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Der Alpendoktor

Der Mann für alle Notfälle am Berg

Dr. Gregor Müller suchte vor seiner Pensionierung eine neue Herausforderung. Und fand sie auf der abgelegenen Bettmeralp. Ein Besuch beim Bergdoktor

Text Manuela Enggist
Fotos Pedro Rodrigues
Sonnenschein und Holzchalets bilden die Kulisse: Der Bergdoktor Dr. Gregor Müller posiert auf der Bettmeralp. 

Sonnenschein und Holzchalets bilden die Kulisse: Bergdoktor Dr. Gregor Müller hat auf der Bettmeralp eine neue Wirkungsstätte gefunden. 

Verschneite Berggipfel, gepaart mit einem stahlblauen Himmel. Walliser Alpenidylle halt. Der Blick aus dem Fenster der Praxis von Georg Müller (63) ist meist eine einzige Wohltat. Die Behandlungsräume befinden sich im Chalet Almenrausch mitten im Dorf auf der Bettmeralp VS, sie sind mit dunkler Holztäfer verkleidet. Manch ein Verletzter habe schon das Handy für ein Selfie gezückt, als er realisierte, in welch schöner Praxis er sich gerade befand, sagt Müller.

Diese Vorstellung von Bergromantik hatte auch Gregor Müller, als er sich im vergangenen Sommer auf die freie Stelle des Hausarztes bewarb. Und von aussen, an diesem Tag, der einer einzigen Postkartenidylle gleicht, könnte man meinen, mit dem neuen Job habe er den Jackpot gewonnen. «Nicht ganz», sagt Gregor Müller, der bei der Erzählung über die Selfie-Mania einiger seiner Patienten noch lacht. «Das hier oben ist harter Alltag.»

Der gebürtige Deutsche sitzt im weissen Arztkittel am Pult in der Praxis, hat gerade an einem Patientenbericht getippt. Es ist Vormittag. Sonnenlicht dringt durch die Scheiben. Draussen glitzert der Schnee. Die Pisten der Aletsch-Arena, zu der auch die Lifte der Bettmeralp führen, sind seit zwei Stunden geöffnet. Noch ist es ruhig. Heute haben sich einige Einheimische für Kontrolltermine angemeldet, sagt Müller. «Aber es sind die Notfälle, meist Skifahrer oder Snowboarder, die meinen Tagesablauf fast täglich durcheinander wirbeln.»

Eine Anzeige im Internet

Begonnen hat alles mit einem Video in den sozialen Medien: Im Sommer 2020 suchen die Bevölkerung und der Gemeindepräsident der Bettmeralp darin nach einer neuen Bergdoktorin oder einem Bergdoktor; sprich einer neuen Hausärztin oder einem neuen Hausarzt für die Gemeinde Bettmeralp. Im Video sind Sonnenaufgänge, verschneite Berghänge und weidende Kühe auf saftigen Wiesen zu sehen. Zur ungewöhnlichen Stellenausschreibung hat sich die Gemeinde entschieden, weil sich die Besetzung des vakanten Jobs als schwierig gestaltet. Es mangelt an Interessenten.

Müller, Facharzt für Innere Medizin, arbeitet zu diesem Zeitpunkt noch im Kanton Schwyz. Von dem Aufruf, der auf Youtube über 10'000 Klicks zählt, erfährt er von einer Patientin, die ihm von der Walliser Bergwelt vorschwärmt. «Das hat mich sofort gereizt. Ich wollte mich in den letzten Jahren vor der Pensionierung einer neuen Herausforderung stellen.»

Also besuchte er gemeinsam mit seinem Kollegen Georg Fischer, mit dem er in Schwyz die grösste Hausarztpraxis des Kantons aufgebaut hatte, die Bettmeralp. Es war seine erste Reise auf das Hochplateau, das knapp 2000 Meter über Meer über dem Rhonetal thront und nur per Seilbahn zu erreichen ist. Es war seine erste Reise ins Wallis überhaupt. «Die archaische Natur hier oben hat mich vom ersten Moment an begeistert.» Müller und sein Kollege haben sich gemeinsam für die Stelle beworben – und sie bekommen.

Da sein Kollege aber aus privaten Gründen noch verhindert ist, hat Müller die erste Saison nun alleine angetreten. Vom Umzug auf die Alp Mitte Dezember bis zum Ski-Saisonende am 10. April bedeutete dies: einen einzigen freien Tag sowie jedes Wochenende und jede Nacht Bereitschaft. Nächtliche Chalet-Notfalleinsätze mit dem Schneemobil waren keine Seltenheit. Auf den Skiern stand er noch kein einziges Mal.

Mit der Ruhe im Chalet Almenrausch ist es an diesem Vormittag mittlerweile auch vorbei. Über Funk erhält die Medizinische Praxisangestellte kurz nach zehn Uhr den Bescheid, dass ein verletzter Skifahrer mit dem Schneemobil zu ihnen transportiert werde.

Gregor Müller in seiner Praxis. Die Behandlungsräume befinden sich im Chalet Almenrausch mitten im Dorf auf der Bettmeralp VS, sie sind mit dunkler Holztäfer verkleidet.

Gregor Müller in seiner Praxis auf der Bettmeralp. Die Behandlungsräume befinden sich im Chalet Almenrausch mitten im Dorf.

Skifahren ist nach Müllers Meinung eine der gefährlichsten Sportarten überhaupt. Bis zu 20 Frakturen am Tag hat er in der Hochsaison behandelt. Hinzu kamen Schnittwunden, Prellungen und Verstauchungen, die meisten davon geschahen beim Skifahren. Manchmal bildeten sich vor dem Eingang der Praxis gar eine Schlange von Schneemobils, mit denen die Verletzten von der Piste direkt zu Müller transportiert werden.

Mit der Air Zermatt ins Tal

Der Arzt muss bei jedem Patienten zuerst einen gründlichen Check machen. Wenn eine Fraktur nur gegipst werden muss, dann kann dies Müller in seiner Praxis machen. Ist der Bruch aber so schlimm, dass er eine Operation erfordert, muss der Hausarzt den Weitertransport ins Spital nach Visp organisieren. Ist der Verletzte oder die Verletzte stabil genug, dann wird er mit der Seilbahn ins Tal gebracht. Bei den kritischen Fällen hat Müller auch schon die Air Zermatt bestellt.

Er ist froh, dass er vor seinem Stellenantritt während sechs Wochen noch eine unfallchirurgische Spitalweiterbildung absolviert hat. «Ich wusste ja, dass es auf der gesamten Aletsch-Arena, die über 10'000 Gästebette hat, keinen unfallchirurgischen Oberarzt gibt. Und dass ich auf mich alleine gestellt bin. Ich muss tatsächlich zugeben, dass ich den Schweregrad der Skiverletzungen unterschätzt habe.» Müller hatte sich auf leichtere Verletzungen eingestellt.

Alles in allem habe er sich das Leben als Bergdoktor sicher ein wenig zu romantisch vorgestellt, gibt er zu. «Ich habe keine Angst vor viel Arbeit, das bin ich gewohnt. Aber die Ansprüche an einen Bergdoktor sind schon fast utopisch.» Er könne verstehen, warum es der Gemeinde schwer fiel, diese Stelle zu besetzen. «Die Anforderungen sind gerade für junge Ärzte zu hoch.» Man müsse ein Allrounder sein und extrem viel Erfahrung mitbringen, die man als junger Arzt einfach noch nicht habe.

Der Weg, der zu Müllers Praxis führt, ist überall im Dorf gut ausgeschildert. 

Der Weg, der zu Müllers Praxis führt, ist überall im Dorf gut ausgeschildert. 

«Ich bin froh, dass ich auf über 30 Jahre Praxiserfahrung zurückgreifen kann. Denn hier kommen Patienten mit allen möglichen Beschwerden rein.» So müsse er von Kinderkrankheiten über Tumorerkrankungen bis hin zu Notfällen wie Herzinfarkte oder Darmverschlüsse alles behandeln können. «Zudem sind die Arbeitsbedingungen nicht sonderlich attraktiv.» So zahle der Kanton Wallis keine Wochenendbereitschaftsdienstvergütung, wie das beispielsweise Graubünden tue.

Trotz der grossen Verantwortung und Belastung habe er auch Freude an der neuen Aufgabe. «Die Einheimischen sind sehr dankbar und zeigen mir dies auch oft. Manche bringen mir eine Walliser Spezialität mit in die Praxis.» Zudem könne er die Praxisräume gratis nutzen. Nur für seine Wohnung, die eine Etage darüber liegt, müsse er Miete bezahlen. «Obschon ich als Bergdoktor sicher nicht das grosse Geld mache, zeigt mir dies, dass es auch für die Gemeinde wichtig ist, den Arzt im Dorf halten zu können.»

Ein Lebensretter

Und dann gibt es noch die Unfälle, die ohne ihn nicht gut ausgegangen wären. Ein 14-jähriger Junge wurde in der Nähe der Praxis von eine Lawine verschüttet. Bergretter konnten ihn nach zehn Minuten aus den Schneemassen befreien und Müller führte sofort eine Reanimation durch. Der Junge überlebte. «Solche Einsätze spornen mich natürlich an.»

Wenn die Verletzten nicht in die Praxis kommen können, bringt der Bergdoktor die Praxis halt zu den Verletzten: der Nofallruck von Gregor Müller. 

Wenn die Verletzten nicht in die Praxis kommen können, bringt der Bergdoktor die Praxis halt zu den Verletzten – mit dem Nofallruck. 

Nach der strengen Wintersaison erwartet Müller nun einen ruhigeren Sommer. Sein Kollege Georg Fischer wird dann seinen Teil des Bergdoktor-Pensums antreten. Zudem ist das Touristenaufkommen auf der Bettmeralp im Sommer deutlich niedriger. «Ich stelle mich aber schon darauf ein, den einen oder anderen Wanderer in der Praxis anzutreffen.»

Die freie Zeit will Müller nutzen, um seine neue Heimat zu erkunden. Kulinarisch wie auch auf Wanderungen. Er freut sich wieder mehr Zeit mit seinem knapp zweijährigen Enkel, der im Kanton Schwyz Zuhause ist und immer mal wieder zu Besuch im Wallis ist, zu verbringen. «Zudem haben sich für die Nebensaison auch viele Bekannte angemeldet. Das ist das Gute daran, wenn man an einem Ort lebt, wo andere Ferien machen.»

In noch fernerer Zukunft hofft der Internist auf ein Umdenken der grossen Tourismusdestinationen. «Bergdoktoren sind aus der Zeit gefallen.» Man müsse sich fragen, ob nicht eine Art Berg-Polyklinik mit Fachärzten dem medizinischen Fortschritt, der Anspruchserwartung der Patienten und der Primärversorgungsqualität besser Rechnung trüge. «Das würde zwar die finanzielle Unterstützung der Gemeinde brauchen, da das nicht rentieren würde, wäre aber weitaus sinnvoller.»

Kurz nach dem Mittag muss Müller schon wieder los. Ein weiterer Verletzter wartet auf ihn. Ein Snowboarder, der sich beide Armgelenke gebrochen hat. Bettmeralper Alltag halt.

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