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Tennis-Nachwuchstalent Yarin Aebi

Vom Rollstuhl zurück auf den Court

Yarin Aebi war auf dem besten Weg zum Tennisprofi, als ihn 2018 eine seltene Krankheit in den Rollstuhl zwang. Doch mit Hartnäckigkeit und Zuversicht kämpfte er sich zurück. Diesen Herbst hat der 17-Jährige wieder Spiele gewonnen.

Text Ralf Kaminski
Fotos Christian Schnur
Junior Yarin Aebi ist zurück auf dem Tennisplatz

Yarin Aebis nächstes Ziel: Die Schweizer Junioren-Meisterschaft im Januar.

Es sei ein sehr emotionaler Tag gewesen, sagt Yarin Aebi und schaut dabei kurz gedankenverloren. Er meint den 29. August, den Tag, an dem er nach 21 Monaten Reha und Training zum ersten Mal wieder einen offiziellen Match spielte – und gewann.

«Ich war ziemlich nervös und so mit mir beschäftigt, dass ich im ersten Satz keine Chance hatte. Dann jedoch kam ich richtig ins Spiel rein, es machte einfach nur Spass …» Auch wenn er verloren hätte, wäre das egal gewesen. «Hauptsache, ich konnte überhaupt wieder spielen. Ich schwebte noch drei Tage danach wie auf Wolken, so glücklich war ich.»

Seither hat der 17-Jährige aus Horgen ZH weitere Matches gespielt, teils gegen deutlich stärkere Gegner. Mal hat er gewonnen, mal verloren. Alles in allem ein vielversprechender Neustart, findet Yarin. Schaut man ihm zu, mit welcher Leichtigkeit er sich auf dem Platz bewegt und Bälle jongliert, kann man kaum glauben, dass er Ende 2018 im Rollstuhl sass und selbst über seinen Oberkörper kaum noch Kontrolle hatte.

Plötzlich Schwierigkeiten beim Gehen

Das Drama, das Yarins Tennisprofiträume so abrupt aus der Bahn warf, begann am 24. November 2018, am Tag der Rückkehr von einem Turnier in Israel. «Wir mussten in Basel zum Zug rennen, und irgendwie fühlte sich mein linkes Bein seltsam an. Aber abends war es dann wieder okay.» Doch nachts wachte er auf wegen eines stechenden Schmerzes im unteren Rücken. Morgens hatte er hohes Fieber und Schwierigkeiten beim Gehen. Die Familie ging erst zum Hausarzt, dann am nächsten Tag ins Spital. «Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht mehr gehen und stehen.»

Die Diagnose: Guillain-Barré-Syndom (GBS), eine seltene Erkrankung des peripheren Nervensystems, verursacht durch eine Fehlreaktion des Immunsystems. Betroffene verlieren die Fähigkeit, ihre Muskeln anzusteuern; typischerweise beginnen die Symptome an den Händen und Füssen und breiten sich aus. Auslöser sein kann eine bakterielle Infektion – bei Yarin steht eine Magen-Darm-Infektion in Verdacht, die er in Israel hatte, ganz sicher ist dies aber nicht.

Das Guillain-Barré-Syndom anschaulich erklärt. (Video: gbsinfo.ch)

Der Teenager verlor nicht nur seine Bewegungsfreiheit, er hatte auch höllische Schmerzen, vor allem im unteren Rücken. «Ich habe mein Kind noch nie so schreien gehört», sagt seine Mutter. Die Ärzte gaben ihm alle vier Stunden Morphium – «manchmal half es, manchmal nicht», sagt Yarin. «Besonders die Nächte waren schlimm.» Erst nach zwei, drei Wochen liessen die Schmerzen nach.

Die Eltern und die drei Jahre ältere Schwester machten sich derweil grosse Sorgen. Denn die Krankheit kann zum Herzstillstand führen, wenn sie nicht rechtzeitig gebremst werden kann – was nicht immer gelingt. Bei Yarin schlug eine Behandlung mit Immunglobulinen an; nach ein paar Tagen hatten die Ärzte die Krankheit zwar unter Kontrolle, doch Yarin sass im Rollstuhl, bekam Morphium und brauchte bei fast allem Hilfe.

Tausende von Stunden harte Arbeit

2017 noch hatte er mit Jérôme Kym die U-14-Weltmeisterschaft in Tschechien gewonnen und war auf bestem Weg zu weiteren Erfolgen – und plötzlich musste er ganz simple Dinge neu lernen. «Wenn ich mein Bein anheben wollte, passierte erst mal gar nichts. Als ob ich versuchen würde, ein Haar auf meinem Kopf zu bewegen.» Es erforderte Tausende von Stunden harter Arbeit, mittels zahlloser Übungen die Kontrolle über seinen Körper zurückzugewinnen.

Was andere frustriert und entmutigt hätte, trieb Yarin an. «Ich wollte wieder gehen lernen, ich wollte auch zurück auf den Tennisplatz – das war für mich nie infrage gestellt.» Hartnäckig, geduldig und zuversichtlich erarbeitete er sich Balance, Muskelkraft und Stabilität zurück. Nach fünf Wochen brauchte er den Rollstuhl nicht mehr und nutzte stattdessen verschiedene Gehhilfen. Nach einem weiteren halben Jahr brauchte er auch diese nicht mehr.

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Anfang 2019 konnte Yarin Aebi sich nur mit diversen Gehhilfen draussen bewegen. (Bild: zVg)

Anfang 2019 kehrte der Teenager zurück an die Wirtschaftsmittelschule in Biel und nahm dort auch sein Training bei Swiss Tennis wieder auf. Die Schule bietet sportlergerechte Schulzeiten; der Stoff von zwei Schuljahren wird auf drei verteilt, damit angehende Profisportler genug trainieren können. In Yarins Fall sind das drei bis vier Stunden pro Tag. Das Wochenende verbringt er in der Regel bei der Familie in Horgen.

Heute ist Yarin Aebi «noch nicht ganz bei 100 Prozent», wie er sagt, aber auf gutem Weg. An der Beinmuskulatur hapert es noch. «Ich bin weniger leichtfüssig und wendig als vorher.» Yarins nächstes grosses Ziel: Die Schweizer Meisterschaften der Junioren in Kriens LU im Januar. Bis dahin will er noch an zwei, drei Turnieren teilnehmen.

So erfreulich alles auch läuft, die Prioritäten des Jungtalents haben sich verschoben. Jetzt sind die Tennisprofiträume der Plan B, vor der Erkrankung war es die Wirtschaftsmittelschule. Was er beruflich mal machen will, weiss er aber noch nicht so genau. «Tatsache ist: Diese zwei Jahre, die ich verloren habe, sind für Junioren ganz wichtig, um es später im Profitennis zu schaffen.»

Yarin Aebis Kollegen Dominic Stricker (links) und Leandro Riedi spielten an den French Open in Paris um den Junioren-­Titel. Stricker gewann. Vor ­Aebis Erkrankung haben die drei oft gemeinsam trainiert.

Yarin Aebis Kollegen Dominic Stricker (links) und ­Leandro Riedi spielten an den French Open in Paris um den Junioren-­Titel. Stricker siegte. (Bild: Fresh Focus)

Seine Kollegen Leandro Riedi und Dominic Stricker, mit denen er zuvor bei Swiss Tennis trainierte, haben gerade an den French Open teilgenommen und den Junioren-Final-Sieg unter sich ausgemacht. «Es ist fantastisch, dass sie das geschafft haben», freut sich Yarin für sie. Und wer weiss, ohne Guillain-Barré-Syndrom hätte vielleicht auch er es ans Turnier nach Paris geschafft. «Aber über so etwas darf man nicht zu sehr grübeln.»

Überhaupt nimmt er die Dinge inzwischen mehr so, wie sie kommen. Auch im Tennis, mit dem er schon als Dreijähriger begonnen hatte – nach einem Tag der offenen Tür im Tenniszentrum Horgen. Weitere Ziele als die Juniorenmeisterschaft im Januar hat Yarin Aebi sich noch nicht gesetzt, will erst mal sehen, wie es läuft. «Ich habe durch GBS viel über mich gelernt, bin reifer und erwachsener geworden.» Er höre jetzt auch mehr auf seinen Körper, verstehe ihn besser. «Inzwischen sehe ich fast nur das Positive, das durch all das passiert ist.»

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Yarin spielt heute wieder Tennis, auch wenn er «noch nicht ganz bei 100%» ist – anders als bei diesem Turnier 2017 in Bellinzona (Bild: Andy Müller/Fresh Focus).

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