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Grosses TV-Jubiläum

Happy Birthday «Tatort»!

Die erfolgreichste Krimiserie im deutschsprachigen Raum wird Ende November 50 Jahre alt. Wir haben Schweizer Fans gefragt, weshalb sie dem «Tatort» schon so lange die Treue halten.

Text Ralf Kaminski
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Anna Pieri Zuercher (41, links) als Kommissarin Isabelle Grandjean und ­Carol Schuler (33) als Profilerin Tessa Ott. Das neue Schweizer «Tatort»-Team ermittelt in Zürich und hatte im Oktober seinen ersten Einsatz.

Als der erste «Tatort» («Taxi nach Leipzig») am 29. November 1970 über die Schwarzweissbildschirme im deutschsprachigen Raum flimmerte, war die Auswahl an TV--Sendern noch beschränkt. Das ist heute anders. Trotzdem finden sich noch immer an jedem Sonntagabend so viele Menschen zuverlässig für die Krimiserie vor den UHD-Flachbildschirmen ein, dass der «Tatort» auch schon als «das letzte TV-Lagerfeuer» der Nation bezeichnet wurde – das einsame Überbleibsel jener «Strassenfeger», die einst zuverlässig über alle Generationen hinweg die ganze Familie vor den Fernseher zu locken vermochten.

Die legendäre Titelsequenz der Krimiserie.

Wichtiger Bestandteil des Serienkonzepts ist die geografische Verteilung der Ermittlerteams: Fast 50 Städte und Regionen waren schon Schauplatz – besonders oft Frankfurt am Main, Hamburg und Berlin. Und im Laufe der Jahrzehnte hatten zahlreiche Stars Gastauftritte, darunter Dieter Bohlen, Anke Engelke, Udo Lindenberg (der in der Erstfassung der Titelmelodie das Schlagzeug spielte) und sogar Ex-Bond Roger Moore (2002 in der Episode «Schatten»).

Der blutigste «Tatort» spielte 2014 in Hessen: Ganze 51 Menschen starben in der Episode «Im Schmerz geboren». Und wohl kein Kommissar sagte so oft «Scheisse» wie das Ruhrpott-Rauhbein Horst Schimanski (Götz George). Solche Informationen und noch vieles mehr gibt es auf diversen Fan-Websites, derweil auf Twitter jede neue Folge vom Publikum live mitkommentiert wird.

Gemeinsames Mitfiebern im Restaurant

In Zürich trifft man sich seit über zehn Jahren sogar zum gemeinsamen Schauen im Restaurant Piccolo Giardino. «Schon meine Vorgänger haben damit begonnen», sagt Nikolaus Suter (43), Betreiber des Lokals seit 2013. Er selbst hatte die Serie zuvor nicht geschaut, wurde dann aber angesteckt und guckt nun auch privat. «Es ist zu einem Sonntagabendritual mit meiner Frau geworden – ich tausche mich aber auch regelmässig mit meinem Vater darüber aus, der ein echter Fan ist.»

Ursprünglich wollte das «Piccolo Giardino» damit den Sonntagabend beleben, mittlerweile hat sich der «Tatort» als schöne Tradition etabliert. Wer aus dem Publikum als Erstes den Täter errät, bekommt einen Burger und ein Bier gratis.

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Stefan Gubser (63) als Kommissar Reto Flückiger mit Delia Mayer (53) als Kom­mis­sarin Liz Richard. Das dritte Schweizer «Tatort»-Team war von 2011–19 im Einsatz (17 Folgen aus Luzern). 

Umfrage

Schauen Sie «Tatort»?

Für die Schweiz hat im Oktober mit der Zürcher Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und der Profilerin Tessa Ott (Carol Schuler) bereits das vierte Ermittlerteam übernommen. Das Land hat von den 50 Jahren aber nur gut 20 so richtig mitgemacht. Der erste Schweizer «Tatort», damals mit Mathias Gnädinger und Andrea Zogg, kam 1990 aus Bern, zwischen 2003 und 2010 pausierte die Eidgenossenschaft. Von den über 1100 Folgen kamen bisher nur gerade 30 aus der Schweiz.

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László I. Kish (63, rechts) als Detektivwachtmeister Philipp von Burg mit Ernst C. Sigrist (64) als Kommissar Markus Gertsch. Das zweite Schweizer «Tatort»-Team war von 1993–2002 im Einsatz (9 Folgen aus Bern).

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Mathias Gnädinger (1941–2015, rechts) als Wachtmeister Walter Howald mit Andrea Zogg (62, links), als Kommissar Reto Carlucci. Das erste Schweizer «Tatort»-Team war von 1990–92 im Einsatz (3 Folgen aus Bern).

Was macht den «Tatort» so unwider­stehlich?

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Barbara Fuhrer (61), Kommunikations-­Coach, Rorschach SG «Es ist eine der wenigen Sendungen, die ich nicht im Replay schaue sondern immer live – und das fast jeden Sonntag, seit etwa 20 Jahren. Mir gefällt, dass die Schau­plätze immer wechseln, und ich lasse mich gerne überraschen, welches Team denn diesmal dran ist. Die Story des neuesten Schweizer ‹Tatort› fand ich ­allerdings langweilig, obwohl ich die zwei Frauen an sich gut finde.»
Dieses Team mag ich sehr (kein leichter Entscheid!): Odenthal & Stern (Ludwigshafen)
Dieses finde ich nicht so toll: Gorniak, Winkler & Schnabel (Dresden)

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Simon Sigg (30), Seelsorger, Gossau SG «Der ‹Tatort› ist mir heilig – er gehört seit Kindertagen zum Sonntagabend, früher zusammen mit der Familie, heute alleine mit einem guten Glas Wein. Ich kenne alle Kommissare mit Namen und tausche mich danach oft mit Bekannten aus. Besonders spricht mich an, dass sich darin aktuelle Themen aus Alltag, Gesellschaft und Politik widerspiegeln. Es geht auch immer wieder um spirituelle und religiöse Fragen, etwa zu Schuld, richtigem Handeln oder Selbstjustiz. Ich habe sogar mal eine Vortragsreihe angeboten, bei der ich Folgen mit der Bibel verglichen habe.»
Dieses Team mag ich sehr: Thiel & Boerne (Münster)
Dieses finde ich nicht so toll: Tschiller & Gümer (Hamburg)

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Ruth (59) und Thomas Furrer (60), medizinische Praxisassistentin und Allgemeinpraktiker, Sarmens­torf AG «Nur ein Sonntag mit ‹Tatort› ist ein richtiger Sonntag, es ist ein ­Ritual, das einfach dazugehört. Wir schauen seit 13 Jahren gemeinsam, meistens live oder sonst nachträglich eine Aufnahme davon. Wir mögen Krimis auch sonst, aber das Beson­dere hier ist die Vielfalt der Ermittler, Themen und Schauplätze. Sie haben auch oft einen gewissen Tiefgang und sind nicht so actionfokussiert wie ­andere Krimiserien.»
Dieses Team mögen wir sehr: Thiel & Boerne (Münster)
Dieses finden wir nicht so toll: Borowski & Brandt (Kiel)

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Lilo (77) und Hanspeter Schmid (81), frühere kaufmännische Angestellte und früherer Versicherungs­experte, Schocherswil TG «Wir sind absolute Fans der Münster-‹Tatorte› mit Kommissar Thiel und Professor Boerne. Da verpassen wir keinen, auch die Wiederholungen nicht! Manche haben wir schon drei Mal gesehen, aber das ist egal – wir lieben dieses Team mit seinem feinen Humor und den Gifteleien. Die anderen Teams schauen wir kaum, die sind uns oft zu brutal. So richtig angefangen haben wir damit, als wir 2012 nach langen Jahren aus Spanien zurückgekehrt sind – da hatten wir natürlich schon viele Münster-Folgen verpasst, die wir noch immer nachholen.»
Dieses Team mögen wir sehr: Thiel & Boerne (Münster)
Dieses finden wir nicht so toll: alle anderen

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Ursula Maria Dichtl (59), Künstlerin, Altdorf UR «Eigentlich bin ich ja Fernsehver­weigerin. Aber für den ‹Tatort› lasse ich fast jeden Sonntagabend alles ­stehen und liegen. Es ist eine Art ­Ritual für mich – noch mehr, seit ich in der Schweiz lebe. Das verbindet mich auch mit Freunden in ganz ­Europa, von denen ich weiss, dass sie zur ­selben Zeit schauen. Ausserdem kann man beim ‹Tatort› vor­trefflich über Tod und Leben, über Gut und Böse meditieren.»
Dieses Team mag ich sehr: Faber & Co. (Dortmund)
Dieses finde ich nicht so toll: Ich ­finde jedes auf seine Art cool.

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Marjolaine Nyffeler (49), kaufmännische Angestellte, Zürich «Ich schaue etwa jeden zweiten ‹Tatort› – es begann schon in der Jugend, aber regelmässig mache ich das vielleicht seit zehn Jahren. Damals wurde dies zum Trend im Freundeskreis, als Wochenendabschluss, ­quasi ein Ritual, über das wir uns dann austauschten. Ich mag die Diversität der Geschichten und Schauplätze, habe aber auch schon mal gelangweilt einen abgestellt. Den neuen Schweizer ‹Tatort› fand ich überraschend gut – ich freue mich schon auf den nächsten.»
Dieses Team mag ich sehr: Eisner & Fellner (Wien)
Dieses finde ich nicht so toll: Lindholm & Schmitz (Göttingen)

Ein Blick hinter die Kulissen des Schweizer «Tatorts» (SRF-Kulturplatz)

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