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Migros - Ein M besser

Holocaust-Überlebende

Ohne Personenschutz kann sie nicht aus dem Haus

Die Italienerin Liliana Segre überlebte als junges Mädchen den Holocaust. Umso schlimmer, dass sie heute wieder bedroht wird und sogar ­Leibwächter braucht. Mit der Schweiz verbindet die 90-Jährige keine guten Erinnerungen.

Text Marc Zollinger
Liliana Segre (90), ­italienische Holocaust-­Überlebende und Senatorin auf Lebenszeit

Liliana Segre (90), ­italienische Holocaust-­Überlebende und Senatorin auf Lebenszeit. (Bild: Tania/Contrasto/Laif)

Es ist kein gutes Zeugnis für eine Gesellschaft, wenn eine Frau wie sie um ihr Leben fürchten muss. Liliana Segre, gerade eben 90 Jahre alt geworden, ist eine der letzten Zeitzeuginnen des Holocaust. Sie hat als 13-Jährige ein Jahr in Auschwitz-Birkenau verbracht und dort ihren Vater, ihre Grosseltern und zwei weitere Familienmitglieder verloren. Ihre Mutter war schon gestorben als Liliana Segre ein Baby war.

Und heute, beim Gespräch mit ihr in ihrer Sommerwohnung in Pesaro an der Adria-küste, sind auch Marco und Federico dabei, zwei der fünf Leibwächter, die Liliana-Segre seit November 2019 im Turnus rund um die Uhr bewachen, weil sie mit Droh- und Hassbriefen eingedeckt wird.

Wenn sie darüber nachdenkt, reagiert sie nicht immer gleich. Manchmal kann sie es nicht fassen: «Was habe ich nur getan, dass ich selbst das noch erleben muss?», fragt sie sich im Gespräch mit dem Migros-Magazin. Und dann wieder analysiert sie nüchtern: «Antisemitismus und Rassismus gibt es immer; in gewissen Zeiten kommen sie einfach stärker zum Vorschein», wie sie kürzlich der italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera» erklärte.

Alles in allem dominiert jedoch die Verwunderung. Auch darüber, wie sie den Horror des Konzentrationslagers überleben konnte: «Ma come ho fatto, come ho fatto?», fragt sie sich heute noch, immer wieder. «Wie habe ich das nur geschafft?»  – ohne jemals eine überzeugende Antwort gefunden zu haben.

Ein falscher Schritt konnte damals das Ende bedeuten. Als Liliana Segre im Januar 1944 in Auschwitz ankam, hatte sie sich bei den Frauen einzureihen und wurde gefragt, ob sie allein sei. Ohne zu überlegen, sagte sie Ja, obwohl sich auf dem Güterzug auch eine Bekannte der Familie befunden hatte, die jetzt neben ihr stand. Die 13-Jährige wurde in eine Reihe geschickt, ihre Bekannte in eine andere – diese führte in die Gaskammer. Auch den Vater, von dem Liliana Segre bei der Ankunft getrennt worden war, hat sie an jenem Tag zum letzten Mal gesehen.

Liliana Segre mit ihrem Vater Alberto in den 1930er- Jahren

Liliana Segre mit ihrem Vater Alberto in den 1930er-Jahren. (Bild: History and Art Collection/Alamy)

Einen ähnlich grausamen Moment, unter anderen Vorzeichen, hatte das Mädchen einen Monat vorher in der Schweiz erlebt, wohin sie mit ihrem Vater geflüchtet war, um den Verfolgungen der in Italien stationierten deutschen Truppen zu entgehen. Nach einer abenteuerlichen Wanderung mit einer Schmugglerbande durch die Alpen kamen die beiden und zwei Verwandte, die zufällig dieselbe Route genommen hatten, wider Erwarten im Tessiner Grenzdorf Arzo an.

Die Freude war riesig – ebenso das Entsetzen, als klar wurde, dass sich der Kommandant des Wachpostens nicht erweichen liess. Selbst als sich Liliana Segre ihm zu Füssen warf. «Raus!», habe er nur gesagt.

Sie erinnert sich, dass sie vor 25 Jahren als Zeitzeugin in eine Sendung des Schweizer Fernsehens eingeladen worden war. Zusammen mit anderen jüdischen Flüchtlingen, die mehr Glück gehabt hatten als sie und ihre Familie. Der Moderator habe nur diejenigen ausführlich zu Wort kommen lassen, die über positive Erlebnisse in der Schweiz berichten konnten.

Sie habe damals nicht den Mut gehabt, aufzustehen und auf die Wahrheit hinzuweisen: «Retten wäre menschlich gewesen. Dass wir abgewiesen wurden, bedeutete das Todesurteil.» Nach diesem Erlebnis habe sie sich geschworen, nicht mehr zu schweigen, wenn es darum gehe, die Dinge beim Namen zu nennen.

Liliana Segre mit dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella beim Besuch der Ausstellung «Last Swiss Holocaust Survivors» der Schweizer Gamaraal Stiftung in Mailand.

Liliana Segre mit dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella beim Besuch der Ausstellung «Last Swiss Holocaust Survivors» der Schweizer Gamaraal Stiftung in Mailand. (Bild: Gameraal Stiftung)

Die letzten Schweizer Überlebenden des Holocaust

Die Stiftung Gamaraal entstand 2014 mit dem Ziel, die letzten noch verbliebenen Schweizer Holocaust-Überlebenden zu unterstützen. Daraus entstand die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors», die rund um die Welt zu sehen ist, derzeit wegen Corona jedoch pausiert. Doch auch auf der Homepage der Ausstellung erfährt man einiges von den letzten noch lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocaust.

«Non dimenticare» ist darum eins ihrer Mottos: Nicht vergessen! Das andere: Nicht gleichgültig sein! Gleichgültigkeit sei der Auslöser dafür, warum sich das Böse manifestieren könne: «Wenn du glaubst, dass dich etwas nichts angeht, dann werden dem Horror keine Grenzen gesetzt!» Gleichgültigkeit sei die Komplizin des Hasses.

Tausende von Schulen besucht

Die ersten 45 Jahre nach der Befreiung aus den Fängen der Nazis behielt Segre ihre Erlebnisse für sich. Sie wollte einfach nur ein normales Leben führen. Doch dann «aus einem schlechten Gewissen heraus», weil sie schliesslich überlebt habe, entschied sie sich, die «Rolle der Zeitzeugin« zu übernehmen. In den vergangenen 30 Jahren hat sie Tausende von Schulen besucht, mit Abertausenden von Jugendlichen gesprochen. 2018 wurde sie vom italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella für ihre überragenden Verdienste zur Senatorin auf Lebenszeit ernannt.

Natürlich war nicht nur ein schlechtes Gewissen im Spiel. «Ich war inzwischen Grossmutter geworden!», sagt Liliana Segre. Sie habe also Kinder zur Welt -gebracht, die selber wieder Leben gezeugt hätten. «Und das war meine Trumpfkarte: Ich hatte den Tod besiegt.» Als Siegerin sei es einfacher gewesen, sich dem Publikum zu stellen.

Liliana Segre erfährt bei ihren öffentlichen Auftritten viel Zuspruch, aber leider auch Hass. Deshalb steht sie permanent unter Personenschutz.

Liliana Segre mit ihren Bodyguards: Zwar erfährt sie bei ihren öffentlichen Auftritten viel Zuspruch, aber leider auch Hass. Deshalb steht sie permanent unter Personenschutz. (Bild: Independent Photo Agency Srl/Alamy)

Die alte Dame ist heute so etwas wie die Nonna der Nation. Ihre Meinung zählt. Ihre Worte finden Gehör. Tritt sie im Fernsehen auf, fliegen ihr die Herzen nur so zu. Die 90-Jährige hat nicht nur die Präsenz einer Löwin, sie strahlt auch eine Furchtlosigkeit aus, wie sie nur grosse Persönlichkeiten besitzen.

Die Liebe liess sie überleben

Und sie überrascht immer wieder mit ihrem Schalk. Schliesslich spricht sie nicht nur über die Folgen des Hasses. Sie wendet sich auch der Kehrseite der-Medaille zu: der Liebe. Nur dank ihr habe sie überleben können.

Zeigt sich Liliana Segre heute auf der Strasse, wird sie manchmal fast überrannt. Der Enthusiasmus, der ihr entgegengebracht wird, verwundert sie fast noch mehr als das Negative der Engherzigen. «Einige idealisieren mich in einem Masse, dass es mir peinlich ist», sagt sie. Doch manchmal müsse sie auch einfach nur lachen.

«Nicht wahr?», sagt sie, und wendet sich Marco und Federico zu. Die beiden Leibwächter, die mit am Tisch sitzen und das Gespräch verfolgen, nicken ihr schmunzelnd zu. Man merkt, dass Liliana Segre und die Carabinieri etwas gemeinsam haben, das alles andere überwiegt: eine gute Zeit zusammen.

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