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Gekommen und geblieben

Was von der Italianità bleibt

Italianità wird von den mittlerweile drei Generationen italienischer Einwanderer in der Schweiz ganz unterschiedlich gelebt. Ein Primo, eine Seconda und eine Terza erzählen.

Text Deborah Onnis
Fotos Paulo Dutto
In seinem Schrebergarten voll italienischem Gemüse erinnert sich Americo Tonizzo, wie er als Kind in Italien mit aufs Feld ging.  

In seinem Schrebergarten voll italienischem Gemüse erinnert sich Americo Tonizzo, wie er als Kind in Italien mit aufs Feld ging.  

Denkt Americo Tonizzo an den Aprilabend im Jahr 1956 zurück, funkeln seine Augen. Er empfindet fast dieselbe Aufregung wie der damals 19-Jährige, als er mit seinem kleinen Koffer am Bahnhof in Codroipo stand, umgeben von vielen Verwandten, die ihm Glück wünschten für die Reise in die Schweiz.

Alles, was er vom arbeitsreichen Land im Norden wusste, hatte er von einigen Mitbürgern erfahren, die bereits als Saisonniers in der Schweiz arbeiteten. Sie hatten ihm den Maurerjob organisiert. «Sobald ich genug Geld verdient hätte für ein Motorrad, wäre ich einfach wieder zurückgereist. Das war mein Plan», sagt Tonizzo heute lachend.

Migrationsexperte Gianni D’Amato von der Universität Neuchâtel bezeichnet dieses damals weit verbreitete Phänomen als «Illusion der Rückkehr». «Sehr viele Italiener kamen in die Schweiz, um Geld zu verdienen und anschhliessend nach Italien zurückzukehren.» Doch wie bei vielen Landleuten verlief auch Tonizzos Leben anders.

Aufgehoben in der italienischen Community

In der Schweiz traf er auf die Liebe, fand einen festen Arbeitsplatz und gründete eine Familie. Hier fühlte er sich aufgehoben und musste nicht mal stark an seinen Deutschkenntnissen schleifen: Die italienischen Gemeinschaften waren gross, organisierten viele Anlässe, gründeten ganze Fussballmannschaften wie es damals auch Tonizzo mit der «Superga» in Gerlafingen tat. «Von aussen nahm man die italienische Community zu dieser Zeit als eine Welt für sich wahr», so Migrationsexperte D’Amato.

Die meisten lernten das Schweizer System schätzen. So ging es auch Tonizzo. «Berichte von Verwandten machten mir deutlich, wie mühsam das Leben in Italien geworden war.» Ihm wurde klar, dass sich die hohen Lebenskosten, die Genauigkeit und Pünktlichkeit, die das Leben in der Schweiz prägten, lohnten. «Ein funktionierendes Gesundheits- und Schulsystem, eine zuverlässige Verwaltung und Sicherheit – das ist Lebensqualität.»

Ein anderer Italiener

Ja, er habe sich verändert, sagt der heute 84-Jährige. Das merkte er bei jedem Besuch im Heimatland. «Ich bleibe zwar Italiener, aber ich konnte und kann mich nicht mehr mit den Italienern identifizieren, die in Italien lebten und leben. Ihre Welt ist nicht mehr die meine.»

Dafür hat er sich hier in der Schweiz eine eigene Welt geschaffen. Ob er sich hier zuhause fühlt? «Mit dem Herzen ein Zuhause zu verorten ist schwierig. Aber mein Kopf hat beschlossen, dass es hier sein soll.»

Im Frühling bis im Herbst geht Americo Tonizzo fast jeden Tag in seinen Schrebergarten. Er pflanzt vor allem italienisches Gemüse. Von der Peperoni über Tomaten bis zu grünen Bohnen. Wie der Boden und die Pflanzen am besten gepflegt werden, weiss er als Bauernsohn gut. Mit neun Jahren ging er das erste Mal mit aufs Feld. Das sind schöne Erinnerungen.

Am Tisch mit seinen Enkeln, beim Essen seines selbstgemachten Minestrone, gibt der 84-Jährige sein Wissen gerne weiter. Wie zum Beispiel, dass Tomatenpflanzen stetig beobachtet werden müssen, um allfällige Pilzerkrankungen sofort stoppen zu können. «Sind sie nicht an meinen Ratschlägen interessiert, verstehe ich das. Die neuen Generationen sind mit einer anderen Sprache aufgewachsen und haben eine andere Mentalität, andere Sorgen», sagt er. «Das ist einfach so.»

Italien aus dem Fernseher

Rosangela Lagona verkauft in ihrer Boutique auch italienische Gastgeschenke. Sie fühlt sich aber nur 20 Prozent als Italienerin. 

Rosangela Lagona verkauft in ihrer Boutique auch italienische Gastgeschenke. Sie fühlt sich aber nur 20 Prozent als Italienerin. 

Für viele ihrer Schweizer Freundinnen ist Rosangela Lagona einfach «Antschela». «Das wird sich nie ändern», sagt die 62-jährige Bijouterie-Inhaberin. Nach über 50 Jahren hat sie sich damit abgefunden, dass in der Schweiz es kaum jemand schafft, das «G» in ihrem Namen weich auszusprechen.

In ihrem Laden «La Perla» in Niederbipp BE treffen ihre Kunden auch auf andere italienischen Wörter wie «Bomboniere» (zu Deutsch: Gastgeschenke). Routiniert verpackt die Inhaberin fünf Zuckermandeln in mehreren Tüllschichten, wickelt mit festem Griff Blümchendeko drum und schon ist das italienische Gastgeschenk fertig.

Diese Tradition der Gastfreundschaft am Leben zu erhalten, gibt ihr ein gutes Gefühl. Mit der Frage, welche tiefere Bedeutung die italienischen Gastgeschenke haben, hat sie sich erst mit über 30 Jahren beschäftigt. Lange hatte sie gar kein Bedürfnis, ihre Wurzeln zu erforschen. «Warum auch? In meinen Augen war ich lange einfach eine Schweizerin.»

Die Schweiz war Liebe auf den ersten Blick

Sie erinnert sich daran, wie sie mit zehn Jahren aus dem Heim in Italien zu ihren arbeitenden Eltern in die Schweiz zog. «Die Schweiz symbolisierte für mich Freiheit. Es war Liebe auf den ersten Blick.» Hier blühte das aufgeschlossene, blonde Mädchen auf, fand Schweizer Freundinnen und lernte in null Komma nichts Schweizerdeutsch.

Je ähnlicher sie aber ihren Freundinnen wurde, desto grösser wurde die Reibungsfläche zuhause. Die eher konservativen italienischen Eltern waren irritiert, wenn sie sich am Sonntagnachmittag mit ihren Freundinnen draussen treffen wollte. «Ich wollte mich frei bewegen, frei denken und handeln. Das war für mich schweizerisch. Und so fühlte ich mich.»

Die zweite Generation hatte und hat tatsächlich einen ganz anderen Zugang zum hiesigen Leben, erklärt Migrationsexperte D’Amato, selber Secondo. «Da sie in beide Welten aufwachsen, sammeln sie viele verschiedene kulturelle Ressourcen.» Je nach Persönlichkeit und Lebensphase werde die jeweilige Facette stärker oder schwächer ausgelebt. So komme im Gespräch mit Gleichaltrigen in der Schule eine andere Facette zum Ausdruck als beim Schauen eines Fussballspiels mit der Familie.

Da ihre Eltern viel arbeiteten, schnappte Rosangela Lagona die italienische Kultur in ihrer Jugend nur nebenbei auf; beim Fernsehschauen, beim Kochen und an Festen. Heute bezeichnet sie sich zu 80 Prozent als Schweizerin und zu 20 Prozent als Italienerin.

Plötzlich kam die Identitätskrise

«Erst später in der Arbeitswelt merkte ich, dass ich gar nicht als richtige Schweizerin wahrgenommen wurde.» Mitte 30 kam die Identitätskrise. Mit Büchern und Zeitungen versuchte sie, der italienischen Kultur auf den Grund zu gehen. «Da erkannte ich mich plötzlich in verschiedenen Aspekten wieder.» Als Hobby-Schneiderin liebte sie zum Beispiel die italienische Mode. Und sie verliebte sich in die vielen Festtraditionen.

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Auch auf das italienische Essen könnte sie nie verzichten. «Meine Kinder und Enkel lieben meine Lasagne.» Jedes Mal, wenn sie ihre Enkelkinder hütet, nimmt sie sich vor, mindestens eine Stunde nur Italienisch zu sprechen. «Das klappt meistens nicht.» Entweder fallen ihr viele italienische Wörter nicht mehr ein oder es folgt die Reaktion: «Grosi, was hesch gseit?»

Zugang durch Nonni

Sara Canale mag es, Leute um sich zu haben. Auch Spontanbesuche empfängt sie mit offenen Armen. 

Sara Canale mag es, Leute um sich zu haben. Auch Spontanbesuche empfängt sie mit offenen Armen. 

Wenn die 30-jährige Sara Canale ihre italienischen Grosseltern besucht, muss sie nicht selten nach den italienischen Wörtern suchen. «Meine erste Muttersprache ist definitiv Schweizerdeutsch», sagt die Solothurner Kindergartenlehrerin.

Ihre Eltern, beide Secondos, sprachen zuhause mehrheitlich Schweizerdeutsch mit ihr. Anders war es bei den Grosseltern daheim, wo sie regelmässig Zeit verbrachte. Dort traf sie unter anderem auf altmodische Möbel, auf denen kein einziges Staubkorn ruhen durfte, weisse Häkeldeckchen und eine Madonna-Statue unter einer Glasglocke. «Und es gab köstliches Essen», schwärmt Canale. «Die Pasta al forno meiner Nonna ist noch heute eines meiner Lieblingsessen.»

Die Nonni, das Bindeglied

Die Grosseltern bilden bei der dritten Generation häufig den Zugang zur italienischen Kultur, erklärt D’Amato. «Durch sie wird ein weiterer Teil der Familiengeschichte, und so auch ein Stück Identität, für sie erschliessbar.»

Fragt man Sara Canale, wie stark sie sich als Schweizerin oder Italienerin fühlt, fällt das Ergebnis 60 zu 40 aus. Leute aus ihrem Arbeitsumfeld seien überrascht, wenn sie erfahren, dass sie auf Papier keine Schweizerin ist. «Wenn man mich persönlich kennt, merkt man aber, dass da noch was anderes ist», sagt sie lachend. Spätestens, wenn man sie vor dem TV beim Anfeuern der italienischen Nationalmannschaft erlebt.

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