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Dokumentarfilm

Schatten der Vergangenheit

Daniela Wildi hat als Maturaarbeit einen Dokumentarfilm gedreht – und damit gleich einen Preis gewonnen. Es geht um vier Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Eins davon ist der 58-jährige Roger Bresch, der bis heute von seiner alptraumhaften Jugend in einem Erziehungsheim verfolgt wird.

Text Michael West
Fotos Christian Schnur
Roger Bresch und Daniela Wildi reden über den Dokumentarfilm.

Komplett verschieden, aber voller Respekt füreinander: Roger Bresch und Daniela Wildi reden über den Dokumentarfilm.

Sehen Sie zuerst den Trailer des preisgekrönten Films.

Der Dokumentarfilm läuft am 19. September beim Festival  «Upcoming Filmmakers 2020» in Luzern.

Ein älterer Mann sitzt vor einer grauen, schmucklosen Wand. Erst wirkt er gefasst, dann beginnt seine Stimme zu zittern, er ringt mit den Tränen. «Der Staat hat mir die Chance genommen, jemand zu sein, jemand zu werden.»

Der 58-jährige Roger Bresch ist eine der vier Hauptpersonen im Dokumentarfilm «J’étais un enfant qu’on ne voyait pas». Sie alle sind Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen: Bis 1981 brachten die Schweizer Behörden Zehntausende von Kindern und Jugendlichen in streng geführten Heimen unter oder «verdingten» sie als günstige Arbeitskräfte an Bauernhöfe. Viele dieser Mädchen und Buben haben «unsägliches Leid und Unrecht erlitten», schreibt das Bundesamt für Justiz auf seiner Website. «Sie waren zum Teil massiver körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt.»

Gegen das Vergessen

Der Bundesrat entschuldigte sich 2013 offiziell bei den Betroffenen. Die Menschen im Film machen klar, dass sie selber keinen Schlussstrich unter das Thema ziehen können. Denn sie werden bis heute von schlimmen Erinnerungen gepeinigt.Breschs Lebensgeschichte ist dafür beispielhaft: Vom Säuglingsheim kam er als Kind einer minderjährigen Mutter zu einer Pflegefamilie, ab zwölf Jahren bis zur Volljährigkeit war der schwierige, rebellische Junge im Erziehungsheim. Körperliche Strafen seien dort keine Ausnahme gewesen, sagt Bresch. Wer etwas angestellt habe, sei von den Betreuern regelrecht verhört und mit Schreibtischlampen geblendet worden.

Nach Jahrzehnten sind die Erinnerungen an solche Erlebnisse noch immer nicht verblasst: Nachts rauben sie ihm den Schlaf, und er fühlt sich dann, als sei er schon sein ganzes Leben auf der Flucht.

Solche Aussagen geben dem Film eine grosse emotionale Wucht, obwohl er nur 25 Minuten dauert. Noch verblüffender ist aber, wer die Regisseurin ist: nicht etwa eine gestandene Filmemacherin, sondern die erst 19-jährige Daniela Wildi. Die junge Frau aus Zufikon AG drehte das Video als Maturaarbeit. An der Schule gab es dafür die Note 6. Bei den Schweizerischen Jugendfilmtagen, die das Migros-Kulturprozent unterstützt, gewann sie diesen Frühling den Hauptpreis. Nun reicht sie das Werk bei weiteren Festivals ein.

Weshalb dieser Filmstoff?

Doch wie kommt eine Jugendliche darauf, sich so intensiv mit einem historischen Unrecht zu beschäftigen? Als sie geboren wurde, lag das Ende dieser Missstände immerhin schon 20 Jahre zurück. Und doch hat das Thema Wildi gepackt und nicht mehr losgelassen. Darüber redet sie an einem heissen Hochsommertag noch einmal mit Bresch. Die beiden sitzen im Schatten eines Vordachs an der Schifflände von Thalwil ZH, dem Wohnort des früheren Heimzöglings.

Roger Bresch: Ich hatte dich vor den Dreharbeiten gewarnt, dass meine Lebensgeschichte belastend ist. Hat sie dir zugesetzt?

Daniela Wildi: Sie hat mich traurig gemacht. Ich fand aber auch, dass sich viel daraus lernen lässt: Wir alle müssen aufpassen, dass wir niemanden leichtfertig verurteilen und ausgrenzen. Wir sollten immer unsere Werthaltungen infrage stellen. Denn die fürsogerischen Zwangsmassnahmen richteten sich oft gegen Menschen, deren Lebensstil die Behörden missbilligten – zum Beispiel gegen alleinerziehende Mütter und ihre Kinder.

Bresch: Ich hatte im Heim oft das Gefühl, dass man mich moralisch abstempelt. Die Betreuer gaben mir zu verstehen, dass ich nichts wert sei und aus mir nichts werden könne. Das hat mich immer verfolgt.

Wildi: Ich finde es eindrücklich, dass du diese emotionale Last so viele Jahre getragen hast. Trotz aller Rückschläge bist du immer weiter deinen Weg gegangen.

Gegen Ende seiner Zeit im Heim machte Bresch eine Lehre als Mechaniker. Es war nicht sein Wunschberuf, aber seine Betreuer hatten ihm diese Ausbildung nahegelegt. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten übte er verschiedenste Tätigkeiten aus. So arbeitete er zeitweise in einem noblen Zürcher Hotel als Chef de Rang. Er war der Zeremonienmeister, der im Hotelrestaurant die Kellner beaufsichtigte. Doch weil er sich von einem Vorgesetzten sexuell bedrängt fühlte, kündigte er diese Stelle.

Ab 1998 leitete Bresch fünf Jahre lang das Team eines 24-Stunden-Restaurants in Dietlikon ZH. «Es machte mir Spass, dass ich dort mit ganz verschiedenen Gästen zu tun hatte», erinnert er sich. «Nachts kamen ausgelassene Partygänger ins Lokal. Am Morgen machten wir dann Bauarbeitern das Frühstück.»

Nie Halt gefunden

Bresch sagt von sich, dass er «ein Leben an der Kante» geführt habe, dass es stets nur einen kleinen Fehltritt brauchte, um ihn abstürzen zu lassen. Auch im Restaurant verlor er den Halt – und zwar buchstäblich: Er stolperte auf der Treppe und stürzte so unglücklich, dass er seither von schlimmen Rückenschmerzen gequält wird.

Heute lebt er von einer IV-Rente sowie von Ergänzungsleistungen und kommt damit knapp über die Runden. Die Rente wurde ihm wegen seiner Rückenprobleme zugesprochen – und wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung, die auf seine Zeit im Erziehungsheim zurückgeht. Wie andere Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bekam er ausserdem vom Staat eine einmalige Entschädigung von 25 000 Franken. «Doch das reicht nicht, um meine Situation wirklich zu verbessern», sagt er bitter.

Zu den finanziellen Sorgen kamen bei dem ehemaligen Heimzögling stets auch Beziehungsprobleme. Lange war er nicht imstande, Freundschaften einzugehen. Stets fürchtete Bresch, man werde sich wieder von ihm abwenden, ihn hintergehen oder verraten.

Früh in die Welt hinaus

Wie anders mutet da das Leben von Daniela Wildi an: Als Tochter eines Arztes und einer Coiffeuse erlebte sie nie materielle Not. Viel wichtiger: Ihre Eltern gaben ihr immer viel Liebe und Zuwendung. Schon früh hatte sie einen starken Sinn für Gerechtigkeit. In der Primarschule schlichtete sie auf dem Pausenplatz manchmal Streit und stellte sich schützend vor schwächere Kinder. Deshalb wurde Daniela Wildi in ihrer Klasse zum  «Peace Maker» ernannt.

2017 und 2018 machte sie ein Auslandsjahr in Schanghai. Weil sie sich sehr stark fürs Filmemachen interessierte, stand sie für Werbespots vor der Kamera – im vergangenen Jahr zum Beispiel für eine Kampagne von  «M-Budget Mobile». Trotz des Erfolgs mit ihrem Dokumentarfilm strebt die junge Frau nun nicht etwa eine Laufbahn als Filmregisseurin an.

Sehen Sie hier diesen «M-Budget Mobile» Werbespot – Daniela Wildi ist die junge Frau, die ein Auto wäscht.

Sie beginnt im Herbst in Genf Internationale Beziehungen zu studieren und sie will noch viel mehr von der Welt sehen, in fremde Kulturen eintauchen – später vielleicht für ein Hilfswerk arbeiten oder Diplomatin werden. Daniela Wildi hat grosse Ziele und arbeitet unermüdlich darauf hin.

Roger Bresch: Hast du dir je überlegt, was aus dir geworden wäre, wenn du so wie ich aufgewachsen wärst?

Daniela Wildi: Nein, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich bin schon zu stark geprägt von all dem Positiven, das ich bisher erleben durfte. Ohne diese Erfahrungen wäre ich gar nicht ich.

Bresch: Ich bin jedenfalls froh, dass ich bei deinem Film mitgemacht habe. Ich hatte immer das Gefühl, dass dich meine Lebensgeschichte ehrlich interessiert, dass du nicht einfach mit deinem Projekt glänzen willst. Der Film kommt mir rückblickend vor wie etwas vom wenigen Richtigen in meinem Leben, in dem sonst vieles unecht und falsch war.

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