Navigation

Migros - Ein M besser

Nachhaltig sein:

Wir reden nicht nur drüber, wir machen es. Mehr erfahren!

Super-Recognizer

Wenn man sich jedes Gesicht merken kann

Was, wenn man jedes Gesicht, das man je gesehen hat, wiedererkennt? Genau das können Patrizia Trento und Mary Blumer – sie sind sogenannte Super-Recognizer.

Text Rahel Schmucki 
Fotos Christian Schnur 
Für sie keine anonyme Masse: Patrizia Trento und Mary Blumer können sich Gesichter in wenigen Sekunden merken. (Bild: GettyImage)

Für sie keine anonyme Masse: Patrizia Trento und Mary Blumer können sich Gesichter in wenigen Sekunden merken. (Bild: GettyImage)

Auf der Party eines Freundes spricht Mary Blumer einen unbekannten Mann an. «Warst du nicht vor 13 Jahren mit deinen Eltern in Tunesien in den Ferien?» Der Unbekannte ist verdutzt. Er war tatsächlich vor Jahren mit seinen Eltern in Tunesien in den Badeferien. Aber mit dieser Frau gesprochen hat er vorher noch nie. Mary Blumer (46) findet sich oft in solchen Situationen wieder. Sie spricht Menschen darauf an, dass sie sich schon einmal begegnet sind, aber nur sie erinnert sich an diese Begegnungen.

Lange fragte sie sich, ob ihr Gegenüber sie vielleicht absichtlich nicht erkennt. Erst vor ein paar Jahren gab ihr eine Freundin einen Zeitschriftenartikel und sie fand heraus wieso: Sie ist eine Super-Recognizerin und gehört zu einem Bruchteil der Menschheit, der diese Fähigkeit besitzt. Sie speichert in ihrem Gehirn Gesichter ab, selbst wenn sie sie nur kurz gesehen hat und erkennt sie auch Jahre später wieder. Egal ob die Person gealtert ist, eine neue Frisur oder Brille trägt. Eine Erklärung, die Mary Blumer das Leben einfacher macht. 

Ähnliches hat auch Patrizia Trento (34) erlebt. Vor über einem Jahr hat sie sich bei der Partnervermittlungsapp Tinder angemeldet und sich Bilder von Dutzenden jungen Männern in Zürich angeschaut – und diese plötzlich im Einkaufszentrum, im Tram und am See wiedererkannt. «Das war ein komisches Gefühl, weil ich die ja noch nie in Echt gesehen hatte», sagt Patrizia Trento.

Ihre Fähigkeit, Menschen wiederzuerkennen, hat sie bereits als Kind bemerkt. Dafür konnte sie sich Zahlen nie gut merken. «Ich dachte, dann bin ich eben besser mit Gesichtern als mit Zahlen», sagt Trento. Vor drei Jahren sah sie dann per Zufall einen Fernsehbeitrag über Super-Recognizer und fing an im Internet zu recherchieren. Da stiess sie auf die Webseite der Forscherin Dr. Meike Ramon und nahm mit ihr Kontakt auf. «Es war für mich eine Erleichterung, einen Namen für meine Fähigkeit zu finden.»

Mary Blumer (46) grüsste oft Menschen und wurde nicht zurückgegrüsst. Anfangs dachte sie, diese Personen wollen sie nicht wiedererkennen. Dann las sie einen Zeitungsartikel und erkannte sich wieder.

Mary Blumer (46) grüsste oft Menschen und wurde nicht zurückgegrüsst. Anfangs dachte sie, diese Personen wollen sie nicht wiedererkennen. Dann las sie einen Zeitungsartikel und erkannte sich wieder. 

Wie viele Super-Recognizer es weltweit gibt, kann die kognitive Neurowissenschaftlerin Meike Ramon nicht sagen. «Viele Menschen wissen nicht, dass sie dieses Talent haben oder können es nicht benennen.» Ramon ist  Assistenz-Professorin an der Universität Fribourg, wo sie mit Ihrem Team Super-Recognizer und deren Fähigkeiten erforscht. Zu ihren Probandinnen und Probanden gehören zurzeit rund 80 Frauen und Männer aus der ganzen Welt. Darunter auch Mary Blumer und Patrizia Trento.

Mit ihnen führt Ramon verschiedene Experimente durch. In einigen sollen sich die Super-Recognizer Gesichter einprägen und später wiedererkennen. In anderen betrachten Sie Gesichter und andere Objekte während Ihre Augenbewegungen oder Hirnströme aufgezeichnet werden. So kann sie weiter Erkenntnisse über die speziellen Fähigkeiten der Super-Recognizer gewinnen. Was sie bereits herausgefunden hat: Die Super-Recognizer verwenden nicht etwa andere Merkmale oder Informationen, um Menschen wieder zu erkennen, vielmehr verarbeiten die dieselben Informationen viel zuverlässiger und effektiver.

Für die Polizei interessant

Woher Super-Recognizer ihr Talent haben, weiss man bis heute nicht genau. «Die Ergebnisse einer Zwillingstudie deuten darauf hin, dass die Gesichtserkennungsfähigkeit  zu einem grossen Teil genetisch bedingt ist», sagt Ramon. Das bestätigt Mary Blumer. «Mein Vater hat durch seine Arbeit als Anästheist oft Jahre später auf der Strasse die Patienten wiedererkannt.» Auch bei Patrizia Trento liegt dieses Talent in der Familie. Ihre Mutter konnte sich Gesichter immer gut merken.

Patrizia Trento (34) erkannte schon als Kind viele Menschen wieder. Zuerst dachte sie, sie habe ein fotografisches Gedächtnis. Bis sie einen Fernsehbeitrag über Super-Recognizer sah.

Patrizia Trento (34) erkannte schon als Kind viele Menschen wieder. Zuerst dachte sie, sie habe ein fotografisches Gedächtnis. Bis sie einen Fernsehbeitrag über Super-Recognizer sah.

Vieles über dieses Phänomen ist aber noch unbekannt. Bisherige Ergebnisse deuten nicht darauf hin, dass Super-Recognizer etwa ein besseres Gedächtnis haben oder intelligenter sind als alle anderen Menschen. «Aber sie lassen sich beim Wiedererkennen von Menschen weniger von altersbedingten Veränderungen oder neuen Frisuren irritieren», sagt Meike Ramon.

Aus diesem Grund sind die Super-Recognizer auch für die Polizei interessant. Ramon testet zurzeit in einem einzigartigen Projekt mit der Berliner Polizei deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. «Die Polizei hat immer mehr Bild- und Videomaterial zu bearbeiten. Da sich die Gesichtserkennung, wenn überhaupt, nur bedingt trainieren lässt, sollte man vorhandene Talente in diesem Bereich idealerweise nutzen.»

Sie erkennen auch maskierte Gesichter

Patrizia Trento setzt ihr Talent nicht bei der Polizei ein, aber es hat ihr bei der Arbeit auch schon mehrmals geholfen. Zum Beispiel als sie für eine Eventfirma am roten Teppich Stars betreute. «Der damalige Projektleiter hat mir eine Liste mit Fotos und Namen kurz vor Türöffnung in die Hand gedrückt und ich musste die Personen schnellstmöglich erkennen und an den richtigen Ort zum Interview weiterschicken», erinnert sie sich. Eine Herausforderung, aber ihr sei nie ein Fehler passiert.

Mary Blumer arbeitete früher in der Werbebranche und ist heute viel auf internationalen Messen unterwegs. Da hat sie zwar viele Gesichter wiedererkannt, aber das machte ihre Arbeit nicht immer leichter. «Ich weiss nicht immer sofort, ob ich diese Person auch wirklich kenne oder nur das Gesicht abgespeichert habe.»Seit Blumer von ihrem Talent weiss, setzt sie sich bewusster damit auseinander. «Ich habe gemerkt, dass ich Merkmale automatisch klassifiziere. Ich erkenne Muster in Formen wieder, etwa in Nasen, Ohren, Augen oder Kinn und speichere den Gesamteindruck des Gesichtes oder der Augen ab. Zum Beispiel ob sie traurig, freundlich oder lustig sind», sagt Blumer.

Patrizia Trento analysiert diese Merkmale normalerweise nicht so bewusst. «Aber seit Corona und den Gesichtsmasken kann ich ja nur noch die Augen sehen und schaue deswegen genauer hin als früher», sagt sie. Trotz Masken kann sie sich die Gesichter merken. «Ich brauche einfach ein bisschen länger, bis ich mir die Augenpartie eingeprägt habe.»

Schon gelesen?