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Pflanzliche Nahrung und Sport

Haben Veganer mehr Power?

Im kontroversen Dokumentarfilm «The Game Changers» behaupten Hochleistungssportler, ohne Fleisch seien sie erfolgreicher. Die These hat auch im Schweizer Spitzensport Anhänger. Wir haben bei drei Jungstars und einer Veteranin nachgefragt.

Text Kian Ramezani
Fotos Kostas Maros
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Patrik Baboumian ist der stärkste Mann Deutschlands. Der Kraftsportler trägt 555 Kilogramm Gewicht auf seinen Schultern über zehn Meter weit. Und er ernährt sich ausschliesslich von Pflanzen. Jemand fragt ihn: «Wie konnten Sie so stark werden wie ein Ochse, ohne Fleisch zu essen?» Seine Antwort: «Haben Sie jemals einen Ochsen Fleisch fressen sehen?» Die Schlüsselszene stammt aus dem Dokumentarfilm «The Game Changers» über Hochleistungssportler, die sich vegan ernähren und behaupten, so eine höhere Leistung zu erzielen. Dass Athleten tierisches Protein brauchen, um es an die Spitze zu schaffen, sei einer der grössten Irrtümer in der Sporternährung, sagen sie. So weit die steile These, die auch hierzulande eingeschlagen hat.

Lange bevor «The Game Changers» erschienen war, liess sich eine junge Schweizer Triathletin auf dieses Experiment ein. Natascha Badmann (53) gewann zwischen 1998 und 2006 sechs Mal den prestigeträchtigen Ironman auf Hawaii – und ernährte sich ebenfalls komplett vegan. Sie kann sich gut daran erinnern, wie sehr das manche Beobachter irritierte. «Dass meine Ernährung und mein Erfolg miteinander zu tun haben könnten, wäre diesen Leuten niemals in den Sinn gekommen», sagt die Baslerin.

Bestärkt wurde sie von ihrem Partner und Trainer, Toni Hasler. Der erinnerte sich, wie er als Radprofi vor einer Etappe der Vuelta ein Steak hinuntergewürgt hatte, weil sie ohne Fleisch angeblich nicht zu schaffen war. Wenn er heute zurückblickt, fuhr er seine besten Rennen dann, wenn er am Morgen Haferflocken gegessen hatte.

Etwa zur selben Zeit, als Natascha Badmann ihre ersten Erfolge feierte, wuchs in Flims GR Sina Candrian heran. Der Disney-Film «Bambi» hinterliess einen bleibenden Eindruck bei dem Mädchen: «Die Vorstellung, dass Tiere für uns sterben müssen, machte mich sehr traurig», sagt die heute 31-Jährige. Sie wurde Vegetarierin und später Veganerin.

Nie krank und rasch erholt

Candrian ist Snowboarderin und startet in den Freestyle-Disziplinen. «Ich finde, ich habe mehr Power als meine Berufskollegen, die viel Fleisch essen. Sie sind auch oft krank, ich schon seit Jahren nicht mehr. Ich verpasse nie ein Rennen. Auch der Heilungsprozess verläuft bei mir viel schneller als bei den anderen.» 

Ganz so weit würde der 26-jährige Ryan Regez nicht gehen. Der Skicrossfahrer aus Wengen BE ist seit Juli 2017 vegan unterwegs. «Man kann sicher durch bewusste Ernährung etwas herausholen, aber auf welche Weise, muss jeder für sich herausfinden und entscheiden.» Bei sich selbst stellt er «mindestens die gleiche Leistung» fest, allerdings erhole auch er sich viel schneller und das Körpergefühl sei besser. Hinzu kommt für ihn noch ein anderer Aspekt: «Die meisten Wintersportarten sind schlecht für die Umwelt. Wir reisen mit Unmengen Material per Bus und Flugzeug quer durch die Welt», sagt Regez. Er sehe sich deshalb in der Pflicht, seinen CO2-Fussabdruck zu verkleinern.

Interessierte stehen Schlange

Auch Nora Jäggi (24) ernährt sich ganz ohne tierische Produkte. Seit dem Erscheinen von «The Game Changers» bekommt die Schweizer Meisterin im Gewichtheben sehr viele Anfragen. Und zwar von anderen Gewichthebern und Crossfittern, die wie sie auf vegan umstellen möchten. Jäggi machte diesen Schritt vor zwei Jahren – nicht ganz frei von Zweifeln, was das für sie als Athletin bedeuten würde. «Ich begann mich zu informieren, denn die Gesundheit steht für mich an erster Stelle. Ich fand, wenn eine vegane Ernährung sogar gesundheitliche Vorteile bietet, dann muss sie doch auch für meine Leistungsfähigkeit positiv sein.» Heute fühlt sie sich bestätigt. «Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich mehr Power habe.»

Diesbezüglich ist sich Natascha Badmann nach all den Jahren nicht mehr ganz sicher. Die vegane Triathletin hatte auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ein Erlebnis, das sie stutzig machte. Sie ass und ass und wurde doch nicht satt. Sie probierte ein Stück Fisch, und «es schmeckte göttlich». Nicht nur das: Sie stellte im Anschluss eine Leistungssteigerung bei sich fest. Eher schleichend bemerkte sie eine gewisse Vereinsamung. «Einladungen und Auswärtsessen waren vor 20 Jahren schwierig», erinnert sie sich. Heute sei alles anders, und das Angebot für Veganer reichhaltig. «Wenn ich das Wissen von heute sowie die Produkte und Supplemente gehabt hätte, wäre es wohl anders gewesen.» Natascha Badmann war ihrer Zeit buchstäblich voraus.

Heute ist sie entspannter unterwegs. Dass ihr Lieblingsgericht ein Ei benötigt, akzeptiert sie: «Für eine gute Fruchtwähe, laufe ich weit. Sie hatte mir gefehlt.» Wenn sie eingeladen ist und es gibt Gratin, dann isst sie Gratin. Ebenso Fisch. Einzig vom Fleisch lässt sie noch immer die Finger. Es fehle ihr nicht. «The Game Changers» hat sie übrigens noch nicht gesehen. Der Film steht aber auf ihrer Liste für die Festtage.

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Ryan Regez, Nora Jäggi, Sina Candrian und Natascha Badmann (Von links nach rechts)

«Es gibt keine gesicherten wissenschaftlichen Belege»

Was ist dran an den Behauptungen im Film «The Game Changers»? Die beiden Ernährungsspezialisten Esther Haller und Michael Schwarz von Medbase erklären den aktuellen Stand der Wissenschaft – und mahnen zur Vorsicht.

Haben Veganer mehr Power?

Dafür gibt es keine gesicherten wissenschaftlichen Belege. Eine leistungssteigernde Ernährung ist ausgewogen, stellt eine bedarfsdeckende Zufuhr von Kohlenhydraten, Eiweissen, Fetten sowie von Vitaminen und Mineralstoffen sicher. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dies vegan zu erreichen. Im Film «The Game Changers» wird eine sehr einseitige Ernährung mit Fleisch der veganen gegenübergestellt. In diesem Vergleich ist es nicht unwahrscheinlich, dass vegan einen Mehrwert bietet. Es ist aber auch kein Beweis, dass pflanzliches Protein tierischem überlegen ist.

Worauf sollte ein Hochleistungssportler achten, wenn er auf vegan umstellen will?

Beim Verzicht auf tierische Produkte ist es wichtig, sich seriös mit der veganen Ernährung auseinanderzusetzen. Eine ausgewogene Sporternährung auf veganer Basis ist mit hohem Organisationsaufwand verbunden. Kohlenhydrate und Fette sind unproblematisch. Die Eiweissversorgung ist ungleich schwieriger, da pflanzliches Eiweiss weniger effizient als tierisches verwertet wird. Der Körper benötigt für den Muskelaufbau mehr pflanzliches Eiweiss. Für die gleiche «Wertigkeit» muss der Athlet zudem verschiedene pflanzliche Proteine kombinieren. Eine bedarfsdeckende Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen wie Eisen, Kalzium, Zink, Jod, Vitamin D und B12 ist herausfordernd, B12 ist zwingend zu ergänzen. In der Praxis zeigen sich zudem oft Probleme, den bis zu vierfach erhöhten Gesamtenergiebedarf von Spitzenathleten zu decken. Veganer konsumieren viel Gemüse, Früchte, Kerne und Hülsenfrüchte, was grundsätzlich gesund ist, aber unter sportlicher Belastung aufgrund der grossen Menge an Nahrungsfasern Verdauungsprobleme verursachen kann.

Handelt es sich bei der veganen Ernährungsweise um einen Hype oder langfristigen Trend?

Die Zukunft wird pflanzlicher. Nachhaltigkeit, Klima-, Umweltschutz und das Bevölkerungswachstum sind Themen unserer Zeit, die auch unsere Ernährungsweise beeinflussen. Es wird aktuell viel zu alternativen Ernährungsformen geforscht.


Bilder: Keystone, Jesper Gronnemark/Red Bull Content Pool, Michael Lehmann/Head, CrossEquip, Getty Images

Ryan Regez (26), Skicrossfahrer

Der Skicrossfahrer stand 2019 zweimal ganz oben auf dem Podest. Beschloss in einem Zwischentief seiner Karriere, seine Ernährung radikal umzustellen. Liebt Burritos mit Bohnen, Reis und Gemüse.
 

Natascha Badmann (53), Duathletin und Triathletin, 

gewann sechs Mal den Ironman Hawaii. Vegetarierin seit 1989, wenig später Veganerin. Heute isst sie wieder Fisch, Käse und vor allem ihre geliebte Fruchtwähe. Von Fleisch lässt sie immer noch die Finger.
 

Nora Jäggi (24), Gewichtheberin

Die stärkste Frau der Schweiz trainiert fünfmal pro Woche für mindestens zwei Stunden. Am liebsten ist sie grünes Thai-Curry. Früher vermisste sie manchmal Butter, heute nicht mehr. Vom Beyond Burger hat sie einmal probiert und fand ihn nicht fein.


Sina Candrian  (31), Snowboarderin

Wurde durch «Bambi» als Kind zur Vegetarierin. Liebt Ravioli, Curry, Spätzli und Falafel. Könnte mitgeholfen haben, einen der «grössten Fleischfresser» aus ihrem Team zu bekehren.

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