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Ein Jahr später

Ein Happy End für Amine

Eine Aufenthaltsbewilligung, ein Sekundarabschluss und eine Lehrstelle: Seit das Migros-Magazin vor einem Jahr über den Flüchtling Amine Conde geschrieben hat, hat sich vieles zum Guten verändert. 

Text Rahel Schmucki
Fotos Desirée Good
Amine Conde hat nach fast sieben Jahren eine Aufenthaltsbewilligung bekommen.

Amine Conde hat nach fast sieben Jahren eine Aufenthaltsbewilligung bekommen.

Als an einem Freitag Amine Condes (22) Telefon klingelt, bereitet er gerade in Zürich Essen vor, für Menschen, die finanziell unter der Pandemie leiden. Am anderen Ende ist sein Anwalt. Er habe einen Brief vom Migrationsamt für Conde bekommen. Es ist der Entscheid, ob Conde in der Schweiz bleiben darf oder ob er nach Guinea ausgeschafft wird.

«Ich war sehr nervös, habe mich aber auch gefreut», erinnert sich Conde an diesen Tag im Januar 2021. Er habe sich einfach nicht vorstellen können, dass der Bescheid negativ ausfallen würde. Im Büro des Anwalts angekommen öffnet er das Couvert: Sein Härtefall wurde angenommen. Amine Conde hat endlich eine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz – zumindest für ein Jahr.

«Ich fühlte mich plötzlich so leicht und frei», sagt Conde. Er habe gleich seine Gastschwester angerufen, die ihm sehr geholfen habe. «Sie hat am Telefon geweint», erzählt er. Dann habe er alle anderen angerufen. Alle Menschen, die ihm in der Schweiz geholfen hätten. «Das hat mehrere Tage gedauert, mein Telefon hat ständig geklingelt und ich habe immer wieder neue Nachrichten bekommen.»

Wenn Amine Conde diese Geschichte erzählt, ist nichts von der jahrelangen Unsicherheit zu spüren. Er wirkt gelassen, lacht immer wieder. Obwohl das ein entscheidender Moment in seinem Leben war. Nachdem er 2014 in die Schweiz geflüchtet war, kämpfte der junge Mann aus Guinea fast sieben Jahre lang für sein Bleiberecht.

Erst war er Asylsuchender, dann abgewiesener Flüchtling und zuletzt hat er ein Härtefallgesuch eingereicht, das ihm nun die Aufenthaltsbewilligung B und das Recht zu Arbeiten gebracht hat. Wenn er ein Jahr lang arbeitet, nicht straffällig und nicht von der Sozialhilfe abhängig wird, wird die Bewilligung verlängert.

Einsatz für andere zahlt sich aus

Nicht zuletzt darf er bleiben, weil er sich für andere eingesetzt hat, die noch weniger hatten als er. Seit seiner Ankunft in der Schweiz hat er ehrenamtlich gearbeitet. «Ich wollte nicht einfach zuhause rumsitzen», sagt Conde. Und zu Beginn der Pandemie, als alle Gassenküchen schliessen mussten, hat er die Initiative ergriffen und die Organisation «Essen für alle» ins Leben gerufen – und mit dieser Aktion vor einem Jahr auch auf die Front des Migros-Magazins geschafft (hier geht es zum Artikel).

Vor genau einem Jahr erschien Amine Conde mit seinem Projekt «Essen für alle» auf dem Titelblatt des Migros-Magazins. 

Vor genau einem Jahr erschien Amine Conde mit seinem Projekt «Essen für alle» auf dem Titelblatt des Migros-Magazins. 

1000 Pakete pro Woche verteilt

Zusammen mit hunderten freiwilligen Helferinnen und Helfern verteilt er bis heute kistenweise Brot, Reis, Pelati, Zwiebeln, Äpfel, Öl, Kartoffeln und Hygieneartikel an Menschen, die sich das wegen der Pandemie nicht mehr leisten können. Essen für Sanspapiers, Familien mit vielen Kindern, aber auch für obdachlose Menschen.

Die Organisation von Conde ist immer grösser geworden, es sind immer mehr Menschen sind gekommen, um bei ihm Essen abzuholen. Deshalb hat er sich mit der Pfarrer Sieber Stiftung zusammengeschlossen. Im vergangenen Jahr verteilte die Organisation über 1000 Nahrungsmittelpakete pro Woche.

Nebenbei konnte Conde seinen Sekundarschulabschluss nachholen. «Das war schon anstrengend, aber ich lerne sehr gerne», sagt er. Das zeigt sich auch in seinen Abschlussnoten, er erreichte einen Durchschnitt von 5,2 über alle Schulfächer. Aber ein Fach mochte er besonders: «Geometrie. Und Mathematik, aber die braucht es ja in der Geometrie auch», sagt Conde. Mit Geometrie will er auch in Zukunft arbeiten, denn mit seiner neuen Aufenthaltsbewilligung darf er arbeiten und eine Lehrstelle annehmen. Für ihn stand schnell fest: Es soll eine Lehre als Hochbauzeichner sein.

Lehrstelle gefunden

«Ich hatte viel Glück und es war für mich einfach, eine Lehrstelle zu finden», sagt Conde und lacht verlegen. Mehrere Firmen hätten sich bei ihm gemeldet und nach seinen Bewerbungsunterlagen gefragt. Durch die Medienberichte über das Projekt «Essen für alle» wussten viele Menschen, dass Amine Conde eine Lehrstelle sucht. In drei Bewerbungsgesprächen war er erfolgreich. «Ich habe geschnuppert und die passende Stelle für mich gefunden.» Im Sommer kann er seine Ausbildung in einem Architekturbüro in Zürich beginnen.

Aber Amine Conde wäre nicht Amine Conde, wenn er nicht bereits weitere Pläne geschmiedet hätte. Er will in die Politik, für ein politisches Amt kandidieren. Den Menschen eine Stimme geben, die keine haben. Kämpfen für Gleichheit und Menschenrechte. «Die Schweiz hat mir so viel gegeben, jetzt will ich ihr etwas zurückgeben.» Bis er den Schweizer Pass in 10 Jahren beantragen kann, wird er sich vorerst auf seine Ausbildung konzentrieren. «Wer weiss, vielleicht ist bis dahin die Zeit reif für einen Bundesrat aus Guinea», sagt Conde und lacht.

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