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Drachenfliegen

Die mit dem Wind tanzen

Drachenfliegen ist Präzisionsarbeit. Jedenfalls, wenn man es so genau nimmt wie im Drachenclub Wehntal. Ein Bericht über ein Hobby, das vom Aussterben bedroht ist

Text Valeria Wieser
Fotos Roshan Adhihetty 
Ganz schön Gegenwind: die Männer des Drachenclubs Sky Affair beim Training in Schöfflisdorf ZH

Ganz schön Gegenwind: die Männer des Drachenclubs Sky Affair beim Training in Schöfflisdorf ZH

Der Wind ist zu stark», sagt Urs Wixinger knapp und blinzelt in den wolkenverhangenen Himmel, der immer mal wieder den Anschein macht aufzureissen. Vergeblich. Die Sonne bleibt eine Ahnung, die eisige Bise dringt durch Mark und Bein.

Dass Wixinger von «zu viel Wind» spricht, ist erstaunlich. Hier, auf einem Feld neben Schöfflisdorf ZH, treffen sich die vier Mitglieder des Drachenclubs Wehntal. Der Drachenpilot führt aus: «Meist haben wir zu wenig Wind. Doch wenn es so bläst wie heute, ist es schwierig, präzise zu fliegen.» Hier nämlich trainiert das Lenkdrachenteam Sky Affair, setzt seine federleichten Bauten in die Lüfte und lässt sie tanzen.

Jeder Move ist exakt geplant

Gemütlich könnte man sich das vorstellen, mit viel Zeit zum Philosophieren. Wie angeln, einfach Vogel statt Fisch quasi. Dass ein solch kindliches Bild vom Drachenfliegen völlig fehl am Platz ist, stellt sich spätestens heraus, als die vier Teammitglieder ihre zweileinigen Lenkdrachen in die Luft bringen. Alsbald ertönt ein lautes, zunächst befremdliches Surren, das dann sogleich wieder leiser wird, je nachdem, wohin die Männer ihre Flugobjekte manövrieren. Es klingt ein wenig nach Patrouille Suisse, nur deutlich weniger alarmierend.

Do-it-yourself

So baust du deinen eigenen Drachen

Wenn es im Frühling oder Herbst so richtig windet, gibt es nichts Schöneres, als draussen den eigenen Drachen steigen zu lassen. Dem Drachen zuschauen, wie er durch die Luft fliegt ist ein grosses Vergnügen für die ganze Familie. Aus einfachen Materialien basteln wir einen flugsicheren Drachen, der rasch gemacht ist und Freude bereitet.

Das Zuschauen ist noch viel beeindruckender. Denn nichts an diesem Drachenflug ist willkürlich. Die vier Männer steuern die Flugobjekte behände durch die Böen. Die beiden 34-Meter-Leinen ermöglichen es, die deltaförmigen Drachen präzise zu lenken, trudeln zu lassen oder wie Pfeile hintereinander her über den Himmel zu jagen.

Raffinierte Figuren dank militärischer Präzision

Immer mal wieder verwickeln sich die Schnüre der vier Flugobjekte. Doch was zunächst nach einem Versehen aussieht, entpuppt sich als raffinierte Figur, die wenig später gekonnt aufgelöst wird. Ganze Körperarbeit leistet jedes Teammitglied, die Männer eilen nach vorne, lehnen sich zurück, bewegen sich unaufhörlich, jeder für sich als Teil eines grösseren Ganzen.

Wenn Drachen steigen, ist Körpereinsatz gefragt: Georges Meister,  Erich Rutishauser, Urs Wixinger und Markus Tschudi. 

Wenn Drachen steigen, ist Körpereinsatz gefragt: Georges Meister,  Erich Rutishauser, Urs Wixinger und Markus Tschudi in Aktion.

Damit jedes Teammitglied weiss, was zu tun ist, gibt Wixinger jeweils militärisch anmutende Kommandos auf Englisch. «Up. Break. Follow. Hawaiian. Break. Reverse. Break.» Die Choreographie ist vorgängig mit Trockenübungen einstudiert worden, unter Einsatz sogenannter «Sticks», die die Drachen simulieren.

Eine Viertelstunde halten sich die Drachen in der Luft, bis irgendwann doch eine Bö zu viel auftritt, es folgt  die Bruchlandung. Nicht weiter schlimm, vielmehr eine Gelegenheit, um sich im Windschatten des nebenanstehenden Schützenhauses aufzuwärmen.

Dass sich die vier Mitglieder Markus Tschudi, Erich Rutishauser, Georges Meister und Urs Wixinger gut kennen, ist offensichtlich. Würde die Kommunikation nicht klappen, sähen wohl auch die geflogenen Figuren weniger stimmig aus. «Diese Art des Präzisionsfliegens ist völlig Old-School», sagt Tschudi. «Es gibt wohl kaum ein anderes Team, das noch so fliegt. Entsprechend gibt es auch keine Wettkämpfe mehr.»

Heutzutage lägen kleine, wendigere Drachen im Trend, mit denen man Tricks ausüben könne. Old School ist denn auch das Material, das das Team verwendet. «Diese Drachen sind rund 25 Jahre alt. Doch funktionieren sie noch bestens», erklärt Meister und deutet auf das Carbon-Gestänge, das mit Spinnakerstoff bespannt ist.

Halten seit 25 Jahren: Die Flugdrachen des Clubs Sky Affair bestehen aus einem Carbon-Gestänge und einer Bespannung aus Spinnakerstoff.

Halten seit 25 Jahren: Die Flugdrachen des Clubs Sky Affair bestehen aus einem Carbon-Gestänge und einer Bespannung aus Spinnakerstoff.

Trainiert wird nur in den wärmeren Monaten. Drei der vier Mannen sind noch berufstätig und können erst nach Feierabend kommen. Da man das Drachenfliegen schlecht nach drinnen verlegen kann, ist man auf Tageslicht angewiesen. Immerhin ist das Trainieren trotz Corona-Massnahmen möglich.

Aufgrund der Pandemie fällt nun jedoch zum zweiten Mal in Folge das Highlight des Drachenjahrs ins Wasser. «Jedes Jahr veranstaltet der Drachenclub Wehntal ein Drachenfest», sagt Wixinger. Es sei das grösste und eines der letzten in der Schweiz. Selbst Gleichgesinnte aus dem Ausland reisen dafür extra an.

Nachwuchs verzweifelt gesucht

«Doch auch die Lokalbevölkerung, insbesondere Kinder, freuen sich immer sehr darüber und sind fasziniert von den vielen bunten Drachen», sagt Wixinger. Er ist der Teamälteste der Gruppe, der schon seit bald dreissig Jahren mit dabei ist. Womit wir auch gleich bei der Crux wären: «Die meisten der rund 30 Mitglieder des Drachenclub Wehntal sind schon viele Jahre dabei. Es fehlt an Nachwuchs, an Leuten, die mithelfen würden beim Organisieren des Drachenfestes.»

Die Auswahl an Freizeitaktivitäten sei heute gross. «Kaum jemand bleibt beim Drachenfliegen hängen», sagt er etwas verdrossen. Seine Kollegen nicken. «Also. Machen wir noch einen Flug?», fragt Meister, und seine Kollegen nicken eifrig, obwohl der Wind nach wie vor böig und eisig übers Feld braust. Kurz darauf erklingt wieder das vertraute Surren. 

Interessierte finden weitere Infos unter Drachenclub Wehntal 

Drachenclub-Leiter Markus Tschudi beim Training in Schöfflisdorf

Drachenclub-Leiter Markus Tschudi kenn jeden Trick.

Tipps für Drachenflieg-Anfänger

  • Alles steht und fällt mit gutem Material. Am besten lässt du dich von jemand Fachkundigem beraten, bevor du einen Drachen kaufst. Ein guter Lenkdrachen kostet gut und gerne 250 Franken.
     
  • Achte darauf, dass die Leine genügend lang ist: Ca. 20 Meter für einen kleinen und 30 Meter für einen grossen Drachen. Eine zu kurze Schnur macht die Kontrolle über den Drachen schwierig.
     
  • Je grösser der Drachen, desto langsamer und träger ist er. Für Anfänger ist das von Vorteil.
     
  • Gehe rücksichtsvoll mit der Natur und deiner Umgebung um: Halte genügend Abstand zu Velos, Pferden und  anderen Menschen, aber auch und von Strommasten, Strassen und der Eisenbahn. Betrete nur Felder, auf denen das Gras frisch geschnitten ist. Sei dir bewusst, dass du dich auf fremdem Eigentum bewegst, schone die Kulturen und respektiere die Anweisungen der Grundbesitzer. Betrete keine Anbauflächen, und ziehe Drachen, die dort abgestürzt sind, an den Leinen auf die Flugwiese zurück.

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