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E-Sports

Autorennen fast wie echt

Die frühere Formel-1-Teamchefin Monisha Kaltenborn setzt heute voll auf E-Sports. Sogar Rennfahrer trainieren in ihren Simulatoren ihre Fahrkünste.

Text Ralf Kaminski   
Fotos Raffael Waldner
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Wechselte von der Formel 1 zum E-Sport:: Monisha Kaltenborn, CEO von Racing Unleashed.

Julian Oberli starrt hochkonzentriert auf die drei grossen Bildschirme vor sich und steuert seinen virtuellen Formel-1-Boliden über die Rennstrecke von Monza. Das Steuerrad in seinen Händen entspricht dem eines realen Rennwagens, und das Modell, in dem er sitzt, rumpelt und schüttelt, wenn er neben die Piste gerät  – beim Bremsen simulieren die Schultergurte sogar die realen G-Kräfte und drücken ihn in den Sitz.

Der 17-jährige Elektroinstallateurslehrling aus Rümlang ZH ist beeindruckt. Er fährt solche Videogame-Rennen sonst zu Hause am PC, hat sogar ebenfalls ein Steuerrad samt Gas- und Bremspedal dafür. «Aber das hier fühlt sich schon sehr viel echter an. Man liegt richtig im Wagen, und die Pedalen reagieren viel natürlicher.» Es mache mehr Spass, sei aber auch anstrengender.

Sein Vater sieht das genauso. Der 50-jährige Aussendienstmitarbeiter für Medizinalprodukte ist seit seiner Jugend grosser Formel-1-Fan und schaut sich im Fernsehen fast jedes Rennen an. «Man sitzt tatsächlich nicht einfach gemütlich im Simulator und steuert – dadurch dass der so stark reagiert, kommt man richtig ins Schwitzen», staunt Thomas Oberli. «Und man realisiert auch, wie eng es in diesen Fahrer-Cockpits ist.»

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Testfahrer Julian Oberli auf der Rennstrecke von Monza. 

Beide können sich nach ihren Testrunden gut vorstellen, mit Freunden wiederzukommen und mit diesen ein paar Rennen zu fahren. Das hört Monisha Kaltenborn natürlich gern. Die österreichische Juristin mit indischen Wurzeln war von 2010 bis 2017 CEO der Sauber Motorsport AG und die erste Teamchefin der Formel 1 überhaupt. Seit 2019 leitet die 49-Jährige das E-Sports-Startup Racing Unleashed, das in der Schweiz gegründet wurde und mittlerweile an mehreren Standorten Simulatoren betreibt.

Freizeitspass und Profi-Sport

Der Wechsel von der Formel 1 zum E-Sports-Renngeschäft ist weniger gross, als es auf den ersten Blick scheint. «Auch im realen Rennsport gewinnen Fahrsimulatoren immer mehr an Bedeutung», sagt Kaltenborn. «Es ist effizienter und kostengünstiger, Fahreigenschaften von Rennwagen erst mal auf diese Weise zu erarbeiten und zu testen.» Von daher sei ihr das Thema bereits sehr vertraut gewesen als sie bei Racing Unleashed einstieg. «Bei der Formel 1 sind natürlich viel komplexere und teurere Geräte im Einsatz als bei uns.»

Doch für Kaltenborn ist klar: «Die Zukunft wird aus beidem bestehen.» Die E-Sports-Variante komme zudem heutigen Fanbedürfnissen viel mehr entgegen. «Es reicht nicht mehr, Autogrammkarten und kleine Gegenstände zu verschicken; die Fans wollen selbst erleben, Teil der Geschichte sein, zum Sportler Kontakt haben –  und diese Erlebnisse online teilen. Und sie wollen nicht zu fixen Zeiten vor dem TV sitzen, sondern dann, wenn sie Zeit und Lust haben, und auf einem Gerät ihrer Wahl schauen können.»

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Die Renn-Lounge von Racing Unleashed  in Kemptthal ZH.

Racing Unleashed hat zwei Zielgruppen im Auge: Einerseits Leute, die Lust haben, in ihrer Freizeit ab und zu eine solche Simulatorfahrt zu machen – alleine oder kompetitiv mit Freunden. Andererseits Leute, die Autorennen als E-Sport betreiben möchten. Einmal pro Monat organisiert das Startup richtige Wettrennen, für Profis und Amateure, samt Preisgeldern für die ersten zehn Plätze. Ein Sieger im Profirennen bekommt 2500 Franken, der Saisonsieger am Ende nochmals 5000. 

Die Fahrer können von jedem Simulatoren-Standort aus an den Rennen teilnehmen und werden virtuell auf der gleichen Strecke zusammengeschaltet. Racing Unleashed gibt es inzwischen in Cham ZG, Kemptthal ZH, Affoltern ZH, Yverdon VD und bald auch in Zürich und Zürich-Flughafen. Zudem stehen Simulatoren in Madrid und München, weitere sind geplant. «Wir sind in Gesprächen mit Franchise-Nehmern in Europa, im Nahen Osten, in Südafrika und in Asien», sagt Kaltenborn. Ziel sei es, einen neuen Sport aufzubauen, also globale virtuelle Profi-Autorennen zu veranstalten. «Und alle treten mit den gleichen Voraussetzungen an, egal wo auf der Welt sie sitzen – anders als im echten Rennsport.» Denn dort hänge viel vom Auto und vom Team ab.

Es tut sich was – auch in der Schweiz

Vor ein paar Jahren galt die Schweiz bei E-Sports noch als Entwicklungsland. «Und wir sind immer noch ein bisschen hintendrein», sagt Jon Baumann (30), Präsident des Schweizer Esports Verband SESF. «Unser Markt ist klein und dann auch noch in drei Sprachen unterteilt.» Dennoch habe sich in den letzten Jahren einiges getan.  «Es gibt mehr Ligen, mehr Teams, mehr Möglichkeiten, an Wettbewerben teilzunehmen. Und E-Sports wird auch langsam öffentlich bekannter.»

Die Simulatoren von Racing Unleashed sieht Baumann als Nische innerhalb des E-Sports, aber auch «als eine Brücke in Richtung softwarebasierter Wettkämpfe». Im Zentrum dieser Welt stehen reine Computerspiele wie «League of Legends», wo Teams in einem Fantasy-Spielsetting mit Geschicklichkeit und ausgeklügelten Kampftaktiken gegeneinander antreten. Solche Mannschafts-Wettkämpfe werden mittlerweile vor Publikum in riesigen Arenen veranstaltet und auf spezialisierten Onlinekanälen live übertragen.

E-Sports in der Schweiz

Eine neue Studie der ZHAW School of Management and Law hat den hiesigen E-Sports-Markt untersucht und liefert einige interessante Erkenntnisse:

- 41,7% der Bevölkerung spielt mindestens einmal pro Woche Videospiele (2019: 33,9%)
- die beliebtesten Spiele sind Fifa 21 (42,5%) und Call of Duty (30%)
- gespielt wird vor allem auf dem Smartphone (51%) und dem PC oder Laptop (46,1%)
– 41% der Schweizerinnen und Schweizer betrachten E-Sports als Sport (2019: 27,6%)
– 110’000 Personen verdienen in der Schweiz Geld mit E-Sports (2019: 42’500)
– 70,4% der E-Sports-Fans verfolgen das Thema erst seit zwei Jahren – seit 2019 hat sich die Zahl der Fans verdoppelt, die E-Sports auf Streamingplattformen verfolgen

In Asien und Nordamerika gibt es gar Profispieler, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen – und deren Poster sich die Fans zu Hause an die Wand hängen. Vermehrt passiere das inzwischen auch in Europa, sagt Baumann. «In der Schweiz sind wir noch nicht soweit.» Doch das Potenzial von E-Sports sei enorm. «Das WM-Finale von League of Legends hatte 2019 über 100 Millionen Zuschauer, mehr als der Super-Bowl 2020 in den USA.» Vergangenes Jahr knackte die Industrie von der Wertschöpfung her die Milliardenmarke. «Und derzeit geht man weiterhin von extrem starkem Wachstum aus», erklärt der Branchenexperte. «Der klassische Sport hingegen schrumpft tendenziell.»

Schnelllebiges Geschäft

E-Sports sei auch für Sponsoren und Partner spannend und kommerziell attraktiv, sagt Monisha Kaltenborn. Sie rechnet damit, dass es irgendwann virtuelle Rennfahrer gibt, die von ihrem Sport leben können. Und dass es keine zehn Jahre mehr dauert, bis E-Sports den traditionellen Sport an Bedeutung überholt hat. «Der reale Rennsport zum Beispiel ist stark von Geld abhängig, für die Online-Version hingegen braucht es nur Talent und Training. Zudem ist es komplett ungefährlich, viel umweltfreundlicher und lässt sich problemlos in den Alltag einbinden.»

Die E-Sportswelt sei jedoch sehr schnelllebig. «Man muss flexibel sein, am Ball bleiben, gute Kontakte in die Community pflegen und sich ständig weiterentwickeln», sagt Kaltenborn. Sie räumt auch ein, dass ihr Angebot derzeit eher Männer anspricht. «Aber wir haben inzwischen eine sehr talentierte junge Frau, die wir gezielt fördern.» Wie sie das schon in der Formel 1 getan habe. «Es gibt keinen Grund, weshalb Frauen das weniger gut können sollen als Männer.» 

Simulator-Training für echte Rennen

Zu den Stammgästen bei Racing Unleashed gehört Jasin Ferati, ein junger Formel-3-Fahrer aus Winterthur. Schon als Sechsjähriger begann er mit Gokart-Rennen, seit er 13 ist, träumt er von einer Profikarriere in der Formel 1. Die Kooperation mit Racing Unleashed ist für beiden Seiten interessant: Das Startup kann mit einem echten Rennfahrer werben, Jasin wiederum im Simulator für seine realen Rennen trainieren, wann immer er möchte. 

«Es ist wirklich sehr ähnlich», sagt der 17-Jährige, «und es wird jedes Jahr besser. Es ist eine super Lernmethode, denn so lernt man die Strecke ganz genau kennen, bevor man sie tatsächlich fährt.» Auch das Fahren selbst sei durchaus vergleichbar. «Man kann den Simulator genau auf die Bedingungen der Formel 3 einstellen, es ist wirklich ideal zum Trainieren.» Bei den E-Sports-Rennen gehört Jasin dennoch nicht zu den Besten. «Ein Profi-Simulatorfahrer kennt alle Tricks des Programms, während ich eher so fahre wie auf der echten Strecke.»

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Jasin Ferati im Cockpit eines Racing-Unleashed-Rennwagens.

Ein solcher Profi ist Melvin Leuppi (23), der seit bald zwei Jahren bei Racing Unleashed arbeitet und schon seit seiner Kindheit rennsportbegeistert ist. «Im Simulator kann ich auf der Strecke zum Beispiel immer im gleichen Moment bremsen, das kann Jasin im realen Rennen nicht, denn er muss den Reifenverschleiss seines Wagens berücksichtigen – der ist in in jeder Runde anders.» Auch das sich verändernde Gewicht wenn sich der Tank nach und nach leere, müsse er einkalkulieren. «Verglichen damit ist ein Sim-Rennen sehr gleichförmig und stabil.» 

Angesichts des Tempos, mit dem sich die Simulation weiter entwickelt, scheint es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Unterschiede verschwinden. Und ansonsten gelte für den Simulator das gleiche, wie im echten Rennen, wenn man richtig gut werden wolle, sagt Melvin: «Training, Training, Training.» Gesagt, getan: Kaum ist das Gespräch beendet, sitzen die beiden nebeneinander in Simulatoren und brausen los.

Der Preis bei Racing Unleashed variiert je nach Länge der Fahrt: 8 Minuten kosten 20 Franken, 15 Minuten 30, 30 Minuten 50. Gruppenrennen kosten gleichviel pro Person. Zudem gibt es diverse Abos für Vielfahrer.

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