Navigation

Migros - Ein M besser

Schrebergärtner

Zwischen Himbeeren und Cervelats

Ausspannen, Kontakte und Basteln gehören im Familiengarten Jorden wie Jäten, Anpflanzen und Ernten zum Alltag. Ein Besuch bei Berner Gärtnerinnen und Gärtnern im selbst gestalteten Paradies.

Text Rahel Schmucki
Fotos Monika Flückiger
schrebergarten-6.jpg

Alle helfen mit: Brigitte (links) jätet mit Elin (3, Zweite von links) und Anna (5). Michael reinigt das Gemüse für das Mittagessen.

Ein kleiner Weg führt uns an den Waldrand in Bethlehem bei Bern. Unvermittelt stehen wir vor einem offenen Tor. Links Büsche, rechts Bäume. Auf einem weissen Schild steht «Familiengarten Jorden». Von einem Garten ist aber noch wenig zu sehen: Neben einer Wiese erkennen wir ein paar Beete, dann die Wohnhäuser einer Siedlung. Und eine grosse Holzbaracke. Gleich dahinter führt ein Kiesweg serpentinenartig den Hang hinunter.

Bald tauchen erste farbenfrohe Gärten auf. Gelbe Lilien, oranger Mohn und prall behangene Himbeersträucher säumen den Wegrand. Gärtnerinnen und Gärtner bücken sich über Beete und ziehen Unkraut aus der Erde. Es ist Samstagmorgen, die Sonne scheint, ein perfekter Gartentag. Peter Scheidegger, Präsident des Familiengartens Jorden, schreitet an den Parzellen vorbei. «Hallo Peter, hallo Madlene», grüsst er Gärtnerinnen und Gärtner. Man kennt sich hier, alle sind per Du.

Video: Laura und Madlene erzählen von ihrem Familiengarten «Jorden».

Der «Jorden» war während des Corona-Lockdown heiss begehrt. «Anfang Mai waren die letzten der 80 Gartenparzellen bereits weg», sagt Scheidegger. In anderen Jahren waren oft gar noch im Sommer ein paar Parzellen frei. Für fünf Interessenten gab es dieses Jahr kein Areal mehr. Das erstaunt den Präsidenten nicht wirklich. Denn im «Jorden» sollen die Menschen auch ihre Freizeit verbringen: «Bei uns müssen nur 30 Prozent der Fläche bepflanzt werden, auf den restlichen 70 Prozent darf man einen Sitzplatz oder eine Spielwiese einrichten.»

Feinschmeckerinnen lieben Gemüse

In der Mitte des Familiengartens führt eine kleine Holzbrücke über ein Bächlein, danach gelangen wir zum untersten Teil des Familiengartens. Hier hat Familie Schmid-Stalder aus Bern ihre Parzelle. Schon von Weitem hören wir die beiden Töchter Elin (3) und Anna (5) lachen und reden, Mutter Brigitte (40) jätet gerade im Salatbeet. Anna hat auf dem Weg eine gelbe Blume ausgegraben, die sie nun in die Erde setzt. Brigitte ist zwei- bis dreimal in der Woche mit den Kindern in ihrem Garten. Giessen, jäten, pflegen. Da gebe es einiges zu tun. «Ich bin eine Bauerntochter und hatte schon als Kind mein eigenes Beet», erzählt sie. Seit drei Jahren pflanzt sie wieder Salat, Zwiebeln, Randen, Spinat, Rüebli und vieles mehr an. «Wir essen so viel Salat und Gemüse, ich muss meistens auf dem Markt oder in der Migros noch dazukaufen», sagt sie und streckt der Tochter ein Rüebli entgegen, das sie gerade geerntet und gewaschen hat. Herzhaft beisst Elin zu. «So sind sie am feinsten, direkt aus der Erde», kommentiert Brigitte.

schrebergarten-5.jpg

Frisch aus der Erde: Elin wäscht ein Rüebli, das sie gerade erst aus dem Beet gezogen hat.

Unterdessen bereitet Michael (46) mit Anna das Mittagessen vor. Es gibt eine Art Rösti: geraffelte Kartoffeln und Rüebli, auf dem Gasherd angebraten. Dazu Salat aus dem eigenen Garten. Die Kartoffeln kaufen sie im Laden. Im ersten Jahr habe sie selber Kartoffeln gesetzt, doch die Kartoffelkäfer haben ihr zuleide gewerkt. «Da ist mir die Lust an den Kartoffeln vergangen», sagt Brigitte. Heute muss die Familie noch jäten und Beeren pflücken, dann gehen sie in der Aare baden. Das motiviert auch die Mädchen, beim Gärtnern mitzuhelfen.

Ein «Träumli» für die Bischoffs

Eine Kurve weiter oben steigt am Kiesweg Rauch aus einer Feuerstelle auf. Am braunen Gartenhaus hängt ein Namensschild. Kaum lesbar steht da «s’Träumli». Auf einem kleinen Sitzplatz bereiten Peter (75) und Madlene (70) das Mittagessen zu. Sie gärtnern hier, seit der Familiengarten vor 33 Jahren gegründet wurde. Ihr Areal ist fein säuberlich in Beete unterteilt, in der Mitte ranken sich an langen Stecken Bohnen empor, dahinter wachsen Kartoffeln. «Dieses Jahr sieht es ordentlicher aus als sonst. Im Lockdown waren wir jeden Tag hier und konnten den Garten pflegen», sagt Peter und dreht einen gespickten Cervelat auf dem Grill. Unterdessen holt Madlene aus dem Gartenhäuschen Teller, Besteck und Gläser und deckt den Tisch. Der frisch gebackene Zopf darf auch nicht fehlen. «Wir kommen nicht nur hierher, um zu gärtnern, wir geniessen hier auch die Ruhe», sagt Madlene.

schrebergarten-2.jpg

Ein zweites Zuhause: Peter und Madlene genießen seit 33 Jahren mehrmals in der Woche ihr Gärtchen und Häuschen im «Jorden».

Doch etwas fehlt noch auf dem Tisch. Peter geht in den kleinen Geräteschuppen und hebt den falltürartigen Boden an. «Mein Weinkeller», sagt er stolz und fischt vom mit Kies belegten Boden eine kühle Flasche Weisswein. Mit Zopf, Cervelat und Weisswein ist das Mittagessen bereit. Für das Ehepaar keine Frage: Die Besucher sind selbstverständlich zum Essen eingeladen.

Am Nachmittag füllen sich die Parzellen mit Gärtnerinnen und Gärtnern. Sie jäten und transportieren in Schubkarren Material. Im «Jorden» müssen alle biologisch anbauen, chemische Schädlingsbekämpfung ist verboten. Maulwürfe und Mäuse werden mit einem Sender im Boden ferngehalten, Steinmehl hilft gegen den Kartoffelkäfer. Alle Gärtner haben ihre eigenen Tricks. Untereinander tauschen sie neben dem neuesten Klatsch und Tratsch Tipps für biologische Schädlingsbekämpfung aus. Die Neuigkeiten verbreiten sich meist schnell. Etwa, dass vier Junge im Frühjahr einen Garten übernommen und das gesamte Beet und den Sitzplatz umgestaltet haben. «Das sind doch die mit dem schön angelegten runden Beet», weiss Madlene.

Der Familiengarten Jorden im Steckbrief

schrebergarten-8.jpg

Die Grösse des ganzen Familiengartens:
3 500 Quadratmeter
Die Grösse der Parzellen:
ohne Haus 100 Quadratmeter, mit Haus von 150 bis 200 Quadratmeter
Die jährlichen Kosten:
zwei Franken pro Quadratmeter, das Häuschen muss dem Vormieter abgekauft werden. Die Häuschen sind heute etwa 3000 Franken wert», schätzt Präsident Peter Scheidegger.

Die Jungen setzen auf die Sonne

Der Garten der Neuen liegt oberhalb des Bächleins. Laura (28), Patrick (35), Andreas (40) und Stefan (40) sind eben erst angekommen und richten sich für den Nachmittag im Garten ein. Andreas zieht sich eine Arbeiterhose an, im Gartenhaus packt Laura den Imbiss aus. Bevor sie mit der Arbeit beginnen, gibt es Kuchen, von Stefan gebacken – mit Beeren aus dem Garten.Patrick und Laura kochen in einer Espressokanne Kaffee auf dem Gaskocher. Heute steht Grosses an: Andreas und Patrick wollen eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach installieren. Keine alltägliche Arbeit für den Bankangestellten Patrick und den wissenschaftlichen Assistenten Andreas. «Mal schauen, wie wir die Anlage auf dem Dach befestigen können. Da müssen wir ein bisschen basteln», sagt Patrick.

schrebergarten-7.jpg

Die «Neuen» richten ihr Reich ein: Patrick (auf dem Dach) und Andreas (auf der Leiter) montieren die Fotovoltaikanlage. Laura und Stefan kümmern sich um die Beete.

Stefan und Laura kümmern sich um die Pflanzen. Laura hat schon lange von einem Garten geträumt, bisher hat sie nur auf ihrem Stadtbalkon angepflanzt. Zufällig hat sie diesen Frühling vom Garten Jorden erfahren und den Platz ergattert. Es war eine der letzten freien Parzellen. Ihr Partner und ihre Freunde erklärten ich sofort bereit, mit anzupacken. Seit die vier den Garten im Mai übernommen haben, sind sie fast jeden Tag hier. «Wenn wir ankommen, ist das wie Ferien. Alles ist so ruhig, grün und friedlich», sagt Andreas. «Ferien» machen sie aber erst nach getaner Gartenund Bauarbeit. Dann sitzen sie gemeinsam um eine Feuerschale, trinken ein Bier. Und geniessen genau wie die Nachbarn ihr kleines Paradies, das versteckt am Waldrand von Bethlehem liegt.

Begehrte Familiengärten

Diesen Frühling gab es einen enormen Ansturm auf Parzellen. In der Stadt Bern etwa haben sich mehr als doppelt so viele Interessenten gemeldet als in anderen Jahren, heisst es bei der Stelle für Familiengärten der Stadt. Bis zu 40 Personen stehen auf den Wartelisten für einzelne Familiengartenareale in der Innenstadt. Als Ursache vermutet die zuständige Sachbearbeiterin Giovanna Alonge den Lockdown. Dazu komme das wachsende Bedürfnis nach frischem, biologischem und selbst gezogenem Gemüse. «Ich nehme aber an, dass viele dieser neuen Gärtnerinnen und Gärtner nächstes Jahr bereits wieder aussteigen werden, weil sie dann wieder mehr Arbeit und weniger Zeit haben», sagt Alonge.

Alles für deinen Garten findest du bei Do it + Garden

Schon gelesen?