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Vorsorgefalle

So droht Frauen im Alter keine Armut

Frauen erhalten bis zu 10 Prozent weniger AHV und sogar fast 50 Prozent weniger Pensionskassenrente als Männer. Jeannette Schaller, Leiterin Finanzplanung der Migros Bank, ­erklärt die Gründe – und wie Frauen eine Vorsorgelücke vermeiden oder begrenzen können.

Text Benita Vogel
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Die Frauen erhalten aus der AHV und der zweiten Säule teilweise massiv weniger ­Leistungen als Männer (siehe rechts). Wie um alles in der Welt kann das im Jahr 2020 noch sein?

Es ist erschütternd. Wir hinken hier den anderen europäischen Ländern weit hinterher. Ich kann mir das nur mit dem trägen politischen System er­klären. Es hat auch sehr lange ge­dauert, bis die Schweiz das Frauenstimmrecht und die Mutterschaftsversicherung eingeführt hat. 

Unser Vorsorgesystem ist gar nicht für Frauen angelegt.

Das war bei der Einführung der AHV vor über 70 Jahren noch nicht notwendig. Damals arbeitete der Mann zu 100 Prozent, mit einem ­relativ hohen Lohnniveau. Die Frau blieb zu Hause und war finanziell von ihm ­abhängig. Heute ist ein System, das auf eine hohe Erwerbstätigkeit aus­gerichtet ist, unpassend – ja sogar hinderlich. Nicht nur wegen der ­Frauen. Männer arbeiten ja auch ­zunehmend Teilzeit oder als Hausmann. Sie sind genauso benachteiligt.

Wieso ändert dies niemand? 

Das ist in unserem trägen ­System nicht so einfach. Es gibt diesbezüglich immer wieder poli­tische Vorstösse. Bisher aber ohne ­Erfolg. Und jetzt, da die Sozialwerke in finanzieller Schieflage sind, wird es schwierig sein, mehr Mittel zu finden, um die Lücken ausgleichen.  

AHV, Pensionskasse

Tiefere Renten für Frauen – daran liegt es 

AHV-Renten sind bei Frauen gemäss Neurenten­statistik um fünf bis zehn Prozent tiefer als die von Männern.
Gründe: Teilzeit­pensen, Baby­ pausen, höhere Lebenserwartung und ungleiche Löhne führen dazu. Dass die Unterschiede nicht grösser aus­ fallen, liegt an der Umverteilung von hohen zu tiefen Einkommen, mit Erziehungsgut­schriften und Splitting. Auch wegen des tieferen Renten­ alters in der AHV ist die Lücke nicht noch grösser. Deshalb warnen Gegner eines höheren Frauenrentenalters vor drohenden Einbussen. 

Pensionskassenrenten sind bei Frauen viel tiefer: Im Schnitt erstreckt sich die Vorsorgelücke in der zweiten Säule auf fast 50 Prozent.
Gründe: tiefere Einkommen, der Koordinationsabzug und das tiefere Rentenalter als bei Männern. Frauen in Tieflohnbranchen sind stärker benach­teiligt, weil Kassen ihre Pensionskassen­pläne in diesem Lohnsegment in der Regel sehr nahe an den gesetzlichen Mindestvorschriften ausrichten – und selten freiwillige Leistungen zulassen. 

Wie könnten die Nachteile für Frauen behoben werden?

Bei der AHV kam es bereits zu Anpassungen. Mit dem Splitting erhielt die Frau eine eigene Altersrente. Und mit den Erziehungsgutschriften wird ein fiktives Einkommen für die Kinderbetreuung angerechnet, auch wenn man damit nicht die maximale Rente erreicht. Um Frauen oder Teilzeiter aber wirklich besserzustellen, brauchen diese mehr Möglichkeiten, mit einem Teilzeitpensum Karriere machen zu können. Und sie müssen selbst den Willen aufbringen, in ­verantwortungsvollen Jobs mit entsprechenden Pensen und Lohn­niveaus erwerbstätig zu bleiben. Noch viel mehr Handlungsbedarf sehe ich aber bei der zweiten Säule.

Welche Reformen wären bei der Pensionskasse angezeigt?

Teilzeitarbeit und Babypausen dürfen nicht mehr bestraft werden.
Es sind wirkliche Reformen nötig. Ein grosser Hebel ist der Koordinationsabzug (links). Je höher dieser ausfällt, desto tiefer sind der versicherte Lohn und die Rente. Was insbesondere im Tieflohnsegment oder bei Teilzeit­arbeit gravierende Auswirkungen hat.

Der Koordinationsabzug müsste gestrichen werden?

Zum Beispiel. Sicher müsste er aber bei Versicherten mit tiefen Einkommen stark gesenkt werden. Es würde auch viel bringen, wenn der Koordinationsabzug bei mehreren Teilzeitpensen nicht von jeder ein­zelnen Tätigkeit, sondern von der Summe aller Pensen abgezogen ­würde. So erhielten Betroffene die Chance, überhaupt in einer Pensionskasse erfasst zu werden. Eine zweite Säule zu haben ist sehr wichtig. Von der AHV allein lässt sich nicht leben, sie deckt nur einen geringen Teil des Lebensunterhalts ab. 

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Zur Person

Jeannette Schaller ist Leiterin Finanz­planung bei der Migros Bank. Sie schreibt regelmässig fürs Migros Magazin über Geld- und Anlagethemen. 

Was halten Sie von einer ­Pensionskasse für Hausfrauen und Hausmänner? 

Pensionskassen sind bisher an Erwerbsarbeit gebunden. Aber man könnte wie in der AHV fiktive Einkommen für Arbeit zu Hause ein­führen. Das ist alles eine Frage der ­Finanzierbarkeit. Eine solche Lösung könnte aber auch den Effekt haben, dass Frauen nicht mehr arbeiten wollen. Ich würde eher neue Möglichkeiten in der privaten Vorsorge schaffen. Dass Frauen etwa nachträglich höhere Beträge in die Säule 3a einzahlen können, wenn sie nach der Babypause wieder ins Berufsleben einsteigen. Auch die Flexibilisierung des Rentenalters wäre hilfreich. Damit Frauen während der gleichen Dauer ein­zahlen können wie Männer. Bei der zweiten und dritten Säule ist das tiefere Rentenalter heute ein Nachteil. Damit meine ich nicht, dass Frauen bis 70 arbeiten sollen. Es braucht ­einfach gleich lange Spiesse.

Können Frauen durch eigenes Verhalten ­Lücken vermeiden? 

In Beratungsgesprächen höre ich auch heute oft noch Sätze wie: «Um die Vorsorge kümmert sich mein Mann. Ich vertraue ihm.» Die Betroffenen reduzieren ihre Pensen oder geben die Arbeit ganz auf, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Es ist ­fatal, keiner Pensionskasse an­­zu­ge­hö­ren. Was, wenn später eine Scheidung folgt? Das kann finanziell schwierig werden. Im Scheidungsfall erhält die Ehefrau zwar die Hälfte des während der Ehe angesparten Guthabens aus der Pensionskasse. Allerdings ist der berufliche Wiedereinstieg und damit der Aufbau einer ausreichenden Altersvorsorge oft nicht einfach. Die Frauen müssen sich also nur schon einmal bewusst sein, dass die eigene Vorsorge wichtig ist und dass man darüber Bescheid wissen muss.

Gut zu wissen

Was ist der Koordinationsabzug

Der Koordinationsabzug dient dazu, den bei der Pensionskasse versicherten Lohn zu bestimmen. Der Abzug entspricht 7/8 ­einer maximalen AHV-Jahresrente und liegt aktuell bei 24 885, ab 2021 neu bei 25 095 Franken.
Dieser Betrag wird vom Grundlohn der ­Ver­sicherten ­abgezogen.

Aber das Bewusstsein allein reicht ja ­leider nicht.

Nein, aber sich das nötige Wissen ­an­zueignen oder mit der Bank einmal eine ­Finanzplanung zu erstellen, kann nie schaden. Ich würde jeder Mutter raten, soweit möglich im Berufsleben zu bleiben. Und wichtig: Fordern Sie flexible Arbeitsmodelle und verantwortungsvolle Positionen ein – und vor allem auch Lohngleichheit, damit die Einbussen nicht zu drastisch ausfallen. Wenn die Kinder grösser sind, lohnt es sich, das Pensum aufzustocken und die Vorsorge gezielt aufzubauen oder nachzuholen, zum Beispiel mit dem Einkauf in die Pensions­kasse oder dem Aufbau einer dritten Säule.

Privat vorzusorgen ist für Frauen mit tiefen Einkommen kaum möglich. Was raten Sie ihnen?

Zugegeben, das ist wirklich schwierig. Wichtig ist es, wenn immer möglich etwas auf die Seite zu legen. Wenn nicht auf ein Konto der Säule 3a, dann auf ein Sparkonto. Eventuell kann mit dem Partner vorgesorgt werden: ­Dieser könnte die Kindererziehung und die Hausarbeit ja freiwillig entlöhnen – auch wenn eine solche Lösung bei Scheidungen Konflikt­potenzial hat. Längerfristig müssen alle ­ergänzend sparen. Erste und zweite Säule werden nicht ausreichen, um im Alter den ­gewohnten Lebensunterhalt abzudecken. 

Haben auch Männer im heutigen Vorsorge­system einen Nachteil? 

Ja, bei der Witwenrente der AHV. Eine Witwe erhält ihre Rente auch noch, nachdem die Kinder volljährig sind. Ein Witwer erhält nach dem 18. Geburtstag der Kinder keine Rente mehr. Auch dies ist ein Auswuchs des veralteten Rollenverständnisses. 

Haben Frauen rund um die Vorsorge andere Bedürfnisse als Männer?

Bei den Produkten sehe ich keinen Unterschied. Es heisst zwar immer, dass Frauen bei Wertschriften weniger Risiken eingingen. Ich kann das aber nicht bestätigen. Frauen wollen anders angesprochen und beraten werden als Männer. Sie schätzen es auch, von Frauen betreut zu werden.

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