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Migros - Ein M besser

Kinderbuch von Gabriela Kasperski

Wieso gibt es keine dunkelhäutigen Prinzessinnen?

Die Krimiautorin Gabriela Kasperski hat für ihre Tochter Samira ein Kinderbuch geschrieben: über das Anderssein, die Adoption und den Rassismus. Nun ist der zweite Band erschienen, und Samira hat dabei kräftig mitgeholfen – denn sie kennt alles aus eigener Erfahrung.

Text Kristina Reiss
Fotos Christian Schnur
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Mehr als nur ein spannendes Kinderbuch: Mit «Einfach Yeshi» erzählt Gabriela Kasperski die Geschichte eines dunkelhäutigen Mädchens, das mit Vorurteilen und Rassismus leben muss – wie ihre eigene Adoptivtochter Samira.

Mami, warum sind Prinzessinnen immer weiss?», fragte die fünfjährige Samira ihre Mutter. Damals realisierte die Krimiautorin Gabriela Kasperski mit Schrecken: Sie hat recht! Es gibt kaum Kinderbücher mit einer dunkelhäutigen Heldin. So beschloss die Schriftstellerin spontan: «Ich schreibe dir ein Buch!» Heute, acht Jahre später, hält die mittlerweile 13-jährige Samira bereits den zweiten Band von «Yeshi» in der Hand. «Voll gut, oder?», fragt das Mädchen gut gelaunt und wippt mit dem Stuhl. «Vor allem beim zweiten Buch habe ich richtig viel mitgeholfen.»

Yeshi, die Hauptperson der gleichnamigen Buchreihe, ist zehn Jahre alt, hat dunkle Hautfarbe und eine wilde Lockenpracht. Ihre Eltern sind hellhäutig, sie haben Yeshi adoptiert. Irgendwann will Yeshi ihre ursprüngliche Heimat Äthiopien besuchen. Sie lebt in Zürich, liebt Turnschuhe, Tanzen und hat ein grosses Herz. Aber eigentlich trifft das alles auch auf Samira zu. Im Laden ihrer Eltern im Zürcher Niederdorf, in dem diese Schreib-Workshops veranstalten, springt die 13-Jährige auf und zeigt ihre neuesten Dance-Moves. Gleich will sie weiter zum Tanztraining.

Ausgrenzungen und Vorurteile

«Uns ist es wichtig, dass das Buch Fiktion ist», sagt Gabriela Kasperski. Aber natürlich gibt es Anleihen – Dinge und Erlebnisse, die Mutter und Tochter darin verarbeiten. An der Figur der Yeshi zeigen sie, was es heisst, anders zu sein. Mit Ausgrenzungen und Vorurteilen kennt die Buch-Yeshi sich aus. Aufgrund ihrer Hautfarbe ständig auf dem Präsentierteller zu sein, nie zur Mehrheit zu gehören, ist für sie Alltag. Und für Samira auch. So gibt es im zweiten Band eine sehr berührende Szene, als Yeshi beschliesst, ihre Haut zu bleichen, um der vermeintlichen Anforderung für die Prinzessinnenrolle im Schultheater zu entsprechen. Samira sagt dazu: «Früher hätte ich auch gern weisse Haut gehabt wie die anderen, heute nicht mehr. Es ist doch so: In Afrika würdest du angestarrt, hier bin ich es.»

Als sich Gabriela und ihr Mann Franz vor 13 Jahren entschliessen, ein Kind aus Afrika zu adoptieren, rechnen sie nicht mit Rassismus. Sie sind Schriftsteller, leben in einem liberalen Umfeld und haben als Eltern Erfahrung – ihre leiblichen Söhne, Beni und Flo, sind 8 und 13 Jahre alt. Das kleine Mädchen aus Äthiopien erobert im Nu die Herzen der Familie; offen und neugierig findet es überall schnell Kontakt. «Davon haben mein Bruder und ich sehr profitiert», erzählt der heute 21-jährige Beni grinsend, «wir waren viel zurückhaltender.» «Auch für uns Eltern war es durch Samira viel leichter, spannende Leute mit anderer Hautfarbe kennenzulernen», ergänzt seine Mutter, «sie ist eine grosse Bereicherung für uns.» An die prüfenden Blicke von Fremden gewöhnten sie sich, wenn sie mit zwei hellen Kindern und einem dunklen Kind auftauchten. An den unterschwelligen Rassismus nicht.

Hilfsmittel

Mit Kindern Toleranz diskutieren

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Bücher

Beide Bücher wurden mit dem KIMI-Siegel für Vielfalt ausgezeichnet. Sie eignen sich für Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren. Im ZKM-Verlag ist zudem eine Lesebegleitung für Schulen erschienen.
 

Die Box

Die Toleranz-Box der Stiftung Erziehung zur Toleranz (SET) enthält verschiedene Materialien (u.a. Stoffpuppe, DuploFiguren, Hauttonfarbstifte, Erzählkarten und Bilderbücher) sowie Ideen zum Thema Toleranz für das Kleinkind.
 

Das Glossar

Zum Einstieg in die Diskussion mit Schulkindern: Das Glossar der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) erklärt historisch belastete Begriffe.

Erschreckende Selbsterkenntnis

«Früher dachte ich, das gibt es in unserem Umfeld nicht», sagt Gabriela Kasperski. Heute weiss sie: «Auch wenn man sich für sehr liberal hält – ein Stück weit steckt es in vielen von uns.» Oft gehe es dabei nicht um grosse Gesten, sondern um unterschwellige: ein gönnerhaftes «Du darfst auch mitspielen» auf dem Spielplatz; die ausbleibende Einladung zum Kindergeburtstag, zu dem der Rest der Klasse geht; Playdates, die nie zustande kommen ... «Sobald es verbindlicher wird, ist es häufig aus mit Offenheit und Toleranz», sagt Gabriela. «Als mir das klar wurde, musste ich schlucken.» Gleichzeitig stellte sie erschrocken fest: «Ich wuchs auch mit dem Gefühl auf: Ich gehöre richtig hierher – im Gegensatz zu anderen, die nicht wie die Mehrheit aussehen. Damit umzugehen, musste ich erst lernen.» Die Autorin formuliert sehr vorsichtig. Zu oft hat sie für öffentliche Statements in der Vergangenheit Hasskommentare erhalten. Für Beni und Flo spielte die Hautfarbe ihrer Schwester nie eine Rolle. Flo lebt heute in London und berät Samira bei ihren Tanzmoves, Beni studiert an der Uni Zürich. Er sagt: «Erst als ich mitbekam, was sie wegen ihrer Herkunft aushalten muss, realisierte ich, dass sie anders aufwächst als mein Bruder und ich.» Bewusst zog die Familie vom Land in die multikulturelle Stadt. Doch auch hier wird die 13-Jährige manchmal wegen ihrer Hautfarbe beschimpft. «Ich sage mir dann: Diese Beleidigungen haben nichts mit mir zu tun, diese Kinder haben selbst Probleme», erzählt Samira – äusserst reflektiert für ihr Alter – und zuckt die Achseln. «Trotzdem ist das aber nicht in Ordnung!», ruft ihre Mutter.

«Es braucht ein neues Bewusstsein»

Beim Schreiben der Bücher fragte Gabriela ihre Tochter oft: «Was würdest du in Yeshis Situation tun?» «So floss vieles ein, auf das ich als weisse Erwachsene nicht gekommen wäre.» Aus dem fröhlichen, spannenden, manchmal auch traurigen Roman liest sie in Schulklassen, spricht mit Kindern über Ausgrenzungen und Vorurteile und findet: «Es braucht ein neues Bewusstsein in Kindergärten und Schulen – nur einschärfen ‹Das N Wort dürft ihr nicht sagen›, reicht nicht!» Samira lässt sich derweil nicht beirren, geht offen auf andere zu und hat schon genaue Vorstellungen von Band drei: «Von der ersten Liebe wird er handeln», sagt sie und grinst. Mehr sei nicht verraten.

Was tun?

Hilfe, mein Kind äussert sich rassistisch!

Drei Fragen an Urs Urech, Geschäftsleiter der Stiftung Erziehung zur Toleranz (SET):

Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind mit rassistischen Sprüchen nach Hause kommt?
Sie sollten sich vor allem nicht dafür schämen oder gar schweigen.

Was wäre denn eine angemessene Reaktion?
Interessiert und aufmerksam zuhören und die Chance nutzen, über Rassismus zu sprechen. Zum Beispiel Fragen stellen wie diese: Wie kommst du darauf? Weshalb glaubst du, ist das so? Gleichzeitig eine klare, antirassistische Haltung einnehmen: Alle Menschen sind gleichwertig. Wir wollen ein Quartier, eine Schule haben, wo alle gut zusammenleben und lernen können.

Wie erziehen wir Kinder generell zu toleranten und offenen Menschen?
Indem wir nicht nur reden, sondern vorleben! Aus der Verhaltenspsychologie wissen wir, dass Kinder erst ab dem 11. Lebensjahr durch Einsicht lernen. Umso mehr kommt es darauf an, was sie von uns abschauen. Also: mit unterschiedlichen Menschen auf dem Spielplatz reden, Leute zu sich einladen.

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