Navigation

Migros - Ein M besser

Meeresschutz

Geduldiger Kampf um kleine Fortschritte

Den Ozeanen der Welt geht es nicht gut. Ohne Sigrid Lüber und Ocean Care würde es ihnen allerdings noch viel schlechter gehen. Doch wir alle könnten noch einiges mehr tun.

Text Ralf Kaminski
Buckelwal in Australien

Eine kleine Erfolgsgeschichte: Die Population der australischen Buckelwale ist nach Schutzmassnahmen wieder auf 50 Prozent des Vorwalfangvolumens gestiegen. (Bilder: Getty Images)

Am 8. Juni war der Welttag der Ozeane. Sie setzen sich seit gut 30 Jahren für den Schutz der Meere und seiner Bewohner ein. Welche Erfolge sind Ihnen besonders wichtig?

Es gibt keine Delfinarien mehr in der Schweiz, und 2012 wurde ein Importverbot für Delfine eingeführt. Gemeinsam mit anderen haben wir erreicht, dass Fischprodukte deklariert werden müssen, um zu verhindern, dass Lebensmittel aus der illegalen Fischerei importiert werden. Und wir haben massgeblich dazu beigetragen, dass das Walfangmora-torium noch immer existiert.

War das denn infrage gestellt?

Oh ja. Die Walfangländer versuchen seit Jahren, das Moratorium zu kippen. Zur Illustration: Vor der Einführung 1986 wurden jedes Jahr über 30 000 Wale getötet, heute sind es insgesamt nicht mal mehr 3000. Es ist also äusserst wirksam.

Japan hat sich im vergangenen Jahr von der internationalen Walfangkommission zurückgezogen und will nun wieder kommerziell Wale jagen – allerdings nur vor den eigenen Küsten. Wie bewerten Sie das?

Wir können nicht sicher sein, dass Japan sich auf die nationalen Gewässer beschränkt; kürzlich etwa wurde eines ihrer Walfangschiffe in Mauritius gesehen. Zudem ist ein verheerendes Signal: Mit diesem Rückzug hat Japan im Grunde das Gleiche gemacht wie US-Präsident Trump beim Klimaabkommen. Aber die Weltgemeinschaft kann sich die Erde nur mithilfe von internationalen Prozessen friedlich teilen – und die stehen seit ein paar Jahren stark unter Druck. Dabei ist es immer besser, gemeinsam an einem Tisch zu diskutieren, als davonzulaufen und einfach zu tun, was man will.

Sigrid Lüber, OceanCare

Bild: Esther Michel

Die Meeresschützerin

Sigrid Lüber (64) ist Leiterin von Ocean Care, einer Organisation, die sich seit 1989 für den Schutz der Meere einsetzt. Jährlich stehen der Organisation rund zwei Millionen Franken zur Verfügung, grösstenteils durch Spenden von Privatpersonen. Die frühere Maschinenbauzeichnerin und Wirtschaftsförderin begann ihr Engagement, nachdem sie bei einem Tauchgang vor den Malediven einer Tümmlerfamilie begegnet ist – ein magischer Moment für sie. Lüber lebt mit ihrem Mann und zwei Hunden in Wädenswil ZH, wo auch Ocean Care ihren Sitz hat.

Wie hat sich die Situation der Wale generell entwickelt?

Die Gesamtsituation bleibt schwierig, aber an einigen Orten gibt es erfreuliche Entwicklungen. So wurde etwa auch dank uns im Mittelmeer zwischen dem spanischen Festland und den Balearen ein Walmigrationskorridor eingerichtet. An den muss sich nun die Ölindustrie halten, sie wurde aus diesem Gebiet verbannt. Und für den Hellenischen Graben, südlich von Kreta, wird derzeit ein Funksystem über Bojen entwickelt, mit denen Schiffe ohne Zusatzaufwand in der Lage sind, Pottwale zu orten und ihnen auszuweichen. In diesem Gebiet kommt es immer wieder zu Kollisionen, was für die kleine Population dort verheerend ist. 

Und weltweit?

Die Populationszahlen beruhen meist auf Schätzungen. Was wir sagen können: Die Buckelwale haben sich gut erholt, Blauwale sind weiterhin stark gefährdet. Und generell ist das Bewusstsein gestiegen, dass diese Tiere eine wichtige Bedeutung für eine gesundes Ökosystem haben: Lebendige Wale sind mehr wert als tote.

Screenshot MM 15.6.2020

Dieser Artikel stammt aus dem Migros-Magazin vom 15. Juni 2020 (Nr. 25)

Die Schweiz hat keine Delfinarien mehr, wie ist die Situation anderswo?

In Europa nimmt ihre Zahl langsam, aber stetig ab. Und wir werden auch immer wieder gefragt, wie wir es in der Schweiz zustande gebracht haben, sie ganz abzuschaffen. 

Da hat die Schweiz also eine Vorreiterrolle?

Ja, tatsächlich. Auch wenn es lange gedauert hat, sich durch den politischen Prozess zu arbeiten. Grossbritannien hat schon viel länger keine Delfinarien mehr, in Italien wurden mittlerweile einige geschlossen. Nicht in allen Ländern kann man den gleichen Weg nehmen wie wir in der Schweiz, aber es gibt anderen Organisationen eine Idee, wie es gehen kann.

Was für eine Note würden Sie der Schweiz insgesamt geben beim Meeresschutz?

Wir erleben sie in internationalen Gremien als konstruktive Brückenbauerin. Sie geht nicht überall vorweg, vertritt aber eine klare Haltung und ist mit Topleuten vertreten. Zudem geniesst sie hohe Glaubwürdigkeit, auch weil sie von anderen Ländern nichts verlangt, zu dem sie nicht selbst bereit ist. Und durch unseren Wohlstand haben wir Möglichkeiten, die anderen verwehrt sind. Wir sind zum Beispiel das Binnenland mit der grössten Handelsflotte der Welt: 30 Schiffe, es waren sogar mal 50. Keines ist älter als fünf Jahre alt, und alle entsprechen den wichtigen Umweltstandards.

Das klingt nach Note 5.

Über alles hinweg gibts eine 4,75. Denn wir haben natürlich einen viel zu grossen Fussabdruck, was CO2- und Ressourcenverbrauch betrifft. Da sehe ich auch uns Konsumentinnen und Konsumenten in der Verantwortung – wir können mit unserem Verhalten einiges beeinflussen.

Indem wir zum Beispiel was tun?

Jegliche Form von Kreislaufwirtschaft unterstützen, also Verpackungen nutzen, die sich wiederverwenden oder rezyklieren lassen. Regional, saisonal, biologisch einkaufen, keinen Fisch essen und falls doch dann Süsswasser- statt Meerwasserfische, Nahrungsmittelreste vermeiden, mehr mit dem ÖV als dem Auto fahren, weniger fliegen. Das wäre alles eigentlich nicht so schwierig und hätte einen grossen Effekt. Besonders auch Abfälle korrekt zu entsorgen. Bäche und Flüsse sind letztlich das Wurzelwerk der Meere, am Ende landet alles dort. So gesehen ist auch die Schweiz eine Meeresnation.

Ocean Care am World Cleanup Day 2019 in Zürich: Auch im und um de Zürichsee gibt es viel zu viel Plastikmüll.

Seit 2011 hat Ocean Care Sonderberaterstatus bei der Uno. Was können Sie damit bewirken?

Wir können immer wieder Themen setzen. So wurde wegen uns intensiv über Unterwasserlärm verhandelt. Wir werden im Vorfeld konsultiert, was für Experten eingeladen werden sollen. Und wir haben gleich viel Redezeit wie eine einzelne Nation, können uns also zu jedem diskutierten Traktandum äussern. Das machen wir natürlich nur, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben. Und wir versuchen jeweils, die vier Minuten nicht auszuschöpfen, was nicht immer leicht ist. Aber die Leute hören viel besser zu, wenn man Dinge auf ihre Essenz reduziert.

2011 nannten Sie Russland, China und die USA als Bremser beim Meeresschutz, ist das noch so?

Ja, leider. Und am schlimmsten finde ich dabei die USA, denn die wüssten es nun wirklich besser. Es ist himmeltraurig, was sie machen. Und es hat System: Sie machen bei allen Konferenzen mit, bremsen, wo sie können, und ratifizieren nichts.

Ist das erst seit Trump so?

Unter Barack Obama lief es deutlich besser. Trump hat zudem jahrzehntealte Errungenschaften für die Umwelt rückgängig gemacht. Es ist eine unerhörte Demontage. Umso unverständlicher ist mir, dass man so jemanden wählen kann: Eine gesunde Natur ist doch die Grundlage für unsere Zukunft, ohne sie geht es nicht.

Dorsch und Kabeljau im Atlantik

Die Zahl von Dorsch und Kabeljau hat im Atlantik in den vergangenen 50 Jahren um 99 Prozent abgenommen.

Welche Länder sind Verbündete?

Ganz klar die EU, besonders Österreich, Deutschland und Spanien. Wir sind aber auch in Westafrika sehr aktiv, wo wir gegen die Wilderei bei den Wassertierarten kämpfen. Es sind vor allem die grossen internationalen Fischereiflotten, die vor der Küste alles wegfangen. Die Regierungen von Benin, Togo und Ghana unterstützen unsere Arbeit – Ziel ist letztlich ein Fischereiabkommen, um den Fang in diesen Gewässern zu begrenzen.

Gibt es Fortschritte im Kampf gegen Plastikverschmutzung und Unterwasserlärm?

Punktuell schon. Und man kann damit auch den Klimawandel angehen. Der Grundstoff für Plastik ist Erdöl. Und müssten die Schiffe weltweit um zehn Prozent langsamer fahren, wären sie nicht nur leiser, man würde laut einer neuen Studie 13 Prozent des globalen CO2-Ausstosses der marinen Schifffahrt einsparen. Auch die Suche nach Öl führt zu Schallwellen, die Wasserlebewesen im schlimmsten Fall sogar töten können. Angesichts des erklärten Ziels einer Energiewende ist es einigermassen absurd, dass im Meer überhaupt noch nach Öl gesucht wird. Immerhin hat die EU, auch dank unseres Engagements, die Auflagen dafür stark verschärft.

In welchen Bereichen sind kaum Erfolge zu verzeichnen?

Es gibt eigentlich überall Fortschritte, aber oft sind sie klein oder auf wenige Orte beschränkt. Und insgesamt verbessert sich die Lage nur langsam. Man braucht wirklich einen langen Atem, jeder kleine Erfolg ist hart erkämpft. Aber am Ende ist auch ein kleiner gemeinsamer Nenner besser als grosse hehre Ziele, an die sich niemand hält. Und wenn wir uns für etwas engagieren, erreichen wir in der Regel eine Verbesserung.

Das ist doch immerhin eine erfreuliche Erkenntnis aus 30 Jahren Engagement.

Auf jeden Fall.

Wenn Sie die absolute Macht hätten: Was würden Sie verfügen?

Jedes Land bewirtschaftet seine eigenen Fischgründe, Schiffe müssen ihre Geschwindigkeit um zehn Prozent reduzieren. Und es wird alles unternommen, die Energiewende zu vollziehen – so werden die 6,7 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts, die momentan in die Subventionierung der Öl- und Plastikindustrie fliessen, zur Produktion sauberer Energien umgeleitet. Neuproduziertes Plastik erhält den effektiven Preis aufgrund der Umweltbelastungskosten. Ausserdem gibt es eine Steuer auf Plastikverpackungen, die für ein sinnvolles Abfallmanagement eingesetzt wird und zur Risikominimierung der chemischen Stoffe, die bei der Produktion verwendet werden. Würden wir all das tun, wären wir gut unterwegs.

Was sind die Hauptgründe, dass sich dies nur schwierig umsetzen lässt?

Wirtschaftsinteressen, genauer: die Angst, das eigene Geschäftsmodell anpassen zu müssen. Es fehlt der politische Wille. Auch in der Schweiz wird immer noch gern behauptet, die Wirtschaft reguliere sich schon selbst. Macht sie aber nicht – hat sie nie und wird sie nie. Staatliche Regulierungen sind nötig. Hinzu kommt der weitverbreitete Eindruck im Volk, ein Mensch allein könne eh nichts erreichen. Aber das stimmt nicht: Jeder kann etwas machen.

Delfine im Mittelmeer

Die Zahl der Delfine im Mittelmeer hat sich in den vergangenen 60 Jahren halbiert.

Freut Sie die neue Sensibilität für das Klima?

Es ist grossartig, dass der Klimawandel jetzt endlich ernst genommen wird – nicht zuletzt dank Greta Thunberg, die unter den Jungen eine echte Bewegung initiiert hat. Natürlich entzieht es damit anderen Themen ein wenig die Aufmerksamkeit, aber es liegt an uns aufzuzeigen, dass diese Dinge zusammenhängen. Wir werden künftig den Klimaaspekt in unserer Arbeit stärker herausschälen.

Aber trotz aller Bemühungen ist die Gesamtsituation der Meere nicht wirklich besser geworden, oder?

Das ist leider so. Die Menschheit hat sich seither auch stark fortgepflanzt. Solange das so weitergeht und alle das Gefühl haben, alles getan und gesehen haben zu müssen, bleibt es schwierig. Der Konsumerismus – also das Kaufen um des Kaufens willen – ist ein weiteres zentrales Problem.

Haben Sie selbst keine Kinder, weil es schon so viele Menschen gibt?

Ja, das war ein bewusster Entscheid.

Frustriert Sie das nicht: Kleine Siege hier und dort, aber keine Chance auf den Sieg bei der grossen Schlacht?

Ich möchte eigentlich nicht von Kampf reden. Bei einem Kampf hat man einen Gegner, Gewinner und Verlierer. Ich sehe es mehr als Verhandlungskunst der kleinen Schritte. Und man muss dann auch die Frage stellen, wie die Situation wäre, wenn es nicht das ganze Engagement all dieser Organisationen gäbe.

Immerhin liess sich die Verschlechterung der Lage verlangsamen?

Ja. Und eben: punktuell ist es tatsächlich auch besser geworden. Ausserdem bin ich von Natur aus ein eher optimistischer Mensch, für mich ist ein Glas immer halb voll und nicht halb leer. Nur nichts machen, bringt nichts. Wenig machen, bringt wenig. Viel machen, bringt vielleicht auch wenig, aber wenig ist mehr als nichts.

Pottwal

Die Zahl der Pottwale hat weltweit in den vergangenen 30 Jahren um 67 Prozent abgenommen.

Entwicklung ausgewählter Arten

Reduktion

– 97 %, Makohai, weltweit, in den vergangenen 200 Jahren 

– 50 % Scholle, weltweit, in den vergangenen 30 Jahren

– 63 % Roter Thun, Mittelmeer, in den vergangenen 30 Jahren

 

Zunahme

Schwertfisch Nordatlantik: nach Schutzmassnahmen seit den 1980er-Jahren hat sich der Bestand wieder vollständig erholt

Mönchsrobbe Mittelmeer/Mauretanien: Nach fast vollständiger Ausrottung Ende der 1990er-Jahre gibt es nun wieder rund 400 Tiere, dank aufwendiger Schutzmassnahmen.

Die Situation der Mittelmeer-Mönchsrobbe in Mauretanien.

Woher kommt dieser Optimismus?

Teilweise ist das wohl genetisch, teilweise kommt er auch aus der Erfahrung, dass man tatsächlich etwas bewirken kann.

Sie wurden Ende 2019 von der «SonntagsZeitung» zu einem der Menschen des Jahres gekürt – hat Sie das überrascht?

Sehr, sie haben mich noch nicht mal vorgewarnt. Ich bekam es erst mit, als eine Gratulation per WhatsApp ankam. Es ist eine schöne Anerkennung für das jahrelange Engagement und unglaublich wertvoll für Ocean Care.

Wie hat sich Ocean Care in den letzten Jahren entwickelt? 

Sehr erfreulich. Die Zahl der Spenden hat sich in den letzten zehn Jahre verdoppelt. Wir haben inzwischen zehn Mitarbeitende und sechs ständige Experten, die in anderen Ländern sitzen und zu 50 bis 80 Prozent auf Mandatsbasis für uns arbeiten. 2015 sind wir aus Platzgründen in Wädenswil in grössere Büros umgezogen. 

Haben Sie sich schon Gedanken über Ihre Nachfolge gemacht? 

Meine Nachfolgerin ist bereits bestimmt: Fabienne McLellan kommt wie ich aus der Wirtschaft, ist in der Schweiz aufgewachsen, mit einem Australier verheiratet und wird demnächst 40. Es ist also ein echter Generationenwechsel. Schon jetzt hat sie einiges übernommen, etwa die Arbeit an der Uno und in anderen internationalen Gremien.  

Und für wann planen Sie Ihren Rückzug?

Ich denke, ich mache noch bis 70 weiter. Wenn ich dann immer noch gesund bin, könnte ich mir auch vorstellen, länger zu bleiben. Es wird sicherlich ein schrittweiser Rückzug, aber ich habe meinem Team auch gesagt, dass sie es mir sagen müssen, wenn ich anfange, schwierig oder kompliziert zu werden. (lacht) Tatsächlich kann ich mir fast nicht vorstellen, mich gar nicht mehr zu engagieren. Vielleicht bleibe ich als Mentorin im Hintergrund tätig, solange ich kann und gewünscht bin. 

Frisst einen ein solches Engagement nicht fast auf? Man kann doch gar nicht so viel tun, wie man eigentlich tun müsste. 

Es ist tatsächlich kein Beruf, es ist eine Berufung, es beschäftigt mich Tag und Nacht. Ich bin fasziniert von dieser Arbeit. und sie gibt mir Kraft und ist sehr erfüllend. Aber man muss schon aufpassen, dass man nicht zum Workaholic wird.

Wie grenzen Sie sich ab? Muss Ihr Mann Sie abends ab und zu vom PC wegzerren?

Das hat er noch nie getan. (lacht) Aber es ist schon so, dass er für Ocean Care immer zurück getreten ist, denn Ocean Care ist wirklich mein Leben. Trotzdem haben wir natürlich Zeit füreinander. Zur Entspannung gehe ich gerne mit ihm und unseren Hunden spazieren. Oder ich verschwinde ein ganzes Wochenende lang in einem tollen Buch. Das fühlt sich dann an, als wäre ich eine Woche in den Ferien gewesen. 

Sigrid Lüber über ihr Engagement für die Ozeane.

Schon gelesen?