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Was passiert im Jenseits?

Im Gespräch mit einem Toten

Petra Eichenberger vermittelt Kontakte zu Verstorbenen. Migros-Magazin-Redaktor Ralf Kaminski hat es ausprobiert und sich mit seinem 1976 verstorbenen Vater unterhalten. Und dabei einiges erfahren.

Text Ralf Kaminski       
Fotos Michael Sieber
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Petra Eichenberger ist seit 2017 als Medium tätig und vermittelt Kontakte zu verstorbenen Angehörigen.

Mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war. Lungenkrebs, er war Kettenraucher. Nur gerade 49 wurde er, weniger alt als ich es heute bin. Meine Erinnerungen an ihn sind blass – einerseits weil es lange her ist, andererseits weil er immer sehr aktiv und viel unterwegs war. Als SAC-Mitglied zog es ihn jedes schöne Wochenende in die Berge, auch sonst war er ein sportlicher, aktiver und geselliger Mensch. Er arbeitete als Ingenieur bei der BBC (heute ABB). 

Wir hatten kein besonders enges Verhältnis, soweit man das als Kind in diesem Alter beurteilen kann. Ich erinnere mich, dass wir manchmal draussen Fussball spielten, dass ich ab und zu an faulen Wochenenden neben ihm auf dem Sofa lag und wir gemeinsam Mittagsschlaf hielten, dass er mir für meine vielen Spielzeugautos eine grosse Garage aus leeren Zigarettenschachteln baute. Und dass ich weinte, als meine Mutter an jenem Abend im Sommer 1976 vom Krankenhaus nach Hause kam und mir sagte, dass er gestorben ist.

Ich kann mich nicht erinnern, ihn je ernsthaft vermisst zu haben – aber ich habe mich später im Leben gelegentlich gefragt, was er für einen Einfluss auf mich gehabt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Und wie er wohl darüber denken würde, wie ich mich entwickelt habe.

Skeptisch, aber offen für Überraschungen

Das zumindest weiss ich nun. Jedenfalls wenn ich daran glaube, dass tatsächlich er es war, der da via Petra Eichenberger seine Gefühle und Gedanken mit mir geteilt hat – und sie nicht einfach aus dem Blauen heraus irgendwas erfunden hat.

Glaubst du an ein Jenseits, das man kontaktieren kann?

Ich war zuvor noch nie bei einem Medium, nicht zuletzt weil ich als Atheist nicht an ein Jenseits glaube, mit dem man Kontakt aufnehmen kann. Der Tod ist das Ende, es gibt kein individuelles Bewusstsein, keine Seele, die weitergeht und kontaktierbar wäre.

Als sich Petra Eichenberger bei mir meldet, als Reaktion auf einen anderen Artikel zum Thema Tod, und mir eine «Probesitzung» anbietet, schlage ich ihr einen «Skeptikertest» vor: einen Kontakt zu meinem Vater. Ich sage ihr, dass ich nicht glaube, dass sowas möglich ist, aber bereit bin, mich überraschen zu lassen. Nach kurzem Zögern und einem längeren Telefongespräch lässt sie sich darauf ein: «Ich hatte schon öfters Skeptiker bei mir, und bisher hat der Kontakt noch immer geklappt.»

Einige Tage später besuche ich Petra Eichenberger in ihrem Sitzungsraum beim Bestattungsinstitut Finis direkt neben dem Bahnhof Deisswil BE – sie in einem Sessel, ich ihr gegenüber auf einem bequemen Sofa. Es könnte genauso gut das Behandlungszimmer einer Psychotherapeutin sein.

Einiges passt, anderes nicht

Ausser dass er 1976 gestorben ist, weiss Eichenberger nichts über meinen Vater. Nichts über die Details seines Todes, seine Herkunft, seinen Beruf oder seine Interessen. Bis zu diesem Moment kennt sie nicht mal seinen vollen Namen. Der ist denn auch das einzige, was sie braucht, um den Kontakt herzustellen: Horst Kaminski. Sie schreibt ihn sich auf, schliesst die Augen, konzentriert sich – und fängt nach kurzer Pause an zu reden.

Die Anfänge sind etwas zögerlich. Mein erster Eindruck: Sie hat aufgrund unseres Telefongesprächs eine Vorstellung von mir und mutmasst, mein Vater könnte ähnlich gewesen sein. Sie beschreibt aber auch Eigenschaften und Charakterzüge, von denen ich schlicht nicht beurteilen kann, ob sie auf ihn zutreffen oder nicht.

Aber ich zeichne die Sitzung auf und spiele sie später meiner 81-jährigen Mutter (ebenfalls Skeptikerin) vor. Auch sie erinnert sich an einiges nicht mehr genau, findet aber Punkte, die gar nicht stimmen: Anders als von Eichenberger beschrieben war er kein zurückhaltender, bedachter Mensch, sondern sehr gesellig und stand gern im Mittelpunkt. Auch ass er gern und in grossen Mengen. Vor allem jedoch habe er Fussball, Skifahren und die Berge geliebt – und es sei ja schon erstaunlich, dass beides in dem Kontakt so gar keine Rolle gespielt habe.   

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Ralf Kaminski und Petra Eichenberger im Gespräch während des Jenseitskontakts.

Allerdings sind da auch Aussagen, die erstaunlich gut passen. Er habe Zeit seines Lebens mit den schwierigen Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend gerungen. Damals habe er Schreckliches gesehen und erlebt, mit dem er sich nicht habe auseinandersetzen wollen, über das er auch nie geredet habe. Das Verhältnis zu seinen Eltern sei schwierig gewesen. Dies alles habe dazu geführt, dass er sich seinen Gefühlen nie gestellt habe, dass er immer etwas rastlos gewesen sei, nie irgendwo richtig angekommen sei. Und es sei ihm auch schwer gefallen, in seine Vaterrolle zu finden. Er hätte wohl gewollt, aber nicht so recht gewusst wie. Deshalb habe er vieles meiner Mutter überlassen.

Als Teenager im Zweiten Weltkrieg

Mein Vater wurde 1926 in Berlin geboren, er hat in seiner Kindheit den Aufstieg der Nazis erlebt, den Krieg, musste am Ende als Teenager sogar selbst noch an die Front, wurde dort verwundet und geriet in Osteuropa in Gefangenschaft. Er hat in dieser Zeit ohne Zweifel Schreckliches erlebt und gesehen, das ihn geprägt hat. Nachfragen bei meiner Mutter ergeben allerdings: Seine Kindheit war durchaus glücklich, auch wenn er arm aufgewachsen ist. Das Verhältnis zur Mutter war gut. Zwar musste er in die Hitler-Jugend, doch gefiel es ihm dort, weil es viele tolle sportliche Freizeitaktivitäten gab. Was er später im Krieg genau erlebt hat, weiss sie jedoch nicht, darüber hat er tatsächlich nie gesprochen.

Meine Mutter bestätigt auch, woran ich mich selbst erinnere: Er war ein eher distanzierter Vater, viel unterwegs in den Bergen oder an der Abendschule, derweil sie sich um mich kümmerte. Sie fühlte sich oft allein gelassen, musste sehr selbständig sein.

Seit seinem Tod, berichtet Petra Eichenberger, habe er sich jedoch stark mit seinem Leben auseinandergesetzt, habe sich weiter entwickelt, und schaue nun mit Bedauern darauf zurück, nicht mehr für mich da gewesen zu sein. Doch er habe uns seither immer im Auge behalten. Und während ich noch finde, dass dies wieder eher «typische» Aussagen von allgemeiner Positivität sind, kommen erneut treffende Angaben, die mich verblüffen. Etwa wie sich das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir in meinen Teenager-Jahren aus Sicht meines Vaters entwickelt hat. Überhaupt bin ich überrascht, wie oft Eichenberger sich in Details vertieft, scheinbar ohne Sorge, damit vielleicht auch komplett falsch zu liegen.

Aber was passiert denn so im Jenseits?

Mein Vater ist jedenfalls offenbar sehr angetan, was ich aus mir und meinem Leben gemacht habe. Das zu hören, ist natürlich schön, gehört aber zu einigen Allgemeinplätzen, die es während der Sitzung eben auch gibt. Die hören sich gut an, würden aber wohl zu vielen Menschen passen, könnten sie nach ihrem Tod Bilanz über ihr Leben ziehen.

Zudem entsteht der Eindruck: Mein Vater ist ausserordentlich intensiv mit dem Diesseits beschäftigt – seinem damaligen und unserem heutigen. Ich stelle einige Fragen, was er denn sonst noch so macht mit seiner Existenz im Jenseits und wie es dort aussieht. Die Antworten dazu bleiben sehr vage. Was etwas überrascht angesichts des Detailreichtums zuvor. Er könne dort alles machen, was er wolle – und so wie er jetzt sei, wäre er gerne auch zu seinen Lebzeiten gewesen. Zudem könne er mir und meiner Mutter jederzeit nah sein, wenn er wolle. Die Frage sei nur, ob wir dies zuliessen. Er werde jedenfalls immer da sein, wenn ich ihn rufe. Dazu brauche es kein Medium.

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Horst Kaminski Anfang der 1970er-Jahre.

Später lässt sich Petra Eichenberger doch noch entlocken, wie sie sich – nach all den vielen Kontakten – das Jenseits vorstellt: «Ich sehe es als eine Art Parallelwelt, die Verstorbenen sind stets präsent, um uns herum, einfach auf einer anderen Ebene.» Es gebe keine Religion, die ihrer Vorstellung entspreche. Auch mit der Idee, dass Menschen je nach Verhalten später im Jenseits belohnt oder bestraft werden, könne sie nichts anfangen.

«Wir sind hier im Diesseits, um bestimmte Erfahrungen zu machen, Dinge auszuprobieren. Und wenn wir sterben, sind wir um viele spannende, schöne, schwierige Erfahrungen reicher und gehen schlicht auf eine andere Ebene, wo wir dann weitermachen», glaubt Eichenberger. Wenn sie irgendwann selbst gehen müsse, interessiere es sie doch weiterhin, was ihre Liebsten machten, und sie wolle sie auch unterstützen auf ihrem Lebensweg. «Ich bin überzeugt, dass ich das werde tun können. Und das ist eine schöne Vorstellung.»

Interpretation von Bildern und Gefühlen

Petra Eichenberger ist 45, verheiratet, Mutter von drei Teenagern und lebt in Bolligen BE. Sie sieht ihre mediale Tätigkeit als Berufung, ist daneben noch künstlerisch tätig, muss von den Einnahmen aber nicht leben. Nach einer sechsjährigen Ausbildung arbeitet sie seit 2017 als Medium.

Zu normalen Zeiten (ohne Corona) vermittelt sie im Schnitt ein bis zwei Jenseitskontakte pro Woche. «Die Leute kommen aus allen sozialen Schichten, auch aus anderen Kulturen, aber eine Mehrheit ist eher älter und weiblich. Meist haben sie vor nicht allzu langer Zeit einen nahen Angehörigen verloren.» Die meisten finden über Empfehlungen zu ihr – oder über Veranstaltungen, an denen sie teilnimmt, wie Ende Mai am «Hallo Tod!»-Festival in Zürich.

Wie funktioniert das, was sie macht? «Ich bin hellsinnig, spüre und fühle Dinge über meinen Körper. Vor einem Treffen verbinde ich mich mit der geistigen Welt, in dem ich mich auf sie konzentriere», erklärt Eichenberger. «Letztlich bin ich nur ein Kanal, sehe Bilder und Gefühle von den Verstorbenen, die ich interpretiere und in Worte fasse. Und sie zeigen mir in diesen Situationen das, was ihnen gerade wichtig ist – und vielleicht nicht unbedingt das, was die Angehörigen erwarten würden.»

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Petra Eichenberger sagt, sie könne mit ihren hellsinnigen Kräften Bilder und Gefühle von Verstorbenen empfangen und interpretieren.

Zudem sei es am besten, wenn sie im Vorfeld möglichst wenig über die Leute wisse, sonst komme ihr nur der Kopf in die Quere. «Bei vielen weiss ich nicht mal, in welcher Beziehung sie zur verstorbenen Person stehen.» Bisher habe sie sich noch mit allen verbinden können, die gewünscht worden seien. Aber es brauche eine persönliche Beziehung. «Man kann nicht einfach mit Michael Jackson Kontakt aufnehmen.» Zumindest habe sie das noch nie ausprobiert.

Fähigkeiten zuerst lange verdrängt

Ihre besonderen Fähigkeiten entdeckte sie schon in der Kindheit – auf beängstigende Weise: «Bei meinem Kinderzimmer war nachts immer die Tür einen Spalt offen, und als ich sieben oder acht Jahre alt war, entdeckte ich, dass da immer wieder unbekannte Leute durch diesen Türspalt in mein Zimmer sahen. Meistens waren sie alt, und sie sahen auch nicht gefährlich aus. Aber ich hatte natürlich trotzdem riesige Angst.»

Ihre Mutter, der sie schliesslich davon erzählte, riet ihr zu beten, dass sie wieder weggingen. Doch das taten sie nicht. «Aber ich wollte so sein wie alle anderen und habe das alles erfolgreich verdrängt.» Erst als junge Erwachsene begann sie sich nach einem Unfall mit Schädeltrauma wieder für diese Fähigkeiten zu interessieren und sie zu trainieren. Heute kann sie die Verbindung zur geistigen Welt auch kappen, dann ist Ruhe.

Und, war ich nun tatsächlich in Kontakt mit meinem toten Vater? So wirklich kann ich das nicht glauben. Aber im Grunde ist es auch egal. Durch all das habe ich mich erstmals seit langem wieder mit ihm befasst und habe – auch durch meine Mutter – Neues über ihn und sein Leben erfahren. Ich fühle mich ihm ein wenig näher und spüre eine Verbindung, die zuvor nicht da war. Und das ist doch eigentlich ganz schön, Jenseits hin oder her.

Weitere Infos: Workshop «Leben und Tod vereint» mit Petra Eichenberger: 28.5., 18.30 Uhr beim «Hallo Tod!»-Festival in Zürich
 

Kontakt nach tödlichem Sportunfall

Auch Viola Riess hat Petra Eichenbergers Dienste in Anspruch genommen. Die 44-jährige Architektin aus Bern hat im Juli 2019 überraschend ihren Mann verloren. Er stürzte beim Joggen am Aareufer neun Meter in die Tiefe und starb an den Verletzungen. Sie wartete ahnungslos zu Hause auf ihn, wunderte sich, wo er blieb, bis die Polizei vor der Tür stand.

«Es war ein Schock, sowas passiert doch sonst nur im Film», erzählt sie. Und obwohl sie und ihr Mann keinerlei Neigung zur Esoterik hätten, sei nach seinem Tod plötzlich der Gedanke da gewesen, sie sollte ein Medium aufsuchen. In den Wochen danach begegnete ihr das Thema Medium noch zweimal – beim zweiten Mal wurde ihr Petra Eichenberger empfohlen.

Obwohl sie eigentlich skeptisch war, meldete sie sich bei ihr an. «Ich fand, dass ich nichts zu verlieren habe. Und das grosse Bedürfnis, mit meinem Mann Kontakt aufzunehmen, war weiterhin da.» Bei der Sitzung selbst habe sie regelrecht nach Verdächtigem gesucht, wurde jedoch positiv überrascht. «Es kamen nur wenig Allgemeinplätze, das meiste, was sie sagte, war sehr plausibel.» Vor allem habe sie Dinge über ihren Mann und den Unfall gesagt, die sehr präzis gewesen seien. «Da waren Details, die so genau passten, dass ich wirklich dachte, sie muss mit ihm in Kontakt sein. Woher soll sie das sonst wissen?»

Am Ende erfüllte das Experiment seinen Zweck. «Es brachte mir eine gewisse Sicherheit, dass mein Mann in irgendeiner Form noch da ist. Das hat mich beruhigt.» Zwar lebt Riess nicht nach einer bestimmten Religion, glaubt aber an eine höhere Macht und dass man nicht ganz weg ist, wenn man stirbt. «Darin fühle ich mich nun bestätigt – ein gutes Gefühl.»

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