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Migros - Ein M besser

Drei Paare, sechs Lebensgeschichten

Wo die Liebe hinfällt

Auch Menschen mit einer Beeinträchtigung verlieben sich und haben Lust auf Sex. Das stellt Institutionen wie die Martin Stiftung in Erlenbach am Zürichsee vor Herausforderungen, für die es nicht immer eine optimale Lösung gibt.

Text Barbara Lukesch
Fotos Renate Wernli
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Sabrina Schulthess und Emanuel Rehberg sind seit vier Jahren ein Paar. Ihre Hochzeit haben sie wegen Corona verschoben.

Sabrina und Emanuel lieben sich, weil ihnen die Ausstrahlung des anderen so gefällt. Ralph liebt an seiner Ursula, dass sie seine Interessen teilt. Sie findet toll an ihm, dass er ein GA hat und selbständig reisen kann. Susanne schätzt, dass ihr Partner ein Lieber ist und ihr viel im Haushalt hilft. Fritz sagt es so: «Wir ergänzen uns ideal.»

Drei Paare, sechs Lebensgeschichten. Gemeinsam ist allen, dass sie unter kognitiven Beeinträchtigungen leiden und darauf angewiesen sind, in einer Institution zu leben, die ihnen Betreuung bietet. Ausser Ralph Jäger wohnen alle in der Martin Stiftung in Erlenbach am Zürichsee, einer Einrichtung, die zurzeit 167 Frauen und Männern Wohnraum bietet, zudem Arbeitsplätze in Werkstätten, auf dem Biohof, im Quartier- und Blumenladen, in der Küche und der Wäscherei. Steht man auf einer der grosszügigen Terrassen im Hauptgebäude, ist man überwältigt vom Ausblick auf den See, der jedem Fünfsternehotel Ehre machen würde. Die Martin Stiftung hat sich für den Slogan «Anders mit Aussicht» entschieden.

Gar nicht so anders ist, dass sich in einer solchen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Menschen ineinander verlieben und irgendwann auch zusammen wohnen möchten. Nicole Rode schmunzelt: «Na klar», sagt die 45-Jährige, die seit 2016 als Bereichsleiterin Wohnen in der Martin Stiftung arbeitet. Sie ist für mehr als 50 Menschen verantwortlich, darunter fünf Paare. Bevor die Institution ihr Einverständnis zum gemeinsamen Wohnen gibt – sei es zunächst im Rahmen eines Wohntrainings oder später dann in einer eigenen Wohnung – kläre man sorgfältig ab, ob ein Paar realistische Zukunftsperspektiven habe.

Je nach kognitiver Stärke stellten sich dann ganz unterschiedliche Fragen, die mit den beiden besprochen werden müssten: Was ist überhaupt eine Beziehung? Was muss ich zur Partnerschaft beitragen? Wo setze ich Grenzen? Wie pflege ich mich? Wie sorge ich für meine Gesundheit? 
Was unternehmen wir gemeinsam?

Kein Konzept zum Kinderwunsch

Damit ist das wohl herausforderndste Themenpaket noch gar nicht auf dem Tisch, das jede Institution beschäftigt, die Paare betreut: Sexualität, Empfängnisverhütung, Kinder. Nicole Rode nickt: «Dass unsere Bewohnenden an Sex interessiert sind, die einen mehr, die anderen weniger, ist für uns inzwischen eine Selbstverständlichkeit.» Herausfordernd sei, einem Paar, das in einer Wohngruppe lebt, die nötige Intimität zu verschaffen.

Doch wenn die beiden ein Kind bekämen, wäre die Martin Stiftung im Moment nicht darauf vorbereitet. Die Institution war bisher nie mit der Schwangerschaft einer Bewohnerin konfrontiert. Sie ist auf Erwachsene ab 18 Jahren ausgerichtet, nicht auf Familien mit Kindern. Folglich fehlt es an einem Betreuungskonzept und dem Fachpersonal mit den nötigen Kompetenzen.

Nicole Rode sagt, es sei ein schwieriges Thema, denn natürlich würden sich auch Frauen mit einer Beeinträchtigung Kinder wünschen, und einige reagierten mit Enttäuschung und Traurigkeit auf diese Einschränkung. Viele Angehörige, in der Regel die Eltern, wollten «um keinen Preis», dass ihre Töchter und Söhne Nachwuchs bekommen: «Manche sind sogar überrascht, dass ihre Tochter oder ihr Sohn überhaupt eine Sexualität hat und sich eine Liebesbeziehung wünscht.»

Es ist an der Institution, gemeinsam mit dem Paar, seinen Verwandten und den hauseigenen Bezugspersonen eine Verhütung zu finden, mit der alle leben können. In jedem Fall gehe ein Besuch bei der Gynäkologin voraus. «Denkbar ist die Antibabypille», sagt Rode, «damit kommt eine kognitiv stärkere Frau gut allein zurecht. Bei weniger selbständigen Frauen kommt eventuell die Dreimonatsspritze oder eine Spirale infrage.» Nicht mehr befürwortet werde eine Sterilisation beziehungsweise eine Unterbindung. «Natürlich kann es zu einer unverhofften Schwangerschaft kommen», räumt Rode ein. «Falls tatsächlich eine Bewohnerin schwanger würde, müsste sich die Martin Stiftung dieser neuen Herausforderung stellen.»

Treue Seelen

Fritz Baumgartner* und Susanne Meierhans* leben seit mehr als 
20 Jahren in der Martin Stiftung, und fast genauso lange sind sie ein Liebespaar. Irgendwann war Fritz die hübsche junge Frau aufgefallen, und er sprach sie an. Nachdem sie ein paar Worte gewechselt hatten, wusste er: «Ja, das ist sie.» Die inzwischen 43-jährige Susanne war gerade von ihrem Freund «verseckelt» worden, wie sie sich ausdrückt.

Sie freute sich über die Avancen des charmanten Fritz, der knapp zehn Jahre älter ist als sie. Sie sagt: «Fritz ist ein Schöner, er hat mir sofort gut gefallen.» Kurz darauf waren die beiden liiert. Nach sorgfältiger Begleitung durch die Wohngruppenverantwortlichen bezogen sie eine Wohnung in Erlenbach ZH, die zur Martin Stiftung gehört.

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Susanne Meierhans und Fritz Baumgartner sind seit 20 Jahren ein Paar. Sie haben eine gemeinsame Wohnung in Erlenbach ZH.

Kinder müssen nicht sein

Heute sind sie ein eingespieltes Team und kommen mit ihren Finanzen ­bestens klar, «weil wir», so Susanne, «sparsam leben und gut rechnen können». Beide arbeiten auswärts, er im technischen Dienst einer Einrichtung für Menschen mit einer Beeinträchtigung, sie im Service.

Fritz ist ein leidenschaftlicher Fotograf. Als er spürte, dass die Tage während des Lockdowns «immer länger wurden und mir nicht guttaten», begann er Naturaufnahmen in der Umgebung zu machen. Susanne liebt den See und geht bei jeder Gelegenheit ins nahe Badehaus der Stiftung.

Heiraten wollten die beiden nie und gemeinsame Kinder waren in ihrer speziellen Lebenssituation auch nie ein Thema. 

*Namen geändert

Junges Glück

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Auf dem Stubentisch liegen Farbstifte und Zeichenhefte mit Mandalas und Tieren, die man ausmalen kann. Der 25-jährige Emanuel Rehberg zeigt auf zwei Elefanten, die er vielfarbig gestaltet hat – eine Augenweide. «Malen», erzählt er, «ist nicht unser einziges Hobby.»

Mit seiner sieben Jahre älteren Verlobten Sabrina Schulthess wandere er auch gern und besuche mit ihr einen Zumba-Tanz-Fitness-Kurs. Die beiden spielen auch Fussball beim FC Zürisee,dem Plusport-Angebot für Menschen mit Beeinträchtigung. Ach ja, und Fernsehen! Sie lieben Serien wie «Gute Zeiten – schlechte Zeiten», «Alles, was zählt» oder «Unter uns».

Hochzeit ist geplant

Seit vier Jahren sind Sabrina und Emanuel ein Paar. Kennengelernt haben sie sich in Stäfa ZH, wo sie in einem sogenannten Wohntraining der Martin Stiftung lernten, ihren Alltag selbständig zu gestalten. «Ich fand sie hübsch, ja, und da dachte ich, ich schreibe ihr eine Whatsapp-Nachricht.» Er hatte Glück, denn auch bei Sabrina funkte es sofort. Vor einem Jahr zogen sie in eine gemeinsame Wohnung in Erlenbach ZH.

Die beiden erledigen ihren Haushalt selbständig und werden nur noch einmal pro Woche von einer Betreuungsperson besucht. Dabei können Themen wie Finanzen, Arzttermine oder auch mal ein Paarkonflikt besprochen werden. Doch die beiden gelten als ausgesprochen harmonisches Paar, das sehr aktiv ist und viele Kontakte hat. Etwas verlegen gesteht Sabrina im Laufe des Gesprächs, dass Emanuel ihr «Traummann» sei.

Hätte es das Coronavirus nicht gegeben, wären sie bereits verheiratet: «Jetzt haben wir unsere Hochzeit halt auf nächstes Jahr verschoben.» Bei der Frage nach Kindern antwortet Emanuel sehr entschieden: «Dafür gibt es kein Konzept in der Martin Stiftung.» Das sei auch richtig so. Sabrina räumt etwas zögernd ein, dass sie schon gern eigene Kinder hätte: «Aber das geht hier leider nicht.»

Späte Liebe

Als der 65-jährige Ralph Jäger seiner Partnerin einmal ins Wort fällt, berührt er sie sanft am Rücken: «Entschuldigung, Ursula.» Sie blickt ihn freundlich an: «Schon gut.»

Ursula Weber und Ralph Jäger pflegen eine Wochenendbeziehung. Sie lebt in der Martin Stiftung in einer betreuten Wohngruppe, er in der Stiftung Altried in Dübendorf ZH. Dass sie sich überhaupt kennengelernt haben, sei, so Ursula lachend, «eine längere Geschichte». Erstmals begegnet sind sie sich an der Zürcher Paulus Akademie an einer Tagung für Menschen mit Beeinträchtigungen. «Schon damals hat mir Ralph gefallen», erinnert sich die 66-Jährige, «aber mehr war da nicht.» 

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Ralph Jäger und Ursula Weber führen seit sechs Jahren eine Wochenendbeziehung. lhre grosse Leidenschaft sind Bahnfahrten.

Sie hätten sich aus den Augen verloren, bis eine Betreuerin sie eines Tages auf ein Inserat am Schwarzen Brett aufmerksam gemacht habe. Da suchte ein Ralph Jäger «eine nette Partnerin, die mit mir die Freizeit teilt». Der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, und plötzlich machte es klick: «Das ist doch der sympathische Mann von der Paulus Akademie.» Sie meldete sich bei ihm, und damit begann eine Freundschaft, in der, so Ursula, «die Liebe erst mit der Zeit dazukam». Die hätten sie ganz langsam aufbauen müssen, aber inzwischen seien sie sicher, dass sie die Richtigen füreinander seien.

Nun sind sie seit sechs Jahren zusammen. Was sie ganz besonders verbindet, ist ihre grosse Reiselust. Beide besitzen ein Generalabonnement, und es gibt für sie nichts Schöneres als eine Bahnfahrt von Zürich nach Luzern, Interlaken und über den Brünig zurück nach Zürich. Ursula brummt: «Mir wäre manchmal die Route über Bern lieber», und erklärt, dass sie wegen genau solcher Fragen hin und wieder ein bisschen Streit hätten: «Ansonsten verstehen wir uns aber sehr gut.» 

Ralph Jäger und Ursula Weber führen seit sechs Jahren eine Wochenendbeziehung. lhre grosse Leidenschaft sind Bahnfahrten.

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