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Freiwilligenarbeit

Wenn die Mutter plötzlich Hilfe braucht

Alexandra Horat pflegt ihre an Demenz erkrankte Mutter. Nicht, weil sie es muss, sondern weil sie es will. Das ist anstrengend, aber wertvoll für die Luzernerin. Und es ist typisch Frau.

Text Manuela Enggist
Fotos Désirée Good 
Alexandra Horat pflegt ihre Mutter Annette Hellmüller. Freiwillig und gern.

Alexandra Horat hilft ihrer Mutter Annette Hellmüller bei zahllosen Alltagsdingen, die Gesunde selbst erledigen. Haare waschen und föhnen ist Teil davon. 

Es ist zu einem Ritual geworden: Alexandra Horat (64) und ihre Mutter Annette Hellmüller (86) lösen zusammen ein Kreuzworträtsel. Es bildet den Rahmen für einen Alltag, der sich für beide vor einem Jahr von Grund auf änderte. Sie halten daran fest wie Menschen, die sich an einen Rettungsring klammern, weil es ihnen Halt gibt in ihrem neuen Setting.

Alexandra Horat, eine schmale Frau mit kurzen Haaren, und ihre Mutter Annette Hellmüller, eine etwas breitere Frau mit bayerischen Dialekt, der trotz der vielen Jahren in der Schweiz unüberhörbar geblieben ist. Die Frauen sitzen in Annette Hellmüllers Stube in einer Siedlung am Luzerner Stadtrand.

Im Bücherregal stehen Fotos, Erinnerungen an die Vergangenheit. Mutter und Tochter sind nahe zusammengerückt, sitzen Schulter an Schulter, weil sie nur so gemeinsam auf das Heft mit dem Kreuzworträtsel schauen können. Dann überlegen sie, wie ein Auto ohne Dach heissen könnte.

 

Der Grund für dieses Ritual ist eine Diagnose, die Annette Hellmüller vor eineinhalb Jahren in der Memory Clinic Luzern erhielt. Die gebürtige Bayerin ist an Alzheimer erkrankt. Schnell wird damals klar: Alleine kann die Rentnerin ihren Alltag bald nicht mehr meistern.

Also entschliesst sich Tochter Alexandra Horat, die mit 62 schon pensioniert ist, die tägliche Pflege zu übernehmen, sobald ihre Mutter es nicht mehr alleine schafft. Als Freiwilligenarbeit. Weil sie das will. «Es war ein Wink des Schicksals, dass ich in einer Lebenssituation war, die mir so eine aufwendige Pflege ermöglichte. Hätte ich noch gearbeitet, wäre das zeitlich nicht zu stemmen gewesen.»

Es sei nicht so, dass sie sich dazu verpflichtet gefühlt habe. «Aber es hätte sich falsch angefühlt, wenn ich es nicht getan hätte.» Horat hat zwei jüngere Schwestern. Beide haben Enkelkinder, sind berufstätig. «Sie haben nicht dieselben Kapazitäten wie ich.» Horats zwei Söhne haben noch keinen Nachwuchs. Was auch für das Arrangement sprach: Annette Hellmüller wohnt im selben Quartier, nur wenige Gehminuten entfernt.

Von Ruhestand kann keine Rede sein 

Zum Zeitpunkt der Alzheimer-Diagnose ist Horat gerade dabei, das erste Jahr ihrer Frühpensionierung auszukosten. Die Luzernerin reist mit einer Kollegin sieben Wochen durch Neuseeland. Sie habe immer gewusst, dass sie mit 62 aufhören wolle zu arbeiten, berichtet die ehemalige Kindergärtnerin. «Ich wollte mir das gönnen, nachdem ich über viele Jahre alleinerziehende Mutter gewesen war und oft unter Druck gestanden hatte.» 

Als es ihrer Mutter  zunehmend schlechter geht, legt Horat die Frühpensionierung «auf Eis» und beginnt sich an vier bis fünf Tagen die Woche um sie zu kümmern. Da die Demenzkranke viele Dinge nicht mehr selbstständig erledigen kann, ist die Betreuung engmaschig. Bei der Körperhygiene, beim Essen und allen anderen täglichen Aktivitäten muss Horat zugegen sein. Sie macht ihrer Mutter die Wäsche, föhnt ihr die Haare, kocht das Abendessen, räumt den Geschirrspüler ein und aus, geht einkaufen und mit ihr spazieren.

Ein fröhliches, eng verbundenes Team: Alexandra Horat und ihre Mutter Annette Hellmüller. Dahinter steckt strenge Arbeit für die Tochter.

Ein fröhliches, eng verbundenes Team: Alexandra Horat und ihre Mutter Annette Hellmüller. Dahinter steckt strenge Arbeit für die Tochter.

Aktivitäten wie der tägliche Spaziergang brauchen viel Zeit. Hellmüller fragt an diesem Nachmittag immer wieder, was denn nun der Plan sei und ihre Tochter antwortet immer wieder, dass sie rausgehen würden, um ihre Runde im Quartier zu laufen. «Mami, steh doch auf und zieh dir die Jacke an», sagt Horat. Hellmüller schaut sie an, nickt, steht auf und setzt sich wieder hin. Der Plan, er ist vergessen.

Schliesslich stellt ihr Horat die Schuhe vor die Füsse und führt die Hände ihrer Mutter, damit der Fuss den Schuh findet. «Sie würde ihre Sandalen anziehen, wenn ich ihr nicht die guten Schuhe hinstellen würde. Dass wir Winter haben, vergisst sie.»

Jeden Freitag fährt Alexandra Horat ausserdem mit ihrem Mami zum Vater ihres langjährigen Partners Jürg Steiner. Seit einigen Monaten betreut sie den 93-Jährigen während einem Tag bei ihm Zuhause. «Mein Partner ist noch berufstätig und hat derzeit noch keine Kapazitäten dafür», sagt Horat. Ihre Mutter bringt sie mit. «Damit schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe.»

An zwei bis drei Tagen die Woche wird Horat abgelöst: Jeden Dienstag besucht ihre Mutter ein Tagesangebot für Demenzerkrankte. Und jeden Mittwochnachmittag kommt eine langjährige Freundin vorbei, um Rommé zu spielen. «Das gibt mir die Möglichkeit, etwas durchzuatmen», sagt Horat. Die Donnerstage übernimmt jeweils ihre Schwester Livia. Die Wochenenden und die Ferien verbringt Annette Hellmüller meist auch bei Horat. Ihr langjähriger Partner habe Verständnis für die Situation und unterstütze sie so gut es gehe. «Er hilft mir beispielsweise bei Reparaturarbeiten und bei all dem Bürokram, der bei meinem Mami so anfällt.»

Ein Heim sei derzeit keine Option. Zum einen wegen der Corona-Pandemie. Zum anderen, weil dies Hellmüller nicht wolle. Auch die Spitex würde nicht viel Entlastung bringen. «Klar könnten sie meinem Mami beim Duschen helfen. Aber das wäre nur ein geringer Teil.»

Manchmal sehne sie sich nach mehr freier Zeit, sagt Horat. «Meine Pensionierung hatte ich mir schon ein wenig anders vorgestellt.» Sie wollte reisen, einen Yogakurs besuchen, ihr Englisch auffrischen und endlich lernen, wie man richtig Klavier spielt. «Dafür ist jetzt keine Zeit. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass mir da die Corona-Pandemie nicht ungelegen kommt. Der Verzicht fällt so sicher einfacher.»

Frauen wie Alexandra Horat entlasten das Gesundheitssystem

Dass Alexandra Horat als Frau diese Freiwilligenarbeit übernommen hat, wiederspiegelt die Schweizer Realität der unentgeltlich geleisteten Arbeit im Gesundheitsbereich. Gerade auch bei Fällen von Demenz, wie Jacqueline Wettstein von Alzheimer Schweiz sagt: «Wir gehen davon aus, dass pro demenzerkrankte Person durchschnittlich bis zu drei Angehörige Betreuungs- und Pflegeaufgaben übernehmen. Auch Männer sind engagiert, nach wie vor leisten jedoch mehrheitlich Frauen die Betreuungsarbeit.»

436 Millionen Stunden

Freiwilligenarbeit ist weiblich

Was beinhaltet die informelle Freiwilligenarbeit?
Bei der informellen Freiwilligenarbeit handelt es sich oft um Nachbarschaftshilfe, also um unbezahlte Arbeit ausserhalb einer Organisation. Darin enthalten ist auch Care-Arbeit wie zum Beispiel die Betreuung von betagten oder kranken Angehörigen – also Eltern, Partnern oder Verwandten. Die geleistete Arbeit betrug im Jahr 2016 436 Millionen Stunden.

Wer leistet diese Arbeit?
Im Gegensatz zur institutionalisierten Freiwilligenarbeit, die unter anderem Vorstandsämter in Vereinen beinhaltet, ist informelle Freiwilligenarbeit weiblich: 34.9 Prozent der Frauen und 28.4 Prozent der Männer leisten solche unbezahlte Hilfe.

Warum gibt es diesen Geschlechterunterschied?
Weil Teilzeitarbeitende viel häufiger informelle Freiwilligenarbeit leisten als Vollzeitarbeitende. Dies sind in der Regel die Frauen. Zudem sind Frauen – oft durch ihre Kinder – besser in der Nachbarschaft vernetzt und leisten auch hier Unterstützung für andere. Ausserdem reduzieren Frauen – als Ausdruck einer immer noch traditionellen Rollenverteilung in unserer Gesellschaft – sehr viel häufiger ihr Arbeitspensum, wenn sie mit Angehörigenbetreuung konfrontiert sind. Dies wiederum schlägt sich in einer tieferen Altersvorsorge nieder. Das zeigte auch die Studie «Alt werden ohne Angehörige», die das Migros-Kulturprozent gemeinsam mit der Fachhochschule Nordwestschweiz 2020 publiziert hat. 
(Quellen: Bundesamt für Statistik, Migros-Kulturprozent)

Gemäss einer Studie von Alzheimer Schweiz waren es 2012 zwei Drittel Frauen, die eine demenzerkrankte Person zu Hause betreuten. Meist seien diese zwischen 50 und 65 Jahren alt, wenn sie sich um die Eltern oder die Schwiegereltern kümmern. Viele dieser Frauen seien erwerbstätig, was die Belastung noch erhöhe. «Pflegende Angehörige übernehmen viel Pflege- und Betreuungsaufgaben und tragen damit wesentlich dazu bei, dass die Gesundheitskosten nicht noch stärker steigen.»

Alexandra Horat kümmert sich mit Hingabe und Freude um ihre Mutter. Auch wenn sie dafür ein paar Pläne vorübergehend aufgeben musste.

Alexandra Horat kümmert sich mit Hingabe und Freude um ihre Mutter. Auch wenn sie dafür ein paar Pläne vorübergehend aufgeben musste.

Auch Alexandra Horat merkt, dass es vor allem Frauen sind, die sich in ihrem Umfeld um Angehörige kümmern. Unabhängig von der Geschlechterrolle sieht sie trotz der Belastung auch viel Positives in ihrer Freiwilligenarbeit. «Ich bin meinem Mami so nah wie noch nie.» Und wir hatten stets ein enges Verhältnis.»

So merke sie auch, wie viel es ihrer Mutter bedeute, dass sich jemand aus der Familie um sie kümmere. «Sie sagt mir oft, dass sie nicht wisse, wie sie mir dies vergelten solle.» Vor kurzem fand Horat einen Notizzettel ihrer Mutter, auf dem stand: «Morgen Abendessen bei Lexi und Jürg. Was bin ich doch für ein Glückspilz.»

Benevol

Sie wollen sich engagieren?

Informationen und Ansprechpersonen für Freiwilligenarbeit aller Art finden sich bei der Dachorganisation der Fachstellen für freiwilliges Engagement in der Deutschschweiz benevol.ch. Die Freiwilligen-Organisation betreibt auch eine Vermittlungsplattorm für Personen, die sich gerne freiwillig betätigen möchten. Benevol wird durch das Migros-Kulturprozent unterstützt.

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