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Jugend

«Viele sorgen sich um ihre Zukunftschancen»

Gerade Jugendliche tun sich schwer mit den Corona-Massnahmen. Aber sie sind auch pragmatischer und haben weniger Illusionen als frühere Generationen, sagt Jugendforscherin Beate Grossegger.

Text Ralf Kaminski
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Der Umgang mit den Corona-Massnahmen fällt nicht allen Jugendlichen so leicht wie diesen. (Bild: Getty Images)

Beate Grossegger, in der Schweiz gibt es Jugendliche, die gemeinsam einen ganzen Abend lang Zugfahren und Alkohol trinken, weil sie sich derzeit sonst nirgends treffen können. Einige machen auch Krawall und beschäftigen die Polizei. Wie stark belasten die aktuellen Corona-Massnahmen die Jugend?
Das ist sehr unterschiedlich. Generell herrscht jedoch eine grosse Verunsicherung; Jugendliche sorgen sich quer durch alle Bildungsmilieus um ihre Zukunftschancen. Die einen befürchten, wegen Corona in einer Bildungsdauerwarteschleife festzuhängen, die es erschwert, in einem guten Beruf Fuss zu fassen. Die anderen arbeiten bereits und müssen sich entweder um ihren Job sorgen oder um ihre Gesundheit, weil sie in einer systemrelevanten Branche trotz Corona mit viel Kundenkontakt weiterarbeiten müssen. 

Viele Jugendliche leiden auch psychisch. Ist das schnell wieder vorbei, wenn die Pandemie abklingt – oder könnte das nachwirken?
Ein Gutteil der Jugendlichen ist ganz sicher widerstandsfähiger als wir Erwachsenen vermuten. Zwar leiden sie derzeit wirklich sehr unter der sozialen Distanz und sind auch sehr eingeschränkt in ihren Entfaltungsmöglichkeiten. Sollte es jedoch dank den Impfungen gelingen, spätestens bis Herbst ein Stück Normalität im Alltag zurückzugewinnen, werden diese Jugendlichen ihre Batterien rasch wieder aufladen. Schwieriger wird es für jene jungen Menschen, die bereits vor der Pandemie unter psychischen Problemen litten und in der aktuellen Situation nicht immer ausreichend professionelle Hilfe finden

Welche Unterstützung brauchen Jugendliche, die die Folgen der Pandemie nicht so leicht wegstecken?
Das hängt sehr stark von den individuellen Problemen und Herausforderungen ab. Jugendliche mit existenziellen Sorgen brauchen andere Unterstützung als die, denen nur die Motivation fehlt oder die, die von Frust-Fress-Attacken geplagt immer dicker werden und damit ihr körperliches Wohlbefinden gefährden. Es braucht viele verschiedene engagierte Initiativen, um junge Menschen möglichst gut durch die Pandemie zu bringen. 

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Jugendliche im Gespräch

Sechs junge Menschen geben einen Einblick in ihre Lebenswelt: Silvana Roffler, Cloé Salzgeber, Nino Russano, Ronja Fankhauser, Jean-Claude Warmbrodt und Braelyn Mitrovic (von links). Trotz aller Krisen sei ihre Generation zum Optimimus gezwungen, finden sie.

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Heutige Jugendliche haben schon eine Fülle von globalen Krisen erlebt, mit denen sie sich irgendwie arrangieren mussten. Wie wirkt sich das aus?
Es gibt Krisenerfahrungen, die eine ganze Generation prägen, und tatsächlich mussten heutige Jugendliche innert weniger Jahre eine Menge einstecken. Allein seit 2015 die Flüchtlingskrise, die Dramen rund um den Brexit und Donald Trump, den verstärkten Fokus auf den Klimawandel und nun auch noch Corona. Im Hintergrund schwelt zusätzlich die konstante Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus. Diese Krisen beschäftigen alle, sie werden aber teilweise unterschiedlich interpretiert.

Inwiefern?
Jugendliche aus bildungsnahen Milieus sehen im Klimawandel ein fundamentales Problem, während solche aus bildungsferneren Milieus sich stärker wegen der Zuwanderung und in der Folge um ihre berufliche Zukunft sorgen. Der Umgang mit einem Krisenthema hängt stark davon ab, ob man eher zu den Modernisierungsgewinnern oder -verlierern gehört. Bei Klima- und Migrationsthemen ist man sich eher uneinig, bei der islamistischen Bedrohung hingegen nah beieinander.

Gibt’s Gemeinsamkeiten, die alle Jugendlichen teilen?
Wenig, das war aber immer schon so. Es gibt zwar generationenprägende Themen und Ereignisse, der Umgang damit war jedoch nie einheitlich – eine Jugendkultur, die alle miteinschliesst, hat es nie gegeben. In den 1960er- und 1980er-Jahren etwa gab es hochpolitisierte engagierte Jugendliche, aber auch viele, denen die Konsum- und Freizeitkultur wichtiger war. Es geht immer um die gleiche Frage: Wo gehöre ich dazu und wo grenze ich mich ab?

Hat sich was geändert verglichen mit damals?
Damals versuchten die Jugendlichen, die Erwachsenenwelt aufzumischen. Die einen taten es mit wilden Partys oder provozierendem Look, die anderen mit utopischen Forderungen an die Politik. Inzwischen hat sich die Jugendkultur immer mehr in den digitalen Raum verlagert, abseits der Aufmerksamkeit der Erwachsenen. Die Jugendlichen setzen nicht mehr auf Provokation, sondern leben in ihrer eigenen kleinen Blase. Wozu allerdings auch die Erwachsenen zunehmend neigen.

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Beate Grossegger (54) ist wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien.  (Bild: Vreni Arbes Fotografie)

Inwiefern ist die Krisenerfahrung anders als in früheren Generationen? Müssen heutige Jugendliche mehr ertragen als ihre Vorgänger?
Ein Stück weit ja, aber nicht so sehr wegen der Krisen, sondern wegen der ganz anderen Medienwelt. Heute prasseln pausenlos schlechte Nachrichten in Echtzeit auf die Jugendlichen ein – viel konzentrierter und unmittelbarer als früher. Hinzu kommen Themen, die von den Medien besonders intensiv bearbeitet werden, etwa Klimawandel und Migration, was das Gefühl von Bedrohung und Dringlichkeit intensiviert.

Wie geht die aktuelle Jugend mit all dem um?
Eine Mehrheit klinkt sich einfach aus, weil es ihnen zu viel ist. Sie ziehen sich zurück in ihre eigene kleine private Idylle, suchen Ruhe, Frieden und Zukunftsperspektiven. Diejenigen, die durch die Krisen politisiert werden und sich engagieren, sind klar in der Minderheit. Und: Positive Utopien zu formulieren, ist zum Luxusgut geworden.

Das ist eine Gemeinsamkeit für alle?
Ja. Sie sind auch weniger naiv und machen sich weniger Illusionen als wir früher. Sie sind realistisch und pragmatisch, sagen sich: Augen zu und durch. Immer flexibel und am Ball bleiben, den neuen Gegebenheiten anpassen, sich nie festlegen. Sie sind aber auch sehr verunsichert und haben dadurch wenig Selbstvertrauen, wenn es darum geht, Dinge im Alltag umzusetzen. Da sind auch wir Erwachsene gefordert.

Indem wir was tun?
Wenn wir uns wünschen, dass junge Menschen mehr mitgestalten, müssen wir sie dazu auch ermutigen. Und dabei sollten wir nicht nur die bildungsstarken Jugendlichen einbinden, sondern auch die anderen, die mit ihren Ressourcen genauso bereichernd sein können. In Österreich etwa kann man ab 16 wählen, das ist die Zeit, wo Jugendliche beginnen, über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Die Erwachsenen sind aber noch in einem andere Punkt problematisch.

Nämlich?
Auf den ersten Blick wirken sie zwar sehr verständnisvoll und offen, wollen alles gut und richtig machen. Gleichzeitig jedoch haben sie enorme Erwartungen an die nachrückende Generation und setzen sie damit unter Druck. In den 1980er-Jahren war das noch anders.

Inwiefern?
Da war die Jugend eine Phase, in der man sich selber finden durfte, es gab eine Schonzeit zwischen der Kindheit und dem Ernst des Erwachsenenlebens. Zwar fanden viele Erwachsene nicht gut, was die Jungen machten, aber sie sagten sich, okay, die müssen sich jetzt die Hörner abstossen, das wächst sich aus und kommt dann schon gut. Es gab viel mehr Toleranz und Zuversicht fürs Werden und Wachsen.

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Wenn alle Bars und Clubs zu sein, trifft man sich halt im Wald. (Bild: Keystone)

 

Das ist heute nicht mehr so?
Heute mischen sich die Eltern überall ein, reklamieren bei schlechten Noten in der Schule und begleiten ihre Kinder gar bis zur Einschreibung an der Universität. Dort gibt es mittlerweile Richtlinien, wie man am besten mit lästigen Eltern umgeht. Früher musste man mit 21 Jahren auch keine Praktika oder Auslandsaufenthalte vorweisen, um berufliche Zukunftschancen zu haben. Heute hingegen verlangen wir, dass die Jugendlichen Leistung bringen und sich gegenüber anderen durchsetzen, denn die sind vielleicht nett, aber letztlich Mitbewerber. Ich denke, dass wir unsere Jugend mit unseren Ansprüchen überfordern.

Warum sind die heutigen Eltern so?
Wohl weil sie sich massive Sorgen über die Zukunft ihrer Kinder machen. Die damaligen Eltern waren vom Wirtschaftswunder geprägt und gingen davon aus, dass es ihren Kindern mal besser gehen wird als ihnen. Diese Zuversicht ist den heutigen Eltern abhanden gekommen. Das Motto, dass jeder für seinen eigenen Erfolg verantwortlich ist, sitzt tief – daher der enorme Druck durch die Eltern. Die Folgen illustriert eine Studie, die wir vor ein paar Jahren gemacht haben. Dort gaben über 40 Prozent der befragten 10- bis 14-Jährigen an, sie glaubten, dass ihre Eltern sie nur dann lieben, wenn sie gute Schulnoten heimbringen.

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