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Migrantinnen und Migranten

Putzen trotz Uni-Abschluss

Für Migranten und Migrantinnen sind die Hürden hoch, in der Schweiz einen qualifizierten Beruf zu finden – selbst wenn sie top ausgebildet sind. Aber es ist möglich. Vier Betroffene erzählen. 

Text Ines Rütten
Fotos Roger Hofstetter 
Maria Dalia Dusic ist glücklich, in einem Hotel von ihrem Wissen Gebrauch machen zu können. Sie hat einen Master in Wirtschaft.

Maria Dalia Dusic ist glücklich, in einem Hotel von ihrem Wissen Gebrauch machen zu können. Sie hat einen Master in Wirtschaft.

Maria Dalia Dusic kam vor knapp drei Jahren als Saisonarbeiterin in die Schweiz, um in einem Hotel im Service zu arbeiten – und blieb. Die Kroatin gehört zu gut einer Million Ausländerinnen und Ausländer, die hier arbeiten. Aus ihrer Heimat hat sie einen Master in Wirtschaft mitgebracht.

Dieser Hochschulabschluss half ihr zunächst wenig. Die letzten zwei Jahre arbeitete sie fest angestellt im Avec-Shop in Meiringen BE. Sie betreute die Kasse, füllte Regale auf und putzte. «Mein Traum war aber immer, im Hotelmanagement oder in einer Eventorganisation tätig zu sein», sagt sie. Seit Dezember ist sie ihrem Traum ein Stück nähergekommen: Sie hat eine unbefristete Vollzeitstelle als Rezeptionistin im neu eröffneten Hotel Dakota in Meiringen gefunden.

Maria Dalia Dusic wurde bereits in Meiringen geboren. Ihre Eltern gingen jedoch zurück in ihre Heimat Kroatien, als die Tochter fünf Jahre alt war. Nach der Schule studierte sie dort Wirtschaft, 2016 hatte sie den Masterabschluss in der Tasche.

Doch die Situation in Kroatien war schwierig. Dusic bekam eine schlecht bezahlte Anstellung in einem Hotel als Rezeptionistin und «Mädchen für alles». Als ihr Freund, ein gelernter Koch, eine Stelle in Österreich antrat,  zog sie mit. Sie arbeitete dort im Service, lernte Deutsch. Dann suchte das Paar in der Schweiz nach einer Anstellung.

Im Jahr 2019 liess Dusic zunächst ihre Diplome anerkennen. «Das hat zwar einige Monate gedauert, aber zum Glück hat alles geklappt.» Doch dann kam Corona und eine unsichere Zeit auf dem Arbeitsmarkt. «Jede Arbeit ist für mich Arbeit», sagt sie. «Aber ich habe immer gehofft, dass ich etwas finde, wo ich mein Studium anwenden kann.» Denn trotz Masterabschluss hatte sie bisher immer in Jobs gearbeitet, für die sie eigentlich überqualifiziert ist. Das könnte sich mit der neuen Stelle ändern. «Die Arbeit im Hotel gefällt mir sehr», sagt sie. «Und wer weiss? Vielleicht kann ich irgendwann weitere Karriereschritte machen.»

Viele Wege führen zum Traumjob

Migrantinnen und Migranten haben in der Schweiz oft Mühe, eine qualifizierte Arbeit zu finden, auch jene mit akademischer Ausbildung. Besonders für Menschen aus Staaten, die nicht Teil der EU sind, ist es schwierig im hiesigen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Anerkannte und vorläufig aufgenommen Flüchtende brauchen seit 2019 zwar keine spezielle Arbeitsbewilligung mehr, die Jobsuche bleibt trotzdem eine Herausforderung. Viele landen ungeachtet ihrer Ausbildung im Tieflohnbereich.

«Die Gefahr besteht immer, dass diese Menschen in unqualifizierten Jobs anfangen und dort steckenbleiben», sagt Susanne Teismann. Sie leitet in Zürich das Programm Mosaiq des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks). Die Fachstelle unterstützt ausgebildete Migrantinnen und Migranten, eine Arbeit zu finden, die ihren Qualifikationen entspricht. Ziel ist es, das Potenzial der Arbeitskräfte im Land zu nutzen und damit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

«Dabei ist jeder Weg anders», sagt Teismann. «Wir fangen mit jeder Person von vorne an.» Im vergangenen Jahr wurden in der Fachstelle in Zürich rund 90 Personen beraten. «Für etwa 60 bis 70 Prozent der Teilnehmenden finden wir eine Lösung», sagt Teismann. Das bedeutet eine Anstellung, ein Praktikum oder eine qualifizierende Weiterbildung.

Viele Diplome werden nicht anerkannt

Auch Amanuel Berhe Weldemichael aus Zollikofen im Kanton Bern wird von der Fachstelle Mosaiq beraten. Er kommt aus Eritrea und war dort Arzt, musste jedoch nach Äthopien fliehen. Seit zweieinhalb Jahren lebt der 33-Jährige in der Schweiz und arbeitet hier als Reinigungskraft. Zudem leistete er als Freiwilliger Dienst in einem Altersheim, um Deutsch sprechen zu üben. «Mir war bewusst, dass ich erst einmal die Sprache lernen muss», sagt er.

Reinigungskraft statt Chirurg: Amanuel Berhe Weldemichael  hat in Eritrea ein Studium zum Facharzt begonnen, bevor er in die Schweiz kam. (Bild: zVg)

Reinigungskraft statt Chirurg: Amanuel Berhe Weldemichael hat in Eritrea ein Studium zum Facharzt begonnen, bevor er in die Schweiz kam (Bild: zVg).

Dennoch ist die Lage derzeit frustrierend. Denn seine Diplome aus Eritrea wurden von der Eidgenössischen Medizinalberufekommission nicht anerkannt. «Ich hatte so sehr gehofft, dass das funktioniert», sagt Weldemichael. Er hatte bereits in Äthiopien seine Ausbildung zum Facharzt Chirurgie begonnen. Doch die politische Situation dort habe sich zugespitzt. Schliesslich folgte er im Rahmen eines Familiennachzugs seiner Ehefrau in die Schweiz, ohne die Zusatzausbildung abzuschliessen. Er hofft, hier eines Tages in einem Spital arbeiten zu dürfen. «Aber im Moment weiss ich nicht mal, ob ich in der Schweiz überhaupt Medizin studieren kann.»

Der Einstieg in reglementierte Berufe sei für Arbeitende aus Drittstaaten besonders schwierig, sagt Susanne Teismann. Zum Beispiel Ärzte, Lehrerinnen oder Anwälte müssten mit der Ausbildung fast immer von vorne beginnen oder den Beruf wechseln. Denn ihre Diplome werden hier kaum anerkannt. Doch auch in diesen Branchen erlebe sie immer wieder Überraschungen: «Bei manchen klappt es trotz aller Hindernisse.» Man müsse es immer probieren und dürfe nie aufgeben. «Der Weg in einen qualifizierten Beruf ist ein Marathon, der oft Jahre dauert», sagt Teismann.

Viele Jobs, aber wenig Geld

Auf diesem Marathon befindet sich gerade die Afghanin Lailoma Siddiqi. Vor viereinhalb Jahren flüchtete sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in die Schweiz und lebt heute im bernerischen Wilderswil. In ihrer Heimat hatte sie Wirtschaft studiert und arbeitete im Amt für Frauenangelegenheiten in der Stadt Herat. Ihr Mann war für die Vereinten Nationen tätig.

«In Afghanistan war es irgendwann sehr gefährlich für ihn und wir entschieden uns zur Flucht», erzählt Lailoma Siddiqi. Im Eiltempo lernte die 38-Jährige hier Deutsch. «Ich dachte immer, wenn ich Deutsch kann, finde ich eine Arbeit. Aber so einfach ist es nicht.» Lange konnte sie im hiesigen Arbeitsmarkt nicht recht Fuss fassen.

Lailoma Saddiqi nimmt alle möglichen Arbeiten an, um Erfahrungen zu sammeln. Das Ziel: Fachfrau für Migration. Damit kennt sie sich aus.

Lailoma Saddiqi nimmt alle möglichen Arbeiten an, um Erfahrungen zu sammeln. Das Ziel: Fachfrau für Migration. Damit kennt sie sich aus.

«Ich weiss, dass wir ganz unten anfangen müssen, aber es tut trotzdem weh, immer wieder Absagen zu bekommen», sagt Siddiqi. Denn auch ihr Mann ist arbeitslos und seit einem Autounfall körperlich eingeschränkt. Einen Hoffnungsschimmer hat sie jetzt. Seit Mitte April arbeitet sie bei der ORS Bern, einer Firma, die Asylsuchende betreut und bei der Integration unterstützt. Siddiqi ist dort für vier Monate befristet als Betreuerin im Asylzenrum angestellt.

«Ich freue mich sehr, dass ich diese Chance bekomme», sagt sie. «So eine Stelle habe ich gesucht und vielleicht ergibt sich daraus wieder etwas.» Daneben führt sie ihre Ausbildung zur Dolmetscherin weiter und übersetzt bereits für die Asylorganisation Berner Oberland. Sie gibt auch Deutschkurse für andere Migranten und führt Gäste durch das Historische Museum Bern. Diese Führungen sind Teil des Projekts «Multaka», für das Geflüchtete die Gäste mit auf einen Spaziergang durch das Museum nehmen.

Siddiqi möchte so viel Arbeitserfahrung wie möglich sammeln, um irgendwann eine feste Stelle zu bekommen. Ihr Ziel ist eine Weiterbildung zur Migrationsfachfrau. Ihr Bachelorabschluss aus Afghanistan wurde vollständig anerkannt, aber sie braucht für die Ausbildung Arbeitserfahrung mit Migranten. «Ich bleibe dran», sagt sie.

Crescenda

Das tut die Migros

Im Haus Crescenda in Basel befindet sich das erste schweizerische Gründungszentrum für Kleinstunternehmen von Migrantinnen. Eingewanderte Frauen bekommen dort Hilfe bei der Anerkennung allfälliger Diplome und beim Schritt in die berufliche Selbständigkeit. Das Kulturprozent der Migros unterstütz das Projekt finanziell und leistet dadurch einen Beitrag an den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Ein Anwalt ist angekommen

Im Ziel angekommen ist Anwar Ali aus Rorbas im Kanton Zürich. Der 55-Jährige ist Sozialarbeiter FH und bei der Sozialberatung Asyl der Stadt Winterthur ZH angestellt. Mit einem Lächeln sitzt er am Esstisch in seiner Eigentumswohnung und blättert in einer Mappe voller Zeugnisse und Zertifikate. «Sie zeigen meine Reise», sagt er. Seine Lebensreise, die in Pakistan begann. Dort war er als Rechtsanwalt tätig. Doch mit seinem Einsatz für Menschenrechte und Kindersklaven schaffte er sich Feinde. Im Jahr 1994 nutzte er einen Kongress in der Schweiz zur Flucht.

Der einstige Anwalt sass dann zuerst einmal mit seiner Frau und der einjährigen Tochter in einer Asylunterkunft in Einsiedeln SZ und musste von vorn beginnen. Er lernte Deutsch und bemühte sich um Arbeit. «Wir wollten nicht den Rest unseres Lebens vom Staat finanziert werden», erzählt er. Nach einer Bewerbung an der Hochschule in St. Gallen erhielt er einen Studienplatz für einen Master in Wirtschaftsrecht. «Aber ich konnte einfach noch zu wenig Deutsch und musste abbrechen.»

Nachtwächter, Küchenhilfe, Asylberater: die Stationen eines Anwaltes aus Pakistan

Nachtwächter, Küchenhilfe, Asylberater: Die Stationen eines Anwaltes aus Pakistan

Einige Monate arbeitete er schliesslich als Küchenhilfe und danach als Nachtwächter in einem Asylzentrum. Daneben besuchte er so viele Kurse wie möglich, die von der Caritas angeboten wurden, und absolvierte zusätzlich eine Prüfung als interkultureller Dolmetscher. Er arbeitete für das Justizdepartement und gab schliesslich selbst Kurse bei der Caritas.

Als «grosses Glück» bezeichnet er eine Betreuerstelle, die er in einem Wohnheim für Schwerbehinderte im Kanton Luzern erhielt. Im Jahr 2002 begann er sein Teilzeitstudium in Sozialarbeit an der Luzerner Hochschule HSLU, das er 2007 abschloss. Finanziert hatte er dieses mit seiner Arbeit, einem kleinen Stipendium und einem Kredit.

Seit 2011 arbeitet er in Winterthur in der Asylberatung und hilft Menschen, die jetzt in der Situation sind, in der er einst selbst steckte. «Ich hatte viele Rückschläge und immer wieder war ich mutlos und deprimiert», sagt er. Seine Frau und seine Freunde hätten ihn dann aufgemuntert.  Um sich ein Umfeld aufzubauen, habe er immer den Kontakt zu Schweizerinnen und Schweizern gesucht und gepflegt. «Auf die Offenheit der hiesigen Gesellschaft und der Arbeitgeber ist man angewiesen, um sich integrieren zu können.» Jetzt sei er am Ziel. «Ich liebe meinen Beruf», sagt Ali. Zudem gibt er sein Wissen in Vorträgen über Menschen- und Kinderrechte, über Integration oder seine eigene Biografie weiter.

Heute ist Anwar Ali stolz auf seine Familie und darauf, dass er mit seiner Frau nun endlich Ferienreisen planen kann. Und er ist stolz darauf, ein Vorbild zu sein. «Mein Weg war lang und hart», sagt er. «Und er geht immer nur Schritt für Schritt.» Doch jetzt sei er angekommen.

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