbelmesse entdeckt oder aus ihren eigenen Produktlinien auswählt, die sie in ihrem Zürcher Geschäft Frohsinn verkauft. Aber auch alte Vintage-Einzelstücke, für die sie einmal im Jahr mit einem Minivan durch die Gegend fährt und Märkte und andere Fundgruben abklappert. «Fündig werde ich überall. Wirklich überall. Die Auswahl passiert spontan und immer emotional.» Bestes Beispiel: Im neu gestalteten Bernadette prangt an einer Wand eine Komposition von Handspiegeln aus der Migros: «Das Handspiel ist im Theater ein Begriff. Und unser Stil wird durchaus auch mit ganz preiswerten Elementen komplettiert.»

 

«Die einzige Konstante beim Einrichten ist die Veränderung. Ich frage mich jeweils, was der Gast sucht – und zwar der junge und der alte –, denn erst durch die Mischung beginnt der Ort zu leben.» Im Laufe der Jahre habe es in ihrer Arbeit eine grosse Veränderung gegeben: Die Kunden seien heute viel besser informiert als früher – vielleicht auch dank Instagram. Sie kämen mit klaren Vorstellungen, würden Stile und Trends kennen, sagt Silberschmidt. Ihre Aufgabe sei es dann, etwas zu kreieren, das auch in fünf oder zehn Jahren noch stimmt. «Ich habe mich früher manchmal gefragt, ob mein Beruf sinnvoll ist. Heute bin ich davon absolut überzeugt: Wir schaffen Orte, wo sich Menschen wohlfühlen sollen. Das ist zunehmend wichtig in einer globalisierten, sich rasant verändernden Welt.»

Mit Wärme, Stoff und Humor

Diese Gestaltung bis ins kleinste Detail hat einen gewissen Preis. «Ein gutes Projekt braucht eine saubere Planung. Die lässt sich nicht günstiger machen.» Gross sei hingegen der Spielraum bei der Umsetzung: «Wenn jemand Interesse, Zeit und Musse hat, lässt sich auch mit kleinerem Budget etwas Tolles bewirken», sagt die Innenarchitektin.

Am Ende steckt in jedem Raum, der von Claudia Silberschmidt gestaltet wurde, etwas von ihr selbst drin. Wer ihre Projekte kennt, erkennt ihre Handschrift. Wärme, monochrome Farben und das Spiel mit unterschiedlichen Textilien gehören dazu. «Und ich bin eine Hölzige. Am liebsten arbeite ich mit Eichenholz.»

Und dann ist da noch die Sache mit den Tieren, die heute zum inoffiziellen Markenzeichen des «atelier zürich» wurden:
Das hat angefangen mit dem Hotel de Londres in Brig, dem Le Grand Bellevue in Gstaad oder dem Restaurant Razzia in Zürich, wo sich Giraffe, Dromedar und Murmeltier tummeln. Auch im neuen «Bernadette» wohnt ein Tier. Welches, verrät Silberschmidt nicht. Denn auch das gehört zu ihrem Stil: etwas geheimnisvoll, diskret und stets mit einer guten Portion Humor. Die Suche nach dem Tier überlässt sie den Gästen des «Bernadette».

Und wie macht es die Migros?

Yvo Locher, Leiter der Direktion Gastronomie Migros Aare, gibt Antworten.

Welche Überlegungen spielen bei der Gestaltung und Einrichtung der Migros-Restaurants eine Rolle?
Ein schönes, einladendes Restaurant soll die unterschiedlichen Kundengruppen ansprechen und zum Besuch motivieren. Jedoch müssen Flexibilität, Sicherheit, Funktionalität und Hygiene sichergestellt sein. In der heutigen Zeit müssen die Betriebe, die stark frequentiert werden, nach rund sieben Jahren aufgefrischt werden. Mit der richtigen Boden- und Beleuchtungswahl können wir die Gasträume nach dieser Zeit umgestalten und auffrischen, ohne alles komplett zu ersetzen.

Wie sorgen Sie für Gemütlichkeit?
Wir legen grossen Wert auf eine passende Raumgestaltung in Farbe, Form, Material und Dekoration. Wir gehen auch auf die individuellen Räume ein und setzen Bilder aus der Region ein, um Nähe zu schaffen. Mit unterschiedlichen Zonen schaffen wir auch in grossen Betrieben einladende Nischen.

Wer definiert, wie ein Migros-Restaurant aussieht? Werden dafür Innenarchitekten hinzugezogen?
In der Genossenschaft der Migros Aare arbeiten wir mit Innenarchitekten zusammen. Für die Raumgestaltung und Materialisierung haben wir mit ihnen ein Grundkonzept entwickelt, das unsere vielfältige Gästeschicht ansprechen soll. Das Konzept wird laufend weiterentwickelt, jedoch möchten wir, dass ein Migros- Restaurant immer auch als solches wiedererkannt wird.

Inwiefern ist ein stylisher Look wichtig?
Wir gehen alle gern in Lokale, die uns ansprechen. Es kommt auch öfters vor, dass unsere Restaurants auf Instagram und in anderen Online-Medien erscheinen. Aber es genügt heute nicht, einfach nur ein «schönes» Restaurant
zu betreiben.

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