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Jagd

«Jägerin des Jahres» Célina Bapst über die Jagd

Die Freiburgerin Célina Bapst ist «Jägerin des Jahres» und vertritt als Botschafterin die Interessen der Jagd. Trotz Drohbriefen und Hasskommentaren im Netz will sie zeigen, dass die Aufgaben der Jäger mehr beinhalten als nur das Töten von Tieren.

Text Manuela Enggist
Fotos Christophe Chammartin
Die 28-jährige Célina Bapst erlegt insgesamt vier Tiere pro Jahr. Sie empfindet es als Privileg, ihr Essen selber zu schiessen.

Die 28-jährige Célina Bapst erlegt insgesamt vier Tiere pro Jahr. Sie empfindet es als Privileg, ihr Essen selber zu schiessen.

Am Ende wird sie den Abzug kein einziges Mal gedrückt haben. Und doch wird die Jägerin sagen: Heute war ein guter Tag. Célina Bapst aus Châtel-sur-Montsalvens FR wurde im vergangenen Februar zur «Jägerin des Jahres» gewählt und tritt nun für zwei Jahre als Botschafterin der Jagd auf. Imagepflege also. Oder, wie sie selber sagt: Werbung für eine Tradition, die immer mehr in Bedrängnis gerät.

Die Jagdgruppe teilt sich für die geplante Treibjagd auf.
Die Jagdgruppe teilt sich für die geplante Treibjagd auf.

Das Thermometer steigt an diesem frühen Herbstmorgen nur wenig über null Grad. Nebel umhüllt die Bäume. Dieser Tag ist ein früher Vorbote des Winters. Célina Bapst steht alleine in einem Waldstück oberhalb des Greyerzersees, nahe dem Dorf La Roche. Die 28-Jährige ist heute mit ihrer Jagdgruppe «Diana Gruyère» auf Treibjagd. Dabei werden die Tiere mithilfe von Hunden in die Richtung der Jäger gescheucht. Bapst, die einzige Frau im Team, wartet also auf ihrem Posten, bis das aufgeschreckte Wild nahe genug ist, um einen Schuss abzugeben. Es ist eine Variante der Jagd, die sie besonders mag: «Obwohl ich hier alleine stehe, hat das Ganze eine soziale Komponente. Die Jagdgruppe kommt immer wieder zusammen, bespricht das Vorgehen.» Die Freiburgerin ist auch ausserhalb der Jagdzeit viel in diesen Wäldern unterwegs, um die Gebiete zu studieren. Sie weiss genau, wo welche Wildpfade durchgehen und welche Fluchtwege die Tiere nutzen werden.

Es geht um das Gleichgewicht der Erde

«Mein Vater und mein Bruder, die mit mir in derselben Jagdgruppe sind, haben mich dazu überredet, an der Wahl zur Schweizer Jägerin teilzunehmen. Ich fand den Ansatz spannend, die Jagd der Bevölkerung näherzubringen. Die Initianten dachten sich, dass eine Frau allenfalls mehr Sympathien für unsere Passion ernten kann. Ich bin Lehrerin, ich erkläre gerne Dinge. Die Jagd wird heute mehr denn je infrage gestellt. Ich will den Menschen zeigen, dass es um mehr als um das Töten geht. Meine Leidenschaft ist nicht einfach nur ein Hobby, sondern ein realer Mehrwert für das Gleichgewicht unserer Erde. Eine Notwendigkeit.»

«Schweizer Jägerin»

Der Kürzi-Verlag und die Redaktion der Zeitschrift «Schweizer Jäger» verliehen mittels Leservotum anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Schweizerischen Patent- und Wildschutzverbandes (SPW) 2015 erstmals den Titel «Schweizer Jägerin». Die Motivation dafür war der Gedanke, die Schweizer Jagd durch eine «jagende Sympathieträgerin» in die Bevölkerung zu tragen. Célina Bapst ist die erste Jägerin, die aus der Westschweiz stammt.

Der Nebel verzieht sich. Bapst steht eine halbe Stunde später noch immer an derselben Stelle. Vom Weitem ist Hundegebell zu hören. Die Treiber jagen das Wild nun in Bapsts Richtung. Sie späht ins Dickicht. Ein Fuchs taucht auf. Das sei typisch, wird sie später sagen. Füchse hätten eine besonders gute Nase und seien stets die ersten, die vor den Hunden flüchten. Bald folgen zwei Gämsen. Diese Tiere dürfen nicht geschossen werden. Hier in der sogenannten Zone 2 ist nur der Abschuss von Rehen erlaubt. Bapst löst sich aus ihrer Schiessposition. Wenig später erklingt von Weitem das Jagdhorn, drei tiefe lange Töne. Es signalisiert, dass die Jagd in diesem Waldstück zu Ende ist und die Jäger sich wieder bewegen dürfen. Kein Jagdglück also. Das gebe es manchmal, sagt Bapst, während sie zur Gruppe zurückgeht. Vielleicht seien die Tiere heute nicht in diesem Waldstück unterwegs oder hätten andere Fluchtwege genutzt.

Célina Bapst und ihr Bruder Stéphane Bapst besprechen das Vorgehen auf der Treibjagd.

Célina Bapst und ihr Bruder Stéphane Bapst besprechen das Vorgehen auf der Treibjagd.

Keine leichte Entscheidung

«Ich bin mit der Jagd aufgewachsen und habe als Kind meinen Vater oft begleitet. Für mich selber kam es lange nicht infrage. Mit 20 hatte ich anderes im Kopf. Danach habe ich intensiv Unihockey gespielt. Als wir Schweizer Meister wurden, habe ich auf dem Höhepunkt aufgehört. Es hat mich mehr in die Natur gezogen. Ich hatte schon länger Lust, Jägerin zu werden, habe aber auch mit mir gerungen und mich gefragt, ob ich mit meinen eigenen Händen ein Lebewesen töten kann. Und ob ich das will. Als Fleischesserin bin ich zum Schluss gekommen, dass ich sowieso Tiere umbringe. Dann kann ich es auch selbst tun.»

Die Jagdgruppe kommt bei ihren Pick-ups wieder zusammen. Damit das aufgescheuchte Wild sich beruhigen kann, führen die Jäger nie zwei Treibjagden im selben Waldstück durch. Sie fahren mit den Autos in einen Wald nahe Treyvaux FR. Nun ist es Bernard Bapst, Célinas Vater, der mit seinen zwei Hunden die Treibjagd anführt. Wieder positioniert sich die Jägerin in der Nähe eines Wildpfads. Wieder ist sie alleine. Reglos hält sie ihr Gewehr – zum Abschuss bereit. Hier hat ihr Bruder Stéphane im vergangenen Jahr ein Reh geschossen. 20 Minuten vergehen. 40. Nach 50 Minuten zerreisst ein Schuss in der Ferne die Stille.

«Das Töten eines Tiers macht für mich ein Prozent der Arbeit eines Jägers aus. Ich bin in unserem Jagdverein für die Rettung der Rehkitze zuständig. Jeden Frühling ziehen wir mit Drohnen los und schauen, dass wir die Jungtiere von den Feldern wegbringen, bevor die Bauern mähen. So retten wir im Bezirk Gruyère jährlich rund 150 Rehkitze. Unsere Gegner sagen, wir tun dies nur, um die Tiere im Herbst zu schiessen, dabei dürfen wir in diesen Landwirtschaftszonen meist gar nicht jagen. Für mich hat die Arbeit eines Jägers viel mit Meditation zu tun. Wenn man sich nicht bewegt, bemerken die Tiere einen nach einer Viertelstunde nicht mehr. Wenn ich auf eine Schussabgabe warte, werde ich eins mit der Natur.

Wieder erklingen die drei tiefen Töne. Bapst läuft zu ihrer Gruppe und trifft auf ein erlegtes Reh. 17 Kilo schwer, vier oder fünf Jahre alt. Ihr Kollege Patrick Ecoffey hat es auf einer Lichtung geschossen. Nun liegt es tot zu Füssen der Jäger, die ihm aus Respekt einen Zweig in den Mund gelegt haben. Es soll das letzte Mahl symbolisieren. Das Tier wird vor Ort ausgenommen. Herz, Nieren und Leber gehen an den Schützen. Die restlichen Innereien werfen die Jäger in den Wald. Ein Festschmaus für die Füchse. Bapst kann sich noch gut an das erste Tier erinnern, das sie erlegt hat. Eine Gams in den Bergen. «Ich habe sie auf 200 Meter Distanz zwar tödlich getroffen, aber der Schuss war nicht perfekt, es dauerte eine kurze Weile, bis das Tier tot war. Ich musste die Gams im Gebirge sieben Stunden lang suchen.» Das beschäftige sie noch heute. Für sie sei es das oberste Jagdgebot, dass der erste Schuss stets perfekt ist.

Célina Bapst und Patrick Ecoffey mit der Beute des Tages. Der Zweig im Maul des Rehs symbolisiert das letzte Mahl des Tiers.

Célina Bapst und Patrick Ecoffey mit der Beute des Tages. Der Zweig im Maul des Rehs symbolisiert das letzte Mahl des Tiers.

Hassnachrichten sogar ans Grosi

«Seit ich ein Aushängeschild für die Jagd bin, werde ich oft angefeindet. Auf Facebook schreiben mir Leute manchmal Hassnachrichten, beschimpfen mich als ‹Bitch›. Einmal haben sie sogar meiner Grossmutter, die denselben Namen wie ich trägt, einen Drohbrief geschickt. Wenn ich merke, dass die Leute für einen Dialog bereit sind, versuche ich darzulegen, dass wir die Tiere nicht aus Spass erlegen. Wir dürfen in unserer Gruppe diese Saison insgesamt 23 Gämse, Rehe und Hirsche erlegen. Das ist vorgeschrieben und wird kontrolliert. Diese Regulierung ist wichtig, damit nicht irgendwann zu viel Wild in unseren Wäldern unterwegs ist und die Tiere nicht mehr überlebensfähig sind, weil es beispielsweise nicht genug Futter gibt.»

Am Mittag ziehen sich die Jäger in eine Hütte oberhalb von Hauteville zurück. Wenn das Wetter nicht ganz so garstig ist, machen sie für gewöhnlich ein Feuer im Wald. Heute sind die schützenden vier Wände eine willkommene Wärmequelle. Aufgetischt werden Käse, Wein und Wildschweinwurst aus eigener Jagd. Bapsts Bruder und ihr Vater sind stolz, dass mit Célina endlich auch eine Frau mit am Tisch sitzt. Ihr Bruder geht regelmässig mit ihr in den Schiessstand, um zu trainieren. «Célina ist sehr ehrgeizig.» Sie wolle stets den perfekten Schuss abgeben. «Es geht wohl kaum ein Jäger so viel auskundschaften wie meine Schwester.» Für die junge Frau sind es die geselligen Momente in der Hütte, die die Jagd auch ausmachen. «Das hat viel mit Tradition und Familie zu tun.» Zur Jagdgruppe gehören auch ihr Onkel und Cousins, und sonst nur enge Freunde der Familie.

Der Tag war kalt, und die Jagdgruppe ist froh, sich in einer Hütte oberhalb von Hauteville am Kaminfeuer wärmen zu können.

Der Tag war kalt, und die Jagdgruppe ist froh, sich in einer Hütte oberhalb von Hauteville am Kaminfeuer wärmen zu können.

«Alles Wild, das ich töte, verwerte ich von Kopf bis Fuss. Mit den vier erlegten Tieren, die ich pro Jahr nach Hause bringe, kann ich meine Familie ernähren. Ich friere das Fleisch ein. Für mich ist es ein Privileg, dass ich mein Essen selber schiessen kann. Das hat mit Demut zu tun. Ich würde nie auch nur ein Stückchen Fleisch wegwerfen. Ich kann verstehen, wenn Veganer oder Vegetarier uns Jäger verurteilen. Ich erlebe aber auch immer wieder Anfeindungen von Fleischessern. Das finde ich heuchlerisch. Was denken diese Menschen, wie ihre Wurst auf den Tisch kommt? Mein Fleischkonsum ist ehrlicher. Das Fleisch, das ich esse, könnte nicht lokaler sein. Ich weiss, dass das Tier nicht mit Antibiotika vollgepumpt ist. Ich glaube, wäre ich nicht Jägerin, würde ich kein Fleisch essen.»

Nach dem Mittagessen fährt Bapst, die Anfang September zum ersten Mal Mutter geworden ist, nach Hause. Ohne totes Tier im Kofferraum. «Heute war ein guter Tag. Als ich im Wald stand, konnte ich minutenlang zwei Rotmilane beobachten.» Allein dafür hätten sich das Frieren und das frühe Aufstehen gelohnt.

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