Navigation

Migros - Ein M besser

Patchworkfamilie

Lieben und Leiden der Stiefmütter

Das Bild der bösen Stiefmutter wirkt oft noch bis heute nach. Der Kampf dagegen ist mühselig. Fünf Frauen erzählen ihre Geschichte.

Text Anne-Sophie Keller
Fotos Gabi Vogt
seghira-egli.jpg

Séghira Egli

«Aschenputtel», «Schneewittchen», «Hänsel und Gretel» – diese Geschichten kennen alle, den gemeinsamen Nenner ebenso: Die böse Stiefmutter stört den Familienfrieden und tritt als lieblose Gegenfigur zur «richtigen» Mutter in Erscheinung. Kein Märchen, sondern Tatsache ist: Im realen Leben kämpfen Stiefmütter oft gegen dieses Image an. Denn sobald eine neue Frau in eine bestehende Familie kommt, birgt das viel Konfliktpotenzial. Im Gegensatz zu Stiefvätern, deren Aufgabe sich häufig auf den finanziellen Beitrag beschränkt, wird von Stiefmüttern sehr viel erwartet. So sollen sie sich zum Beispiel von Anfang an um ihre neuen Kinder kümmern, dürfen sich dabei aber ja nicht zu stark einmischen. Dieser Spagat ist anstrengend. Und nicht immer funktioniert die neue Familienkonstellation auf Anhieb.

Eine neue Verbündete

Für Regina Kühni (39) war klar: Ein Mann mit Kindern kommt ihr nicht in die Tüte! Prompt verliebte sie sich in den Vater von Zwillingen. Kurz darauf wird die Marketingberaterin aus Zürich selbst schwanger.

Dass das Patchworkleben heute so gut funktioniert, hängt auch mit der Mutter der Kinder zusammen. Ganz einfach war es zu Beginn nicht: «Als wir die Kleinen mal abholen gingen, fand mein Mann, ich solle besser im Auto bleiben. Später stellte sich heraus, dass die Mutter mich gern kennengelernt hätte. Es gab viele solche Missverständnisse.» Als Kühnis erste leibliche Tochter auf der Welt war, lud sie die Mutter der Zwillinge zum Kaffee ein. «Wir konnten vieles klären und merkten, dass Kommunikationsprobleme oft durch den Vater entstanden waren. Männer kommunizieren anders und sehen gewisse Verantwortlichkeiten nicht immer.» Nach dem Treffen erstellten die drei Elternteile auf Whatsapp einen Gruppenchat, in dem sie die Organisation der Kinder regelten. Somit waren fortan alle Elternteile informiert.

Inzwischen verstehen sich Mutter und Stiefmutter gut. «Man muss alte Rollenbilder der Gesellschaft loslassen. Die Mutter als Bestandteil der Familie respektieren und umgekehrt. Wir haben uns ausgetauscht und gemerkt, dass wir einige ähnliche Ansichten haben.» Diese Synergien haben vieles zum Positiven verändert. «Die Zwillinge sind ja ständig in einem Loyalitätskonflikt. Dürfen sie mich gern haben, oder tut das ihrer Mutter weh?» Dieser Druck sei nun von ihnen abgefallen.

regina-kuehni.jpg

Regina Kühni

Patchworken als Extremsport

Die leibliche Mutter war auch für Séghira Egli (42) ein zentraler Erfolgsfaktor: «Sie hat mich vom ersten Moment an gern gehabt. Das ist nicht selbstverständlich!» Egli lernte ihren Mann vor neun Jahren kennen. «Zehn Minuten später fragte er mich, ob ich Kinder mag. ‹Klar!›, sagte ich. Daraufhin zeigte er mir ein Bild seiner Kinder, und die waren total herzig.»

Nach zwei Wochen folgte das erste Treffen mit den Buben, damals drei und fünf Jahre alt. Als Egli selbst schwanger wurde, war für sie klar: Als Gotti ihrer Tochter kommt nur die Mutter der Buben infrage. «Dass sie eingewilligt hat, bedeutet mir sehr viel.» Die Mutter der Buben ist zudem nicht nur Gotti, sondern selbst Stiefmutter – was die Patchworkfamilie noch grösser macht. Und einiges an Planung verlangt, auch, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft: Séghira Egli arbeitet vollzeit als Projektleiterin bei der Migros. Auch finanziell teilen sich die Eltern die Verantwortung für die Kinder auf. «Wir wollen, dass die drei eines Tages zueinander schauen und die gleichen Rechte haben.»

«Gewisse Dinge durchstehen»

Auch Carla Schulthess (30) hatte einen guten Start. «Mein Stiefsohn war erst zwei und die Stieftochter fünf Jahre alt, als ich ihren Vater kennenlernte. Mit der Heirat im Jahr 2018 sagte ich auch Ja zu seinen Kindern», erzählt die Berner Sozialarbeiterin.

Am Tag nach der Hochzeit machte sie einen Schwangerschaftstest: positiv. Es folgten eine schwierige Schwangerschaft und eine ebenso schwere Geburt. Das hatte auch mit der Doppelbelastung zu tun: «Als Stiefmutter hast du den ganzen Stress der kurzen Nächte und des Aufräumens. Aber man wird nicht anerkannt.»

Beklagen dürfe man sich nicht, denn man habe ja «gewusst, worauf man sich einlässt». Doch im Detail wisse man es nie, sagt Schulthess heute. Ihre Stiefk inder finden heute auch nicht mehr alles toll, was die Stiefmutter macht. Die Patchworkfamilie muss sich neu finden: Wer räumt das Zimmer auf? Die Kinder? Der Papa? Die Stiefmutter? «Sechs und neun Jahre sind kein einfaches Alter. Das Baby ist momentan fast am pflegeleichtesten», sagt Schulthess schmunzelnd. Für sie müssen auch schwierige Tage und Phasen Platz haben. «Es ist okay, wenn die Ältere hässig auf mich ist – es ist am einfachsten, auf die Stiefmutter wütend zu sein.» Im Moment tue das weh. Im Austausch mit anderen Stiefmüttern habe sie aber erkannt, dass sie das nicht persönlich nehmen müsse.

Die Herausforderungen habe sie dennoch unterschätzt: «Ich dachte, ein grosses Herz würde reichen. Aber es braucht Reflexion, immer wieder. Wie nehme ich Dinge weniger persönlich? Wo mische ich mich ein? Wo lasse ich Raum?» Ihre leibliche Tochter ist mittlerweile 16 Monate alt und versteht noch nicht, warum ihre neuen Geschwister manchmal da sind und manchmal nicht.

Schulthess ist es wichtig, von Geschwistern und nicht von Halbgeschwistern zu sprechen. «Dieses Vokabular schafft für die Kinder nur Distanz, wo keine ist.» Für die Mutter und Stiefmutter ist klar: «Jede zwischenmenschliche Beziehung ist ein Prozess. Man muss dranbleiben.»

carla-schulthess.jpg

Carla Schulthess

Happy End der anderen Art

Manchmal funktioniert das aber nicht: Als B. D. vor 12 Jahren mit ihrem damaligen Partner zusammenkam, hatte sie bereits Teenager und er drei kleine Töchter. Alle stürzten sich mit Enthusiasmus ins Abenteuer Grossfamilie. Die Stiefkinder kamen oft vorbei und waren in allen Ferien dabei. «Ihr Vater und ich hatten jedoch unterschiedliche Erziehungsmethoden. Das war schwierig», erzählt D.

Als die eigenen Kinder auszogen, fühlte sie sich allein: «Die andere Familie war sehr dominant, wir hatten nur alle zwei Wochen ein Wochenende für uns als Paar. Ich hatte nie grosse Ansprüche, hätte mir aber gewünscht, dass seine Kinder meinen Geburtstag nicht vergessen. Solche Dinge haben mich sehr verletzt.» Aus Verletzung wurde Wut. «Ich hätte mir vom Partner Rückgrat erhofft. Er sagte seinen Töchtern, sie sollen sich benehmen, ‹sonst wird sie wieder hässig›. Das geht nicht. Wenn mein Partner nicht zu mir steht, ist das keine Liebe.»

Das Zuhause fühlte sich bald wie ein Schlachtfeld an. B. D. verliess es schliesslich. Zwei Monate nach der Scheidung verspürt sie eine grosse Erleichterung: «Natürlich war es schwierig, mein Leben mit einem neuen Job und einer neuen Wohnung neu einzurichten. Aber ich habe es allein geschafft.»

Als unglücklich würde sie ihre Geschichte nicht bezeichnen: «Für mich ist es ein Happy End. Ich habe nun viel Zeit für meinen Job, meine Tochter, mein erstes Grosskind.» Einen Wunsch hat sie: «Vielleicht realisieren meine ehemaligen Stiefkinder eines Tages, dass ich es nur gut gemeint habe.»

«Beziehung braucht Zeit und Geduld»

Ria Eugster

Ria Eugster

Ria Eugster (62) ist in Stäfa ZH als Coach für Patchworkfamilien tätig. Vor 24 Jahren wurde sie selbst Stiefmutter.

Ria Eugster, warum hält sich das Bild von der bösen Stiefmutter so hartnäckig?
In Märchen kommt man das erste Mal mit diesem Begriff in Kontakt. Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass sich diese Frauen oft sehr aufopfern. Von uns Frauen wird erwartet, dass wir uns Mühe geben und gut mit Kindern umgehen können. Wenn man dann mal frustriert oder erschöpft ist und schnippisch wird, gilt man gleich als böse.

Was raten Sie den Stiefmüttern?
Viele Stiefmütter wollen alles perfekt machen und geben dabei zu viel. Das führt zu Frustrationen. Stiefmütter sollen nicht nur zu den Kindern, sondern auch zu sich selbst schauen. Lernen, sich abzugrenzen und die anfängliche Ablehnung der Kinder nicht persönlich zu nehmen. Die Beziehung zu ihnen aufzubauen, braucht viel Zeit und Geduld.

Was sollen die Väter tun?
Sie müssen der neuen Frau einen Platz in der Familienkonstellation geben. Es ist wichtig, dass die Kinder wissen, dass die Stiefmutter auch Bedürfnisse und etwas zu sagen hat. Wenn sie diesen Support nicht hat, muss sie sehr kämpfen. Nur wenn die Väter zur Stiefmutter stehen, können Kinder sie akzeptieren.

Was kann die Mutter beisteuern?
Sich zuerst mal friedlich von ihrem Ex-Mann trennen und nicht in der Opferrolle verharren. Und sich bewusst sein, was sie ihren Kindern antut, wenn sie gegen die neue Beziehung arbeitet. Die Mutter verliert ihre Kinder nicht, diese Liebe bleibt. Und es gibt auch Vorteile: Sie darf die neu gewonnene Zeit geniessen, wenn die Kinder beim Vater und bei der Stiefmutter sind.

Und worauf könnten die Kinder achten?
Sie sollen wissen, dass sich Väter und Stiefmütter für sie grosse Mühe geben. Und bei grösseren Kindern: Es darf sie sogar entlasten, dass sie sich um den Vater keine Sorgen machen müssen.

Was hat Ihnen als Stiefmutter geholfen?
Ich war so wahnsinnig verliebt in meinen Mann, dass ich wusste: Auch in den schwierigsten Zeiten werden wir das schaffen. Eine Trennung war nie eine Option. Wir sind glücklicherweise beide Menschen, die nicht gleich davonlaufen, wenns mal nicht rund läuft. Diese gemeinsame Zuversicht hat uns durch viele schwierige Momente getragen.

Schon gelesen?