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Insektenfreundlicher Balkon 

Grüne Oase auf acht Quadratmetern

Auf ihrem kleinen Balkon mitten im Wohngebiet summts und brummts. Sabina Hofer und Stefan Schubiger setzen auf Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren – und betreiben ein Insektenhotel.

Text Christine Zwygart
Fotos Roger Hostetter
Sabina Hofer und Stefan Schubiger ist Biodiversität auf dem Balkon wichtig.

Sabina Hofer und Stefan Schubiger ist Biodiversität auf dem Balkon wichtig.

Wohnen ohne «Zimmer unter freiem Himmel»? Das können sich Sabina Hofer (48) und Stefan Schubiger (49) nicht vorstellen. In Meggen LU, mit Blick auf Stanserhorn und Vierwaldstättersee, haben sich die beiden auf ihrem Balkon eine gemütliche Ecke zum Verweilen eingerichtet – für sich, aber auch für Insekten und andere Tiere. «Es soll ein Lebensraum für alle sein», erklärt sie. Und er kommt ins Schwärmen, wenn er vom Morgenkaffee erzählt, «den wir vom ersten schönen Frühlingstag an hier draussen trinken».

Die kleine Oase misst nur zwei auf vier Meter, ist gegen Süden ausgerichtet und ein Bijou aus Holz. Beim Gestalten achtet das Paar auf einheimische Pflanzen, auf verschiedene Blühzeiten, auf Immergrünes und Holziges sowie Insektenfreundliches: fein duftende Blumen und grossen Blüten, eine Wasserstelle und ein Wildbienenhotel.

Als Berufsfischerin ist Sabina Hofer auf eine intakte Umwelt angewiesen: «Auf meinem Balkon möchte ich im Kleinen meinen Beitrag zur Biodiversität leisten.». In den Ecken wachsen in grossen Töpfen zwei Weiden, es gibt viele Kräuter mit hübschen Namenschildchen aus Metall, selber gezogene Tomatensetzlinge, Sauerampfer, Pfefferminze, Vanilleblumen und Vergissmeinnicht.

Ein Balkon muss nicht riesig sein, um Insekten Unterschlupf und Nahrung zu bieten: Die Oase von Stefan Schubiger und Sabina Hofer misst gerade mal acht Quadratmeter.

Ein Balkon muss nicht riesig sein, um Insekten Unterschlupf und Nahrung zu bieten: Die Oase von Stefan Schubiger und Sabina Hofer misst gerade mal acht Quadratmeter.

An der Hauswand rankt sich aus einer Rabatte ein stattlicher Birnbaum empor. «Wir sind zwar nicht die super versiertesten Balkongärtner, lernen aber von Jahr zu Jahr dazu», sagt Stefan Schubiger, der gelernter Maurer ist und heute für ein Bauunternehmen Kalkulationen macht.

Ein paar Tricks halfen vor allem zu Beginn, die geeigneten Pflanzen für den Standort zu finden. So haben die beiden in einem Topf einfach mal eine Saatmischung extra für Bienen verwendet und geschaut, was am besten wächst. In diesen Spezialmischungen enthalten sind Sorten wie Spitzwegerich, Witwenblume, Feldrittersporn, Rotklee, Kornblume und Margeriten.  

 

Wildbienen lieben Wärme

Früh morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf den Balkon scheinen, wärmt sich hier gerne eine Eidechse auf. Wespen naschen vom Geländer Holzstückchen und Meisen, Spatzen oder Hausrotschwänze baden in der bereit gestellten Sandsteinschale. «Es ist faszinierend, all diesen Geräuschen zu lauschen und dem Treiben zuzusehen», sagt Sabina Hofer. Sie pflegt die Pflanzen, aber bringt nicht immer alles in Form, sondern lässt auch gerne mal etwas wuchern. Das wiederum zieht Vögel an, die hier Material für ihre Nistplätze finden. Gedüngt wird nur sehr zurückhaltend und wenn, dann biologisch: «Wir wollen hier gar keine Explosion von Pflanzen.»

Gleich neben der Balkontüre, auf einem alten Nachttisch mit Marmorplatte, steht in einer Nische ihr Wildbienen-Häuschen. Sobald die Sonne scheint, summts und brummts, die Insekten fliegen aus. «Sie gehen wirklich nur auf Blumen los und lassen uns Menschen oder auch unser Essen in Ruhe – dieses Vertrauen habe ich mittlerweile», erzählt Stefan Schubiger und lacht. Bei ihm war es vor allem der Dokumentarfilm «More than honey» des Schweizer Regisseurs Markus Imhof, der einen Denkprozess im Gang brachte. Hofer begriff da, dass wir Menschen mit dem Anbau und der Pflege bestimmter Pflanzen etwas gegen Sterben von Bienen und anderen Insekten tun können.

Luxusunterkunft für Insekten: Das Insektenhotel Windhager 5 Star bietet Wohnraum für Wildbienen, aber auch für Ohrwürmer, Florfliegen, Hummeln, Marienkäfer und Schlupfwespen. 

Luxusunterkunft für Insekten: Das Insektenhotel Windhager 5 Star bietet Wohnraum für Wildbienen, aber auch für Ohrwürmer, Florfliegen, Hummeln, Marienkäfer und Schlupfwespen. 

Wer genau in ihrem Insektenhotel wohnt, können die beiden nicht sagen. Experte Yannick Schauwecker von der Firma «Wildbiene + Partner» hingegen weiss, welche Arten in der Schweiz am häufigsten vorkommen: Gehörnte und Rostrote Mauerbienen, Pelzbienen und Wollbienen – und im Garten auch Blattschneiderbienen. «Sie alle lieben in erster Linie Wärme und Trockenheit», erklärt er. Ist der Balkon eher schattig, kann man Wildbienen dennoch mit geeigneten Nahrungspflanzen fördern. «Dazu gehören zum Beispiel Gefleckte Taubnesseln, Lungenkraut oder auch Nesselblättrige Glockenblumen.»

Der Experte rät davon ab, selber Nistkästen zu bauen. Denn man kann bei der Marterialwahl und den Bohrungen viel falsch machen. Beim Bohren der Löchern sollten beispielsweise keine Splitter entstehen, weil sich die Bienen daran verletzen können. «Wildbiene + Partner» hilft mit einer freiwilligen Wildbienen-Pflege auch beim Überwintern.

So nisten Wildbienen gern

  • Eignen sich auch kleine Balkone?
    Um die Artenvielfalt zu fördern, zählt jeder grüne Quadratmeter. Wichtig ist, auf einheimische Pflanzen zu setzen und nachhaltige Produkte beim Düngen zu verwenden.
     
  • Wo ist der ideale Platz für ein Insektenhotel
    Damit sich Wildbienen wohl fühlen, muss ihre Unterkunft wettergeschützt sein. Am besten steht sie an einer Wand, auf einem Fenstersims oder Tisch – und mindestens 50 Zentimeter über dem Boden. Tipp: Die Insekten mögen Morgensonne und meiden das Feuchte.
     
  • Welche bienenfreundlichen Pflanzen sind pflegeleicht?
    Für einen sonnigen Balkon eignen sich zum Beispiel rundblättrige Glockenblumen, Ochsenaugen und Resede. Und bei einem halbschattigen bis schattigen Standort sind Taubnesseln, Lungenkraut und Acker-Glockenblumen empfehlenswert. Sie alle wachsen zuverlässig und brauchen nicht viel Pflege. Tipp: Wenn man sie nach der Blüte zurückschneidet, können sie ein zweites Mal blühen.
     
  • Worauf muss ich bei den Gefässen achten
    Die Szenerie wird interessanter, wenn die Pflanzen nicht alle auf gleicher Höhe sind. Also hohe und niedrige Töpfe oder Körbe nehmen, zum Stellen und zum Hängen. Tipp: Bei einem windigen Balkon darauf achten, dass die Gefässe ein gewisses Gewicht haben oder sie mit Steinen beschweren.
     
  • Braucht es einen Sonnenschutz?
    Zu viel Hitze kann die Pflanzen in den Töpfen austrocknen oder gar verbrennen. Dagegen hilft Schatten, zum Beispiel mit einer Sonnenstore.

Seit sie das Insektenhäuschen auf dem Balkon haben, würden die Blumen viel schöner blühen, sind Sabina Hofer und Stefan Schubiger überzeugt. Kein Wunder, fliegt eine Wildbiene pro Tag doch etwa 5000 Blüten an und ist somit eine fleissige Bestäuberin. Auch die Gespräche mit Freunden hätten sich verändert, so das Paar. «Wir tauschen uns aus über Pflanzen, Erfolge und Misserfolge – und schenken einander auch mal überzählige Setzlinge», erzählt sie.

Und er ergänzt: «Es ist wirklich eine Freude zuzuschauen, wie aus einem grünen Blättchen eine stattliche Pflanze heranwächst.» Mit Wildbienen, die drum herum summen, der kleinen, sonnenhungrigen Eidechse und den badenden Vögeln. Eine kleine, grüne Oase auf dem Balkon, mitten im Wohngebiet.

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