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Papierfabriken geht das Papier aus

Altpapier gefragt wie noch nie

Der Altpapierkorb zu Hause scheint oft überfüllt, in den Papierfabriken ist das Material jedoch Mangelware. Wie die Pandemie zu Rohstoff- und Papierknappheit führt.

Text Benita Vogel
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Hier war die Papier-Welt noch in Ordnung: volles Altpapierlager in der Luzerner ­Papierfabrik Perlenim Juli 2020. 

Alte Zeitungen, Prospekte und Couverts zu bündeln und vors Haus zu stellen ist eher lästig. Dabei ist die Aufgabe in diesen Tagen wichtiger denn je. Das Papier von gestern ist heute so rar wie selten zuvor. ­Papierfabriken in ganz Europa benötigen dringend alte Ware, um neue herzustellen. Von einer Altpapierlücke ist die Rede. Die Coronapandemie und ihre ­Folgen schütteln den Markt ­heftig durch.

Die Situation überrascht, denn die Branche war in den vergan­genen Jahren eher mit Ab­bauen beschäftigt. Etliche Papierproduzenten machten sogar ganz dicht. Smartphones und Tablets liefen ihrem handfesten Produkt den Rang ab. Am stärksten leiden Hersteller von Zeitungs-, Werbe- sowie teils Kopier- und Fein­papier. Der Markt für diese gra­fischen Papiere hat sich in der EU seit 2008 von 40 auf 21 Millionen Tonnen produ­zierte Ware halbiert.

Rohstoff für die Produktion war bisher dennoch genug ­vorhanden. Etwa, weil China den Import von Altpapier stark limitiert und teils sogar verboten hat.

Die Pandemie hat den vollen Rohstofflagern vorerst ein Ende gesetzt. Während des Lock-downs konnte teilweise gar nicht oder weniger Altpapier gesammelt werden. Zudem wurde noch ­weniger Werbematerial ­gedruckt, und der Umfang der Zeitungen nahm ab. Gleichzeitig stieg jedoch die Nachfrage nach­­ ­Ver­packungspapieren. Denn mit dem Lockdown-Onlineboom kam auch eine Verpackungshausse. Die Schachtel, in der neue Outdoorschuhe, Gartenschere, Wein und Brotmaschine angeliefert werden, besteht ebenfalls aus Recyclingpapier (siehe Box). Auch als Ersatz von Plastik wird Papier bei Verpackungen immer gefragter.

Konkurrenz aus eigener Reihe

Der Kampf der verschiedenen Papierhersteller um den Rohstoff treibt die Preise in ganz ­Europa in die Höhe. Eine Tonne Altpapier kostet heute je nach Sorte um 130 bis 140 Franken, teilweise sogar mehr, wie ein Blick auf die Preislisten von Abfallbörsen zeigt. Das ist zwei- bis dreimal mehr als Anfang Jahr. Europaweit ist die Entwicklung ähnlich. Derartige Preise hat die Branche in den letzten zehn Jahren nicht gesehen.

Was die Altpapierhändler freut, ist für diejenigen Papierhersteller bitter, die nicht an die boomende Verpackungsindustrie liefern. Die Produzenten von grafischem Papier verzeichnen nach dem Auftragsrückgang im vergangenen Jahr nun wegen der hohen Altpapier­preise explodierende Produk­tionskosten. Ihre Rechnung geht nicht mehr auf, zumal die Preise für ihr ­eigenes Produkt tief ­liegen.

Verbrauch, Produktion und Sammlung

Schweizer Papiermakrt in Zahlen

1 173 823
Tonnen gesammeltes ­Altpapier war 2020 in der Schweiz im Umlauf (inklu­sive Importe und ­Exporte) – fast drei Prozent weniger als im Vorjahr.

283 534
Tonnen Papier und Karton wurden 2020 nicht gesammelt, weil etwa Hygiene- und Haushaltspapier oder bestimmte Lebensmittelverpackungen und Kartonreste nicht verwertbar sind. Auch Briefe landen im Abfall.

80,54
Prozent beträgt die ­Sammelrate von Altpapier in der Schweiz.

940 622
Tonnen Papier und Karton wurden 2020 in der Schweiz insgesamt verbraucht.

109
Kilo Papier und Karton ­wurden 2020 in der Schweiz pro Kopf verbraucht. 2016 waren es noch 153 Kilo. Der ­Rückgang zeigte sich vor allem bei Zeitungs- und anderen grafischen ­Papieren. Zugenommen ­haben hingegen Hygiene- und Haushaltspapiere.

966 785
Tonnen Papier wurden 2020 von Schweizer ­Papierfabriken jährlich ­ausgeliefert – gut 1,5 Mal ­weniger als vor 12 Jahren.

Quelle: rpk, Aarau

Und als ob das nicht genug wäre, ist nach der Preisexplo­sion beim Papier mit der «alten Faser» auch der Rohstoff für «neues» Papier oder Frisch­faserpapier teurer geworden.

Der Markt steht Kopf

Die Nachfrage nach Zellstoff, zum Beispiel aus Holz und Baumwolle, steigt ebenfalls. Etwa, weil China kaum oder kein Altpapier mehr importiert und in Schwellenländern die Nachfrage steigt. Preistreibend wirken zudem ­höhere Transport- und Energiekosten. Und nicht zuletzt nutzen Zellstoff-hersteller die Hausse beim ­Altpapier auch, um die Preise der Frischfasern und damit ihre Margen zu erhöhen.

Als Folge davon haben einige Produzenten in Europa ihre gigan­tischen Papiermaschinen (zwischen­zeitlich) abgeschaltet. Oder sie rüsten sie um, um für die boomende Verpackungs­industrie zu produzieren.

Papier wird je nach Sorte knapp – sogar Druckpapier für Zeitungen, von dem es wegen der sinkenden Zeitungsauflagen in den vergangenen Jahren ­immer genug gab. Das führt zu Preis­erhöhungen in einem ­eigentlich rückläufigen Markt. Neben Zeitungspapierherstellern haben auch Anbieter von Papier- und Kopierdienst­leistungen, die Liefer- und Unterhalts­­verträge mit Grosskunden führen, teilweise bereits Tarif­er­höhungen vollzogen oder ­zumindest angekündigt.

Alt versus neu

Frische Faser – alter Faser

Es existieren Tausende von Papiersorten: zum Schreiben und Bedrucken für ­Zeitungen (grafische Papiere), um Ver­packungen herzustellen oder Hygiene­papiere wie Klopapier (Tissuepapier). Es gibt technische Papiere, etwa für die Industrie, und Spezialpapier, beispielsweise für Zigaretten und Banknoten. ­Diese hochwertigen Papiere werden meist aus Frischfasern beziehungsweise  aus Zellstoff hergestellt, die Holz oder Baumwolle entnommen werden. Papiere für Zeitungen, Verpackungen oder den Hygienebereich werden in der Regel aus ­alten Fasern produziert – also aus Alt­papier. Papier kann fünf- bis siebenmal recycelt werden. Bei jeder Verarbeitung werden die Fasern kürzer und die Qualität des daraus hergestellten Papiers schlechter. Entsprechend gibt es unzählige Qualitäten von Altpapier. Papier recyceln gilt als die nachhaltigere Variante der Produktion – auch wenn Papierherstellung an sich wasser- und energieintensiv ist.

Mit der Lockerung der Corona-Massnahmen hofft man in der Branche auf Normali­sierung. Immerhin: Gemäss diverser Marktberichte sind die Preise für Altpapier im laufenden Juni leicht ­sinkend.

Die Pandemie zeigt: Papier wird wohl nicht so schnell verschwinden, wie das immer wieder prophezeit wurde. Jeden-falls steigt gemäss Herstellern der Papierverbrauch im Home­office leicht, und auch Haushalts- und Hygienepapier erfreut sich grosser Beliebtheit. 

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