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Heimliche Leidenschaft

Die ewige Liebe zum Plüschtier

Stofftiere sind kuschlig, immer da und hören geduldig zu. Darüber freuen sich auch erstaunlich viele Erwachsene. Einige nehmen ihren Lieblings-Teddy sogar auf Reisen mit.

Text Ralf Kaminski, Anne-Sophie Keller 
Fotos Dan Cermak
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Wenn die Liebe mindestens so gross ist wie der Teddy: Art-Direktorin Barbara Pastore mit einem Riesenpanda.

Viele tun es, aber nur wenige geben es zu: Längst dem Kindesalter entwachsen, schlafen sie noch immer mit einem Stofftier im Bett und gehen ohne es auch nicht in die Ferien. Eine repräsentative Umfrage unter 1100 Erwachsenen in Deutschland ergab vor wenigen Jahren, dass knapp die Hälfte heimlich Kuscheltiere liebt. Jede fünfte Frau (19 Prozent) und jeder neunte Mann (11 Prozent) möchten auch beim Reisen nicht auf den plüschigen Liebling verzichten.  

Doch öffentlich darüber reden mag kaum jemand, schon gar nicht Männer über 40. Barbara Beckenbauer findet das schade. «Ich verstehe nicht, weshalb das so negativ behaftet ist», sagt die Psychologin mit eigener Praxis in Zürich. «Kinder haben viele grossartigen Eigenschaften und Fähigkeiten, die sich im Erwachsenenalter verlieren – es ist wunderbar, wenn man sich das eine oder andere bewahren kann.» Eine reife Persönlichkeit habe diese verspielt-kindlichen Anteile schön integriert.

Bessere Einschlafhilfe als Alkohol oder Tabletten

Letztlich hätten Plüschtiere die gleiche Funktion wie bei Kindern, sagt Beckenbauer: «Sie geben Nähe, Wärme, Geborgenheit, Sicherheit. Und sie fassen sich wunderbar kuschlig und flauschig an, was sofort wohlige Gefühle auslöst.» Kindern dienten sie oft als Einschlafhilfe, damit sie sich nicht allein fühlten. «Bei vielen Erwachsenen dürfte das nicht anders sein – und es ist in jedem Fall besser als Alkohol oder Schlaftabletten.»

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Buch «Unzertrennlich – Ein Stück Kindheit»

Der Autor René Donzé und die Fotografin Giulia Marthaler haben sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt und ein ganzes Buch dazu verfasst. Ihre Erkenntnis: Kuscheltiere oder Puppen aus der Kindheit sind ein Schlüssel zur Vergangenheit. Sie öffnen das Herz und die Seele. 

Das Buch kann hier bestellt werden oder direkt bei info@giuliamarthaler.ch

Die 50-jährige Psychologin rät den Stofftierfans, zu ihrer Liebe zu stehen. «Wenn man das mit einem leichten Augenzwinkern macht und damit etwas verspielt umgeht, kommt das auch gut an.» Problematisch werde es allenfalls, wenn ein Plüschtier zum einzigen Bezugspunkt im Leben werde, als Ersatz für menschliche Kontakte. «Aber grundsätzlich sollte man vorsichtig sein mit dem Pathologisieren. Viele Männer haben zum Beispiel eine sehr innige Beziehung zu ihrem Auto oder ihrem Motorboot, das sogar oft einen weiblichen Namen bekommt. Das verurteilt man ja auch nicht.»

Bei Franz-Carl-Weber und in der Spielwarenabteilung der Migros ist man sich zwar bewusst, dass es auch erwachsene Stofftierkundschaft gibt, doch Einfluss auf Sortiment oder Marketing habe dies nicht. «Es ist auf Kinderherzen ausgerichtet und entspricht aktuellen Trends», sagt Giovanni Di Domenico, bei der Migros für das Plüsch-Sortiment zuständig.

Edel-Bär für 28 000 Euro

Anders sieht es beim deutschen Plüschtierhersteller Steiff aus, der seit 1880 Teddys und Plüschtiere produziert und ein Schwergewicht im Markt ist. Er produziert schon seit Jahrzehnten Sammlerstücke gezielt für erwachsene Fans, und das mit erheblichem Aufwand. «Wir haben in den 1990er-Jahren realisiert, dass es da Potenzial gibt, weil antike Stofftiere bei Auktionen erstaunliche Preise erzielten», sagt Dietmar Simon (60), der dienstälteste Designer bei Steiff. Seither würden auch Replikas von Stofftieren aus früheren Jahrzehnten hergestellt, mit traditionellen Materialien wie Holzwolle oder Glasaugen.

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Sonderanfertigung: Steiff-Sammlerstück mit goldbesetzen Augen.

«Besonders beliebt sind historisch gestopfte Bären, die angesichts der aufwendigen Herstellung schnell mal 400 bis 500 Euro kosten.» Das teuerste Stofftier, an das Simon sich erinnern kann, kostete 28 000 Euro: ein Bär, für den ein eigener Seidenplüsch entwickelt wurde und dessen Augen mit 18-karätigem Gold besetzt waren. «Er kam in einer speziellen Sammlervitrine, und die Käufer wurden persönlich empfangen und durften exklusiv das sonst nicht zugängliche Archiv besichtigen, samt Abendessen.»

Fast jede Tierart auch als Plüschversion

Zahlen zum Erwachsenen-Sortiment kann Simon keine nennen. «Aber es generiert genug Einnahmen, sonst würde es sich für uns nicht lohnen.» Dennoch sei der Fokus auch bei Steiff auf Spielartikel für Kinder. «Es freut uns um so mehr, wenn die auch bei Erwachsenen ankommen.»

Das am meisten verkaufte Stofftier bei Steiff bleibt übrigens der Bär.  Aber inzwischen gibt es kaum eine Tierart, die nicht auch als Plüschversion existiert. «Wir haben sogar schon Schlammspringer gemacht. Das waren zwar keine Verkaufsschlager, aber auch die haben Liebhaber gefunden.» Einzig eine Qualle habe Steiff noch nie produziert.

Der Designer ist selbst mit Steiff-Tieren aufgewachsen, «mit der Fledermaus Erich und Krabbi, dem Hummer». Heute hat er einzig noch einen «alten abgeliebten Bär», ein Familienerbstück. Seine Partnerin jedoch sammelt. «Wir haben zu Hause ein Zimmer für die Plüschtiere, das immer kleiner wird, weil die Sammlung immer weiter wächst.»

Plütschtierfans und ihre Lieblinge

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Lea Ritter und Aeffli

Lea Ritter (27), Fachfrau Information und Dokumentation aus Bern

«Ich habe ein Äffli namens Äffli und schon seit meiner Kindheit ein Bäbi namens Lulli. Dieses ging verloren, und so bekam ich ein neues. Das erste tauchte aber irgendwann wieder auf – nun habe ich zwei Lullis. Äffli habe ich seit einem Jahr, speziell für die Ferien. Damals ging ich zum ersten Mal länger allein auf Reisen – nach Kanada und in die USA. Ich wollte meine Lullis nicht verlieren, aber auch nicht allein reisen. Eine Freundin hat mir dann das Äffli geschenkt, weil wir im Zoo Dählhölzli immer die Affen anschauen gingen. Es hat mir sehr viel Halt gegeben und mein Heimweh gelindert. Es schläft nun immer bei mir im Bett. Nur wenn ein Übernachtungsgast kommt, räume ich es weg. Dann kann ich ja mit dieser Person kuscheln.»

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Barbara Pastore und Minunino

Barbara Pastore (52), Art Direktorin aus Zürich

«Ich habe Minunino an meinem fünften Geburtstag von meiner Mutter geschenkt bekommen. Sie behautet heute noch, dass er eigentlich Minulino heisst. Gibt jedesmal Krach :). Kurz danach habe ich dem kleinen Panda einen Mund aufgenäht. Der ist etwas schief geworden, aber zwingt mich bis heute in die Knie. Ich habe mir so oft gewünscht, dass er mit mir reden würde. Diese Hoffnung, dass in meinem Leben auch fantastische Dimensionen möglich sind, ist bis heute geblieben. Meine Freunde kennen Minunio (er hat sogar für ein Magazin gemodelt) und wissen, dass ich mit ihm kremiert werden will. Verrückt sein hat in meiner Familie grosse Tradition, darum habe ich mich für meine Liebe zu Minunino nie geschämt. Im Gegenteil, ich bin froh, dass er mich an mich erinnert, an ein jüngeres Ich, das älter ist, wie das heutige Ich. Er sitzt übrigens gerade zufrieden im Samtsessel, und ich grinse ähnlich schief wie er.»

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Denny Engel und Pikachu

Denny Engel (29), Sachbearbeiter aus Dietikon ZH

«Ich habe zwei Plüschtiere, die jede Nacht im Bett von meinem Partner und mir schlafen. Ein kleines Pikachu und ein kleiner Panda. Pikachu ist am Wichtigsten. Ich bin in den 1990ern aufgewachsen und war total Fan der Pokémon-Videospiele und der Animeserie – mein Partner ebenfalls. Irgendwann an Weihnachten habe ich ihm dann ein Pikachu geschenkt. Vor einigen Jahren haben wir damit angefangen, die neuen Pokémon-Games zu spielen –  seither verbindet uns das. Ich schäme mich überhaupt nicht dafür, mit 29 noch Plüschtiere zu haben. Pikachu macht unser Bett heimelig, was total schön ist. Man darf beim Erwachsenwerden seine positiven, kindlichen Werte nicht verlieren. Es ist wichtig zu wissen, was einem gut tut. Und es ist egal, was andere Leute darüber denken. Zudem habe ich gehört, dass Plüschtiere sehr hilfreich sind für Menschen, die unter Angstzuständen leiden.»

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Marcela Ferrage und Schweinchen

Marcela Ferrage (38), Köchin aus Davos

«Ich habe drei verschiedene Stofftiere. Mein Liebling ist ein rosa Schweinchen, das ich vor Jahren in London gekauft habe, als ich dort arbeitete. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Schweinchen, sie sind so harmlos, rosarot, zart und süss. Meines hat mich schon durch verschiedene Länder begleitet, und ich schlafe auch jede Nacht mit ihm. Es ist schön weich, aber ich schaue immer, dass ich mich nicht drauflege. Es ist wie ein kleines Tier, das auch seinen Platz braucht. Für mich bedeutet es Zärtlichkeit. Ich glaube nicht an Schubladen und dass es bestimmte Alter für bestimmte Dinge gibt. Das alles spielt keine Rolle. Man kann auch mit 80 Comics lesen – und mit knapp 40 mit einem Stofftierli schlafen. Wenn ich mein Schweinchen verlieren würde, wäre ich sehr traurig. Es gehört zu mir.»

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Anna Miller und Pauli

Anna Miller (33), Psychologin und Journalistin aus Zürich

«Hund Pauli habe ich vor zehn Jahren bei einem Austauschjahr in Hamburg gekauft. Er liegt jede Nacht bei mir im Bett, geht aber raus, wenn mein Partner bei mir ist. Es beruhigt mich jeweils, wenn ich meinen Kopf auf das Stofftier legen kann. Allerdings tut mir das dann jedes Mal ein bisschen leid. Auch wenn ich mir natürlich bewusst bin, dass es ihm ja nicht weh tun kann. Stofftiere zu mögen, ist schambehaftet. Man denkt, dass sei infantil und unreif. Deshalb trennen sich viele Erwachsene von Dingen, die sie eigentlich emotional nähren. Etwas Weiches und Herziges, das positive Erinnerungen weckt, beruhigt das Nervensystem. Ein bewusster Umgang mit Dingen, die einem gut tun, gehört indes zu einer erfolgreichen Selbstregulation. Und man ist emotional erwachsen, wenn man Verantwortung dafür übernimmt, wie es einem geht. Aus psychologischer und gesundheitlicher Sicht sind Stofftiere also total wünschenswert.»

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Lovis Noah Cassaris und Tierli

Lovis Noah Cassaris (37), Redaktor* und Autor* aus Freiburg

«Ich habe mehrere Stofftiere, das liebste nehme ich auch auf Reisen mit. Ich erhielt es von meiner Schwester letztes Jahr zum Geburtstag. Es ist kuschlig, hat Hörner, aber keinen Namen, es ist einfach das Tierli. Und es bedeutet mir sehr viel. Als Kind gehörte ich zu den Einzelgängern. Wenn ich was für die Schule vorbereiten musste, habe ich das vor dem Stofftierli-Publikum geübt. Für mich sind sie auch heute noch ein Trost, wenn es mir nicht gut geht. Ausserdem sind sie die besten Zuhörer, plappern nichts weiter und hören sowohl bei Kinder- als auch bei Erwachsenenproblemen zu. Gerade in Zeiten von Corona, in denen man keinen physischen Kontakt hat, ist dieses Kuscheln sehr tröstlich. Meine Freundin und ich haben uns in der ersten Welle sechs Wochen nicht gesehen.»

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