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Migros - Ein M besser

Adele-Duttweiler-Preis

Naïas Kampf gegen den Krebs

Naïa war sechs Jahre alt, als die Ärzte bei ihr einen Hirntumor entdeckten. Zoé4life unterstützte das Mädchen und ihre Eltern im Kampf gegen den Krebs. Für den Einsatz zugunsten von Familien mit krebskranken Kindern erhält der Verein den Adele-Duttweiler-Preis.

Text Pierre Wuthrich
Fotos Guillaume Perret
Zoé4life

Gaëlle Solioz und ihre Tochter Naïa: gemeinsam sind sie stark.

Ein kleiner Zoo mit Kaninchen und Hühnern, ein Teich mit Fröschen und Molchen, ein Spielplatz mit Trampolin und Schwimmbad: Der riesige Garten der Familie Solioz in Portalban FR ist ein kleines Paradies. Und doch ist die Familie hier durch die Hölle gegangen.

«Das erste Mal begegneten wir dem Krebs am 4. September 2017», erinnert sich Gaëlle Solioz (38). Die Ärzte des Spitals Payerne entdeck-ten einen Tumor im Gehirn ihrer Tochter Naïa, mit sieben Jahren wegen anhaltender Gleichgewichts- und Sehstörungen in Behandlung. «In dem Augenblick war ich mit ihr allein. Ich habe nichts verstanden, was mir das Pflegepersonal sagte. Ich erinnere mich nur an einen weissen, kalten Raum. Und an die zwei Worte Tumor und Hirn, die unablässig in meinen Ohren widerhallten. Da brach mein Leben in sich zusammen.» 

Ihre drei Kinder spielen an einem Nachmittag im Spätsommer im Garten Verstecken. Gaëlle Solioz erzählt weiter: «Dann habe ich meinen Mann Gaël angerufen. Ich glaube, es war das Schlimmste, was ich je in meinem Leben tun musste.» Noch heute schnürt es der 38-Jährigen die Kehle zu, wenn sie von damals erzählt. Und nur mit Mühe gelingt es ihr, die Tränen zurückzuhalten. 

Sofort fuhren Gaëlle und Naïa ins Lausanner Universitätsspital CHUV. Es folgte ein Monat des Wartens, bevor das Kind operiert werden konnte – der Tumor musste zuerst aufhören zu bluten. Die Operation verlief erfolgreich.

Zoé4life

Zur Freude der Familie Solioz geht es Naïa (Mitte) heute besser. Ihre Diagnose stellte das ­Leben von Mutter Gaëlle,
Vater Gaël, Bruder ­Aïdan (links) und Schwester Irïa (rechts) völlig auf den Kopf.

Sechs Wochen lang wurde Naïa täglich für die Bestrahlung buchstäblich ans Bett gefesselt, damit sie sich während der Behandlung nicht bewegte. Anschliessend kamen neun Monate Chemotherapie. Die Behandlung war erfolgreich, die Nebenwirkungen aber verheerend. Naïa verlor ihre Haare und wog zeitweise nur noch 15 kg. Sie musste deshalb über eine Nasensonde künstlich ernährt werden. «Diese Maschine machte die ganze Nacht Lärm. Wir drehten fast durch», erinnert sich Gaëlle. Dazu machte das geschwächte Immunsystem Naïa zur leichten Beute für alle möglichen Viren und Bakterien. Die Konsequenz waren weitere Krankenhausaufenthalte, wobei das Mädchen zum Schutz isoliert wurde. 

«Naïa war tapfer und beschwerte sich nicht. Wenn sie ins Spital nach Lausanne musste, fand sie immer etwas Positives. Bei der Bestrahlung liebte sie es zum Beispiel, die Fische zu füttern.» Für die Eltern sieht der Alltag viel düsterer aus. «Ich weinte viel. Noch jetzt passiert mir das sehr oft, aber ich versuche, mein Lächeln zu bewahren. Mein Mann hat sich mit einer Schutzschicht umgeben. Kamen wir vom Spital nach Hause, ging er im Garten den Teich ausgraben, um so seinen Schmerz zu lindern.»

Während eines Spitalaufenthalts hörte das Ehepaar Solioz zum ersten Mal von Zoé4life, einem Verein, der Familien mit krebskranken Kindern hilft. Und suchte den Kontakt. Der Verein hat in der Folge Operationskosten übernommen und der Familie finanziell unter die Arme gegriffen. «Diese Hilfe war sehr willkommen, denn ich musste aufhören zu arbeiten, um mich um Naïa zu kümmern», erinnert sich die Mutter. Für sein Engagement zugunsten krebskranker Kinder und deren Angehöriger erhält Zoé4life nun den Adele-Duttweiler-Preis (siehe Box unten). 

Perlen spenden Mut

Seit Herbst 2018 befindet sich Naïa auf dem Weg der Besserung. «Natürlich sind das gute Neuigkeiten. Was uns trotzdem schlecht schlafen lässt, ist der Umstand, dass die Kontrollen nur noch alle vier Monate stattfinden. Das Warten auf die Resultate ist eine echte Qual. Vorher waren wir ständig von Ärzten umgeben und fühlten uns quasi in Sicherheit. Jetzt fühlen wir uns etwas alleingelassen.»

Zur Angst vor einem Rückfall gesellt sich eine grosse Traurigkeit. «Ich musste um meine Tochter von früher trauern, um die Familie von damals. Nichts ist mehr so, wie es einmal war.» Schwimmen, Velofahren, Skifahren: Naïa musste alles von Grund auf neu erlernen. Dazu zeigen sich viele Spätfolgen. Sie hat Probleme mit der Schilddrüse und leidet unter Aufmerksamkeitsstörungen. «Sie ist auch sehr langsam geworden und hat Mühe beim Einschlafen.»

Auch das Leben ihres achtjährigen Sohnes Aïdan und das der fünfjährigen Tochter Irïa wurden durcheinandergewirbelt. «Irïa hat mich nicht oft gesehen, es fehlte ihr an Zuneigung. Aïdan musste als Ältester viele Dinge selbst erlernen», blickt Solioz zurück. An  einen Moment erinnert sie sich noch heute, als hätte es sich erst gestern ereignet: «Eines Tages kam Aïdan aus der Schule nach Hause und sagte, seine Schwester werde sterben, denn das passiere, wenn man Krebs habe. Wir haben dann darum gebeten, einen Infoanlass für die ganze Schule zu organisieren.» 

Bei solchen Anlässen nimmt die Mutter Naïas Kanji mit. Es ist eine Halskette, die von der Waadtländer Krebsliga entwickelt wurde. Die Perlen werden von Zoé4life finanziert. Für jede Behandlung, sei es eine Chemo, eine Operation oder eine Transfusion, kommt eine dazu. «Naïa hat bereits 538 davon ... und ihre Halskette ist mehrere Meter lang.» 

Zoé4life

Naïa zeigt die Kette von Zoé4life: Jede Perle steht für eine Behandlung. Bei ihr sind es bisher 538.

Während aller Strapazen konnte die Familie auf grosse Unterstützung zählen. «Sei es in den Spitälern oder bei Zoé4life: Wir haben andere Eltern kennengelernt, die uns viel geholfen haben.» Ihr Leben sei heute mit dem Krebs verwachsen, erklärt Gaëlle Solioz, die seit Dezember 2019 zu 50 Prozent als Direktionsassistentin bei Zoé4life arbeitet. Daneben engagiert sie sich ehrenamtlich. «Wir haben uns dieses Leben nicht ausgesucht, aber wir können entscheiden, was wir daraus machen wollen. Da ist viel Wut in mir. Aus der Wut entsteht eine positive Haltung, die es mir erlaubt, den Krebs mit Leib und Seele zu bekämpfen. Ich will ihm zeigen, dass ich nicht aufgeben werde, bis wir weniger aggressive Behandlungsmethoden gefunden haben und unsere Kinder nicht mehr so leiden müssen.»

Heute geht es Naïa gut. Trotz ihrer Schüchternheit ist sie sogleich einverstanden, für den Fotografen zu posieren – unter den wachsamen Augen von Schwester Irïa und Bruder Aïdan.

So engagiert sich Zoé4life

Der Adele-Duttweiler-Preis ist nach der Frau des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler benannt. Er wird alle zwei Jahre verliehen und ist mit 100 000 Franken dotiert. 2020 geht er an Zoé4life. Der Verein wurde 2013 gegründet, um der krebskranken Zoé eine Behandlung im Ausland zu finanzieren. Das Mädchen verstarb im Alter von vier Jahren. Mutter Natalie Guignard setzte mit Nicole Scobie, einer anderen Mutter, den Kampf für Betroffene fort. Zoé4life hilft

– den Eltern durch finanzielle Unterstützung,

– den Kindern, spielen und Sport treiben zu ­können, übernimmt aber auch Behandlungskosten zur Aufrechterhaltung der Fruchtbarkeit,

– der Medizin mit finanziellen Mitteln, Forschungsprojekte voranzutreiben,

– bei der Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit. 


Die Spende der Migros wird in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Pädiatrischen Onko­logie Gruppe zur Entwicklung neuer Behandlungsmethoden im Inland verwendet. Da durch müssen Kinder nicht ins Ausland verlegt werden, was das Familienleben stark entlastet.

Spenden: zoe4life.org

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