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Stadt-Land-Graben

«In der Schweiz fühlt man sich weniger schnell abgehängt als in anderen Ländern»

Städte boomen, während auf dem Land Jobs, Läden und Lokale verschwinden. Daraus entstehen politische Konflikte mit Folgen für die Demokratie selbst. Der Politwissenschaftler Markus Freitag ist Teil eines internationalen Forschungsprojekts, das Lösungen entwickeln soll.  

Text Ralf Kaminski
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Spielt auch in der Schweizer Politik regelmässig eine Rolle: der Stadt-Land-Graben. (Illustration: Daria Rychkova/Kombinatrotweiss) 

Markus Freitag, 2017 sagten Sie, die Unterschiede zwischen Stadt und Land verschwänden zunehmend. Sehen Sie das immer noch so?
Der Graben ist trotz allem immer noch da, in einigen Bereichen grösser, in anderen weniger. Deutliche Unterschiede gibt es etwa bei Demokratiezufriedenheit, Vertrauen in den Bundesrat, Abschaffung der Armee, Verhältnis zur EU, Atomenergie oder Frauenförderung. In der Stadt sind die Leute in den letzten Jahren tendenziell sogar noch etwas linker und progressiver geworden, die Menschen auf dem Land dagegen etwas rechter und konservativer.

Aber es gibt auch Annäherungen?
Ja, auch weil die Mobilität Stadt und Agglo näher zusammenbringen. Viele können sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten – und nehmen ihre Einstellungen in die Vororte mit. Interessant ist auch, dass vor 20 Jahren die Leute auf dem Land mehr Kontakte zu ihren Nachbarn hatten als in der Stadt – heute ist es eher umgekehrt. Allerdings werden diese Kontakte in der Stadt oberflächlicher eingeschätzt als auf dem Land.

Lässt sich verallgemeinern, in welchen Bereichen der Graben bleibt und in welchen er schwindet?
Nein, dafür ist das Bild zu verschiedenartig. Klar ist: die Einstellungen und Werte sind in den letzten zwanzig Jahren auf beiden Seiten des Grabens ziemlich stabil geblieben.

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Der Stadt-Land-Experte

Markus Freitag (52) ist Direktor des Instituts für Politikwissenschaft und Professor für politische Soziologie an der Universität Bern. Er wuchs in Höchenschwand im Schwarzwald auf, seit 2012 hat er beide Staatsbürgerschaften. Freitag wohnt in Zürich, ist mit einer Bernerin verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 14 und 18 Jahren.

Markus Freitag leitet das Schweizer Team beim Forschungsprojekt RUDE (The Rural-Urban Divide in Europe). Dieses untersucht den Stadt-Land-Graben in der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Spanien und Grossbritannien. Das drei Jahre dauernde Projekt wird mit rund 1,5 Millionen Franken durch Horizon 2020 gefördert. RUDE soll die Ursachen der aktuellen Demokratiekrise offenlegen und mögliche Lösungswege zu deren Überwindung vorschlagen.

Ein deutlicher Graben hat sich letztes Jahr etwa bei der Abstimmung über das Jagdgesetz gezeigt. Wieso gerade dabei so klar?
Es ging hier nicht nur um den Wolf, sondern um das Verhältnis zur Natur. Die Stadt neigt da zu einer gewissen romantischen Verklärung, während es auf dem Land oft um konkrete ökonomische Aspekte geht. Und wenn die Probleme mit dem Wolf weit weg sind, wie in der Stadt, kann man anders darüber reden, als wenn man sie direkt vor der Haustür hat. Hinzu kommt, dass sich auf dem Land viele sorgen, dass ihre Werte und ihre Identität durch eine städtische Bevormundung in Gefahr geraten könnten. 

Auf dem Land kennt man den Wolf besser, in der Stadt die Ausländer. Doch die Städter neigen in beiden Fällen zu einem freundlicheren Umgang als das Land.
Städter sind einfach eher gewohnt, mit dem Unbekannten zu leben und haben diesem gegenüber eine entspanntere Haltung als Menschen auf dem Land. Dort fällt alles Fremde oder Überraschende sofort auf – und wird schneller als Alltagsstörung oder gar als ökonomische und kulturelle Bedrohung empfunden.   

Bei der Konzernverantwortungsinitiative hat sich in der Romandie kaum ein Stadt-Land-Graben gezeigt, in der Deutschschweiz schon. Weshalb diese Differenz und lässt sich daraus etwas verallgemeinern?
Laut Nachabstimmungsanalysen haben diejenigen, die den Umweltschutz deutlich stärker gewichten als den wirtschaftlichen Wohlstand, eher für diese Initiative gestimmt. Und Umweltschutz ist in der Westschweiz generell viel breiter akzeptiert als in der ländlichen Deutschschweiz. Der Stadt-Land-Graben verläuft also nicht überall gleich. Ein ähnlicher Unterschied zwischen den beiden Sprachregionen zeigt sich auch bei der Frage, ob eher das Volk oder eher Politiker Dinge entscheiden sollten. In der Deutschschweiz votiert das Land weit mehr als die Städter für das Volk, in der Romandie gibt es hier weniger offensichtliche Differenzen.

In der Schweiz sind die Bergregionen mit Abwanderung konfrontiert. Gibt es auch hier Gebiete, die sich regelrecht abgehängt fühlen wie man das aus Osteuropa oder den USA kennt?
Nein, hier gibt es nichts vergleichbar Dramatisches. Die Abwanderung in den USA begann mit der Globalisierung und wurde durch die Finanzkrise 2007/2008 noch verstärkt. Danach gab es deutlich weniger Arbeitsplätze auf dem Land, Infrastruktur wurde abgebaut, Menschen zogen weg. Der Holzfäller, der mit seinem Job einst ein gutes Auskommen hatte, musste nun im Walmart Regale auffüllen, zu einem Minimallohn. Diese ökonomische Krise löste zusätzlich eine Identitätskrise aus, die Politik richtete sich entlang dieser wirtschaftlichen und kulturellen Gräben aus und trug so zur weiteren Polarisierung bei.

Aber auch in der Schweiz verschwindet Infrastruktur auf dem Land und in den Bergen.
Schon, aber das steht in keinem Verhältnis zu dem, was in den USA passiert ist. Natürlich hilft es, dass die Schweiz klein ist, und man mit dem öffentlichen Verkehr relativ schnell in der Beiz oder auf der Post der Nachbargemeinde ist. Auch deswegen fühlt man sich hier viel weniger schnell abgehängt als in anderen Ländern. 

Wieso kommen Rechtspopulisten weltweit in abgehängten Gebieten und auf dem Land so gut an?
Das ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die Globalisierung und die gefühlte Dominanz der städtischen Eliten. Viele auf dem Land fühlen sich davon überfordert und empfinden sich als Verlierer. Sie glauben, dass sie und ihre Interessen und Nöte von den politischen Entscheidungsträgern ignoriert werden. Sie glauben, dass sie nicht ihren fairen Anteil an Ressourcen erhalten. Sie glauben, dass ihre Werte von den kosmopolitischen Städtern nicht nur nicht verstanden, sondern insgesamt mehr und mehr verdrängt werden. Sie fühlen sich also politisch, ökonomisch und kulturell benachteiligt, befürchten, dass ihre Identität und ihr sozialer Status verloren geht – das ist der Nährboden, auf dem der Erfolg der Rechtspopulisten gedeiht. Denn sie versprechen Schutz und Rückeroberung.

Bei diesen drei Aspekten müsste man also ansetzen?
Überall, wo das Zusammenspiel dieser drei Aspekte durchbrochen werden kann, sind die Populisten entweder weniger radikal oder weniger erfolgreich. Dass etwa die sozialen Sicherungssysteme in der Schweiz besser sind als in den USA, federt ökonomische Probleme ab. Die Schweiz profitiert auch vom Finanzausgleich, der direkten Demokratie und dem Ausbildungssystem. All das trägt zu einer besseren Integration verschiedener Gesellschaftsschichten bei. 

Und dennoch entwickelte sich in der Schweiz aus der SVP schon in den 1990-Jahren eine sehr erfolgreiche rechtspopulistische Bewegung.
Aber die SVP war immer auch Teil des Systems und vielfältig darin eingebunden. Das setzte ihrer Radikalität Grenzen. Ausserdem verhindert das Schweizer Konkordanz- und Mehrparteiensystem eine scharfe Polarisierung wie in den USA. Heikle Themen, die in der Bevölkerung schwelen, werden dank Abstimmungsvorlagen meist früher oder später offen diskutiert. Man ist quasi zur konstruktiven Auseinandersetzung gezwungen – das macht Gräben zwar sichtbar, entschärft aber auch ihre Brisanz und reduziert sie vielleicht sogar.

Gibt es in der Schweiz einen Stadt-Land-Graben beim Umgang mit Corona?
Im Allgemeinen hat man auf dem Land weniger Angst vor dem Virus als in der Stadt, weil man weniger dicht aufeinander sitzt. Allerdings können wir in unseren Befragungen keine Stadt-Land-Unterschiede bei der Frage erkennen, ob die Massnahmen zur Eindämmung der Krankheit zu weit oder zu wenig weit gehen.

Politisch entscheidend ist in der Schweiz aber oft die Agglo. Ist sie nicht fast wichtiger als der Stadt-Land-Graben?
Tatsächlich ist die Agglo in der Schweiz gelegentlich matchentscheidend. Es wohnen dort immerhin 3,8 Millionen Menschen. Leider ist sie noch viel zu wenig erforscht, weshalb wir in unserem Projekt dort einen kleinen Fokus legen. Etwa, um herauszufinden, ob der Einfluss der Agglo in anderen Ländern ähnlich oder weniger bedeutend ist. Denn nur schon die Agglos in der Schweiz ticken nicht alle gleich.

Inwiefern?
Es gibt Agglomerationen mit einem hohen Ausländeranteil, vielen Shopping-Centern und vielen Parkplätzen. In anderen dominieren Einfamilienhäuser, traditionelle Familienmodelle, die Arbeitslosigkeit ist gering, der Migrationsanteil ebenfalls. Dann gibt es neben relativ trägen Agglos sehr dynamisch wachsende Siedlungsgebiete, die ihr Dienstleistungsangebot laufend erhöhen und so ihre Attraktivität steigern. All diese Varianten gehören zur Agglomeration, haben politisch jedoch je nach Sachfrage ganz andere Prioritäten. 

Der satirische Zugang zum Thema: Giacobbo/Müller über den Stadt-Land-Graben. (Video: SRF)

Gibt es Entscheidungsmuster, wann die Agglo welcher Seite zuneigt? 
Es gab lange eine bestimmte Tendenz: Wenn es bei einer Abstimmung um Wertefragen geht, stimmt sie eher mit dem Land, wenn es um wirtschaftlichen Wohlstand geht eher mit der Stadt. Dies ist aber nicht in Stein gemeisselt. Einige Agglo-Gemeinden verändern sich stark durch den Zuzug von Städtern, denen die Wohnungen dort zu teuer oder zu klein sind. 

Haben solche Zuzüge in die Agglo auch schon Abstimmungen oder Wahlen anders ausgehen lassen als erwartet?
Im Kanton Bern wurden letztes Jahr Standplätze für Fahrende überraschend gut geheissen, auch dank der Unterstützung von Agglo-Gemeinden rund um die Stadt Bern mit mutmasslich vielen städtischen Zuzügern. In verschiedenen ehemals bürgerlichen Berner Vorortgemeinden kam es zudem bei den vergangenen Gemeinderatswahlen zu Machtverschiebungen. Linke und grüne Politik findet dort durch die urbanen Neulinge immer mehr Gefallen.

Was für Unterschiede erwarten Sie bei den am Forschungsprojekt beteiligten fünf Ländern?
Ich denke, dass wir auf ganz unterschiedliche Varianten von Stadt-Land-Gräben stossen werden. Vermutlich ist das Gefühl der Benachteiligung auf dem Land in den föderal organisierten Ländern Deutschland, Spanien und Schweiz weniger stark als in den eher zentralistisch organisierten Ländern Frankreich und Grossbritannien.  

Das Projekt soll auch die Ursachen der aktuellen Demokratiekrise offenlegen und Lösungswege vorschlagen. Dann sehen Sie den Stadt-Land-Graben als einen Grund dieser Krise?
Ich denke schon, denn autoritäre Agitatoren nutzen ihn, um aus jenen Problemen Kapital zu schlagen, die wir vorhin angesprochen haben. Und tatsächlich gibt es einige Länder, in denen sich die Menschen deswegen von demokratischen Institutionen abwenden. 

Was wäre zu tun?
Nur schon das Sprechen über die Probleme hilft, das zeigt sich exemplarisch an den direktdemokratischen Debatten der Schweiz. Es sollten also mehr Foren für solche Diskussionen geschaffen werden. Und wir müssen vermeiden, Menschen das Gefühl zu geben, sie würden abgehängt. Das heisst, es muss beim Abbau von Infrastruktur auf dem Land und in den Berggebieten Grenzen geben. Damit verzichten wir zwar auf Einsparungen, vermeiden jedoch auch die unerfreulichen gesellschaftlichen und politischen Folgen, die ein zu grosser Abbau haben könnte. 

In den letzten Jahren scheinen Politik und Gesellschaft viele Probleme erkannt haben – aber folgen dem nun auch konkrete Verbesserungen?
Man weiss eigentlich meist, was getan werden müsste, aber dagegen stehen oft ideologische Mauern, die  unüberwindbar sind. Auch hier hilft in der Schweiz die direkte Demokratie, welche die Politik zum Handeln motiviert, auch wenn es vielleicht manchmal lange dauert. Dafür ist das, was daraus folgt, breit akzeptiert.  Es wäre von Vorteil, wenn sich dies noch in weiteren Ländern durchsetzen würde. Und ab und zu kommen scheinbar aus dem Nichts politische Talente, die ganz unerwartet Dinge bewegen und Krisen überwinden können. 

Zum Beispiel?
Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern. Eine junge Frau, die ihr Land mit Geduld, Toleranz, Respekt und Weitblick regiert und dafür 2020 mit einer weiteren Amtszeit belohnt wurde. In der ersten ist es ihr beispielsweise gelungen, nach einem Attentat auf Muslime in Christchurch die Waffengesetze zu verschärfen, obwohl eine Koalitionspartnerin auch Waffenfans vertritt. Sie spricht von den Einwohnerinnen und Einwohnern des Landes als «ein Team von fünf Millionen Menschen» und hat damit tatsächlich sowas wie einen Gemeinschaftsgeist geweckt, der während der Coronakrise sehr geholfen hat. Solche politischen Talente wachsen zwar nicht auf den Bäumen, aber sie sind sicher nicht nur in Neuseeland zu finden. 

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