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Hammerhartes Handwerk

Bettina Kämpfer schmiedet sich ihr Glück

Als Hufschmiedin behauptet sich Bettina Kämpfer in einer Männerdomäne. Dank viel Geschick kommt sie auch mit ängstlichen Pferden, störrischen Eseln und anspruchsvollen Tierbesitzerinnen zurecht.

Text Michael West
Fotos Daniel Winkler
Frisch beschlagen: Wallach Lupo hat von Bettina Kämpfer perfekt angepasste Hufeisen bekommen.

Frisch beschlagen: Wallach Lupo hat von Bettina Kämpfer perfekt angepasste Hufeisen bekommen.

Der 16 Jahre alte Wallach Lupo steht an diesem Nachmittag reglos in der Schmiede der Emmentaler Ortschaft Linden. In der kühlen Luft steigt Dampf aus seinen Nüstern. Das Pferd blickt beinahe gelangweilt aus einem Fenster auf die mit Schneeresten gesprenkelte Hügellandschaft.

Bettina Kämpfer macht sich mit einer mächtigen Raspel an Lupos Hufen zu schaffen. Das Tier nimmt das kaum zur Kenntnis. Was wie eine Art Pediküre für Pferde aussieht, ist wichtig für die Gesundheit. Wenn Lupos Hufe regelmässig gepflegt und in Form gebracht werden, bleiben ihm ein unregelmässiger Gang und Haltungsschäden erspart.

Nun beginnt der dramatische Teil der Arbeit: In einem fauchenden Gasofen erhitzt die 25-jährige Handwerkerin vier stählerne Hufeisen-Rohlinge, bis sie gelb glühen. Mit Zange und Schmiedehammer bearbeitet sie das Metall auf einem Amboss, damit es perfekt zur Form von Lupos Hufen passt. Kämpfer macht sozusagen massgeschneiderte Schuhe für das Pferd. Sie schützen die Hufe vor zu starkem Abrieb auf Asphalt und anderen harten Unterlagen.

Schweisstreibende Arbeit

Beim Beschlagen des Wallachs geht ihr der Lernende Noël Meister (18) zur Hand: Er biegt jeweils ein Bein des Tieres nach hinten, während Kämpfer das Hufeisen weiter anpasst und schliesslich mit Nägeln fixiert. Als das heisse Metall mit dem Huf in Kontakt kommt, steigt scharf riechender Qualm auf. Lupo zuckt ein wenig mit den Ohren, scheint sonst aber unbeeindruckt. «Es tut ihm nicht weh», versichert Kämpfer. «Das Horn ist völlig unempfindlich.»

 

Wer ihr bei der Arbeit zusieht, versteht sofort, warum der Beruf als extrem anstrengend gilt: Sie muss sich beim Beschlagen oft tief nach unten beugen und viel Kraft aufwenden. «Es ist ein hammerharter Job», sagt die Hufschmiedin. «Jeden Abend mache ich Stretchingübungen und etwa einmal pro Monat gehe ich in eine medizinische Massage, um keine Rückenprobleme zu bekommen.»

Trotzdem möchte Kämpfer nichts auf der Welt lieber machen. Sie liebt die Arbeit mit den Tieren, schätzt den intensiven Austausch mit den Besitzern. «In meinem Beruf muss man ein Gefühl für Tiere wie auch für Menschen haben», meint Kämpfer. Sie muss mit den Vier- und auch den Zweibeinern stets freundlich, aber manchmal auch bestimmt sein. Das ist besonders wichtig bei unruhigen Pferden. Es gilt aber auch für Pferdebesitzer und -besitzerinnen, die Google-Halbwissen über das Beschlagen der Hufe mitbringen und dauernd Verbesserungstipps geben wollen. Sie freut sich auch, dass sie mit ihrer Arbeit etwas für die Gesundheit der Pferde tun kann.

Die Bernerin bewährt sich in einem Handwerk, das man heute nur noch selten erlebt. Noch ungewöhnlicher ist es, dass eine Frau Pferde beschlägt. Von etwa 300 aktiven Hufschmieden und Hufschmiedinnen in der Schweiz sind nur etwa 20 Frauen. Bei den Lernenden hat der Anteil der Mädchen in den letzten Jahren allerdings zugenommen: Zu den 47 jungen Leuten, die zurzeit ausgebildet werden, gehören 16 angehende Hufschmiedinnen.

Manche geben auf

Interessierten Jugendlichen empfiehlt Kämpfer, an mehreren Terminen zu schnuppern, bevor sie sich auf die Lehre einlassen. So bekomme man ein Gefühl für die schönen und auch die harten Seiten der Arbeit und erlebe später keine Enttäuschung. «Man sollte sich gut überlegen, ob man diese anstrengende Arbeit nach dem Lehrabschluss über längere Zeit ausüben will», findet die 25-Jährige. «Es gibt junge Hufschmiede und vor allem Hufschmiedinnen, die schon nach wenigen Jahren aufgeben. Oft liegt es daran, dass sie Gesundheitsprobleme bekommen.»

Dabei sei es wichtig, genügend junge Leute zu finden, die dieses Handwerk langfristig ausüben wollen und auch bereit seien, später selber Lernende auszubilden. Sonst drohe der Beruf auszusterben (Infos zur Ausbildung gibt es hier). Dabei gibt es heute mehr als genug Arbeit für die Hufschmiedinnen und Hufschmiede: Denn immer mehr Menschen in der wohlhabenden Schweiz leisten sich das teure Hobby Reiten. Kämpfer selber ist ihren Weg gegangen, ohne je ans Aufhören zu denken. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie nun im Betrieb von Benedikt Huber (39), einem Hufschmied in zweiter Generation. Die junge Frau stellte er mit Handkuss ein. Denn er hatte sie als Experte bei ihrer Lehrabschlussprüfung erlebt und wusste, dass Kämpfer mit viel Sorgfalt und Hingabe arbeitet.

Auch die Kundschaft in Linden und Umgebung war von Anfang an begeistert von der neuen Hufschmiedin. Nur einmal musste sie sich von einem Bauern anhören, sie sei als Frau für diese Arbeit ungeeignet. Auf seinem Hof sollte sie die Hufe eines störrischen Esel pflegen. Das Tier musste dabei von drei Männer gleichzeitig festgehalten werden, wenn diese Behandlung jeweils wieder fällig war. Die Handwerkerin aber bat darum, allein arbeiten zu dürfen – und erfüllte den Auftrag ohne Probleme. Inzwischen wird sie auf dem Hof besonders herzlich empfangen.

Hat ihren Traumjob gefunden: Hufschmiedin Bettina Kämpfer.

Hat ihren Traumjob gefunden: Hufschmiedin Bettina Kämpfer.

Überzeugt von ihrer Berufswahl sind  inzwischen auch Kämpfers Eltern, ein Informatiker und eine Sachbearbeiterin auf einem Schulinspektorat. Ihre Mutter hatte ihr eine KV-Ausbildung empfohlen und war eher skeptisch, als sie ausgerechnet Hufschmiedin werden wollte. Heute sieht sie voller Stolz, wie sich ihre Tochter in dieser Männerdomäne behauptet.

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