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Minihaus, Jurte, Bauwagen

Wenn die Wohnung nur 20 Quadratmeter hat

Leben auf wenigen Quadratmetern: Wohnen in Minihäusern wird populär. Eine junge Familie und drei Single-Frauen erzählen, wieso weniger Platz für sie mehr Freiheit bedeutet.

Text Manuela Enggist
Fotos Raffael Waldner
Ohne Türen: Lea, Pierre und Juno Biege im Schlafzimmer ihres Tiny House in Albinen VS

Ohne Türen: Lea, Pierre und Juno Biege im Schlafzimmer ihres Tiny House in Albinen VS

Wie streiten, wenn es keine Türe zu schletzen gibt? Wie Freunde zum Abendessen einladen, wenn Bett und Esstisch dicht beieinander stehen, die kleine Tochter um 20 Uhr ins Bett geht und es wieder diese Türe ist, die fehlt?

Lea, 25, und Pierre, 27, Biege sitzen in ihrem Minihäuschen, oder Tiny House, wie es im Fachjargon heisst. Sie auf der einzigen Treppenstufe hoch zum «Wohnzimmer», er auf der Bettkante, während Tochter Juno, 1, am Boden mit einem Buch spielt.

Allzu viele Fragen hatte sich das Ehepaar gar nicht gestellt, als es im vergangenen Herbst ihr Tiny House in Albinen VS hinstellen liessen. 27 Quadratmeter für eine dreiköpfige Familie, die ab Herbst zu viert sein wird. «Wir machen uns generell keine Sorgen auf Vorrat», sagt Pierre Biege, der vor kurzem Geschäftsführer eines Modelabels wurde. Sie hätten nur gewusst: je kleiner desto besser.

Kann du dir vorstellen, auf kleinstem Fuss zu wohnen?

Unvorbereitet waren die beiden trotzdem nicht, als sie vor etwas mehr als zwei Jahren ihr Eigenheim für 186'000 Euro kauften, wie Lea Biege erzählt: «Wir haben uns an das Wohnen auf kleinem Raum herangetastet. 2017 leben sie noch in einer 80 Quadratmeter grossen Wohnung nahe Thun BE und hatten in Ikea unzählige Möbel gekauft. «Einfach um das Haus zu füllen», sagt Lea Biege. Viereinhalb Zimmer nur für die beiden. Manchmal hatten sie ein schlechtes Gewissen, weil sie bei weitem nicht die gesamte Wohnfläche nutzten.

Eines Abends schaut sich das Paar auf Netflix die Dokumentation «Minimalism. A documentary about the important things in life» an, unter anderem wird da über das Leben in Tiny Houses berichtet. Die beiden waren begeistert. «Das hat in uns richtig was ausgelöst. Wir haben gespürt, dass dieser Trend vom reduzierten, nachhaltigen Leben auch zu uns passt», sagt die 25-Jährige. In dieser Zeit werden die beiden auch Veganer. «Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass unsere Wohnsituation auch zu unserer neuen Lebensphilosophie passen muss.»

39 Quadratmeter für bald vier Personen

Also beginnt das Paar zu üben. Sie sperren Zimmer in ihrem Haus ab, leben nur noch in der Küche und ihrem Wohnzimmer. Später folgt der Umzug nach Visp in eine 39 Quadratmeter grosse Wohnung, nochmal später leben sie in einem 16 Quadratmeter grossen Studio. Zu dieser Zeit suchen sie schon ihr Minihaus und werden beim deutschen Anbieter «Wohnwagen» fündig. Ihre Flitterwochen verbringen sie mit dem Probeleben in einem Kleinhaus, erzählt Pierre Biege. «Wir haben gespürt, dass wir nicht mehr zum Leben brauchen, als genau das.»

Am liebsten hätten sie ihr neues Zuhause an einen einsamen See im Wald gestellt. Aber in der Schweiz gestaltet sich das schwierig. Bei weitem nicht jede Gemeinde will ein Tiny House auf ihrem Grund und Boden. Albinen VS, Pierre Bieges Heimatdorf, ist offen für solche Projekte. Für das Land mit bester Aussicht in die Weite des Rhonetals bezahlt die Familie 44'000 Franken.

Wegen der Hanglage mussten sie einen gemauerten Keller unter das Minihäuschen bauen. «Eigentlich wollten wir so flexibel wie möglich bleiben und unser Haus nirgends befestigen», sagt Pierre Biege. «Aber der Keller ist auch ganz praktisch. Wir haben da nun unsere Arbeitsplätze eingerichtet, damit wir auch mal von Zuhause aus arbeiten können.» Was ihnen während der Corona-Pandemie zugute komme. «Wenn wir auf diesem begrenzten Raum auch noch arbeiten müssten, wäre es wohl tatsächlich ein wenig eng.»

 

Sie seien in ihrem wirklichen Leben angekommen, sagt Lea Biege. «Die Wertschätzung gegenüber dem wenigen Hab und Gut, welches wir noch haben, ist dadurch gestiegen.» Das Paar gibt vielen Gegenständen mittlerweile sogar eine Namen. So hört das Haus auf «Holger» und den Holzkorb nennen sie «Jacques».

Wie sie das machen werden, wenn die Kinder grösser sind und mehr Platz wollen oder brauchen, wissen sie nicht. «Damit beschäftigen wir uns, wenn es soweit ist.» Was derzeit feststeht: Streitgespräche führt das Paar nur noch draussen, wo es sowieso keine Türe gibt. Und ihre Freunde haben sie soweit erzogen, dass sie flüsternd reden und leise lachen können.

Ohne Dusche oder WC

Weniger als Wunsch, sondern mehr als Notlösung angedacht war Michèle Helfensteins Idee, in einem umgebauten Bauwagen zu leben. Die 41-Jährige arbeitete früher auf einem Hof, produzierte Stutenmilch und wollte möglichst nahe bei ihren Pferden leben. Also kaufte sich die gebürtige Aargauerin für 4600 Franken einen 16 Quadratmeter grossen Bauwagen und renoviert diesen gleich selber.

Der Hof und die Stutenmilchproduktion sind Geschichte, der Bauwagen ist geblieben. Mittlerweile lebt Helfenstein, die wieder in ihrem alten Beruf als Goldschmiedin arbeitet, seit über vier Jahren darin: «Ich könnte mir ohne Probleme eine tolle, grosse Wohnung leisten. Aber ich kann mir nicht mehr vorstellen so zu leben.»

 

Derzeit steht sie mit ihrem Zuhause für einige Monate auf einem Campingplatz am Ägerisee ZG. Es sei schwierig, einen festen Standplatz zu finden. Wobei sie mit ihrem derzeitigen Standort nicht unzufrieden ist. Helfenstein hat in ihrem Bauwagen weder Dusche noch WC. «Da bin ich froh, dass ich diese vom Camping nutzen kann.»

Fertig mit den Arbeiten an ihrem Wagen ist Helfenstein aber noch immer nicht. «Es fehlt mir noch immer an fliessend Wasser.» Derzeit füllt sie dieses in 1.5 Liter PET-Flaschen ab und trägt sie vom Campingbad in ihren Wagen. «Ich würde aber gerne einen Tank einbauen, damit dies weniger kompliziert ist.» Auch eine kleine Toilette soll irgendwann Platz finden.

«Es gibt schon Dinge, die ich zu Beginn unterschätzt hatte. Das WC ist eine davon.» Wenn man mal mehrere Monate jede Nacht, egal bei welchem Wetter, rausmüsse, dann nerve dies mit der Zeit. Als Übergangslösung hat sich Helfenstein ein Chemie-WC gekauft, welches sie für das kleine Geschäft während der Nacht nutzt.

Trend zum Wohnen auf kleinem Raum

Das Wohnen auf kleinem Raum ist ein Trend, den die Schweiz vor gut fünf Jahren erfasst,hat, wie Researcher Stefan Breit erklärt. Der Wissenschaftler hat für das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) vor zwei Jahren die Studie «Microliving» zum Thema Kleinwohnformen verfasst.

Der Erfolg dieser reduzierten Wohnform ist für Breit dem Megatrend Individualisierung geschuldet. «Unsere Lebensstile differenzieren sich immer mehr aus und verändern sich stark. Die Wohnform passt sich dem an. Menschen beginnen ihr Zuhause als Erweiterung ihrer Lebensphilosophie zu sehen. Es wird mehr und mehr zum Teil der Identität. Viele wollen nicht mehr nur in 4-Zimmer-Wohnungen wohnen. Sie wollen alleine genau so wie zu zehnt wohnen. Dafür braucht es passende Wohnungen.»

Kleinwohnformen würden etwas versprechen, was für viele Menschen attraktiv klinge. «Wir leben in einer Welt, die ständig nach mehr schreit und mit Superlativen um sich wirft. Und dann kommt eine Wohnform daher, die das Gegenteil behauptet. Die sagt, dass Wohnen auch reduziert funktionieren kann», sagt Breit. «Wer reduziert lebt, muss sich automatisch die Frage stellen, was brauche ich alles, um glücklich zu sein?»

Spannend sei auch, dass dieser Trend nicht nur bei den Jungen gut ankomme. «Wir haben festgestellt, dass sich auch die älteren Generationen über 50 davon angesprochen fühlen. Für viele ist die bisherige Wohnform zu gross geworden, da die Kinder aus dem Haus sind und sie nicht mehr wissen, was mit all dem Platz anfangen.

Wohnen wie in der Mongolei

So erging es Verena Tinner. Sie hat vor einem Jahr dazu entschlossen, ihre Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Ilanz GR aufzugeben, um in eine 20 Quadratmeter grosse Jurte in Luthernbad LU zu ziehen. Ein gutes Jahr zuvor besuchte die 56-Jährige, die in Ilanz als Gärtnerin arbeitete, das Jurtendorf, um sich dort eine Auszeit zu gönnen.

«Ich fühlte mich sofort wohl», erinnert sich Tinner. Sie steht vor ihrer Jurte auf der kleinen Veranda und blickt in die verschneite Landschaft. «Als meine vier Kinder aus dem Haus waren, habe ich mir eine kleinere Wohnung gesucht. Aber selbst diese zweieinhalb Zimmer waren mir zu gross.» Sie hätte sich nach einem anderen Wohnmodell gesehnt. Nach mehr Freiheit und weniger Konventionen.

Hier, im Luzerner Hinterland, leben derzeit fünf Menschen in verschieden grossen Jurten. Die Küche und die einfachen sanitären Einrichtungen teilen sie sich gemeinschaftlich. Die meisten arbeiten auf dem Betrieb mit, so auch Tinner. Denn einige Jurten werden auch an Gäste vermietet, die hier ein paar Ferientage verbringen wollen.

 

 

Die Bündnerin hat ihre Wohnfläche in verschiedene Zonen unterteilt. So gibt es neben dem Schlafzimmer («das Bett in der Mitte»), auch noch ein Büro («der kleine Schreibtisch»), ein Badezimmer («der Tisch mit der Wasserschale, für meine Katzenwäsche und um die Zähne zu putzen»).

Die meisten ihrer Habseligkeiten hat Tinner weggeben. Nur ganz wenige Utensilien sind bei Freunden eingelagert. Diese Reduktion auf das wesentlich hat für die 56-Jährige nur Vorteile. «Früher war das Wohnen in einem Haus wegen den Kindern praktisch. Die Wohnform hat zu meinem damaligen Leben gepasst. Jetzt, wo ich älter bin, passt eine kleines, individuelles Reich besser zu mir.»

Umstellen auf Knopfdruck

Auch Marisol Martinez aus Basel hat ihre Wohnform ihrem neuen Lebensabschnitt angepasst. Die 65-jährige Krankenpflegerin ist seit Anfang des Jahres pensioniert und lebt seit wenigen Wochen in einem 34 Quadratmeter grossen Micro-Apartement im Basler Claraturm. Dafür bezahlt sie pro Monat 1190 Franken.

Es ist eine Erstvermietung und alle Wohnungen sind nach einem Raumkonzept namens Movement gestaltet. Das bedeutet, dass die Einrichtung mit elektronisch verschiebbaren Modulen versehen ist. So kann Martinez sowohl ein Regal als auch ihr Bett je nach Platzbedarf per Knopfdruck verschieben.

 

Die Rentnerin lebte zuvor mit ihrem Sohn in einer 80 Quadratmeter grossen Wohnung ausserhalb der Stadt. Schon seit längerem war klar, dass sie und ihr Sohn sich keine Wohnung mehr teilen wollen. Ihr Neffe schickte ihnen eine Wohnungsanzeige der Micro-Apartements, die eigentlich für den Sohn gedacht war. «Doch ihm war sie zu klein», sagt Martinez. Also bewirbt sie sich kurzerhand selber.

«Für mich alleine genügt der Platz und mir war es wichtig, dass ich nicht mehr so viel putzen muss. Weniger Platz zum Wohnen heisst auch, weniger Platz für Schmutz.» Man wisse ja nie, wie sich die körperliche Fitness im Alter entwickle. «Mein Ziel ist es, dass ich in dieser Wohnung so lange lebe, wie es geht.» Deswegen hat sie sich auch darauf geachtet, dass alles zur Not auch für einen Rollstuhl zugänglich wäre.

Befürchtungen, dass sie mit der Technik nicht zurechtkommt, hatte sie keine. «Mein Sohn hat mir alles erklärt und ich muss nicht viel mehr, als einen Knopf drücken.» Ein weiterer Pluspunkt: Eine App, über welche alle Mieter miteinander kommunizieren können. Zudem kann Martinez darüber auch verschiedene Dienstleistungen buchen. Einen Concierge-Service beispielsweise, der ihre Pflanzen giesst, wenn sie in den Ferien ist. «Ich komme mir vor, als würde ich in der Zukunft leben. Und das fühlt sich sehr gut an.»

Wenig Platz? Bei Micasa gibts die passenden Möbel.

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